Die Fälle und Brücke von Norwich

DCCXXXXIV. Brussa in Natolien Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXXXXV. Die Fälle und Brücke von Norwich
DCCXXXXVI. Die Mammuth-Höhle
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NORWICH BRIDGE
(CONNECTICUT)

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DCCXXXXV. Die Fälle und Brücke von Norwich.




Die Wasser des Yantic und Norwich stürzen sich vor ihrer Vereinigung mit dem Shetucket durch eine enge tiefe Kluft. Die dunklen, oft überhängenden Granit-Mauern, der in allen Regenbogenfarben schillernde Wasserdunst, die schäumende Masse unten, das tiefe Grün oder, noch schöner, die bunte herbstliche Färbung der Wälder machen reizende Kontraste, und ihr Ensemble bildet eine der frappantesten Scenerien Neu-Englands. Folgt das Auge dem Strome ein kleines Stück weiter, so öffnet sich eine der lieblichsten Landschaften. Nachdem sich die Gewässer aus der Umarmung der Felsen befreit, läßt ihr wilder Uebermuth nach; sie pflegen der Ruhe in einem mit immergrünen Inseln bestreuten See, der, zwischen aufsteigenden Hügeln eingeschlossen, seine Schönheit selbst im klaren Wasserspiegel bewundert und werth wäre, die Phantasie eines griechischen Dichters zu begeistern, der in den an das Ufer plätschernden Wellen den Gesang der Driaden und Nymphen, und im Donner des Katarakts die rauhe Stimme des Flußgottes vernehmen würde. Der arme Flußgott Yantic! Er hätte sich einen undankbarerern Wohnort, leerer und verlorener für alle dichterischen Huldigungen, nicht wählen können. Die weißen Ansiedler, welche in das Thal kamen, hatten weder Zeit noch Geschmack, sich in poetischen Schwärmereien zu ergehen. Ihre Aufgabe war eine andere. Sie waren die Mitbegründer einer großen Nation, sie hatten am stolzen Bau des Menschenrechts zu zimmern und bessere, nützlichere Thaten zu verrichten, als die Halbgötter der griechischen Vorzeit. Und ihre Nachkommen, die Erben ihrer Errungenschaften im großen Bürgerstaate, deren praktischer Sinn [134] Alles zur eigenen Wohlfahrt ausbeutete, sahen in dem Strome zwar eine Kraft, aber eine freundliche, keine dämonische; sie zäumten diese Macht an taufende von Rädern und nun arbeitet sie, sie spinnt und webt, eine heimisch gewordene, wohlthätige, praktische Gottheit. Geschäftig und rührig vom Montag Morgen bis Sonnabend Nacht ruht sie an den Sonntagen nur aus, um ihre Kräfte in großen Reservoirs zu sammeln zur Arbeit der neuen Woche.

Zwei Jahrhunderte haben sonderbare Wechsel an den Ufern des Zantic hervorgebracht. Damals waren sie nur noch von den Kindern des Waldes betreten. Die stolzen Krieger und schmucken Indianer-Dirnen badeten in dem krystallklaren Wasser ihre braunen Glieder. Ihre leichten Canoes glitten über die helle Oberfläche mit der Eile des Pfeiles, oder bewegten sich in langsam feierlichem Leichenzug, wenn es galt, ihre Todten nach der Grabesstätte zu führen. Dieses berühmte Todtenfeld, das St. Denis des königlichen Hauses von Mohegan, liegt nahe bei den Fällen, auf einem Tafelland, welches das Flußbett hoch überragt. Das Gebiet von Norwich und mehrere umliegende Ortschaften waren von einem Stamme der Mohegans oder Mohikaner bewohnt, einem Sprossen der großen Delaware-Nation, deren letzter Häuptling seine Unsterblichkeit dem Genius Coopers verdankt. Ein Uncas hatte das Land an die Weißen gegeben, zum Lohne für geleisteten Beistand in seinem Kriege gegen einen feindlichen Stamm, die Narragansetts. Noch ist die Schenkungs-Urkunde vorhanden, unterzeichnet in den Hieroglyphen von Uncas, Owaneco und Attawanhood. Ja, noch heute lebt ein Ueberbleibsel des Stammes auf einem kleinen Stücke Land, welches ihm die Weißen gelassen haben, in der Umgebung der Stadt. Diese letzte Trümmer einer Nation besteht aus kaum sechzig Personen, und nur zehn sind von ungemischtem indianischen Geblüt. Das Königthum und der Souveränitätstitel „Sachem“ sind längst vom Hause der Uncas gewichen, obgleich die Person, in welcher beide zuletzt vereinigt waren, später starb, als Cooper seinen „letzten Mohikaner“ untergehen läßt. Der einzige gegenwärtig lebende Abkömmling aus dem Geschlecht der Uncas heißt Tautaquigeon. Er ist ein Enkel des Sagamore, jenes durch mündliche Ueberlieferung gefeierten Häuptlings:

