Staaten-Island bei New-York

DCLII. San Francisco in Kalifornien Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCLIII. Staaten-Island bei New-York
DCLIV. Dher-Warrah
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STAATEN-ISLAND
bei NewYork.

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DCLIII. Staaten-Island bei New-York.




Düsterer Urwald warf seine Schatten auf einen Boden unerschöpflicher, unbenutzter Fruchtbarkeit. Tausendjährige Eichen und riesige Ahornbäume spiegelten ihr Bild in dem Hudson und aus der sumpfigen Niederung an seiner Mündung hoben die dunkelgrünen Kiefern ihre breiten Kronen und die Weißtannen ihre gefiederten Gipfel. Keine Axt hatte noch das Dickicht gelichtet und ein gewaltsames Verkürzen des Pflanzenlebens war nur im Kampfe der verschiedenen Gewächse um Selbsterhaltung möglich. Die hochaufgeschossenen Stämme, von rankenden Sträuchern umarmt, von Schlingpflanzen erdrosselt, von einer zudringlichen jugendlichen Nachkommenschaft beengt, starben ab; aber lange nach dem Tode kleidete sie noch das Gewand des frischen Lebens. Epheu, Winden, Hopfen, Brombeeren und andere kletternde und rankende Pflanzen wanden sich um Stamm und Aeste und Parasiten nisteten auf jedem Zweige. Sie deckten die Leiche mit ihrem Grün zu und der wilde Wein band mit seinen Stricken den abgestorbenen Baum an den lebendigen fest und erhielt ihn dadurch aufrecht. In den prächtigen Blätterkuppeln der Waldfürsten hingen die grüne und die rothe Traube zur Speise für die Vögel, und [185] unten weideten Bison und Hirsch, und sprangen das Reh und der Hase, und in dem Gebüsch schlüpften die bunten Eidechsen und Schlangen, und die Schaaren von Schmetterlingen und Cikaden und Libellen gaukelten um das Laub der Sträucher oder naschten an ihren Blüthen und an den Blumen der Staudengewächse, welche jede offene Stelle im Urwald schmückten. Dieser Wildniß Kind und zugleich unumschränkter Herr war der rothhäutige Mensch. In schwache Indianerstämme gespalten, hatte er seine Hütten aus Büffelhaut oder von Baumzweigen gruppenweise am Ufer des Meers oder des Flusses, oder in versteckten Waldwinkeln aufgeschlagen. Unstät wanderte er umher von einem Jagdgebiet zum andern; und die Frau, des Mannes Sklavin, zog ihm mit den Kindern nach. Die Natur war wie im Paradiese; des Menschen Herrschaft über sie war noch keine drückende; aber der Friede des goldnen Zeitalters wohnte nicht auf diesem Stück Erde. Tödtlicher Haß trennte die Stämme und Horden der Indianer und der Haß erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht. Krieg und Fehde endeten niemals; die Gefahr folgte dem Menschen auf jedem Schritt, er mußte beständig auf der Hut seyn, oder auf der Lauer, die Freude des ruhigen Genusses und das Gefühl der Sicherheit waren ihm unbekannt. Schlau und listig, grausam und todtverachtend, rachsüchtig und tapfer, zu jeder Anstrengung wie zu jeder Entbehrung fähig und aufgelegt, war der Mensch gleichsam das reißendste unter den wilden Thieren des Urwalds; und auch seine Neigungen und Bedürfnisse waren den ihrigen gleich. Dem Judianer war die Jagd seine einzige Lust und sie gab ihm seine einzige Nahrung. Er verschmähte es, Früchte und Pflanzen zu genießen. Sein Gesetz war des Stammes Gewohnheit, sein Recht des Armes Stärke, sein Kultus die Verehrung der Naturkräfte, die Furcht war sein Gebet. Der Donner war die Stimme, der Blitz, welcher die Eichen des Waldes niederschmetterte, war die Hand des großen Geistes. –

Also waren des Hudsons Ufer beschaffen und die Menschen, die es bewohnten, als vor 250 Jahren eine Gesellschaft vertriebener Calvinisten aus Holland an dieser Küste landete, um sich eine neue Heimath und der Gewissensfreiheit ein Asyl zu gründen. Die Flüchtlinge errichteten auf Staaten-Island (dem sie den Namen gaben) eine kleine Faktorei für den Tauschhandel mit den Rothhäuten, und gegenüber, auf der Spitze des Hudsondelta, erbauten sie ein Dutzend Blockhäuser mit einem hölzernen Kirchlein und nannten die Niederlassung Neu-Amsterdam.

