Die Wartburg (Meyer’s Universum)

Fort Armstrong am Mississippi Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Die Wartburg (Meyer’s Universum)
Fairmount bei Philadelphia
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DIE WARTBURG

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Die Wartburg.




„Zepter brechen, Waffen rosten, der Arm der Helden verwest:
was in den Geist gelegt ist, ist ewig!“
 (J. v. Müller.)

Gib mir einen Stein, den ein großer Gedanke geweiht hat, und ich überlasse den Schilderern und Dichtern alle Schlösser voll eitler Pracht. – Groß aber nenne ich nur den Gedanken, dem eine die Menschheit erhebende, das Menschenthum fördernde Kraft innewohnt, eine schöpferische Idee, welche die Entwickelung unseres Geschlechts auf dem Pfade des Lichts und der Freiheit vorwärts führt und darum das Anrecht auf Unvergänglichkeit in sich trägt. – Wozu aber einem solchen Gedanken noch ein Denkmal?

Und doch, während Tausende von Ehrensäulen der Menschengröße unter Schutt und Moos und in Vergessenheit versinken, um den Stein, den ein großer Gedanke geweiht hat, windet die Dankbarkeit der spätesten Enkel noch einen immergrünen Kranz des Ruhmes, und manche junge Hand legt auf dem grauen Zeugen der Vergangenheit stille heilige Eide ab, in denen gute Thaten der Zukunft keimen.

Jedes Volk hat solch ein Denkmal großer Gedanken in seiner Geschichte.

Ein sinkendes Volk verscheucht die Weihe aus dem Tempel der Vorfahren und wandelt ihn um zum Stall für den Nutzen des Augenblicks, ein gesunkenes gibt die Heiligthümer seiner Vergangenheit ohne Scheu und Scham dem Fremden, dem Raub, der Zerstörung Preis; wo aber Volk und Denkmal noch aufrecht in der Gegenwart stehen, da wallfahrtet die begeisterte Jugend wie der ernste Mann an allen hohen Festtagen des [52] Vaterlandes zu dem Denkmal der alten Ehren und da steht auch die Hoffnung zu neuen Ehren noch in frischer Grüne.

Ein solches Denkmal der Deutschen ist die Wartburg. – Wie keine andere Stätte des Vaterlandes umschließt dieser Mauernring auf schroffen Felsenkanten die erhabensten Marksteine des Entwickelungsganges unserer Nation, die reichsten Erinnerungsräume an Blüthen- und Sturmzeiten deutscher Bildung und die erbaulichsten Bilder fürstlichen Familienlebens in Lust und Leid. Nirgends ist eine zweite Stätte im Vaterlande zu finden, wo der Schritt des deutschen Schicksals tiefere und bedeutsamere Spuren eingedrückt hätte. Spurlos ging keine Erhebung und kein Niedergang deutschen Volks an unserer Wartburg vorüber, und von den höchsten Triumphen des deutschen Geistes bleibt sie ein unverwüstlicher Zeuge.

