Auf dem St. Juan in Centralamerika
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SZENERIE auf dem SAN JUAN
in
CENTRAL-AMERICA.
Das Schicksal gibt dem Menschen oft den Wundbalsam früher als die Wunde. So geht es Hunderttausenden, welche den zitternden Boden der europäischen Heimath mit der sichern Landveste der neuen Welt vertauschen, ehe ihre Kraft und ihr Muth gebrochen sind und ehe die Verarmung ihnen die Mittel genommen hat, dem Verberben zu entrinnen. Sie eilen fort, nicht um der klaren Vorstellung von Dem willen, was über sie kommen würde, wenn sie blieben; dunkles Unglücksahnen weckt ihren Wandertrieb, das Mißbehagen ist der Cherub, die Unzufriedenheit ist das Flammenschwert, das sie von hinnen treibt und sie drängt, sich zu trennen von Allem, was ihrem Leben Werth gab in ihren Augen: – von den Banden des Bluts und der Freundschaft, von der süßen Gewohnheit des Daseyns, von dem angeerbten Besitze, von dem Hause, in dem sie geboren wurden, von den Gräbern ihrer Väter und Mütter, ihrer Schwestern und Brüder. Die Meisten folgen dem Auswanderungsimpuls instinktmäßig, dem Wilde ähnlich, welches vor dem Erdbeben in die Ferne flieht. Aber wüßten auch Alle: warum? so wissen doch die Wenigsten sich klare Rechenschaft zu geben über die Frage: wohin? In vielen Fällen diktirt der Zufall die Antwort und es geht dabei dem Auswanderer wie jenem Alpenreisenden, welcher sich über die Gletscherpässe bei Nacht führen ließ, damit er nicht auf den gefährlichen Pfaden vor den Abgründen erschrecke. Indem sie den blinden Zufall walten lassen, erwarten sie gleichsam vom Schicksal, daß es sie im Finstern durch die nächste Zukunft leite, damit sie nicht sehen die Gefahren, die sie umgeben, die Leiden und Entbehrungen, die sie erwarten, die Schluchten und Berge, die in ihrem Wege liegen und sie sich nicht betrüben über die Entfernung ihres Ziels.
Es bleibt immer ein so ungeheuerer Entschluß, das Vaterland auf immer zu verlassen und damit die tausend Bande zu zerreißen, die uns an dasselbe knüpfen, daß gewiß selbst unter dem intelligentern Theil der Auswanderer die Wenigsten den Muth haben, sich die volle Konsequenz ihres Entschlusses klar zu machen. Viele machen sich weiß, der Akt selbst sey nur ein Versuch oder ein Schritt, der zurück gethan werden könne, sobald die Verhältnisse anders geworden seyen, die sie wegtreiben, oder ein reichlicher Gewinn ihrer Mühen im fremdem [192] Lande sie in die Lage versetzt habe, im alten Vaterlande unter glücklichern Auspicien unabhängig zu leben. Recht Viele bergen diesen Gedanken wie einen Talisman des Trostes in dem geheimsten Kämmerchen ihres Herzens. Sie gehen fort, ihrem Glück vertrauend, und so lassen sich Tausende nicht von den sichersten, sondern den glänzendsten und vielversprechendsten Aussichten leiten, und die Wenigsten denken an die Möglichkeit, daß gerade das Blendendste die gefährlichste Täuschung verbergen mag. Wenn sie dann inne werden, daß sie Katzengold ergriffen, als sie ächtes aufzuheben glaubten – so wundern sie sich und schütten ihr Ach und Weh über Andere aus, während sie bloß ihre eigene Unbesonnenheit anzuklagen haben. Wer die Auswanderung wie eine Lotterie ansieht, der darf sich nicht wundern, wenn er eine Niete zieht. Der einzeln stehende Mann mag, wenn er will, das Glücksspiel immerhin wagen; aber das Schicksal einer Familie unüberlegt auf eine Karte zu setzen – ist ein Verbrechen. Nichts ist für eine Familie bitterer als getäuschte Hoffnung in der fernen neuen, selbstgewählten Heimath, für die man alle Güter des Lebens in der alten zurückgelassen und hingegeben hat.
