San Francisco in Kalifornien

DCLI. Der Reichenbach und das Wellhorn in der Schweiz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band (1850) von Joseph Meyer
DCLII. San Francisco in Kalifornien
DCLIII. Staaten-Island bei New-York
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SAN FRANCISCO

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DCLII. San Francisco in Kalifornien.




 

Was treibt den Mann mit ungestümem Drang,
Sich in des Mühsals fernstes Land zu wagen,
Vor keinem Fels, vor keinem Sturm zu zagen,
Bis er das Ziel der Leidenschaft errang?
Er sucht das Gold. – Verblendeter! Du suchst
Was, wenn Du’s hast, Du einst vielleicht verfluchst. –

Endlich war alle todte und lebendige Fracht an Bord und des Dampfers Riesenleib setzte sich in Bewegung. Ein Remorqueur half uns aus dem Hafen und nach wenigen Minuten peitschten unsere Schaufelräder die Wogen des großen Oceans. Die Kanonen donnerten unser Valet, als wir den Fels des Kastells von Panama passirten und weithin hallten die Erwiederungs-Grüße in den hohen Gebirgen. Ueber den tausend Zurüstungen und dem Wirrsal bei der Einschiffung war es Abend geworden. Schneller und immer schneller eilte die rothglühende Sonne dem Meere zu. Als sie den heißen Kuß auf die Lippen der kalten Wasserbraut drückte, da schüttelte diese die goldschimmernden Wogenlocken und Himmel und Meer erglänzten in unbeschreiblicher Herrlichkeit, bis die Abendnebel aus den Fluthen stiegen und die Dämmerung ihren grauen Schleier über die Scene breitete. Zu unförmlichen Massen schmolz nun die Küstenlandschaft zusammen. Nur die Spitzen und Hörner der Cordilleren und einige Gipfel ferner Vulkane erfreuten sich noch des Tages. So sonnen sich die großen, höhern Menschen oft noch im späten Alter im warmen Geisteslicht, während für die niedern Naturen schon lange die Seelennacht anbrach.

Unsere Schiffsgesellschaft bestand aus fast 600 Passagieren. Sie war eine Musterkarte aller Völker. Alle diese Menschen hatten nichts mit einander gemein als das Ziel: Kalifornien und den Reisetrieb: Golddurst. So lange es Tag blieb, summte es auf dem Deck wie auf der Börse in London oder New York. Man hörte alle Sprachen. Mit dem Einbruch der Nacht verödete es allmählig; bloß einige Gruppen blieben zurück, in den Genuß des herrlichen Abends versunken. Das Rauschen der von den rastlosen Schlägen der Schaufeln gepeitschten Wogen dröhnte durch die Stille. Die langhin wallenden Rauchfahnen aus den beiden Schlöten vereinigten sich über den Wassern, bis sie in den weißgrauen Nebeln verschwammen. Die Matrosen, kecke, braune, ausgewetterte [172] Gestalten, hüllten sich in ihre wollenen Decken und warfen sich, des Commando’s stets gewärtig, zum kurzen Schlummer auf die gerollten Taue; aus der Küche aber schallte ein lustiges Lied, zuweilen von Gelächter unterbrochen. Endlich erlosch auch der letzte Gipfel der Cordilleren. Ein kühler Ostwind strich von dem Hochgebirg herüber, die Wogen kräuselten sich und spritzten ihren Gischt manchmal auf’s Deck. Es wurde feucht und frostig und Alle eilten nach den innern Räumen, um die Schlafstellen aufzusuchen. Keine leichte Aufgabe! Jeder Passagier hatte seine Nummer empfangen: aber Mancher schnarchte in unrechtmäßigem Besitzthum, und die Regulirung aller Ansprüche gab zu den drolligsten Scenen und den lächerlichsten Entschuldigungen Anlaß. Die See ging hoch. Das Schwanken des Schiffs vermehrte sich von Augenblick zu Augenblick, und es entstand unter den allerwärts aufgestapelten Koffern, Schachteln und Nachtsäcken eine Revolution. Die vierfach über einander geschichteten Schläfer krochen, durch den Lärm aufgestört, aus ihren Schubfächern, um nach ihren Habseligkeiten zu sehen, und bald glich unsere Kajüte einem Pandämonium. Unverständliche Drohungen und Flüche schwirrten durch den matt erleuchteten Saal. Dort war ein Yankee mit einem leipziger Doktor, hier ein Kreole aus Valparaiso mit ein Paar heißblütigen Spaniern aus Lima in Streit und ein vierschrötiger Holländer saß auf seinem Nachtsack neben zwei Franzosen, die, von der Seekrankheit jämmerlich geplagt, sich auf seine breiten Schultern stützten. Endlich ließ zum Trost Aller der Wind nach, der Gang des Dampfers wurde stätiger, und die leichenbleichen Nachtwandler verkrochen sich wieder stöhnend und ächzend in ihre Repositorien. Andere aber, der katzjammernden Dünste und Laute müde, suchten die Treppe und erklommen das Verdeck.