Ja, der Vorrang ist ihr vor den glänzendsten Kaiser- und Königsschlössern Deutschlands sicher, daß sie immer mit der Zeit blühte und welkte, stieg und sank, daß kein glänzender und zündender Gedanke in den deutschen Häuptern loderte, dessen Widerschein nicht die Wartburg erleuchtet hätte, daß kein Elend und Jammer das Vaterland niedergeschlagen, wofür nicht in diesen Mauern heiße Thränen geflossen wären. Als das germanische Leben noch im duftenden Kranz der Sage träumte, hat auch die Wartburg mit dem blätterreichsten und frischesten sich geschmückt, der auf Felsenzinnen und Waldeshöhen um Mannesmuth und Frauenhuld, Volksvertrauen und Fürstentreue gewunden werden kann. Fast unmerklich wandelt der Sagenkranz sich in den gekrönten Helm der Geschichte um, ja, lange schmückt noch die Krone der unvergänglichere Kranz. Wie konnte solchem Reiz die Dichtung widerstehen? Als der geistige Klang das Leben in der Höhe veredelte, feierte die edelste Kunst im Wartburgkriege ihr schönstes deutsches Fest, das noch die Gegenwart im Gewande der Dichtung begeistert. Seitdem schmückt sie der Kranz der Poesie. Dann kam die Zeit, wo die fürstliche Pracht von den Bergen in die Thäler niederstieg. Auch die Wartburg neigte ihr Haupt und ward ein halbträumender Wächter. Es war damals, wo ein Raupenfraß am Immergrün deutschen Glaubens und deutscher Sitte nagte. Die Raupen trugen braune und schwarze Kutten und bildeten zusammen ein Ungethüm, häßlicher als der Heerwurm. Wie glänzende Lanzen schwangen einzelne Geistesblitze sich auf und stürzten auf den Feind, aber das Scheusal siegte und sie – gingen in Rauch auf. Da kam der Junker Görge mit dem rechten Speer, zertrat das Gewürm und heftete dankbar an die Wartburg den Ehrenkranz der Reformation. Das war der Wartburg zweite deutsche Geistesblüthe. – Nach diesem königlichen Aufstrahlen entschlummerte die Burg wieder, denn sie war damals schon fast ein halb Tausend Jahre alt. Alle Kriege, vom schmalkaldischen und dreißigjährigen bis zu denen des alten Fritz und des vorletzten Franzosenübermuths, brausten unter ihr hin, ohne die zerfallenden Mauern der Beachtung zu würdigen. Sie war zu gut für die Ehren des [53] Mordhandwerks. Ihr winkten andere Kränze, als blutige, denn als der wiedererwachte Geist des deutschen Volks den Sieg errungen hatte über die fremden Knechte, hing Deutschlands edelste Jugend an den Mauern der Wartburg den Kranz der Freiheit auf. Und gerade weil der Undank der Fürsten den Kranz zerriß, gerade weil viele jener braven, nur für des Vaterlandes Heil begeisterten Jünglinge aus dem wonnigen Traum der Freiheit im Kerker erwachen mußten, gerade deshalb blieb fortan die Wartburg der heilige Wallfahrtsort der Deutschen zur Ehrenfeier für jeden freien Gedanken, für jede aufflammende Hoffnung, für jedes Hochgefühl der Vergangenheit, für jedes edle Streben der Jugend, edle Wirken der Männer, für jede wahrhaft deutsche That.

Das ist die unvergleichliche Krone der Wartburg: aus den Kränzen deutscher Kunst, Geistesfreiheit und Vaterlandsehre gewunden und auf die Zinnen gelegt durch den dankbaren Willen der Nation.