Für auswandernde Familien ist in neun Fällen unter zehn der Zweck: Erwerbung von Grundbesitz, dessen Kultur und die Verwerthung seiner Erzeugnisse. Zu diesem Zweck sind folglich nicht bloß die physischen Verhältnisse des neuen Landes und die Produktionsfähigkeit des Bodens, sondern auch die Produktionskosten und Absatzverhältnisse für die gewonnenen Erzeugnisse und die Natur seiner staatlichen Einrichtungen und seiner Bewohner in Betracht zu ziehen.
Unter den physischen Verhältnissen eines zur Kolonisation zu wählenden Landes sind die klimatischen die ersten und wichtigsten. Sind sie ungünstig, so muß von der Wahl eines solchen Landes unbedingt abgestanden werden; denn keine anderen Vortheile können dafür Ersatz bieten.
Es ist aber eine allgemeine Erfahrung, daß das Klima in den heißen Erdgürteln der germanischen Organisation, wie der aller nordischen Völker, so nachtheilig ist, daß dadurch von vornherein jede deutsche Kolonie nach den tropischen Ländern als widersinnig erscheint. Selbst die dafür viel weniger empfindlichen romanischen Völker leiden doch in den heißen Klimaten in so hohem Grade, daß sie rasch degeneriren. Nur in der Vermischung mit Negerblut hat sich in Mexiko, Mittelamerika und in den südamerikanischen Ländern die spanische und portugiesische Race auf die Dauer von drei Jahrhunderten überhaupt erhalten können. Die alten Geschlechter der romanischen Einwanderer und Eroberer sind längst verschwunden; an ihrer Stelle besitzen und herrschen die Kreolen – die Mischlinge aus afrikanischem und spanisch-portugiesischem Blute – in jenen sonnigen Reichen und Ländern. Es ist eine sich fortwährend wiederholende und immer von Neuem bestätigte Erfahrung, daß germanische und romanische Kolonistenfamilien, wenn sie ihre Blutsreinheit bewahren, in jenen Klimaten selten über die dritte Generation hinaus dauern. Wenn auch das tropische Klima die Vegetation mit Ueppigkeit [193] bekleidet und ohne Unterbrechung das ganze Jahr hindurch Früchte zeitigt, mithin die bloße Existenz des Menschen am meisten erleichtert und dem Kolonisten in dieser Beziehung alle Sorge hinwegnimmt, so ist es doch eben deshalb der höhern Menschenentwickelung hinderlich und es tritt den meisten Ansprüchen feindlich entgegen, welche jenseits des Bedürfnisses der bloßen Fristung des Daseyns liegen. In den Ländern der gemäßigten Zonen hingegen findet der Germane die verwandten Vegetationstypen seiner Heimath; er findet gleiches Klima, gleiche Jahreszeiten, gleiche Grade und gleichen Wechsel der Kälte und Wärme; er findet eine Natur, die ihm ihre Früchte nicht umsonst, sondern als Lohn der von Haus aus gewohnten Arbeit spendet, nur mit dem Unterschiede, daß der jungfräuliche Boden ihm die auf die Kultur desselben verwandte Mühen durch vielfach reichern Ertrag besser vergilt, als im alten Vaterlande, und dieser Ertrag ihm vom Staate nicht verkümmert wird. Es bleibt sein, was seine Arbeit erworben hat.– Neben den klimatischen Verhältnissen soll der Amerika-Wanderer auch die geognostischen oder Bodenverhältnisse recht sorgfältig erforschen und prüfen; denn die Flora und Fauna der Gegend, in der er sich niederzulassen gedenkt, ihr Wasserreichthum und ihre Wegbarkeit sind davon abhängig und die mineralischen Reichthümer, das Vorhandenseyn oder der Mangel an Erzlagerstätten und Flötzen fossiler Brennstoffe machen in eben dem Maße ihren Werth und ihre Wichtigkeit geltend, je emsiger man nach ihrer Ausbeutung trachtet und je zugänglicher die Mittel dazu geworden sind. Sie werden in allen Fällen für die Wahl der Niederlassung dann den Ausschlag geben, wenn die sonstigen Verhältnisse gleich sind, und sie können die sicherste Reichthumsquelle für die Zukunft werden, aus der noch Kinder und Enkel schöpfen. Wo das Unterirdische einer Kolonistenstelle Mineralschätze, namentlich Kohlen verbirgt, da läßt sich auch voraus der untrügliche Schluß machen, daß eine solche Gegend einst zum Sitz von Industrien werde, welche eine dichte Bevölkerung und eine oft jede Berechnung übertreffende Werthsteigerung des Grundbesitzes hervorrufen. Wo keine Kohlen sind, da ist Wasserkraft ein Schatz für die Zukunft, der gemeinlich viel zu wenig bei der Ortswahl einer Niederlassung berücksichtigt wird. In den Vereinigten Staaten sind die Beispiele sehr häufig, daß eine große Wasserkraft, die beim Ankauf des Grund und Bodens gar nicht in Anschlag kam, von der später einwandernden Industrie allein mit dem zehn und zwanzigfachen Preise bezahlt wurde, welchen das ganze Gut ursprünglich kostete. –
