Fairmount bei Philadelphia
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FAIRMOUNT GARDENS
BEY PHILADELPHIA
Der Leser wird sich mit mir aus der Schulzeit noch erinnern, daß die Wasserwerke von Fairmount den Wunderwerken der Welt beigezählt wurden. Heutzutage sind solche Wunderwerke aller Orten zu finden, wo in dichtem Zusammenleben großer Bevölkerungen das Bedürfniß nach gutem Wasser als das erste und unentbehrlichste Lebenselement erkannt worden, wo Reinlichkeits- und Gesundheitspflege, auf der Straße wie im Haus, als wichtige Pflichten der Nationalökonomie gelten und wo Sicherung vor Feuersgefahr, die Dampfkraft und Gewerbthätigkeit, so hervorragende Bedingungen bürgerlicher Wohlfahrt, vom Wasser ihre Erhaltung begehren. Hat doch das Verlangen nach Wasser schon die wichtigsten Bauwerke der alten Welt geschaffen, wie viel mehr unserer Zeit, die an eine viel ausgedehntere, ja luxuriöse Verwendung dieses Elements gewöhnt ist; daher übertreffen auch die Wasserwerke unserer großen Städte an Großartigkeit und kunstvoller Anlage die in ihren Ruinen noch Erstaunen erweckenden Aquädukte der Assyrer, Aegypter, Römer und Mauren.
Lange galten Philadelphia’s gewaltige Wasserwerke als die vollkommensten Konstruktionen der Neuzeit, und allerdings gebührt der überaus reinlichen Quäkerstadt das Verdienst, daß sie zuerst, und zwar mit ungeheuren Kosten, das System zur Anwendung brachte, das Wasser nicht nur aus der Ferne herbei zu leiten, sondern [59] vermittelst seiner eigenen Kraft durch Turbinen und Druckwerke, hierher in ein hoch über dem Niveau der Stadt errichtetes Reservoir oder vielmehr eine Anzahl von mit einander verbundenen Reservoirs zu leiten, von denen aus es geläutert sich in geschlossenen Röhrenleitungen nach den Hauptarterien der Stadt ergießt und weiter durch tausende von Zweigkanälen seinen eigentlichen Bestimmungsort, die Küche, den Brunnen, den Dampfkessel, die Werkstätte, erreicht. Dadurch ward es möglich, daß selbst die höchsten Quartiere der Stadt, die obersten Stockwerke der Häuser, die entlegensten Wohnungen und Stätten menschlicher Thätigkeit fortwährend mit einem Ueberfluß frischen springenden Wassers versorgt werden konnten und zwar am Platz seiner Verwendung. Nicht weniger dem unvergleichlichen Reinlichkeitssinn der Pennsylvanier als dem scharf rechnenden Verstand der Amerikaner überhaupt, der den Werth eines so allgemeinen und allezeit nothwendigen Bedürfnisses wohl zu würdigen und den Gewinn an Zeit, den ihm die erleichterte Beschaffung desselben abwirft, zu schätzen weiß, ist’s zu verdanken, daß Philadelphia allen großen Städten mit dem Beispiel einer rationellen großartigen Wasserzuführung vorangegangen ist, ohne welches wir uns noch so mühselig und ärmlich behelfen müßten, wie der Bauer mit dem Ziehbrunnen seines Dorfes oder das Volk der Bibel mit der Cisterne.
Der Besucher von Fairmount wird sich indeß vergeblich nach den imposanten Bauwerken umsehen, auf welche eine so großartige Anstalt, wie die Versorgung einer Million Menschen mit Wasser, schließen lassen sollte. Keine hohen Bogenreihen eines langen, über Berg und Thal getragenen Aquädukts, keine rasselnden Maschinen und Räder, keine festungsartig düstern Reservoirmauern – ein lieblicher, sorgfältig gepflegter Park vielmehr, in der anmuthigsten Gegend, mit freundlichen Kiosks, entzückender Aussicht auf den waldumarmten Schuylkill, schattigen Laubgängen, von spielenden Kindern und eisessenden Damen belebt, – eine breite, steingeplattete und mit exotischen Pflanzen garnirte Terrasse, die über den Fluß führt, birgt die kaum hörbar arbeitenden großen hydraulischen Maschinen und in einem üppig bewachsenen und mit Pfaden und Treppen bekleideten Hügel sind die Reservoirs versteckt, die der Unkundige, wenn er auf die Höhe gelangt, für kunstvoll angelegte, mit elegantem Eisengitter umfaßte Weiher halten würde.
Es ist ein wahrhaft kindlicher, dem vielfach geschmähten Sinn des Amerikaners gewiß zur Ehrenrettung gereichender Kultus, den dieses Volk mit seinen Werken des öffentlichen Nutzens überhaupt, ganz besonders aber mit denjenigen treibt, die es mit den begehrtesten, erquickendsten, kostbarsten seiner Bedürfnisse, mit dem Wasser beschenken. Die Hingebung an das Nützliche beherrscht den Amerikaner wie eine Religion, und er schmückt dessen Symbol mit gleicher Liebe und Verschwendung, wie der Gläubige das Muttergottesbild. So hat sich der Philadelphier auch sein Fairmount zum Lieblings- und Erholungsplatz erkoren und ausgestattet, wozu freilich die Natur, der schönste Punkt in der Umgebung der großen Stadt, den besten Theil beiträgt. Aber um so lieber [60] führt der Städter seinen Besuch dahin, sucht dort Erholung von der Arbeit und belustigt sich mit seines Gleichen bei einem Pickenick, weil er sich an dieser Stätte eines Werkes zum öffentlichen Nutzen erinnert, auf das er ein Recht hat stolz zu sein.