Laßt uns einen Gang thun durch die Bilderreihe ihrer Geschichte! – Noch ragen dieselben Felsen durch die Jahrhunderte und über das gefallene Laub von tausend Geschlechtern empor, auf denen der wackere Springer rief: „Wart’, Berg, du sollst mir eine Burg werden!“ Gelehrte Leute bezweifeln das; wir glauben daran. Und die Burg war erst zwölf Jahre alt, als die Weltgeschichte zum ersten Male bis zu ihrem Fels vordrang: Kaiser Heinrich IV. ward (1080) zu ihren Füßen von seinen Widersachern angegriffen und geschlagen. – Weiter sehen wir des Saliers Sohn Ludwig als den ersten Landgrafen des Thüringerlandes, und dessen Sohn, den Eisernen, als ein Ritterbild, das noch heute im Wald lebendig einhergeht mit seinem Ruhlaer Schmied und dem Adel am Pfluge. Nun reitet Landgraf Herman heran mit dem Generalstab seines Ruhms: da ist Heinrich von Veldeck, „der stolze wohlgeborene Mann und Ritter“, Walther von der Vogelweide, Reinhard von Zwetzen, Wolfram von Eschenbach, Biterolf, Heinrich von Ofterdingen und endlich Meister Klingsor vom Ungarland, der wunderreiche Mann, welcher einst die Geburt jener gottgeweihten Elisabeth verkündigte, durch deren himmelstrebende Frömmigkeit um die Wartburg auch der Heiligenschein des alten Glaubens gelegt wurde. Daß die Sänger des Wartburgkriegs nichts Höheres zu preisen wußten, als „ihre Herren“, lag weniger im Geiste jener Zeit, als im deutschen Geist; – („Weß Brod ich eß’, deß Lied ich sing’“) – denn als ein Richard späterer Jahrhunderte den Text poetisch und praktisch änderte, ward er verbannt. – Das rührendste Bild der Gattenliebe steigt mit Ludwig und Elisabeth auf den Berg: „sie küßte ihn mit Herzen und mit Mund – mehr denn tausend Stund’!“ Aber die Farbe dieser Liebe war nicht das Roth der Rose, sondern das reinste Himmelblau. Und als der „Kumpan des Krämers“ das Kreuz nahm und im gelobten Lande dahinstarb, wäre durch Heinrich Raspe, den „Pfaffenkönig“, die Wartburg in kaiserlichen Ehren beinahe die Schwester der Schwarzburg geworden. Es ist aber schöner für sie, daß in ihr der arme Heinrich an der Reue der Untreu starb. Von jetzt an blinken in dem Glanz des strahlenden Fürstensitzes häufig die Thränen des Unglücks, die von der heiligen Elisabeth, der verstoßenen [54] und verlassenen, zuerst dort vergossen waren. – Der „Heiligen“ Enkel war jenes „Kind von Brabant“, dem Heinrich der Erlauchte erst Vormund, dann Feind wurde. Da rasselte der Kampf um die Mauern und die Bürgertreue legte einen neuen Kranz auf sie, denn die muthigen Worte Heinrichs von Velsbach, als er, durch eine Blyde geschleudert, in den Abgrund flog, sind in den Jahrhunderten nicht verhallt: „Und Thüringen gehört doch dem Kinde von Brabant!“ – Welch reiches Bild wird nun vor uns aufgerollt: der unartige Albrecht und die treue Margaretha, getrennt durch die Buhlerin von Eisenberg. Mordgedanken schleichen nächtlich durch die Burg dem Jammer der unglücklichen Mutter nach, die das Maal des Scheideschmerzes auf die Wange des liebsten Kindes drückt. Die Untreue siegt. Dort sehen wir den gebissenen Knaben als blühenden Jüngling wieder, aber hinter den Riegeln des Kerkers, während das italische Erbe seiner kaiserlichen Mutter ihm winkt, bis es verloren ist, und Kunigunde und Apitz, dem bösen Sinn des Alten schmeichelnd, in der Fülle des Unrechts schwärmen. Beide besiegt der Tod. Friedrich wird frei, eine dritte Gemahlin tritt an des Unartigen Seite, aber neben ihr steht die schöne Tochter, eine Elisabeth im blühendsten Rosenroth der Liebe. Da kommt die Sühne: der „kecke“ Friedrich wird zum „Freudigen“; er raubt sich die Stiefschwester und führt sie als Gattin nach Arnshaug, und wie nun der grollende Vater der Kinder Erbe dem Kaiser verkauft und solche Unthat triumphirend von der Wartburg in das verwüstete Land hinabschaut, da erobert der bessere Sohn das entweihete Schloß, verbannt den grauen Uebelthäter nach Erfurt und pflanzt auf dem ragenden Burgfried das vereinigte Banner seiner Herrschaft über Thüringen und Meißen. Nie haben die Liebe und das Recht einen schöneren Siegeseinzug in einer Fürstenburg gefeiert! – Aber das Dritte zur Vollendung des Glückes fehlte: der Friede. Des Reiches Schaaren ziehen abermals heran, denn Eisenach will freie Reichsstadt werden. Sie rannten hart gegen die Mauern, hinter welchen die schöne Elisabeth ihr neugeborenes Töchterlein an das Herz drückte. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn auf dem kühnen Ritt zum Taufsteine das Kind nicht hätte trinken müssen, „und sollt’ es auch das Thüringer Land kosten!“ Das Kind trank, der Vater siegte und der Friede zog in die Wartburg ein, mit ihm so hohe „Lustbarkeit in Thüringen“, wie sie von Fürstenhand nie wieder erneuet werden konnte. Selbst das tragische Ende dieses epischen Bildes stört das Kunstwerk der Geschichte nicht: der freudige Friedrich starb an einem geistlichen Schauspiel, denn daß die „thörichten Jungfrauen“ ewig verdammt sein sollten troz der Fürbitten der Mutter Gottes, betrübte den Greis zu sehr, und er verging an der Schwermuth darüber.