Auf der ganzen Erde ist kein Fleckchen mehr, dessen Besitz in der Gegenwart lohnend und lockend erscheint, das nicht von den seefahrenden Europäern oder ihren Abkömmlingen als Eigenthum in Anspruch genommen wäre. Ueberall, wohin sich die Deutschen wenden, finden sie also schon einen Herrn des Landes oder Bodens, sey es der Staat, oder der Privatmann. Er muß, um Bodeneigenthum zu erwerben, es erkaufen entweder von dem einen, oder von dem andern.
[194] Wenn die Menge des Grundbesitzes, der für ein gewisses Kapital zu erlangen ist, für die Wahl des Kolonisationsorts einen praktischen Werth haben könnte, so würde der Strom der germanischen Auswanderung sich längst vorzugsweise nach den tropischen Ländern gerichtet haben. Dort ist rohes Land von unerschöpflicher Fruchtbarkeit unglaublich wohlfeil. Die Republiken in Mexiko, Mittelamerika und in den Aequatorialgegenden Südamerika’s sind immer bereit, von ihrem unermeßlichen unbebauten Landeigenthum Strecken von vielen Quadratmeilen zu Preisen an deutsche Kolonisationsvereine zu veräußern, welche selten mehr als ¼ Thaler für den Morgen betragen, und oft noch vortheilhaftere Käufe sind mit Privat-Grundbesitzern in jenen Gegenden abzuschließen. Aber diesem lockenden Verhältniß stehen die traurigsten Erfahrungen entgegen. Verderben folgte noch fast allemal jedem Versuche germanischer Kolonisation in den Tropenländern Amerika’s auf dem Fuße. Wenn es auch der deutschen Natur gelingen könnte, die zerstörenden Wirkungen des tropischen Klima’s auf den Organismus zu ertragen, so wird der Deutsche doch unmöglich dem Drang zur Trägheit unter dem Einfluß der Hitze und bei dem Umstande widerstehen können, daß ihn die Nahrungsmittel zur Fristung des Daseyns fast ohne Mühe in den Schooß fallen und er für den Ueberschuß der Produktion in den meisten Fällen keinen vortheilhaften Markt findet. Umgeben von der arbeitscheuen romanischen Bevölkerung, wird der Charakter des deutschen Ansiedlers ausarten, er wird die dem germanischen Volksstamme eigne Umsicht, Ausdauer, Thatkraft und Spekulationslust verlieren, eingezwängt in fremde gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse und von einer fremden Nationalität überwuchert, wird er sich unbehaglich, unglücklich und elend fühlen. Mit den Romanen und ihren Nachkömmlingen, den Kreolen, sich zu assimiliren, ist für den Deutschen geradezu unmöglich, von ihnen sich beherrschen zu lassen, drückend, die Idee aber, die Nationalität auf isolirten Punkten der deutschen Kolonisation inmitten der fremden Bevölkerung unangetastet zu erhalten, zur socialen Geltung und zu staatlichem Einfluß zu bringen, hat sich allemal noch als eine Chimäre erwiesen. Es bleibt daher immer die Auswanderung nach den Vereinigten Freistaaten von Nord-Amerika die bei Weitem sicherste und empfehlungswertheste und sie ist jeder andern, – würde sie auch unter den allerlockendsten Umständen geboten, – vorzuziehen. Nur erwarte Keiner, der in die Nordamerikanische Union übersiedelt, daß auch da eine Behauptung und Entwickelung der deutschen Nationalität für die Dauer möglich sey, und daß im Staatsleben der großen Republik das deutsche Volk, so viele Millionen auch noch hinüberziehen werden, jemals als solches zur Geltung kommen werde. Vernünftig ist nur das Eine, – sich nämlich der stammverwandten anglo-sächsischen Race, welche jedes andere Volks-Element mit unwiderstehlicher Kraft aufsaugt, auf das Schleunigste zu assimiliren und in ihr aufzugehen; kurz – das Deutsche abzustreifen und Amerikaner zu werden. Daß das deutsche Volk, als solches, berufen sey, in Nordamerika sich wieder zu vereinigen und eine politische und sociale Rolle zu spielen, und in [195] dieser eigensten Gestalt einen Weltberuf zu erfüllen habe, ist – eine poetische Fiktion. Ein Traum ist’s und bleibt’s, werde der Wahn auch von den Besten und Weisesten behauptet.