Mitternacht war vorüber. Im Osten umzogen die ersten Lichtstreifen den Horizont, und das funkelnde Licht der Gestirne ließ die Gipfel des Küsten-Gebirgs in schwachen Umrissen erkennen. Dann und wann führte der Ostwind das ferne Tosen der Brandung an unser Ohr und mengte es mit dem Rauschen der Räder, dem unheimlichen Gesumse in den Räumen unter unsern Füßen und dem Stöhnen unserer Maschinen. – Der Cours des Schiffs war beständig nordwärts. „Wir werden die mexikanische Küste vor Mittag im Angesicht haben“, sagte der Steuermann, und als es Tag wurde, konnte schon das bewaffnete Auge die schroffen Wände der Vorgebirge im Süden der Bay von Tehuantepec unterscheiden. Vor der Küste ragten grotesk geformte dunkle Felsenmassen auf und tief landeinwärts guckten aus der schwankenden Dämmerung die Riesengipfel, welche die Grenzmarken von Mittelamerika hüten.

Die Küste von Mittelamerika zeigt in dieser Breite bald hohe, kahle, kegelförmige Berge, an deren Fuß zuweilen niedrige, mit tropischen Walbungen bewachsene Terrassen entgegenlachen; bald wirbeln aus hochaufragenden Berggipfeln Rauchwölkchen und verrathen den Vorüberfahrenden die vulkanischen Gewalten, welche diese gepriesenen Gegenden beherrschen und oft verwüsten. Auf der mexikanischen, weiter nordwärts, verliert sich die Zuckerhutform [173] der Berge. Die isolirten Häupter verschwinden und an ihre Stelle treten lange, wellenförmige Bergrücken, an deren Fuß sich grüne Ebenen ausbreiten, die, gegen das Meer hin, allmählig in dürre Sandstreifen auslaufen, auf welchen bei der Fluth die Wogen sich tummeln.

Am fünften oder sechsten Tage der Fahrt traten wildere und rohere Küstenformen auf. Zackiges Felsgebirg stieg in steilen Absätzen aus dem Hochrücken im Hintergrunde zum Ufer nieder; schwarze, groteske Klippen, oft wie Thürme oder Ruinen alter Schlösser, ragten aus den Fluthen, umtobt von der Brandung, welche ihren weißen Gischt emporwarf, und umschwirrt von kreischendem Gevögel in unzählbaren Schwärmen. Es ist die Südspitze von Altkalifornien, das seine himmelhohe Berggräte als eine zweihundert Meilen lange Zunge, mit der mexikanischen Küste parallel, in den großen Ocean hinausreckt. Ein wildes, trauriges, ödes Gestade! Die Natur scheint auf dieser Felswüste erstorben zu seyn. Kein Strauch, keine Schlingpflanze findet eine Handvoll Erde, um auf dem kahlen Gestein zu wurzeln, daß die Stürme peitschen und die tropische Sonne versengt. Das ganze Land gleicht einem großen Grabhügel, unwirthlich und zurückstoßend, und nur für Adler, Seevögel und wilde Thiere zum Aufenthalt einladend. Die spanischen Ansiedelungen in Alt-Kalifornien sind zu Grunde gegangen und das Gebirge wird von den Indianerhorden nur der Jagd wegen durchzogen.

Das Auge des Seefahrenden weilt mit Furcht auf dieser Küste, und der Schiffer sucht so schnell als möglich aus ihrem Bereiche zu kommen. Bei entstehenden Weststürmen, die sehr häufig und plötzlich eintreten, bringt sie den Fahrzeugen Unheil. Kein Nothhafen öffnet hier den geängstigten Seefahrern die Arme, und Klippen und Felsriffe drohen mit Untergang und Verderben aller Orten.