Hiermit schließt die alte fürstliche Glanzzeit unserer Wartburg; sie hatte sich an Herrlichem erschöpft, wenn auch der Fürstenthron noch hundert Jahre in ihr stand. Die beiden nächsten Friedriche, welche das Landgrafenbanner hielten, heißen zwar „ernsthafte“ und „strenge“, aber „friedfertig“ waren sie, wie der vierte [55] ihres Namens, und als dieser „1440 sein Pflanzenleben zu Weißensee endigte“, wie der alte Chronist Thon berichtet, stieg der streitbare Friedrich, der ihm folgte, von dem alten Felsenschlosse herab und nahm den glänzenderen Herzogs- und Churstuhl von Sachsen ein.

Die Wartburg war nur noch Amtmannswohnung und verfiel. Hatte schon hundert Jahre früher der Blitz übel in ihr gehaust und den größten Theil der alten Pracht vernichtet, so ging es ihr nun noch schlimmer, nicht bloß die „hängenden Gärten“ Friedrichs des Freudigen, auch andere Gemäuer fielen von selbst ein und es war hohe Zeit, daß „die ganze Burg inwendig und auswendig zusamt den Thormen und allen Häußern berapt, die schadhaftigen Mauern gebuest und ausgezwickt“ wurden, damit ihr bescheidenster, unscheinbarster und doch größter Gast dort Schutz und Herberge finden konnte.

„Luther auf der Wartburg“ – ist kein Gegenstand der Geschichte dieser Burg: es ist die Ueberschrift eines neuen Theils der Weltgeschichte. Wir gehen mit stiller Ehrfurcht an dem erhabenen Bilde vorüber, das allen Fürstenglanz überstrahlt und die Wartburg noch zum Heiligthum der Nation weihete, als beide, Nation und Burg, verkommen und versunken am Boden lagen.

Seit Luther im heiligen Zorn das Thor der Burg hinter sich zugeworfen, war der Geist der Freiheit von ihr gewichen. Sie ward zum Gefängniß. Der Nothwendigkeit, sie für diesen Zweck zu erhalten, verdankt sie es, daß sie nicht, gleich hundert andern Burgen Thüringens, ganz von ihrer Höhe verschwand. Zerrissen und geflickt hielt sie sich nothdürftig aufrecht, auf bessere Tage wartend. Diese kamen, als der niedergetretene Geist der Nation sich endlich wieder erhob, und der sie zuerst in diesem Namen begrüßte, war Karl August. Er ehrte das Denkmal der Väter und half ihm auf, so viel er es vermochte; er ließ das Einsturzdrohende niederreißen, erbaute das „neue Haus“ von Stein, beseitigte alle verdüsternden Anhängsel der späteren Zeit und schmückte den alten Bau mit Rüstkammer und Bildnißsammlung.

Die höhere Ehre der Burg mußte jedoch vom Volke selbst ausgehen, und das geschah durch des Volkes beste Söhne: durch die im Freiheitskampf bewährte Jugend der deutschen Burschenschaft.