Viele Hebel, Kräfte und Thätigkeiten des Eigennutzes und des Irrthums sind in neuester Zeit geschäftig gewesen, den Strom der Auswanderung aus Deutschland in andere Bahnen zu lenken. Kapital und Spekulation haben sich in den Besitz großer, fruchtbarer Landstriche in den romanischen Ländern Amerika’s gebracht und diese mit den lockendsten Farben den Deutschen zur Kolonisation empfohlen. Da sind Vereine entstanden zur deutschen Ansiedelung in Mexiko, Centralamerika und auf der Muskitoküste; zur Niederlassung am Orinoco, in Peru, in Ecuador und in Neu-Granada; ja sogar die brasilianischen Kreolen, denen das schwarzhäutige Sklavenfleisch für ihre Zucker- und Kaffeepflanzungen seit dem Verbote der Negereinfuhr zu theuer geworden war, haben sich wohlfeiles weißhäutiges auf dem deutschen Markte gesucht und sie haben auch herz- und gewissenlose Menschen als Werber und Mäkler aufgefunden, welche ihnen, gegen zu zahlende gute Provision, die Waare, nämlich deutsche Familien, für die bloßen Ueberfahrtskosten zu Tausenden liefern. – Unglück und Jammer ohne Maß sind daraus für viele Deutsche erwachsen und noch vieler Tausende harrt durch die Teufelskünste ihrer Verführer und durch ihre eigene Leichtgläubigkeit, Einfalt und Unbesonnenheit das schlimmste Loos. Selbst den bestimmtesten Versicherungen und Versprechungen, welche von den Regierungen in jenen romanischen Staaten Amerika’s zur Begünstigung der deutschen Einwanderung gemacht werden, soll man keinen Glauben beimessen. Sie sagen bereitwillig alle möglichen Unterstützungen und Vortheile zu; aber selbst, wenn wir nicht immer die Aufrichtigkeit derselben bezweifeln wollen, so steht doch allemal in Frage, ob diese meist schwachen und machtlosen Regierungen, welche gemeinlich nur die Faktionen repräsentiren, die eben im Besitz der Herrschaft sind, sie halten können, und die Erfahrung hat in den meisten Fällen bewiesen, daß sich alle diese Zusagen zuletzt darauf reducirten, der deutschen Einwanderung rohes Land, dessen Kolonisation man oft nur aus einem politischen Grunde, der dem Interesse der Einwanderer fremd oder ungünstig war, wünschte, umsonst oder gegen ganz geringe Preise zum Anbau anweisen zu lassen, sie – zu dulden und ihr den allgemeinen, der Regel nach gar schwachen Schutz der Landesgesetze zu gewähren. –
Lassen wir uns durch eine vorurtheilsfreie Betrachtung und die Erfahrung bei Bildung unsers Urtheils leiten, – die Phantasie soll dabei nie mitsprechen! – so reducirt sich die Frage der deutschen Auswanderung auf folgende einfache Sätze:
- a) sie ist nur nach den gesunden Ländern der gemäßigten Zone, deren Klima dem deutschen gleich ist, oder sich von demselben wenig unterscheidet, anzurathen;
- b) allen andern sind die nördlichen Gegenden der Vereinigten Freistaaten von Nordamerika vorzuziehen;
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- c) der Auswanderer dahin verlasse das alte Vaterland mit dem festen Vorsatze, in kürzester Frist Amerikaner zu werden, Amerikaner mit Fleisch und Blut, mit Leben und Streben. Die Visionen vom Aufbau eines Jungdeutschlands in Nordamerika, und von Geltendmachung unserer Nationalität in der Union gebe er völlig auf. Es sind Träume. Jeder deutsche Auswanderer sey vielmehr gewiß, daß er in der Union ein Volk trifft (die anglo-sächsische Race), welches, dem deutschen zwar stammverwandt, ihm doch in allen Dingen des Geschäftslebens weit überlegen ist, und dem er sich so schnell als möglich assimiliren muß, wenn er gut und rasch fortkommen will. Er muß sich der Strömung des anglo-sächsischen Volksthums gänzlich und mit Hingebung überlassen. – Folglich ist auch
