Dher-Warrah

DCLIII. Staaten-Island bei New-York Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCLIV. Dher-Warrah
DCLV. Heilbronn
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DETTER WARRA
(Caves of Ellora in Indien)

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DCLIV. Dher-Warrah.




Die Kunst ist eine Tochter ihrer Zeit und jedes ächte Kunstwerk ist das Porträt der Bildungsstufe des Volks, aus dem es hervorging, des Geschmacks, der Empfindung und der Phantasie, welche bei seiner Hervorbringung thätig waren. Darum hat jedes Kunstwerk nur sich selbst, d. h. seiner Zeit Rechnung zu tragen, es hat seine eigene Schönheitsregel und ist keiner andern unterworfen.

Wie die Kultur des Menschengeschlechts überhaupt eine Menge Entwickelungsstufen von den rohesten Anfängen bis zur Gegenwart überschreiten mußte, wie sie im Laufe der Jahrtausende bald im raschen Fortgange begriffen war, bald stagnirend stille stand, bald wie die ebbende Woge weit zurückschritt, gleichsam, um einen neuen Anlauf zu gewinnen für den weitern Fortschritt: – so hat auch die Baukunst eine Menge Entwickelungsperioden durchlaufen. Die Formen dieser Entwickelung waren bei den verschiedenen Völkern und in den verschiedenen Zeiten nothwendig verschieden. Sie waren bedingt durch Klima und Bedürfnisse, Denk- und Vorstellungsweisen, durch Sitten und Gebräuche. So bildeten sich die verschiedenen Architekturstyle, welche mehr oder minder in dem jeweiligen Volksleben wurzeln.

Die Urgeschichte der Architektur hüllt sich, wie die aller andern Künste, in Dunkelheit. Das rohe Bedürfniß der Wohnung war ihre Mutter. Der Mensch sah den Biber Hütten bauen, er sah den Löwen oder den Bär in Höhlen Obdach suchen und seinen Haushalt einrichten: und er baute sich auch Hütten, oder grub sich Höhlen aus. Das Blockhaus des amerikanischen Hinterwäldners, die Erdhütte des Eskimo sind die architektonischen Urtypen, die bis in die Sagenzeit des Menschengeschlechts reichen.

Es ist fruchtlos, zu diesen ersten Zeiten hinabzusteigen; denn diese rohen Anfänge waren zu vergänglich, um der spätern Forschung ihre Spuren zurückzulassen. Erst als ein Motiv für die Errichtung dauernder Bauwerke vorhanden war, als die monumentale Architektur durch die erhabenen Vorstellungen der Religion und durch die Bedürfnisse des Kultus ins Daseyn gerufen worden, konnten Werke entstehen, die im Stande waren noch künftigen Jahrtausenden Zeugniß zu geben von den Kulturzuständen und Vorstellungen von Völkern, deren Staub verweht ist.

[188] In Indien, als der anerkannten Wiege des Menschengeschlechts und der ältesten Kultur, ist der Schauplatz, wo die ersten, bleibenden Denkmäler der Baukunst ins Leben gerufen wurden und sich noch vorfinden. Was wir dort sehen, das sehen wir, mit zwar veränderten Formen, welche die veränderten Ortsverhältnisse bedingten, in Aegypten und allen den Ländern wieder, wohin sich die indischen Argonautenzüge erobernd und kultivirend, kolonisirend oder Staaten gründend richteten. Unverkennbar ist die Stammverwandtschaft in den ältesten Monumenten Aegyptens mit denen des indischen Sonnenlandes. Thebens ewige Tempelbauten und die Necropolen seiner Könige erinnern an die ältesten Monumente Asiens, und in den Formen der Grabdenkmäler der Küste von Coromandel erkennen wir Verwandte der Pyramiden. – Der Charakter der altindischen Bauwerke, welche fast ohne Ausnahme den religiösen Kultus zum Motiv haben, zeugt von einer gewaltigen Größe der Konception unter dem Einfluß einer regen Phantasie und eines begeisterten Gefühls, das, den Banden des berechnenden Verstandes fremd, ins Formlose hinüberschweift. In Indien, wie später in Aegypten, war die Priesterschaft Jahrtausende lang ausschließlich die Trägerin der Kultur. Die Tempel der Götter sollten Ehrfurcht und zugleich Grauen erwecken. Ihre Formen mußten folglich den rohen Völkern imponiren und zu der Religionslehre passen, welche die Nationen dem eisernen Joch des Cultus willenlos unterwarf und sie in die Fesseln der Priester schmiedete.