Seit dem 18. Oktober 1817 trägt die Wartburg den Kranz deutscher Freiheit und Ehre, trotz Restauration und Immediatkommission, trotz Muckern und Pfaffen, Revolutionen und Octroyaden, rettender Thaten und Konkordaten, Kongreß-, Reichs- und Bundestagen. Eine vom Schicksal so hart geschlagene Nation, wie die deutsche, wird weder durch Dinte, noch durch Blut erweicht. Aber schwer trug sie an der Last eines dreißigjährigen inneren, unheimlichen politischen Kriegs, dessen Flamme nur einmal, 1830, emporflackerte, um von Neuem die Gefängnisse zu füllen. In jenen langen, trüben Tagen gab es kein Volks- und Freudenfest auf der Wartburg. Nur einsame Züge Trauender schlichen dahin, Jünglinge, die die Faust ballten, Männer, die kummervoll [56] in die Zukunft des Vaterlandes blickten. Man holte sich Trost und Muth in der Burg des festen Glaubens. Als endlich das Eis des Winters barst und ging, wie flatterten die Verkünder des Frühlings um den grünen Berg! Das war 1847, wo die Sängerschaaren den Völkerfrühling ansangen, ohne zu wissen, daß sie weit mehr bedeuteten, daß sie nicht weniger waren, als die Sturmvögel der Revolution. Der Sturm brach los, er zog dahin, zertrümmernd, nirgends bauend, Kugeln und Kerker übten ihre einseitige Gerechtigkeit, und Gott verzeihe den Schuldigen. – Es würde abermals schwer gewesen sein, Feste der Wartburg zu feiern, wenn nur die Politik dazu berufen wäre. Das „Volk der Denker“ weiß sich zu helfen: es trug die Ehrenfahnen seiner Wissenschaft und seiner Kunst herbei und bestieg mit reinerer Begeisterung die Burg seiner Sage und Dichtung, seiner Geschichte und – seiner Hoffnung.

Ein neuer Sturm pocht an Deutschlands Thore und, Gottlob, er pocht von außen. Kein Herz erzittert im ganzen Volke. Glück auf und ewig Heil, wenn es gelingt, am Ziel des blutigen Plans unseren ersehntesten Kranz zu winden! Welcher Jubel würde ihn auf Deine Zinnen legen, alte Wartburg, den Kranz der deutschen Einheit!


Wir stehen vor dem Thore. Wenn Du von der Burg vor Jahren geschieden, vielleicht, als Du in der Glanzzeit Deiner Jugend standest, mit welchem Gefühle begrüßest Du sie jetzt wieder? Freut es Dich, Alternden, daß sie wieder jung geworden? Haftete für Dich etwa an den alten vergrämten Zügen der Häuser und Mauern ein besonderer Werth der Erinnerung? Oder trägt die Gestalt, in welcher Dir heute Deine alte liebe Wartburg entgegentritt, Etwas zur Schau, das Dein verwöhntes Gemüth ankältete?

Nein! Nichts von alle Dem. Du blickst hinauf, Du gehst hinein und freuest Dich, weil Du siehst, daß hier sinnige, edle Hände sorgsam und ehrfurchtsvoll mit Deinem Heiligthum verfahren sind, daß nicht, wie man das anderswo und leider an verwandten Burgen zu beklagen hat, eine spielende, kindische Manier an charakteristischen und von der Geschichte geweiheten Formen der Vergangenheit zerstörend herumpfuscht.

Eine Wiederherstellung (Restauration wollen wir nicht mehr sagen, am wenigsten in Verbindung mit diesem Felsenschmuck der Freiheit; der Begriff jenes französischen Wortes ist in aller Welt zu übel berüchtigt; er verbindet sich ein für alle Male mit der Vorstellung frecher Anmaßung und höhnender Rechtsverletzung in den Tagen steigender Gewalt, und weibischen Zitterns und katzenpfötigen Nachgebens in den Tagen verlorener Macht, [57] so daß man wohl an jedes Volkshaus und Fürstenschloß als Warnungsworte in den härtesten Stein einmeißeln sollte: „Schwachheit, dein Name ist Restauration!“), also eine Wiederherstellung der Wartburg ist wohl längst von allem deutschen Volke, das ein Herz für Licht und Recht hat, für sehr wünschenswerth befunden worden. Da aber das arme deutsche Volk nur eine öffentliche Meinung, keine öffentliche Kasse hat und, wenn trotzdem etwas Oeffentliches vollendet worden, hinterher nur mit einem öffentlichen Urtheil dienen kann, so ist es ein Glück für seinen Wunsch, daß derselbe zugleich in der Seele eines deutschen Fürsten, der nach Stammrecht in des Springers Räumen waltet, einen Ehrenplatz einnahm, und endlich, daß die bauende Hand der rechte Geist leitete. Denn wenn auch darin nur ein Gefühl herrschte, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte durch nothwendiges Einreißen und nothdürftiges Aufbauen die Wartburg endlich ein Aeußeres erreicht hatte, dessen Bild nicht einmal der heimathlichen, geschweige der nationalen und weltgeschichtlichen Bedeutung derselben angemessen war, so blieb doch das Wie und Wieweit der Wiederherstellung eine nicht leicht zu beantwortende Doppelfrage.