- d) das Geschlossenbleiben deutscher Auswanderung in der Union Thorheit. Die dafür organisirten Vereine haben, sobald sie den Boden der Freistaaten betreten haben, keinen Sinn mehr. Sie sind also im besten Fall nutzlos, und schon deshalb soll man sich von solchen fern halten.
- e) Für deutsche Auswanderungen nach den Tropenländern überhaupt, am wenigsten nach den von der romanischen Race und ihren farbigen Nachkommen occupirten Staaten ist keine Chance des Gedeihens; die Regel ist – Verderben. Der deutsche Kolonist geht in den Tropenländern unter, wie glänzend und lockend auch die Vortheile scheinen, welche den Ansiedlern von Regierungen, Kapitalisten, Spekulanten, Grundbesitzern und ihren Agenten geboten werden, um die Leichtgläubigkeit und Unwissenheit für ihre selbstsüchtigen Zwecke zu fangen. – Weniger gefährlich und mißlich ist die Auswanderung nach den gemäßigten Zonen Südamerika’s, z. B. den südlichsten Strichen Brasiliens, den La-Plata-Staaten und Chili. Anzurathen sind sie aber doch nicht, so lange die nördlichen Freistaaten der Union fähig sind, den Strom der deutschen Emigration ungetheilt aufzunehmen. Es ist aber Thatsache, daß das ganze deutsche Volk, wenn es auswandern wollte, Raum fünde zu seiner Niederlassung in den von der Natur gesegnetsten, gesundesten und fruchtbarsten Gebieten der mächtigen Republik, welche jedem Einwanderer den Mitgenuß einer erprobten und weisen Verfassung, des Glücks der Selbstregierung und der unverkümmerten Freiheit anbietet.
Ich habe mich gedrängt gefühlt, diese Erörterung einer Reihe von Schilderungen der amerikanischen Tropenländer vorauszuschicken, die wohl fähig seyn möchten, in manchem Auswanderungslustigen, der jetzt über die Frage, wohin? mit sich zu Rathe geht, die Vorstellung zu wecken, „hier, in diesen Paradiesen, möchte ich Hütten bauen!“ Das Gewand der Natur ist dort so überaus herrlich und reich – und der Lockvogel singen jetzt so viele!
Der San Juan del Norte, der größte Strom Mittelamerika’s, gießt die Gewässer des Managua- und Nicaragua-Sees in das atlantische Meer aus. Der schmale, nur 6 Meilen breite Landstreifen, welcher den [197] großen Ocean von dieser Wasserstraße trennt, soll von einem Kanal durchbrochen werden. Nach der Vollendung desselben wird der unermeßliche Verkehr zwischen West und Ost, zwischen Europa und Indien, China und Australien, zwischen den Emporien der östlichen Unionsstaaten und der amerikanischen Westküste, besonders Kalifornien, diesen Weg nehmen – die alten um das Cap Horn und das Vorgebirge der guten Hoffnung herum werden verlassen werden und der Welthandel eine Umgestaltung erfahren; Großstädte werden am Saume dieser neuen Straße für die Handelsflotten der Erde aufwachsen und wie durch den Schlag eines Zauberstabs die jetzt so stillen Ufer des Nicaragua mit den Bühnen des üppigsten Lebens sich bevölkern und Sitze des Reichthums sich erheben inmitten einer paradiesischen Natur.