Endlich, nach 4–5tägiger Weiterfahrt, wurden die Küstenansichten wieder freundlicher. Dort, wo die neue Grenzlinie zwischen den Vereinigten Staaten Nordamerika’s und Mexiko’s vom Gila und der Spitze des kalifornischen Meerbusens herüber nach dem stillen Ocean gezogen ist, verflachen sich die kahlen Gebirge zu waldumgürteten, Höhen, die mehr und mehr in’s Land zurücktreten und die Küste als ein grünes Hügelland mit zahlreichen Buchten und Einschnitten zurücklassen. Wir begrüßten dicht auf der Grenze, über einem Fort auf einem Vorgebirge, welches ins Meer hinaustritt, das hoch von einem Maste flatternde Sternenbanner der anglosächsischen Republik. – Salutschüsse donnerten und der Gruß der ganzen auf dem Deck des Dampfers versammelten Mannschaft machte Chorus dazu. „Kalifornien!“ – Alle Herzen pochen laut, wie das Wort von Mund zu Mund läuft, und alle Augen hängen mit Verlangen an dem grünen, lachenden Bilde des Landes – des Landes ihrer Hoffnung, ihrer Sehnsucht und ihrer Phantasie, die es mit den glänzendsten Farben malt und vergoldet. – Und schön ist dies Land wirklich, und noch schöner erscheint es unter dem [174] Eindrucke des Kontrasts, den der Anblick der alt kalifornischen Küste geboten hatte. Aus friedlichen Buchten gucken die Niederlassungen der alten und neuen Besitzer hervor, Städtchen mit blinkenden Häusern und kleinen weißen Kirchen, oder einzelne Gehöfte inmitten von Obsthainen und Pflanzungen. Das Klima ist zwar noch fast tropisch in diesem Breitengrade; doch von der Seeluft gekühlt, wird nur im Hochsommer die Hitze dem Kolonisten lästig. Dann thut sie auch der Landschaft auf kurze Zeit Abbruch. Das Gras versengt und die sonst mit Grün bekleideten Berge bekommen ein gelbliches, arides Ansehen. – Ueber San Diego hinaus ändert sich die Küstenansicht abermals. Die Gebirge sind tief in des Landes Innere zurückgewichen; von ihrem Fuße strecken sich Ebenen hin, mit mannshohem Prairiegras und buntblühenden Sträuchern überwachsen, wo Hirsch- und Büffelheerden weiden und der Wolf und der graue Bär jagt oder von dem berittenen Indianer gejagt wird. Wie auf dem Meeresspiegel oder in hohen Kornfeldern, so gräbt der Wind auf diesen Steppen seine Furchen und thürmt seine Wogen auf und es ziehen die Wolkenschatten geisterhaft über die weiten Flächen. Doch nicht lange, so treten die Gebirge von Neuem der Küste nahe. Sanft dachen sie sich zu derselben ab, oft durch Thäler gespalten, aus denen kleine Flüsse oder murmelnde Bäche die Wasser des Gebirgs den Buchten zuwälzen, in welche sie sich ergießen. Die Zeichen der Ansiedelung werden fortan mit jeder Stunde häufiger. Zwischen vorliegenden, meist bewaldeten Inseln öffnen sich Häfen mit Städtchen und Dörfern und die Leuchtthürme auf den verschiedenen Punkten der Küste, die Signalstangen auf jedem Vorgebirg, das häufige Begegnen von größern und kleinern Fahrzeugen, welche dieses vor wenigen Jahren noch so einsame Meer durchschneiden, sind so viel Zeichen eines neuen, hier heimisch gewordenen, rastlos schaffenden Lebens und einer wunderbar schnell sich entfaltenden Kultur. Endlich treten die blauen Linien in der Tiefe des Landes, in nördlicher Richtung, zu bestimmteren Gebirgsgestalten zusammen, – und von der Abendsonne erleuchtet sehen wir die Firnen der Sierra Nevada strahlen wie pures Gold! – Es ist das Ziel, das „Eldorado!“ – und keine Fabel, wie das Goldland der alten Seefahrer im Süden; denn die Sierra Nevada ist es, welche den Staub ihrer Goldschätze in die Thäler und Schluchten gestreut hat, wo ihn jetzt Hunderttausende zu Reichthümern sammeln! – „Eldorado!“ ruft’s und zeigt’s mit tausend Kehlen und Fingern – und das gierige Auge hängt träumerisch an den fernen schneebedeckten, goldig schimmernden Bergen. Lebhafter knistert’s nun unter den Kesseln, rascher geht der Kolbenhub in den Zylindern, schneller umdrehen sich nun die Schaufelräder und kräftiger theilt der Kiel die Fluth: an der herrlichen Bucht von Monterey, der einstigen Hauptstadt Kaliforniens, rauscht der Dampfer vorbei, – er sucht, das „goldene Thor“. – Alles Lebendige ist auf dem Decke versammelt; Erwartung, bange Hoffnungen, Verlangen, Zweifel, Habsucht, stürmen und wogen in allen Gesichtern; die Unterhaltung verstummt und Jeder scheint nur mit sich und seinen Angelegenheiten und Plänen beschäftigt.

[175] Etwa 3 Meilen von der Oeffnung des Meerbusens von San Francisco ragt hoch über der Meeresfläche ein kegelförmiges Eiland. Es ist der Wächter des goldenen Thors. Das Meer bricht mit furchtbarer Gewalt und Brandung an den Klippen und es scheint, als wollte es sich hier recht austoben, ehe es in die ruhigen Gewässer der Bay hineinrollt. Vorsichtig und respektvoll lenkt der Steuermann den Kiel an dieser umtosten Riesenwarte vorüber, bis der Blick gerade in die Pforte hineinfällt, welche des allgewaltigen Meisters Hand in den Felsdamm des Küstengebirgs gebrochen hat. Wie abgeschnitten stehen rechts und links die senkrechten Bergwände in einer Entfernung von etwa 250 Fuß einander gegenüber. Auf der Zinne der südlichen Wand ragt ein halbzerfallenes Gemäuer, eine ehemalige Befestigung, und hoch darüber wogt die Unionsflagge in den Lüften; an die Südseite aber lehnt sich das alte Presidio der Spanier. Diese Einfahrt nannte Freemont, der kühne Durchforscher dieser Länder, in Auffassung ihrer Zukunft, „das goldene Thor“ – (Chrysopyla) – hindeutend auf die Bestimmung dieses herrlichsten unter den Häfen der Erde, in welchem alle Handelsflotten in voller Sicherheit vor Wind und Fluthen sich bergen können, um, als Mittelpunkt des Welthandels, das zu werden, von dem Tyrus, Karthago, Konstantinopel, London, Liverpool und New York nur schwache, schattenhafte Andeutungen geben können. Was Byzanz in seiner Blüthe für den Orient gewesen ist, das wird St. Francisco einst für die ganze Erde seyn.