„Im Krieg der beste Kämpe,
Des Lagers klügster Rath.“

Die Nekropolis der Mohikaner ist jetzt durch ein geschmackvolles Monument bezeichnet, welches die Damen von Norwich dem Andenken des großen Unca gesetzt haben. Im vergangenen Jahre starb Esther Tautaquigeon, oder Königin Esther, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, und sie hatte bestimmt, unter den Ihrigen begraben zu werden. Aber der Eigenthümer des Todtenfeldes, ein herzloser Yankee, verweigerte ihr die sechs Fuß Erde in dem Reiche ihrer Vorfahren. So tief waren die Kinder der Uncas erniedrigt worden, daß selbst ihr Anspruch auf ein Grab in dem Heiligthum ihres Stammes versagt werden konnte. Während der weiße Besitzer mit seinen Gehülfen den Erdhügel wieder ebnete, welchen die Freunde der Verstorbenen aufgeworfen hatten, stürzte [135] ihr Sohn, der junge Häuptling, herbei. Beim Anblick solcher Schändung entbrannte hoch der Zorn des Indianers; seine Faust riß die Einfriedigung nieder, welche ihn von der Todtenstätte trennte und er stand am entweiheten Grab. Auf das Denkmal zeigend, den sichtbaren Beweis des Rechtes seiner Mutter auf ein Grab an der Seite ihrer Vorfahren, brach er, drohend die Keule schwingend, in Worte aus, so glühender Leidenschaft und so sprühenden Zorns, daß die weißen Männer erschreckt davon liefen und dem Indianer die Vollendung seines frommen Werkes überließen.

Die ersten Ansiedler von Norwich waren ehrliche und gottesfürchtige Leute und, nach den allgemeinen Zeichen des Wohlstandes und der Zahl ihrer Kirchen zu urtheilen, welche die Stadt jetzt zieren, haben ihre Nachkommen den Pfad ihrer Ahnen nicht allzuweit verlassen, wenn auch in unsern Tagen ein wenig Ausweichen nach rechts oder links weder vor der öffentlichen Moral noch vor dem eigenen Gewissen so scharf angesehen wird, als damals. Laßt einen Sünder von heute folgenden Auszug aus dem alten Tagebuche eines Norwicher Friedensrichters lesen, und Gott danken, daß er kein Sünder voll damals ist. „Ein Mann, welcher wegen lästerlichen Schwörens vorgebracht worden, weil er öffentlich ausgesprochen hat: „„Gott verdamm’ mich““, wurde Anno 1720 verurtheilt zu einer Strafe von 6 Schill. und zur Hälfte der Kosten; ein Anderer, weil er gesagt hat „„geh’ zum Teufel““, zu 6 Schill. Strafe“.–

Als auch für die wackern Norwicher die Tage der Prüfung kamen, da weigerten sie sich, auf Stempelpapier zu schreiben und Thee zu trinken, und als das landesväterliche Königthum ihnen blaue Bohnen servirte, so nahmen sie ihre Muskete auf die Schulter und marschirten nach Bunkerhill. Einer von ihnen setzte später seinen Namen mit unter die Akte der Unabhängigkeits-Erklärung und präsidirte beim Kontinental-Kongreß. Ein Anderer – traurige Ausnahme – verkaufte sich und suchte auch sein Vaterland zu verkaufen. Das Haus, in dem der Verräther Arnold geboren wurde, steht noch heute und ist eine der fünf Sehenswürdigkeiten in Norwich. Nicht weit davon entfernt ist das Geburtshaus der Lydia Huntly, den zahlreichen Verehrern ihrer Poesie besser unter dem Namen Mrs. Sigourney bekannt. Eine halbe Meile weiter liegt das freundliche Gehöfte, wo ein anderer und weithin bekannter Schriftsteller das Licht der Welt erblickte und lebte: Ik. Marvel. Man zeigt noch das Zimmer, in welchem er seine köstlichen „Träume eines Junggesellen“ geträumt und gedichtet hat. Von da nach den Fällen ist’s nur ein Weg von 5 Minuten. Wir schlagen ihn ein; sogleich tritt uns die indianische Sage entgegen. Es war im Jahre 1651, als Narragansett-Indianer von Rhode-Island herauf kamen, um den König Uncas in seinem Fort Mohegan zu belagern. Die Noth der Belagerten stieg auf’s Höchste, doch da sie am größten war, war die Hülfe nahe. Es kam Zuzug von weißen Männern. Durch diese Unterstützung ermuthigt, brach Uncas aus seiner Verschanzung hervor und griff die Feinde mit solcher Heftigkeit an, daß die Schlacht sich bald in allgemeine Flucht und hitzige Verfolgung verwandelte. Die Narragansetts, die auf eine kleine Schaar zusammen geschmolzen waren, [136] nahmen ihre Richtung oberhalb der Fälle nach der Furth, welche nach ihren Wohnsitzen leitete. Sie verfehlten aber in der Dunkelheit der Nacht den Weg und gelangten auf die senkrechte hohe Felswand, durch die sich der tiefe Strom brausend hinabdrängt. Einen Augenblick standen sie von den schwarzen Felsen niedersehend auf die weißschäumenden Gewässer in der Tiefe; das erschreckende Geschrei ihrer wüthenden Verfolger, wiederhallend in tausendfachem Echo, dröhnte immer lauter und näher in ihre Ohren. Ein Versuch, die Schaar ihrer Feinde zu durchbrechen, wäre sicherer Tod gewesen; eine Vertheidigung auf dieser Felsenspitze eine Unmöglichkeit. Sie warfen noch einen Blick der Sehnsucht hinüber nach den fernen grünen Hügeln in der Richtung, die zu ihrer Zeltstadt führte, wo die Frauen und Kinder ihrer harrten – und nach einem letzten Scheidegruß stürzten sich Alle jählings in den Abgrund. Nicht ein Einziger sah die Heimath wieder.