Die reichgestaltige Götterlehre der Hindus, einer Welt religiöser Sagen und Mährchen, kam jener phantastischen, barocken Richtung der Baukunft zu Statten. Die ganze geistige Existenz des Hindu dreht sich beständig im Reiche der Phantasie; das Nächste und Gewöhnliche sieht er im Lichte des Wunderbaren; seine eigene Geschichte verschwimmt vor seinem Auge und löst sich in Sagen auf. So war es bei diesem Volke vom ersten Anfang an. Darum ist seine Baukunst, obschon sie sich nicht mehr zu den gewaltigen Konceptionen der alten Zeiten erheben kann, auch jetzt noch ein Aufeinanderhäufen von phantastischen Formen, und die Betrachtung derselben endigt, so sehr man auch Einzelnes bewundern mag, mit dem Eindruck der Verwirrung.

Unter den ältesten indischen Baudenkmälern stehen die unterirdischen Tempelbauten im Dekan, vorzugsweise in der Gegend von Bombai, in der vordersten Reihe. Sie sind mit unbegreiflicher Mühe in den Felsen des Porphyrgebirge gehauen und bilden unterirdische Grotten von oft ungeheurer Größe – Säle von verschiedener Höhe, Länge und Breite, öfters viele mit einander verbunden, seltener ein einziger gesonderter Raum. Die ausgehauenen, meistens mit Verzierungen geschmückten Decken werden stets von 2 Reihen Säulen getragen, die gewöhnlich Thier- oder Menschengestalten vorstellen oder sonst verzierte Formen haben und zu einer Estrade am Ende des Raumes, dem Sanktuarium führen, an dessen Rückwand die Gestalten der Götter aus dem Fels gemeißelt und in Relief abgebildet sind. Die berühmtesten Monumente dieser Art sind die Höhlentempel von Elephanta, von Carli, auf der Insel Salfette und bei Ellora. Hier ist der Dher-Warrah einer der besterhaltenen, [189] welcher den Braminen noch zum Cultus dient. Der im Bilde dargestellte Hauptsaal ist über 100 Fuß lang, 40 Fuß breit und die auf beiden Seiten an den Säulen hinlaufenden Bänke oder Stufen dienten dem Volke als Sitze. Die Zeit seiner Erbauung verliert sich in die Sagenzeit; die braminische Chronologie rückt sie in das 6. Jahrtausend vor Christo; die neuere Forschung gibt jedoch allen Höhlentempeln bei Ellora einen jüngern Datum und läßt sie etwa 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstehen. Sonst sind die Außenwände dieser Tempel vielfach mit Götterbildern und Ornamenten verziert und manche haben Vorhöfe mit frei aus dem Fels gehauenen colossalen Elephantenfiguren und Denkpfeilern, die mit geschichtlichen Darstellungen überfüllt sind.

Der Eindruck, den diese gewaltigen Denkmäler auf den gebildeten Europäer zurücklassen, ist mehr grauenhaft als angenehm. Uns beengt in diesen unterirdischen Räumen, dem Produkt der mühseligsten Menschenarbeit, das Gefühl des Bedauerns und unsere Vernunft wendet sich mit Widerwillen ab von den abscheulichen Darstellungen der Gottheit, die zwar unser Verstand zu enträthseln sucht, aber unser geläuterter Begriff abgeschmackt findet. Kämpft auch unsere Phantasie mit den ungeschlachten Bildern, so geschieht es nicht mit unsterblichen, sondern mit irdischen Waffen. Unser Gedanke kann nicht heruntersteigen zu den Motiven dieser Bilder ohne Ekel und ohne Mitleid und wir eilen hinaus, wie wir hinein getreten sind, mit dem Gefühl des Grauens, um unsern Geist wieder zu erfrischen am Tageslicht und ihn aufzurichten zu Gott an der großen, hohen, herrlichen Natur.