Merkwürdiger Weise reicht die Zeit, in welcher die Hand der Allmacht den Felddamm zerriß, um die Bay von St. Francisco zu öffnen, noch bis in die der menschlichen Sagenzeit hinan. – Die Indianer erzählen, der große Geist habe in einer finstern Sturmnacht, erzürnt über die empörten Ungeheuer des Oceans, ein Stück aus dem Felsdamm gebrochen und es auf sie geschleudert; darunter lägen sie begraben in der Tiefe. – Geologische Forschungen haben nachgewiesen, daß die Bay noch in späten Zeiten des Erdenlebens ein geschlossener Süßwassersee gewesen, der durch ein Erdbeben, das vielleicht ungewöhnlich große Wassermassen aus dem Gebirge der Sakramentothale zuführte, seine Scheidewand theilweise verlor.

Die Einfahrt ist durchaus sicher, selbst für die allergrößten Schiffe. Keine Untiefen, keine Sandbänke, weder Riffe noch blinde Klippen versperren das Fahrwasser, oder bringen Gefahr. Es ist herkömmlich, daß die einfahrenden Schiffe sich nördlich, die ausgehenden südlich halten.

Wie das Schiff allmählig aus dem langen Felsenthore in die Bay gleitet, so erweitert und verherrlicht sich der Blick mit jeder Sekunde. Das Meer streckt sich zu beiden Seiten in eine Bucht aus, die das Auge kaum zu übersehen vermag. Ihre hohen Ufer schützen sie vor allen Winden. Ruhig ist in derselben das Meer wie ein stiller Landsee. Aus der spiegelnden Fläche tauchen mehre Eilande empor – manche mit flachen Ufern [176] und mit Grün bekleidet; ein größeres aber – ein alter Vulkan, – ist nur am Fuße bewaldet und reckt seine schwarze Basaltkuppe malerisch in die Lüfte. Wie weiße Schwäne ziehen Schiffe von allen Größen und jeder Bauart zwischen den Inseln auf der glatten Fläche und dann und wann brausen die großen Dampfer daher, befehlend, herrschend, die rechten Repräsentanten des hiesigen Lebens, das in Eile und Hast dahin tobt. Auf dem Küstensaum der Eilande ist einiger Anbau sichtbar; so auf San Angelo und Yerba Buena; die Schaaren der Seevögel genießen das Recht des Besitzes derselben nicht mehr unbestritten.

Nordöstlich verengt sich die Bay, thut sich dann zur Bucht von San Bablo auf, zieht sich bei der aufblühenden Stadt Martinez abermals zusammen, dehnt sich nochmals seeähnlich aus und empfängt, verdeckt von den Felsen von Goat-Island, den reißenden Sacramentostrom, den Sohn des Gebirgs, der in seinem und seiner Zuflüsse Rinnsal Mengen des edlen Metalls birgt, auf seinen Wogen aber schon eine ganze Dampfflotte trägt. Mehr als Hundert neue Städte hat an seinen Ufern der goldene Zauberstab in’s Dasein gerufen. Die Krone der großartigen Vista ist aber immer die Stadt San Francisco selbst, an der südöstlichen Pforte der Bay gelegen. Imposant steigen ihre Häusermassen einen Hügel hinan, auf dessen Spitze der Telegraph errichtet ist, und lange Häuserreihen strecken sich, wie so viele Arme, auf dem Abhang der Nordbucht hin, oder klettern in die benachbarten Thalgründe hinab; dem Hafen zu hat sie, um Terrain für ihre Erweiterung zu erobern, sogar Krieg mit dem Meere begonnen. Mehre der Kayen sind weit in die Fluth hinausgelegt und der ausgefüllte Zwischenraum gab kostbaren Baugrund zu Docks, Niederlagen und Magazinen, zwischen denen Kanäle hinlaufen, in welchen die Schiffe bis dicht an die Gebäude gehen und bequem ein- und ausladen. Das größte Interesse gewährt der Hafen selber. Der Mastenwald von 1000 großen Schiffen und das Leben in demselben veranschaulichen recht eigentlich den jungen Riesen, dessen schnelles Wachsthum Alles überbietet, was die üppigste Phantasie des Ostens in ihren Mährchen dargestellt hat. Wer das San Francisco vor 6 Jahren sah, jenes Häuflein schlechter Hütten unfern der Jesuitenmission Dolores, mit einem halben Dutzend kleiner Küstenfahrzeuge am Strande, den man damals nur auf dem Rücken eines Indianers trocknen Fußes erreichen konnte, und es jetzt wieder sieht, der reibt sich die Augen und glaubt zu träumen. Das heutige San Francisco gibt an Umfang und Schönheit der Gebäude Frankfurt oder Leipzig nichts nach, und eine Bevölkerung, die im Jahre 1847 noch nicht 1000 Seelen betrug, ist jetzt auf 70,000 angewachsen. Die wiederholten Brände der letzten Jahre haben die leichten Holzgebäude und Buden aus der Stadt entfernt, an ihre Stelle sind Häuser von Stein getreten und in dem Maße, als der Reichthum wächst und als crösusartige Vermögen in Menge erworben werden, erhält die Stadt mehr und mehr das Gepräge der Pracht und des Ueberflusses, der auch in seiner äußern Erscheinung nach schönen Formen trachtet. Wenn San Francisco in dem [177] bisherigen Maßstab fortwächst (und es ist keine Ursache vorhanden, daran zu zweifeln), so wird es vor Ablauf des Jahrhunderts 3 Millionen Einwohner haben und London und New-York an Größe übertreffen.

