Kiel in Holstein

DCLVI. Auf dem St. Juan in Centralamerika Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCLVII. Kiel in Holstein
DCLVIII. Schleswig
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KIEL

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DCLVII. Kiel in Holstein.




Wir haben einen Blick in die Natur des amerikanischen Sonnenlandes gethan. Es that eine neue Welt sich vor uns auf. Wir ahneten das neue Leben, das sich in jenen Regionen entwickelt, und sahen gleichsam ein Stück von dem Schleier, welcher eine neue Zukunft des Menschengeschlechts verhüllt. Ihn lüftet keine Forscherhand der Gegenwart; aber die Zeichen spannen die Erwartung hoch. Ueberall ist ein heimliches Regen; ein stilles und doch gewaltiges Treiben; ein unaufhörliches Ineinanderschießen von Wärme und Licht; ein Hin und Widerstrahlen, ein Auf- und Abwogen, ein Gähren und Brüten, ein Heben und Sinken wie vom Athem der Zukunft. Die todten Massen der transatlantischen Kontinente beleben sich vor unsern Augen. Sie streifen ihre Hüllen ab, die schlummernden Kräfte erwachen, die gebundenen Triebe werden frei und die Länder von überschwenglicher Fruchtbarkeit und voll von Schätzen – sie öffnen ihre Pforten, um die Menschen der alten Welt zu empfangen. Die Nationen der alten Civilisation sind in Bewegung und Millionen bereiten sich vor, ihre Wohnsitze zu wechseln. Das scheinbare Hemmen und Niederhalten wirkt doch am Ende nur als Anstoß und Förderungsmittel für das raschere Entfalten des erregten Emigrationstriebs.

Die erwachte Lust der Menschen am Wechsel und Wandel, ihre unbezwingliche Sehnsucht nach befriedigendern und glücklichern Zuständen, der Verfall der Macht der Gewohnheit, der Muth zum Zerbrechen der alten Fesseln, die Wanderfreudigkeit, welche die Menschen ergriffen hat, und der Trieb, der hindrängt aus den alten Kontinenten und Reichen, sind die wichtigsten Faktoren dieser Zeit. Der Auswanderungstrieb ist für manches Volk die letzte rettende Kraft. Viele halten die alte Heimath nicht mehr des Streites werth; Gleichgültigkeit tritt mehr und mehr an die Stelle der Vaterlandsliebe; man trennt sich leichtern Sinnes von der Scholle, auf der man geboren ist, und dadurch wächst mit jedem Jahre der Menschenstrom aus der alten Welt nach der neuen im Westen. Die Strömung einzudämmen, ist eine Unmöglichkeit. Die Anziehungskräfte Amerika’s sind unüberwindlich geworden, und was jetzt die Macht erstrebt, um ihnen indirekt entgegen zu wirken, verfehlt seinen Zweck ganz und gar und macht nur das Uebel ärger, was sie heilen will. Groß gezogen an den Brüsten der Wissenschaft und des Nachdenkens, können die civilisirten Völker nicht mehr in magnetischen Schlaf versinken. Alle Experimente zu diesem Zweck müssen scheitern, und am wenigsten kann eine Lehre fruchten, welche [202] die Gottheit in geistiger Finsterniß zu suchen befiehlt und ihr mit Racheopfern statt mit Liebesopfern dient. Kopf und Herz der Mehrzahl sind solchen Lehren unzugänglich, und Verstand und Gemüth wenden sich von ihnen weg mit Abscheu.

Nirgends hat sich in unsern Tagen der Auswanderungstrieb rascher und gewaltiger entwickelt als in Schleswig-Holstein. Schleswig-Holstein! Ist’s doch, als wäre der Laut, bei dem die deutschen Herzen so warm und so rasch geschlagen, schon kein deutscher mehr! – –

Aber was quälen wir unsern Geist mit Zuständen, wo kein Fragen hilft und kein Klagen! Ist’s auch im Volksherzen traurig und dunkel geworden, so blieben Licht und Heiterkeit doch im Reiche der Natur, und in diesem Licht wollen wir auch das Land der Holstein-Schleswiger betrachten. –

Die von zweien Meeren, der Ost- und Nordsee, umschlungenen Herzogthümer Schleswig und Holstein sind wie die Küsten von Hannover, Oldenburg und Holland, einst von den Fluthen des Oceans bedeckt gewesen. Die Gewalten, welche von Zeit zu Zeit die Kruste des Erdballs verändern, indem sie Theile derselben aus der Tiefe an’s Sonnenlicht heben, andere aus diesem in die Nacht der Gewässer versenken, hoben auch jenes Land aus dem Meergrund. Als die Menschen kamen und sich auf dem Lande ansiedelten, war es eine weite Moor- und Sumpffläche, bedeckt mit Seen, durchzogen von schleichenden Flüssen. Haide und Torfgewächse, niedrige Birken und Kieferholzungen waren die Bilder seiner Vegetation. Es gehörte tausendjähriger ausdauernder Fleiß dazu, die Schlamm- und Moorbänke durch Eindeichungen und Gräben zu entwässern, als fruchtbares Feld dem Ackerbau zu erobern und es vor neuer Ueberfluthung zu sichern. So sind jene reichen Landstriche der Marschen entstanden, welche das Meer und die Flüsse an der Nord- und Ostsee in einer Ausdehnung von fast 100 Quadratmeilen umziehen und an deren Ränder Reichthum und Wohlhabenheit, in etwa 80 Städten und Flecken und mehren tausend Gehöften, ihre Wohnsitze aufschlugen.