Schon wird der San Juan, den bis zum Jahre 1852 nur die rohe, aus einem Baumstamm gezimmerte Pirogue des Indianers beschiffte, regelmäßig mit Dampfschiffen befahren, welche Reisende und Güter nach Granada am oberen Nicaraguasee bringen, von dem sie auf Saumthieren an einen der Häfen des stillen Meers gelangen. Der Verkehr zwischen San Francisco (Kalifornien) und den östlichen Hafen der Union (Neu-York etc.) ist auf dieser Route gegenwärtig ein geregelter geworden. Er wird häufig, wenn auch noch nicht so oft benutzt, als der ältere über den Isthmus zwischen Aspinwall-City (Chagres) und Panama, welchen eine Eisenbahn erleichtert und verkürzt. Bevor die Dampfschifffahrt auf dem San Juan und dem See aufkam, brauchte man zu einer Reise von der Mündung (der Stadt St. Juan) bis Granada 13 volle Tage; jetzt reichen anderthalb Tage aus. Es ist eine Entfernung von ungefähr 40 deutschen Meilen.
„Es gibt“, so erzählt Fröbel, „manchen hübschen und lieblichen Ort in der Welt, und manche Landschaft, die ein lebhaftes Interesse in Anspruch nimmt; – das wirklich Schöne, in seiner Art Harmonische, Vollendete, ist jedoch überall, und in allen Sphären des Lebens selten. Wo wir es sehen, macht es einen tiefen Eindruck auf die Seele; unser Wesen wird erweitert und gesteigert, und der Einfluß, den wir erleiden, ist ein bleibender. Die Natur erscheint uns in solchen Fällen wie ein Kunstwerk, so wie umgekehrt ein vollendetes Kunstwerk und den Eindruck einer geistvollen und gesteigerten Natur macht.
Ich werde nie einen Morgen vergessen, den ich auf dem San Juan erlebte. – Unser Pirogue hatte für die Nacht in der Mitte des Stromes Anker geworfen. Der Ort war einer der reichsten an wunderbarer Schönheit auf dieser ganzen Fahrt. Ein massenhafter, dicht zusammen gewachsener Baumschlag ruhte an beiden Ufern auf dem Wasserspiegel wie ein grüner, fast senkrechter Wall, und über demselben erhoben sich in mannichfaltigen Formen phantastische Baumgestalten, über welche noch der schlanke, schwankende Schaft einzelner Palmen mit zierlicher Federkrone emporstieg. Reiche Gehänge blühender Schlinggewächse, von denen es fast unmöglich war zu [198] glauben, daß sie nicht die Hand eines geschmackvollen und sinnigen Künstlers geordnet habe, senkten sich, hier schön geschwungene Guirlanden, dort blumige Wände bildend, von den Wipfeln und Zweigen herab bis auf das Wasser, von welchem die Spitzen in sanfter Biegung stromab gezogen wurden. Ich hatte einen Theil der Nacht wachend zugebracht und mich dem Eindruck der Scene überlassen. Sonderbare Baumformen stellten sich im Dunkeln gespensterhaft dar und sie schienen sich fortzubewegen, wie das Auge sich umsonst bemühte, ihre wahre Gestalt zu erkennen. Von Zeit zu Zeit hatte der Schlag eines Krokodils im Wasser, der Schrei eines Nachtvogels, das Gebrüll eines hungrigen Panthers, das Geheul anderer mir unbekannten Thiere im Walde, – fremdartige Laute für mein Ohr – die Stille unterbrochen. Zuletzt war ich eingeschlafen. Am Morgen wurde ich durch einen Gesang geweckt, welchen die Bootsleute an die heil. Jungfrau richteten. Die Töne drückten jenes tiefe religiöse Gefühl, jenen sehnsüchtigen Schmerz einer unglücklichen Kinderseele aus, der den Charakter einiger der einfachsten, aber ergreifendsten Melodien der katholischen Kirche bildet. Die nackten Männer saßen auf ihren Bänken, die Ruder in der Hand, der Patron am Steuer, zwei von ihnen im Begriff den kleinen Anker zu lichten, und alle bereit, das harte Tagewerk unter einer senkrechten Sonne zu beginnen. – Eben ging sie auf, die dunkeln glänzenden Blätter der nahen Bäume vergoldend; und wie ihre ersten Strahlen auf die bronzefarbenen Körper fielen und ihre athletischen und kräftigen Formen in scharfen Kontrasten hervorhoben, während die klagenden, bittenden Töne aus ihrem Munde drangen, erschien es mir, als ob sie, ohne es zu wissen, einen Zauberspruch sprächen, dessen unverstandene Macht ihre wilde Natur gebändigt. Plötzlich hallte der nämliche Gesang aus der Nachbarschaft wieder, und andere Stimmen in einiger Entfernung vereinigten sich mit denen unserer Mannschaft. Zwei andere Piroguen hatten, ohne von uns bemerkt zu werden, in einiger Entfernung hinter vorspringenden Laubmassen geankert, und ihre Mannschaften stimmten in die Hymne der unserigen ein.
