Schleswig (Meyer’s Universum)
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SCHLESWIG
Schleswig, die Hauptstadt des Herzogthums, gruppirt in malerischer Weise seine Häusermassen um das Ende der Schley, einer schmalen Bucht der Ostsee, welche sich, von Hügeln umkränzt, tief in das fruchtbare Land hinein windet. Die ganze Stadt bildet eigentlich nur eine über eine Stunde lange Straße, welche die Bucht umzieht und deren dem Meere zugekehrte Häuserfronten schöne Aussichten beherrschen. Die Stadt hatte vor der Revolution 14,000 Einwohner; ihre Zahl ist seitdem unter dem schweren Druck der Dänen im Abnehmen. Handel und Verkehr können dem Ort auch nicht aufhelfen; denn die Schley hat nur für kleine Küstenfahrzeuge hinlängliche Tiefe und legt dem Großhandel unübersteigliche Hindernisse in den Weg. Die ehemalige Blüthe Schleswigs (das im Mittelalter über 40,000 Einwohner hatte) welkte nach der Plünderung des Hafens im Jahre 1155, und Pest und Brand brachten später die Stadt bis auf 6000 Einwohner herab. Jetzt ist Schleswig eine Beamtenstadt geworden, in der die höchsten Behörden der Provinzialverwaltung versammelt sind. Darum ist sie auch von der Gunst oder Ungunst der Regierung abhängiger als andere Orte.
[206] Schleswigs Inneres, die vielen großen und massiven Gebäude aus alter Zeit – wir nennen das alte Herzogsschloß Gottorp mit seinen Gräben, Wällen und Mauern, das Rathhaus, den ehrwürdigen Dom, das Gymnasium, die Hospitäler, das Zucht-, das Waisen- und das Irrenhaus – hat ein oft recht pittoreskes Ansehen, das mit dem Charakter seiner Umgebung gut harmonirt. Aber Leben und Ton in Schleswig sind weit weniger angenehm und ungezwungen, als in Kiel. Kastengeist und politischer Zwiespalt halten die Menschen geschieden und setzen der Geselligkeit engere Schranken.
Vor der Stadt ist das Danewerk – ein gewaltiger, 30–40 Fuß hoher und 4 Stunden langer Wall, – der vor 1000 Jahren von den Dänen aufgerichtet wurde, um sich gegen die andrängenden Deutschen zu schützen. Jetzt setzt der Däne keck seinen Schlagbaum an die Elbe, lehrt dänisch in deutschen Schulen und läßt das Evangelium den Angeln und Friesen in dänischer Sprache verkündigen.