Diese Marschen bilden eine besondere Welt für sich. Schon ihr Aeußeres zeigt sie als eine solche. Da die Marsch ein Niederschlag aus dem Wasser ist, so ist sie vollkommen flach und scheidet sich daher scharf von dem hügeligen Sandboden (dem alten Meergrund), der ihr, wie dem Fleisch die Rippe, zum Halt dient. Die Marschbewohner nennen dieses wellige Sandland die „Geest“ oder „Gast“. „Geest“ und „Marsch“ sind in den Vorstellungen der Friesen und Holsten immer Gegensätze und ein rechter Marschbewohner glaubt wohl gar, das feste Land überhaupt bestehe aus Marsch und Geest. Die Marsch ist niedrig, eben: die Geest uneben; jene ist überaus fruchtbar; diese ist es in viel minderem Grade: die Marsch ist baumlos; die Wälder der Friesen und Holsten sind nur in der Geest zu finden: in der Marsch ist jede Handbreit Boden angebaut und Privateigenthum; in der Geest sind große Strecken ohne Kultur, Haide oder Moorland, und Gemeingut der Städte und Kirchspiele: die [203] Marsch ist von schnurgeraden Deichen und Kanälen durchzogen, ohne lebendige Brunnen; in der Geest bedarf es jener Anstalten nicht, denn dort rieseln die Bäche und Quellen. Die Straßen und Wege der Marsch sind bei trockenem Wetter vortrefflich; sobald aber anhaltender Regen eintritt, wird sie zu Roß und Wagen unpassirbar. Alle Wege lösen sich dann in einen so tiefen, klebrigen Schlamm auf, daß aller Verkehr von Ort zu Ort aufhören muß. Es ist dann nicht besser in diesen gesegneten Gegenden Norddeutschlands als in den russischen und ungarischen Marschen am Don, Dniepr und der Theiß, oder an der untern Donau, in Bessarabien und der Moldau.

Ganz Holstein und so weit die deutsche Zunge in Schleswig reicht, ist Marsch und Geest. Von der jütischen Grenze ab nordwärts nimmt aber die Bodenbeschaffenheit einen andern, mehr steppenartigen Charakter an. Damit tritt zugleich das dänische Volkselement überwiegend hervor.

Holstein, der Sitz uralter deutscher Kultur, hat die reichsten Marschen, und auf großen Strichen des Landes gibt der Ackerbau, bei der sorgfältigsten Bewirthschaftung, größere Erträgnisse als irgendwo in Europa. Zunächst der Flüsse bedecken unabsehbare Wiesenfluren mit dem fettesten Graswuchs das Land, auf denen die Heerden jener kolossalen Rinder weiden, welche auf dem londoner Markte der beständige Neid des englischen Züchters sind; und wie die Heerden, so sind auch die Wohnungen der Menschen weit und breit zerstreut, und jedes Gehöft gibt, inmitten der Fruchtfelder und Weiden gelegen, einen heitern und schönen Anblick. Die Wohnungen sind, um Trockenheit für dieselben zu erlangen, auf künstlich aufgeworfenen kleinen Hügeln erbaut (Wurten oder Warten genannt), so daß jeder Bauer aus seiner Stube schon die ganze Fläche seines Besitzes übersehen kann. Das angelsächsische Sprüchwort: my house is my castle (mein Haus ist meine Burg) wird im Lande der Friesen und Angeln buchstäblich wahr. Die Häuser ragen von ihren Hügeln wie Burgen hervor und man sieht sie in der Fläche oft auf die Entfernung von mehren Stunden.

An den Böschungen dieser Wurten wird alles gebaut, was der Friese und Holste vor der Nässe und Ueberschwemmung bewahren muß. Sie sind sein Garten. Hier und da steht auch ein schattender Obststamm auf dem trockenen Boden mit Bank und Tisch unter seinem Laubdach. Sonst sieht man weder Busch noch Baum. Die Häuser sind einstöckig, mit hohen Ziegeldächern; und über jeder Hausthür ist ein, die Hausbewohner vor den Sonnenstrahlen schützender Vorsprung oder Bogen, blendend weiß angestrichen, schon von weitem einladend und gastlich. In jedem Thürpfosten sind starte Haken eingeschlagen und eiserne Ringe, um Pferde daran zu binden; denn die Marschbewohner machen den Nachbarn ihre Besuche am liebsten zu Pferde. Selbst die Weiber reiten; – der Mann nimmt sie hinter sich auf den Gaul, wie der amerikanische Ansiedler im fernen Westen. Alle Marschländereien sind mit tiefen Gräben umzogen, um durch Kanäle und Schleusen das überflüssige [204] flüssige Wasser dem Meere zuzuführen. Im Herbst und Frühjahr sind sie voll – und dann ist jeder Acker eine Insel, zu der ein Bret als Steg führt. Im Sommer aber sind die Gräben trocken und mit üppigem Grün überzogen. Dann sieht man überall die Rinder in denselben grasen.