Bevor wir eine Schilderung der hervorragendsten Momente im hiesigen Leben versuchen, denken wir uns noch einmal auf unsern Dampfer zurück! Drei Kanonenschüsse von der Batterie an der Einfahrt rufen uns das Willkommen entgegen und der Telegraph meldet unsere Ankunft in der Stadt an 100 Orten. Alles ist auf den Verdecken versammelt, spähend und in unruhiger Erwartung. Boote und kleine Barken fahren dem Dampfer zu; sie bringen Bekannte und Freunde von Passagieren an Bord, die sie jauchzend empfangen. Je näher dem Landungsplatze, – je gewaltiger umdrängt den neuen Ankömmling das rege Hafenleben. Die stündlich nach dem Sacramento und dem Joaquin abgehenden kleinen Dampfboote rufen im Vorüberfahren ihr Hurrah; Buchsirschiffe rasen hin und her, Segelschiffe aller Art, von der chinesischen Junke bis zu der stolzen Fregatte, mit Volk aller Farben und aller Zonen, die in allen Sprachen der Erde reden, durchkreuzen unsern Pfad, kurz, Alles scheint so fieberhaft und phantastisch, daß sich der, der es zum ersten Male sieht, des Gefühls des Schwindels nicht erwehren kann. Der Wechsel überkommt ihn zu plötzlich. Seine ausschweifendsten Vorstellungen reichen nicht an die Wirklichkeit. Im stillen Ocean, auf der 14tägigen Fahrt pflegte er sich in plastischer Ruhe; hier that sich plötzlich ein Leben auf, das er nie geahnt hat. Er schaut in dasselbe wie in einen Strudel: voller Lust und voller Bangen, voller Hoffnung und voller Zagen. „Da unten liegt’s, was Du suchst, der Schatz des Reichthums, das Gold, das Dir ein Leben voller Genuß, Unabhängigkeit und Bequemlichkeit schaffen soll – aber hineinstürzen mußt Du, um es zu erhaschen! Wird es gelingen? Wirst Du statt eines Gewinns nicht eine Niete ergreifen und dann, inmitten des leicht erworbenen Reichthums und des erfolgreichen Jagens Anderer nach Glück, nicht die Entbehrungen der Armuth zehnmal schmerzlicher empfinden, als in der Heimath? Solche Gedanken packen und zwacken die Mehrzahl der Kalifornia-Wanderer und gar Viele fühlen die Dualen getäuschter Hoffnung und der Furcht, noch ehe sie das Land ihrer Sehnsucht und ihres Wagens betreten haben. – –


Ober-Kalifornien, das Land, dem das Gold ein so fabelhaftes Fortschreiten und Gedeihen gegeben hat, war, so lange es unter spanischer Herrschaft stand und zu Mexiko gehörte, einer der unbekanntesten Striche unsers Erdbodens; ja, so gänzlich unerforscht war sein Inneres, daß selbst die besten Karten bis zum Jahre 1840 seine hydrographischen und Terrainverhältnisse ganz unrichtig angeben. Das Wissen darüber beschränkte sich auf das Wenige, was durch die Niederlassungen (Missionsstationen) der Jesuiten bekannt wurde, welchen Land und Volk überlassen war. Die Etablissements derselben waren an der Küste und auf einigen Punkten der schiffbaren Flüsse zerstreut; die Thätigkeit der Väter aber ging nicht über den Zweck hinaus, die nächstwohnenden [178] Indianerstämme zu Christen zu bekehren, d. h., ihnen die äußeren Formen des christlichen Kultus beizubringen, um sie nebenbei der Priesterschaft dienstbar zu machen. Kein Lichtstrahl der wahren Christusreligion fiel in die umnachtete Seele der armen Rothhäute und kein nützliches Wissen machte sie glücklicher. Unwissenheit und Finsterniß, Aberglaube und Verdummung waren allezeit den Söhnen Loyola’s Volksheiligthümer, die man nicht antasten durfte, wo sie vorhanden waren, und für die man Propaganda machen mußte, wo sie mangelten. So war’s gestern, so ist’s heute.

Erst in den 40er Jahren, als die Handelsleute der Vereinigten Freistaaten ihre Unternehmungen immer weiter nach Westen ausdehnten und ihre kühnen Emissäre das Eis der Felsengebirge überstiegen, um die Gegenden jenseits desselben zu erforschen, – fiel Licht auf jene bisher unbekannten Länder. Obrist Freemont machte die Erforschung der Wegsamkeit der Bergkette und einer bequemen Route vom Mississippi nach dem Stillen Meere (der kalifornischen Westküste) zu seiner Lebensaufgabe, und den mehrfachen Reisen dieses mit allen nöthigen Kenntnissen und Hülfsmitteln ausgerüsteten Mannes danken wir die ersten richtigen Karten und Begriffe über die Beschaffenheit Utahs und Kaliforniens. Freemont stattete über die Erfolge seiner Entdeckungsreisen der Unionsregierung Bericht und lenkte dadurch zuerst die öffentliche Meinung auf die Würdigung jener so lange vernachlässigten Länder. Die uralte Sage von Kaliforniens Goldreichthum fand Freemont in den Erzählungen der Indianer und in dem mancherlei Goldschmuck derselben bestätigt; aber über die Fundorte und die Ausdehnung der Goldlager konnte er keine sichere Informationen erlangen. Daß die alte Sage kein Mährchen sey, war jedoch klar und dies hielt das Interesse der Nordamerikaner für Kalifornien beständig wach.