Mach’ Dich auf zur Wallfahrt, Leser! Du findest die Frage gelöst, sie spricht zu Dir fest und klar, wie Friedrichs Schwert und Luthers Geist, in den steinernen Zügen zweier Zeitalter. Es ist keine neue Wartburg entstanden, nicht irgendwelche beliebige Phantasie hat eine gemauerte Theaterdekoration der Romantik über die grauen Reste aufgethürmt, sondern die alte Wartburg grüßt uns wieder in freudestrahlender Jugend. Mit zarter Hand hat man das Vorhandene der guten Zeit von den Zuthaten und der Tünche des Bedürfnisses späterer Jahrhunderte befreit und mit dem Ernst der Verehrung vor der Weihe der Stätte das Fehlende hinzugefügt. Wieder ragt der hohe Burgfried empor über die heiteren Hallen byzantinischer Pracht, der hohe Saal harrt der Sänger, die Kapelle der Gläubigen, von allen Wänden sprechen Sage und Geschichte zu Dir von „des Ritterthums und christlicher Tugend Dichtung und Kunst“. Auch Friedrichs des Freudigen „Tirnitz“ wird Dir bald wieder zugänglich sein mit ihren gemüthlichen Wohnungen und ihrer stattlichen Waffenhalle, und sie und ihr Styl werden Dich hinüberführen aus der byzantinischen zur Periode der letzten altdeutschen Bauweise, in welcher die Thorburg, wo das alte Ritterhaus und Luthers Wohnung der Geschichte angehören, mit etwas ernsterer Miene in die Gegenwart schauen. Und selbst der Thorthurm richtet sich wieder auf und hofft, daß seine treue Zugbrücke sich allnächtlich wieder an ihn schmiege.

Ein schöner Traum, welchen Tausende in glücklichen Stunden des schwärmenden Geistes auf dieser Höhe geträumt, ist in die Wirklichkeit getreten. Nicht nur die Bauten, auch die Gestalten der Vergangenheit sehen wir vor uns; was der sinnige Besucher, in der Laube am Gemäuer sitzend, beim Rauschen der Blätter, aus der Wartburg Sagen und Geschichten in sich ausgemalt, das ist nun gemalt. Die Kunst ist allem Träumen zu Hülfe gekommen und die Namen Ritgen und Schwind haben sich dort fest mit dem Stein vermählt.

[58] Verlangtest Du, Leser, Beschreibung des Einzelnen und Schilderung des Naturbildes rund um die Burg, so bist Du freilich getäuscht. Dessentwegen solltest Du selbst kommen! Thüringen liegt ja mitten im deutschen Vaterlande, das rege Herz, wohl würdig seines starken Körpers, und ist den fernsten Gliedern nahe genug, um sie mit Sehnsucht für sich zu erfüllen. Wem aber das Glück des Lebens treu ist bis zum Jahre 1867, der kann sich deß doppelt freuen: er wird mit frohlockenden Schaaren deutscher Pilger zu dieser Höhe wallen, auf welcher die Wartburg ihr 800jähriges Jubelfest begeht. Möge dann auch Dir, lieber Leser, ihr „Willkommen!“ gelten!