Endlich verhallten die Töne in der paradiesischen Wildniß. Ein stilles Gebet – unser Anker wurde gehoben – und mit einem „Bï gará!“[1] wurden zwölf Ruder in Bewegung gesetzt. Die Sonne glänzte flimmernd in dem bewegten Wasser. Die Gipfel der Bäume standen von Licht umflossen. Affen kletterten in den Zweigen. Glänzende Lapa’s[2] flogen zu Paaren über den Fluß. Rundumher Heiterkeit, Glanz, Ueberfluß der Natur!
Nicht Eintönigkeit ist der Charakter der Scenerie des San Juan; die ganze Uferlandschaft ist ein beständiger Wechsel ursprünglicher Naturschönheiten. An drei oder vier Stellen sieht man eine Hütte, in der sich ein mit wenigen Bedürfnissen befriedigter Ansiedler aus dem oberen Lande, oder ein Holzbauer, welcher für die Dampfboote Brennmaterial schlägt, mit Weib und Kind niedergelassen hat. Dies sind die Kulturerscheinungen der jüngsten Zeit, welche man jedoch [199] im Vorüberfahren kaum bemerkt. Holzhauer, welche ich gesprochen, sagten mir, das Ufer sey durchaus gesund. Es war eine der Stellen im mittleren Laufe, wo es Hügel umsäumen. Zuweilen begegnet der Reisende einem kleinen Kanot mit zwei oder drei Melchora-Indianern, von denen einige Familien, vom Fischfang und der Jagd lebend, dem Flusse auf und ab ziehen. Ich sah zwei junge Männer dieses Stammes auf dem Wasser, beide von athletischem Körperbau, mit bronzefarbener Haut, langem, reichem und keinesweges straffem Haar, freiem, offenem und heiterem Gesicht, großen ausdrucksvollen Augen. Ein alter Mann dagegen, der das Steuer des Kanots führte, war finster, mißtrauisch und verschlossen. Der Eine von ihnen äußerte, sie seyen die letzten Ueberreste ihrer Familie; alle Anderen seyen gestorben. Die volltönende, starke, männliche Stimme der jungen Indianer hatte, wie ihr ganzes Benehmen, etwas Imponirendes.
Das Mündungsdelta des Flusses ist eine mit Palmen und Schilf bedeckte Niederung. Erst etwa 14 bis 15 Meilen von San Juan aufwärts beginnen die Ufer sich 10 bis 20 Fuß hoch über dem Wasserspiegel zu erheben. Die Sumpfpalmen verschwinden und es tritt die prachtvolle Vegetation auf, welche ich oben geschildert habe. Neun Meilen weiter aufwärts mündet der Serapiqui, und noch dreizehn Meilen weiter der Rio de San Carlos, beides bedeutende Nebenflüsse, die von Süden her aus den hohen Gebirgen von der Costa Rica kommen. Der erste bildet den einzigen Zugang, welchen dieser Staat von der Ostseite her hat. Kanots können ihn eine Strecke aufwärts befahren, bis zu der Stelle, wo einige Hütten stehen, die den Namen San Alfonso führen, und wo die Landreise über hohe, mit Urwald bedeckte Gebirge beginnt. Eine Gesellschaft deutscher Auswanderer, welche im vorigen Jahre, guten Rath in San Juan verschmähend, die Fahrt, diesem Nebenflusse hinauf, allein unternahm, ist auf derselben meist verhungert. Ein Mann, welcher Weib und Kind auf diese Weise verloren hatte, stürzte sich aus Verzweiflung und Wahnsinn in den Strom. Wenige kamen, und diese krank und elend, nach San Juan zurück.