Als daher im Jahre 1846 die Einverleibung des ehemals zu Mexiko gehörenden Texas zum Kriege zwischen der Union und jenem Staate führte, der mit der Eroberung der Hauptstadt der Azteken durch die Amerikaner endete, – so machte die Union die Abtretung Ober-Kaliforniens gegen eine Geldentschädigung zur Friedensbedingung. Dies war im Jahr 1847. Ober-Kalifornien hatte damals nicht ganz 8000 Einwohner europäischer (spanischer) Abstammung, die in den Missionen der Jesuiten und an einigen kleinen Küstenorten sich niedergelassen hatten. Die Jesuiten verließen das Land und die Unionsregierung schritt sofort nach der Besitzergreifung zu den Maßregeln für rasche Kolonisation. Sie begünstigte die Einwanderung in jeder Weise. Mehre Auswandererzüge aus dem Westen wählten, als Freemont einen bequemen Paß durch’s Felsengebirge gezeigt, sich die Dampfschifffahrt auf dem Missouri bis zum Yellow-Stone-River ausgedehnt, und zudem die Mormonen ihre Niederlassung am großen Salzsee, auf halbem Wege, gegründet hatten, Kalifornien zu ihrem Ziele. Die wunderschönen Gegenden des untern Sacramento innerhalb 50 englischen Meilen von St. Francisco wurden die ersten Niederlassungen der Amerikaner in dem neuerworbenen Lande, und zu ihnen gesellte sich bald [179] eine Anzahl deutscher und schweizer Kolonisten. So entstanden die ersten Lichtungen am Sacramento und die Indianer, gutmüthige, friedliche Menschen, überließen den Einwanderern einen Theil ihrer Jagdgründe und zogen sich tiefer in’s Land zurück.

Ein wohlhabender Schweizer, Namens Sutter, hatte sich am Sacramento, 70 englische Meilen oberhalb San Francisco, unfern der Stelle niedergelassen, wo der American-River, ein reißendes, mächtiges Bergwasser, dessen Quellen in der mit ewigem Schnee bedeckten Sierra Nevada entspringen, mündet. Sutter gedachte das starke Gefälle zur Anlage einer Mühle zu benutzen. Das war im Frühjahr 1848. Er ließ einen Kanal zum Mühlgraben auswerfen, und bei dieser Arbeit war es, wo ein alter Indianer, der graben half, mit dem Schlamm ein Stückchen gelbes Metall auswarf. Eureka![1] rief der Rothhäutige mit freudestrahlendem Auge, als er es aufhob und seinem Herrn reichte. Es war – Gold.

