Heilbronn (Meyer’s Universum)
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

HEILBRONN am NECKAR
Im schönen fruchtbaren Neckarthale, auf der Stelle einer römischen Niederlassung, entstand bald nach dem Untergang der Römerherrschaft Heilbronn, welchen Namen der Ort einer Quelle entlehnte, der der Volksglaube in jener Zeit große Heilkräfte zuschrieb. Der Flecken blühte schnell auf und Karl der Große, welcher sich eine Zeitlang zum Gebrauch der Bäder dort aufhielt, erbaute sich ein Schloß, das er zum Rang einer königlichen Pfalz erhob. Stadtrecht erhielt Heilbronn vom Kaiser Heinrich IV., und Konrad III. verlieh ihm sammt seinem Gebiet die Reichsunmittelbarkeit, welche erst kurz vor der Auflösung des Reichs selber
[190] verloren ging. Im Jahre 1803 kam es mit den übrigen schwäbischen Reichsorten an Würtemberg zur Ausstattung des neuen Königreichs aus der Fabrik Napoleons.
Heilbronns herrliche Lage in einem der gesegnetsten deutschen Gauen, der Wein, Obst und Getreide in Ueberfluß hervorbringen und an der Stelle, wo der Neckar für größere Fahrzeuge schiffbar wird, auch am Kreuzpunkte mehrer Hauptstraßen, wo der Verkehr zwischen West- und Ost-, Süd- und Norddeutschland wechselt, hat dem Orte so viel Elemente beständigen Gedeihens gegeben, daß es nicht Wunder nehmen kann, wie trotz großer Unfälle in frühern Zeiten und nach dem Verluste seines Gebiets und seiner Selbstständigkeit, die Stadt fortschreiten konnte in Wohlstand, Größe und Bevölkerung. Sie hat jetzt nahe an 13,000 Einwohner und eine noch raschere Entwickelung ist in dem Fall vorauszusehen, daß die Stadt das Kreuz der Eisenwege erhält, welche zur zweckmäßigsten Verbindung der bayerischen, würtembergischen und badischen Bahnen noch nothwendig sind. Ein Hauptnahrungszweig Heilbronns, das Speditionsgeschäft, wird dann einen großen Aufschwung erlangen.
Das Innere von Heilbronn ist in seinen ältern Stadttheilen gar stattlich und behäbig, nach nürnberger oder augsburger Weise; die neuern Partien sind freundlich und licht, wenn auch ohne höhere Ansprüche auf Schönheit. Die Altstadt prangt mit mehren großen, durch Styl und Bauart ausgezeichneten alterthümlichen und geschichtlich merkwürdigen Gebäuden; Rathhaus, Götzens Thurm (wo der Berlichingen gefangen saß), das Schloß, die Kilianskirche, der herrliche Brunnen am Markte sind des Beschauens wohl werth.
Der Gewerbfleiß hatte von jeher in Heilbronn eine rühmliche Stätte, und verschiedene Fabrikationszweige genießen weithin einen begründeten Ruf und werden großartig betrieben. Zwei Maschienen-Papierfabriken setzen allein jährlich für eine halbe Million Gulden ab; und der Gesammtwerth der hiesigen Fabrikate wird zu 3 Millionen jährlich, die Anzahl der Hände, die durch sie beschäftigt werden, über 8000 geschätzt.
Das Leben in Heilbronn ist angenehm und nicht theuer. Es ist, wie in fast allen würtembergischen Städten, viel Bildung und viel Wissen unter der Bevölkerung verbreitet und in der Gesellschaft herrscht ein freier ungezwungener Ton, den die strenge Scheidung nach Klassen und Ständen, – hier wenig bekannte und noch weniger beliebte Dinge, – nicht beeinträchtigt.
Große Männer mit großen Zwecken hat Heilbronn unter seinen Mitbürgern niemals gehabt; Menschen, die die Erde verändern und in das Rad der Weltgeschicke eingriffen, hat es nicht geboren; aber an glücklichen, heitern Alltagskindern hat es, wie die Sage geht, hier nie gefehlt. Heilbronn hat nichts dabei verloren. Ich gehe selbst lieber an zehn schlichten Bürgerhäusern vorüber, wo das Glück wohnt, als an einem Palaste.