Dritthalb Jahrhunderte sind seitdem vergangen. Wie klein ist diese Spanne Zeit und wie groß ist die Verwandlung! Was ist aus jenem morastigen Eiland im Hudsondelta und aus seinem Walde geworden, in dem das Geheul des Wolfs und des Bärs widerhallte? Das Paradies von Neu England, in dem die lachenden Bilder der Gesittung in allen Farben glühen und der Reichthum und der Luxus der nahen Weltstadt Feste feiert das ganze Jahr. Die Insel ist ein Garten; Villen prangen auf jedem Hügel, und in jedem Thal und in jedem Gründchen ist das Leben der feinen Weit in anmuthigen Cottages versteckt, umgeben von freundlichen [186] und geschmackvollen Gartenanlagen, wo sich die schönsten Kinder der Flora aus allen Welttheilen versammelt haben. Breite Fahrwege zwischen den sammtnen Greens und den wohlgepflegten Pflanzungen, oder am Saum der Parks entlang, durchkreuzen die Insel in allen Richtungen. Die Jagdlust der reichen New-Yorker, welche in Staaten-Island die fashionable Villeggiatur genießen, hat Wildgehege angelegt, und wo der Bär den Rothhäuter schreckte, weidet jetzt das gefleckte Reh oder der braune Hirsch rudelweise und ohne Scheu vor dem Menschen. Der wilde Dornbusch hat dem Rosenparterre Platz gemacht und das hohe Schilf des Sumpfs der gefiederten Krone des Dattelbaums im Palmenhaus. Wunderbare Verwandlung! Und wir fragen: Wer war ihr Meister? Der Mensch, ist die Antwort; sein „Werde!“ war das Zauberwort. Auf sein Gebot bedeckte sich das niedrige Delta des Hudson mit der größten und herrlichsten Stadt der neuen Welt; auf sein Geheiß sammelten sich dort die Kaufleute aller Nationen; auf sein Geheiß segelten die Schiffe der Erde dahin; auf sein Geheiß suchen die Eisenstraßen und Kanäle den Hudson auf wie ihren Mittelpunkt, und kommen daher tausende von Meilen weit; auf sein Geheiß schwingt sich im Augenwinken der Gedanke an dem leitenden Drahte von Ocean zu Ocean; auf sein Geheiß schichten der harte Granit und der weiße Marmor Paläste auf; auf sein Geheiß flößt das Binnenland seine Wälder zu den Werften der Metropole, damit sie, als Flotten, die Meere befahren und beherrschen; auf sein Geheiß schicken die Länder der ganzen Erde die Erzeugnisse ihrer Natur, ihrer Gewerbe und ihrer Künste an den Hudson zu Markt; auf sein Geheiß entsendet die Wissenschaft ihre Schätze dahin, nicht um aufgespeichert zu werden in staubigen Bibliotheken, sondern um Frucht zu tragen dem Leben durch den Unterricht in tausend Schulen und in Anstalten, welche nützliche Kenntnisse zum Gemeingut Aller machen. Wo einst der Mensch im thierähnlichen Naturzustande hausete, da hat jetzt die höchste Verfeinerung des Lebens ihre Heimath gefunden und wo der rohe Wille eines Einzigen im Gebiet seiner Gewaltherrschaft über Leben und Tod seiner Nebenmenschen verfügte, da thront die höchste Blüthe der Gesittung und des Rechts, die bürgerliche Selbstregierung, wahrend und schützend den Frieden, das Eigenthum und die Freiheit des Größten wie des Kleinsten; und wo einst nichts gegolten hat als die stärkere List und der stärkere Arm, die Keule und der Tomahak, da wehrt die öffentliche Meinung mit Allmacht jedem Angriff, jedem feindlichen Gelüst des Stärkern gegen den Schwächern, des Reichen gegen den Armen, der Ungerechtigkeit gegen das Recht durch tausend unabhängige Organe, und ihrem Dienste sich hinzugeben hält jedes hervorragende Talent, jeder hohe Charakter, jeder reiche Geist und jedes Genie für die höchste Ehre. Und der Mensch, der das gethan hat, der Zauberer, auf dessen Gebot diese Wunder geschehen sind, – ist nicht der Mensch mit einer Krone, nicht der Mensch mit einem Stern, nicht der Mensch in einer Livree: – es ist der freie Bürger.