Sutter und sein Gesinde hielten die Sache geheim eine Zeit lang und sammelten im Verlaufe einiger Wochen für mehre Tausend Dollars des Metalls; als aber ein Zufall den Schatz verrieth – da lief die Kunde wie ein Blitz durch das Land, durch die Union, durch die Welt! Die ganze arbeitsfähige kalifornische Bevölkerung ergriff Hacke, Schaufel und Spaten und eilte nach dem American-River, um Gold zu suchen. Da wurden die Städte leer, die Dörfer und Hofstellen verlassen; das Wild grasete in den Saaten, Kinder und Kranke starben hülflos; die Soldaten verließen ihre Fahnen, die Offiziere desertirten ihnen nach; Richter und Beamte schlossen ihre Amtslokale, die Advokaten nahmen den Quersack und die Schaufel und folgten der Bevölkerung in’s Goldland. Die Schiffe, deren Mannschaft davonlief, verfaulten im Hafen – keine Hand blieb übrig, die Waaren zu löschen oder zu laden, oder das Steuer zu führen. Das Gold hatte alle Bande der Pflicht und der Verträge zerrissen, alle Verhältnisse auf den Kopf gestellt; und da in den ersten Monaten nur die reichsten Lager des goldhaltigen Gerölles bearbeitet wurden, so fanden diese ersten Gräberschaaren viel Gold, und die Berichte darüber, noch vergrößert, setzten die ganze Welt in Erstaunen und in Aufregung. Die Bevölkerung in den Oststaaten der Union kam in Bewegung; Hunderttausende verkauften Haus und Hof, verließen Gewerbe und Geschäft und nahmen den Wanderstab nach Kalifornien. Die ganze Westküste Amerika’s schickte ihre Kontingente; Oregon entvölkerte sich; die Insulaner des großen Oceans wurden vom kalifornischen Fieber angesteckt; der König der Sandwichsinseln und die Königin Pomare erließen strenge Auswanderungsverbote aus Furcht vor einer Gesammt-Emigration ihrer Völkerschaften. Tausende zogen selbst aus Australien her und das Himmlische Reich verschloß vergeblich seine Thore: – schon im Jahre 1849 kamen 12,000 Chinesen nach San Francisco mit Hacken [180] und Schaufeln. Jeder Tag brachte Kunde von neuen Goldlager-Endeckungen, und schon Ende des Jahres 1849 war es erwiesen, daß die Goldhaltigkeit des Alluvialbodens sich über ein Gebiet von 50,000 englischen Quadratmeilen ausdehne und dieser unerschöpfliche Goldschatz doch nur zu dem in seiner Geburtsstätte, den Schneebergen der Sierra Nevada, wie ein Tropfen zum vollen Eimer sich verhalte. Im ersten Jahre war der Durchschnittsverdienst eines Goldsuchers über 25 Dollars täglich; Viele ernteten das Zwanzigfache, Einzelne wurden durch glückliche Funde in wenigen Tagen reich. Da das Goldwaschen fast alle menschliche Arbeit absorbirte, so entstanden daraus unglaubliche Nothstände und Verhältnisse. Die Bevölkerung und die Tausende der täglichen Zuwanderer zerstreuten sich in die Thäler und Gerinne der Flüsse und Bäche bis hoch in die Gebirge, wo sie sich in Reißighütten, oder kleinen Zelten ein dürftiges Obdach zu verschaffen suchten. Weg- und steglos waren diese Gegenden und so sehr von den Häfen und Küstenstrichen abgeschnitten, daß die Lebensmittel nur auf die mühseligste und kostspieligste Weise auf dem Rücken der Maulthiere und Menschen hingeschafft werden konnten. Bei jedem Gewitterregen schwollen die Gebirgswässer an, zerstörten die Arbeiten der Goldsucher und hoben für Tage und Wochen die Kommunikation mit San Francisco – dem damals einzigen Markt für die Lebensbedürfnisse, – auf. Manchmal verhungerten die Menschen in den Bergschluchten neben ihren Goldsäcken; oft gaben sie ihren ganzen Schatz, das Produkt langer Arbeit, für einige Pfund Mehl hin, um nur das Leben einige Tage zu fristen. Maulthiere wurden im Jahre 1848 bis zu 1000 Dollars bezahlt; eine wollene Decke mit hundert Dollars etc., für eine Flasche Rum oder Wein gab man eine Unze Golbstaub. Auf dem Landwege über das Felsengebirge und die Sierra Nevada gingen die Einwanderer zu Tausenden an den Strapazen einer 4monatlichen Reise in den unwirthbaren, von wilden Indianerstämmen bewohnten Ländern zu Grunde. Weil jeder Ankömmling nur nach Gold strebte, und sein Ziel nach den Goldwäschen im Gebirge richtete, so konnten die nöthigen Arbeitskräfte für San Francisco und zum Transport der Lebensbedürfnisse der Goldgräberschaaren kaum zu den unglaublichsten Preisen erlangt werden. Der Matrosensold stieg auf 400 Dollars monatlich; der Taglohn in San Francisco auf 20 Dollar; der des Handwerkers auf 30 bis 40. Die geringsten Handleistungen wurden mit Gold aufgewogen. Keine Wäsche wurde mehr gewaschen; kein Kleid mehr ausgebessert; denn Wasch- und Flicklohn betrugen mehr als der Werth der Sache. Man ließ die Häuser in New-York, England, Frankreich, Deutschland zimmern und fertig nach Kalifornien schaffen, um sie da zusammen zu setzen; und manche solcher Bauspekulationen gaben anfänglich Reichthümer. Für eine Kammer eines Holzhauses war der Miethpreis monatlich 100–300 Dollars; für Magazine, 20 Ellen im Quadrat, 5000–8000 Doll. jährlich. Das Baumaterial wurde mit den ungeheuersten Kosten aus entfernten Ländern herbeigeholt, obschon das beste in nächster Nähe in Ueberfluß vorhanden [181] war: aber da Alles Gold suchte und Gold fand, so waren keine Hände übrig, das Holz zu fällen und die Steine zu bearbeiten. – In Chili machte man die Backsteine für San Francisco, in Valparaiso und Lima sägte man die Breter, China sandte das Heu für die Maulthiere, die Sandwichinseln den Hafer, England die Gerste, – und das Faß Mehl, welches in New-York 4 Dollars kostete, wurde von den Goldwäschern im Gebirge manchmal mit 200 Dollars bezahlt. Die Geschäfte nach Kalifornien wurden unter solchen Verhältnissen zu einem Lottospiel, in welchem Jeder den Einsatz auf Ternen und Quaternen machte. Je nachdem eine Waarenladung in San Francisco einen leeren oder vollen Markt traf (was im Voraus nie zu berechnen war), so wurden 1000 und 2000 Prozent verdient, oder Alles verloren; denn in unzähligen Fällen mußten bei momentaner Ueberführung des Marktes ganze Schiffsladungen von Importen unter dem Frachtpreise verschleudert werden, weil weder Magazine genug vorhanden waren, sie aufzunehmen, noch auch die Einführer Mittel und Muth genug hatten, die ungeheueren Kosten eines längeren Auflagerns zu wagen. Heute reich, morgen Bettler – war das Motto dieser Bevölkerung geworden, die heute schwelgte, um vielleicht morgen trockenes Brod mit Goldstaub aufzuwiegen – und bei diesem Auf und Nieder wurde das Leben selbst den wildesten, rohesten Leidenschaften zum Raub. Keiner traute dem Andern mehr; nirgends in der Welt war das Gold theurer, als da, wo es Jeder im Kothe finden konnte. Der monatliche Zins gegen Grundhypothek stieg auf 5 Prozent, der Wechseldiskont auf ein Prozent für jeden Tag. Die Regierung war kraftlos; die Legislatur ohne Autorität. Kein Gesetz wurde geachtet, Mord, Diebstahl und Brand waren die Tagesordnung eben so in San Francisco, wie in den Minen und Wäschereien. Die Sicherheit des Eigenthums ruhte am Ende nur noch im Gesetze der Nothwehr und der Stärke der Faust, und die Lynch, jene furchtbare Justiz ohne Gerichtshof, die den auf frischer That ertappten Dieb am nächsten Baum hängt, wurde Retterin der Gesellschaft. Niemals hat Clio solche Geschichten oder Zustände aus der Kinderzeit eines Staats aufzuzeichnen gehabt, und schon der Gegenwart, so nahe sie ihr liegen erscheinen sie, wie die Visionen eines Romanschreibers.

