Dubuque
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

DUBUQUE
Wenn der politische Barometer schlechtes Wetter zeigt und auf Krieg sinkt, steigen Blei und Salpeter im Preis und sind die Nahrungsmittel des Kriegs gesuchtere Artikel auf den großen Produkten-Märkten, als Mehl oder Kaffee, die Nahrungsmittel friedlicher Menschenkinder. Gehören wir auch nicht zu Denen, welche auf die Gefräßigkeit der Kriegsfurien spekuliren, so führt uns doch unfreiwillig unser Bild zur Betrachtung des größten Magazins von Kriegsmaterial in der Welt, den unermeßlichen Bleilagerstätten am oberen Mississippi. Das junge aufblühende Dubuque bildet den Mittelpunkt jener Regionen und verdankt sein Dasein und Wachsthum lediglich den tausenden fleißiger Hände, welche dem dortigen Boden seine bleiernen Schätze zu entreißen suchen. Uebertrifft auch die seit der Mythenzeit datirende Gewinnung jenes Metalls in England diejenige am oberen Mississippi um das Vierfache und die in Spanien um das Doppelte, so steht doch die Ergiebigkeit der Lagerstätten in mehr als umgekehrtem Verhältniß, und fällt nach der zu bemessenden Erschöpfung der englischen und spanischen Minen der gesammte Bleibedarf der Welt voraussichtlich jener Mineralregion Amerika’s zu.
Es umfaßt dieser Blei führende Distrikt einen Flächenraum von 2880 englischen Quadratmeilen, nahezu so groß wie das ganze Königreich Sachsen, und erstreckt sich über die Staaten Wisconsin, Illinois und Iowa, zu beiden Ufern des Mississippi. Aus den Untersuchungen des Staatsgeologen Dr. Owen, der in den Jahren 1839 und 1848 die Ausdehnung und Beschaffenheit dieses wichtigen Gebietes auf das Genaueste erforschte, geht hervor, daß die bisherigen Nachgrabungen, welche meist nur bis 70 Fuß, in keinem Fall aber tiefer als 130 Fuß geschahen, die Hauptlagerstätte des Metalls noch nicht erreicht haben und die eigentliche geregelte Ausbeute erst vermittelst größerer Tiefbauten möglich wird. Noch hat sich die montanistische Wissenschaft dort wenig zu schaffen gemacht. Der Bergbau wird nicht durch Bergleute betrieben, sondern durch eine [61] Klasse von Menschen, die Lust an Abenteuern nach der Mineralregion führt, wo sie auf kurze Zeit, ohne sonstige Anleitung als dem praktischen Nationalinstinkt der Amerikaner, ihr Glück unter der Erde versuchen, das die Oberfläche ihnen versagt. Bis vor wenigen Jahren, als das Gebiet noch Eigenthum des Staates war, durchwanderten diese Gesellen mit Schaufel und Hacke die ganze Mineralregion und wo gewisse Anzeigen eine „gute Aussicht“ versprachen, schlugen sie ein und begannen die Arbeiten auf eigene, oft einzige Faust. Gewöhnlich ließen sich aber solche unerfahrene „Prospectors“ durch falsche Anzeigen täuschen und verließen nach einigen Tagen ihre erfolglose Arbeit, um vielleicht in Entfernung von einigen hundert Schritten ihr Glück neuerdings zu erproben. Aus diesem Jahre langen habgierigen Durchwühlen des Bodens ohne Plan und Verständniß entstanden in der Umgebung von Dubuque und Galena maulwurfsartig aufgeworfene Sandhügel, welche in ihrer Verlassenheit dem Auge wie Gräber getäuschter Hoffnungen erscheinen.
In neuester Zeit, wo die ganze Mineralregion durch Verkauf der Regierung in Privathände übergegangen ist, welche stückweise an die Prospektors verpachten, hat diese Art von Raubbau einige Beschränkung erlitten, immerhin muß es Einen Wunder nehmen, daß auf die primitive Weise, wie jetzt noch der Bergbau dort betrieben wird, so lohnende und großartige Erfolge erzielt werden können. Gewöhnlich pachten 3 bis 4 Individuen zusammen, gegen Abgabe des 4. oder 5. Theils des gewonnenen Metalls, ein Stück Land, und mit keinem andern Kapital, als ihrem Unternehmungsgeist, ihrem Wetteifer und ein paar armseligen Werkzeugen gehen sie an’s Werk. Nach wenigen Tagen schon muß der Ertrag entscheiden, ob die Gewerkschaft ihre Nachgrabungen fortsetzen oder bankerott wird, denn die Meisten sind dermaßen entblößt von allen Mitteln, daß sie mit ihrem Brod auf die tägliche Frucht ihrer Arbeit angewiesen sind. Ein Reisender beschreibt einen ihrer Schachte, den er befahren, als 4–5 Fuß breit und lang und 50 Fuß tief. Er war nur durch ein an einer Winde befestigtes schlechtes Seil zugänglich, in dessen Schlinge der linke Fuß trat, während die Hände es oben umklammerten. Mit dem rechten Fuß mußte man beim Hinablassen die Felsen auspariren, gegen welche der am Seil schwankende Körper fortwährend anschlug. Wie ärmlich erscheinen solche Grabscheitversuche, die höchstens von ein paar alten wasserziehenden Mähren unterstützt werden, gegen die Bewirthschaftung der englischen Bleiminen, in denen allein eine Dampfkraft thätig ist, welche die Händearbeit von ¾ Millionen Menschen ersetzt!
Drei Dinge mangeln der Bleiregion am obern Mississippi, um ihren großartigen Metallreichthum gebührend nützen zu können: Kapital, billiger Brennstoff und tüchtige Bergleute. Namentlich ist’s das in den Prairien theuere Holz, welches die Ausschmelzung der Erze an Ort und Stelle so sehr erschwert; führt erst die in Dubuque mündende Eisenbahn billige Kohlen dahin, so wird sich das Uebrige von selbst finden.
Jetzt arbeiten ungefähr 3000 Hände in den Minen, welche den erstaunlichen Ertrag von 20,000 Tonnen [62] Metall jährlich liefern. Eine rationelle Bewirthschaftung würde indeß mit wenig mehr Menschenarbeit das Zehnfache leisten können; das wäre das Doppelte von dem, was in normalen Jahren auf der Welt verarbeitet wird.
Die Lage von Dubuque, auf einem Plateau am rechten Ufer (Iowa) des hier eine englische Meile breiten Mississippi, wird von den Bewohnern des Westens nicht ohne Ueberschätzung mit der von New-Haven, der Perle des Ostens, verglichen, die Ueppigkeit der umgebenden Vegetation, die Fruchtbarkeit des Bodens aber noch höher gepriesen. Zur Zeit der letzten Zählung (1853) hatte Dubuque 7500 Einwohner. Noch kann der Platz nur als Kind gelten gegen die Größe, den Reichthum und die Bedeutung, welche ihm in nicht ferner Zeit die Ausbeute der unermeßlichen Schätze verheißt, die unter seinem Baugrund ruhen; dann wird Dubuque zum Potosi der Bleiregion.