Bei dem Rio de San Carlos treten waldige Hügel und Berge an den Fluß heran, etwas weiter aufwärts beginnt aber eine Reihe von Stromschnellen (Randales), welche der Schifffahrt ein großes Hinderniß in den Weg legen und die erst die Amerikaner mit der Kraft des Pulvers in neuester Zeit zu beseitigen versucht haben. Die erste Stromschnelle ist der Randal de Machuca. Er führt seinen Namen zum Andenken an Diego de Machuca, den ersten Europäer, welcher den Fluß befuhr. Die Spanier drangen nämlich von der Südsee aus in Nicaragua ein. Pedro Arias de Avila, der erste spanische Statthalter von Nicaragua, hatte im Jahr 1529 die beiden Seen im Innern durch Martin Estete untersuchen lassen. Man vermuthete eine Wasserverbindung beider Oceane. Diego de Machuca setzte diese Untersuchung fort und führte 200 Spanier am Ufer des Flusses hinab, von einigen [200] Booten begleitet, die den Weg auf dem Wasser machten, und von der Mündung aus folgte die kühne Schaar der Küste des karaibischen Meeres bis nach Nomgre de Dios, dem jetzigen Chagres. Auf den Randal de Machuca folgen die Randales del Mico, de los Valos, del Castillo Virjo del Toro und de la Vaca, über welchem letzteren die sogenannten todten Wasser – Aguas Muertas – beginnen. Dies ist der obere Lauf des Flusses, – ein stilles fischreiches Wasser mit niedrigen Ufern, auf denen von Neuem die Sumpfpalme auftritt.
Unter allen diesen Stromschnellen sind die von Machuca und die von Castillo Virjo die beiden bedeutendsten. Ueber die letzte können Boote, ohne am Ufer gezogen zu werden, nicht hinauf gelangen. Gewöhnlich werden sie unterhalb ausgeladen und nehmen oberhalb ihre Ladung wieder ein. Die Stelle ist sehr pittoresk. Der Strom schäumt über große Felsblöcke hin. Ueber ihm, auf steilem Hügel, liegt ein altes spanisches Kastell, feit 1780 verfallen. Bis hierher drang im genannten Jahre eine englische Truppenabtheilung unter Colonel Porson und nöthigte die spanische Besatzung zur Uebergabe, wobei Nelson seine erste Waffenthat verrichtete.
Hat man die Aguas Muertas zurückgelegt, so öffnet sich die Landschaft und die herrliche Wasserfläche des Nicaragua-Sees, von waldigen Gebirgen eingefaßt, breitet sich aus. Rechts, unmittelbar am Ausgange, liegt auf einem Hügel das Fort San Carlos, – jetzt das Zollhaus von Nicaragua für den Waaren-Eingang von Osten her, mit einer kleinen Militärstation und fünfzehn bis zwanzig Hütten. Der Blick von diesem Hügel ist wunderbar schön. Westwärts erheben sich, als Theil einer hohen Gebirgskette, die Vulkane von Costa Rica, – nordwestwärts, gleich kühnen Pyramiden, steigen aus den Fluthen die beiden hohen Kegelberge der kleinen Insel Ometepek, während in der Nähe niedrige bewaldete grüne Eilande aus dem Wasser tauchen.
Hier endigt unsere heutige Fahrt. Das Schicksal hat mich diese letzten Jahre über viel von der Welt sehen lassen; aber ich zweifle, irgendwo in so kleinem Raume einen größern Reichthum an Naturschönheiten wieder zu finden. Einen Ausflug auf den Nicaraguasee, in das Paradies von Granada – das nächste Mal!“ –