Ich habe schon an einer früheren Stelle meines Buchs das Volk dieses Landstriches geschildert. Es ist der alte Heldenstamm der Friesen und Angelsachsen, welcher in den Enkeln seiner Ahnen, die England eroberten, jetzt die halbe Erde beherrscht. Und dieses Volk, der Stolz und die Kraft der deutschen Nation, geißelt der Däne, weil es sein Recht nicht lassen will und sein Volksthum nicht ändern mag, wie ein Schuft seinen Glauben, – wie ein Höfling sein Kleid.

Kiel ist der Mittelpunkt und der Träger des geistigen und materiellen Lebens Holsteins. In herrlicher Lage, an einer tiefen, weit in das Land hineintretenden Bucht der Ostsee, wo der Eider-Kanal mündet, und von der Seeseite her durch die Veste Friedrichsort vor jedem Handstreich geschützt, in einer reizenden und fruchtbaren Landschaft, ist die Stadt an Größe, Handelsthätigkeit und Wohlstand bis auf die neueste Zeit stätig fortgewachsen, und seitdem die Eisenbahnverbindungen mit der Nordsee und der Elbe ihr frische Hülfsquellen zuführten, ist der Aufschwung des Kieler Verkehrs so groß geworden, daß er die Eifersucht Hamburgs, Altona’s und Lübecks erregte und alle übrigen deutschen Ostseehäfen, Stettin nicht ausgenommen, überflügelte. Seit 20 Jahren hat sich die Bevölkerung Kiels von 8000 auf 16,000 vermehrt; die Frequenz des Hafens stieg auf fast das Dreifache (von 1300 Fahrzeugen auf 3200) und in gleichem Verhältniß wuchsen Ein- und Ausfuhr bis zum Jahre 1848. Dieses war der Wendepunkt. Die deutsche Revolution, riß auch Holstein mit in’s Verderben, und steckte dem Erblühen Kiels ein Ziel. Kiel, das im Kampfe gegen die Unterdrückung des holsteinischen Rechts und deutschen Volksthums die größten Opfer am bereitwilligsten und freudigsten brachte, blutete an den Wunden des Kriegs auch am heftigsten, und muß die Züchtigung des erzürnten Herrn am härtesten fühlen. Der Handel Kiels hob sich wenig nach wiederhergestelltem Frieden. Er hat, wie die Herzen, unheilbare Schläge empfangen, und sollte Dänemark die Zollgrenze von der Eider an die Elbe rücken und dadurch Holsteins kommercielle Verbindungen mit Deutschland mindern, so ist, so lange ein solches Verhältniß dauern wird, an ein Wiederaufkommen Kiels nicht zu denken.

Die geistige Kraft der deutschen Nationalität in Schleswig und Holstein hatte in der Kieler Universität ihre festeste Grundlage. Von dort wurde der Kampf gegen die andrängende Dänisirung der Herzogthümer beharrlich, nachdrücklich und erfolgreich geführt und von da aus gingen die Drähte über das Land, die mit einem Male das ganze Volk zum Kampf erhoben, als keine andere Weise der Vertheidigung des deutschen Volksthums gegen die Wucht des Dänendrucks mehr übrig war. Das hat der Däne nicht vergessen und er gebrauchte [205] sein Stärker- und Siegerrecht, als er der Universität an’s Leben griff und die Männer, welche ihren Ruf begründet hatten und der Wissenschaft Stolz waren, von den Lehrstühlen vertrieb oder sie verbannte. Nach dem Verlust ihrer besten Lehrer ist Kiel kaum noch von anderthalbhundert Studirenden besucht, und in dieser Zeit, wo die Gewalt Alles wagen darf, könnte es nicht verwundern, wenn man die Hochschule ganz aufhöbe, um damit den Lebensnerv der deutschen Bildung in den Herzogthümern zu zerhauen.

Die Stadt ist schön gebaut, und die reizende Umgebung, der gebildete, großstädtische Ton, der hier herrscht, das durch Handel und Gewerbe, Reichthum und Unternehmungsgeist erregte rührige Leben und die Leichtigkeit der Kommunikationen nach allen Richtungen durch Eisenbahnen und Dampfschifffahrt, machten Kiel stets zu einem Sammelplatz des holsteinischen Adels und zum Mittelpunkt der höheren Gesellschaft, des Vergnügens und des feineren Lebensgenusses. Der Herzog von Holstein-Glücksburg, der, reich begütert, sich an der Stelle des alten abgebrannten Schlosses in Kiel eine prachtvolle Fürstenburg erbaute, gab in diesen Kreisen den Ton an und wurde die Spitze der deutschen Opposition gegen die Dänisirung des Landes. Auch das ist nun anders. Die herzogliche Familie ist nicht viel besser daran, als die Andern, auf welchen die volle Wucht des Siegerarmes lastet.