Und doch war’s das erste Lebenszeichen eines Herkules! Seit 1848, seit Sutter’s Indianer das erste Goldstück aufhob, – hat das Feuer der Mordbrenner San Francisco 7mal mehr oder weniger zerstört; aber ehe seine Asche recht kalt wurde, ist es jedes Mal herrlicher, größer und prächtiger erstanden, als es zuvor gewesen. Die staatliche Organisation ist aus der Anarchie, die Ordnung aus dem Wirrsal, die Achtung vor dem Gesetze aus der Gesetzlosigkeit erwachsen und die freieste Verfassung vereint jetzt eine Bevölkerung zu friedlichem Emporblühen, welche zusammengesetzt ist aus allen Völkern der Erde, die alle Sprachen, wie bei’m Thurmbau zu Babel, redet und ihres Gleichen nicht mehr auf der Erde hat. Handel und Gewerbe haben ihre Geleise gefunden; das Angebot der Arbeit zum Kapital, Lohn und Erwerb, fanden das richtige Verhältnis, bei dem sich Alle wohl befinden und Alle zu Reichthum und Wohlstand gelangen können. Die Vermögen wechseln nicht mehr wie vor [182] einigen Jahren, - es sey denn in den Händen professioneller Spieler; denn die Leidenschaften sind gezähmt und die Beispiele ihrer rohesten Ausbrüche, die sonst die Tagesordnung waren, sind Seltenheiten geworden. Die Zeichen der Gesittung und der gesetzlichen Ordnung treten jetzt überall, in den Städten wie in den fernsten Niederlassungen der Minenarbeiter, dem Beobachter entgegen, gegenseitiges Vertrauen hat persönlichen Kredit geschaffen, das Kapital ist wohlfeiler geworden und der Zinsfuß sinkt von Monat zu Monat zu einem billigen Normalsatze herab. Im ganzen Lande, hinan bis zu den Quellen des Joaquin und Sacramento, werden Städte und Dörfer erbaut, entstehen Niederlassungen und Gehöfte, der Ackerbau macht reißende Fortschritte und über zwanzigtausend Arbeiter sind zur Zeit beschäftigt, die Kommunikationsmittel zu erleichtern, Brücken zu bauen, Dämme aufzuwerfen und das Land mit Straßen zu bedecken. Ueber fünfzig Dampfschiffe befahren den Joaquin und Sacramento; zwei Eisenbahnen, die eine nordwärts von San Francisco nach Shasta City, die andere südwärts nach Stockton, sind in Angriff, Theater erheben sich in San Francisco, Sacramento City, Stockton und Benicia; die öffentliche Meinung des Landes findet ihren Ausdruck durch siebenzehn Zeitungen und Journale, Tagesblätter erscheinen in allen größern Städten nicht bloß englisch, sondern auch französisch, spanisch und deutsch. Selbst die Söhne des himmlischen Reichs (die Einwanderung der Chinesen ist bereits auf 30,000 Köpfe gestiegen) erbauen ein Theater in San Francisco und haben eine Druckerei errichtet. Eine Universität ist fundirt, höhere Schulen sind in Stockton, San Sacramento und San Francisco errichtet oder im Entstehen; der Elementarunterricht ist überall organisirt, Kirchen und Schulen werden aller Orten gebaut und der Sinn für Wissenschaft und Kunst findet in literarischen und musikalischen Klubbs und Vereinen Ausdruck. Auch das Familienleben gewinnt mit jedem Tage mehr Kraft und Festigkeit, seitdem die Einwanderung der Frauen, die in den ersten Paar Jahren sehr schwach war, zugenommen hat. Der größte Krebsschaden an der Gesellschaft in Kalifornien ist noch zur Zeit die Hazard-Spielsucht, welche der schnelle und leichte Erwerb von Reichthümern begünstigt. Es gibt nicht weniger als 400 Spielhäuser in San Francisco, und keine Stadt des Landes hat sich von dieser Pest frei erhalten können. Bei’m Roulett und Monte wechseln täglich hunderttausende von Dollars ihre Besitzer und Betrug, Ueberlistung, Debauche und Verzweiflung sind die Stammgäste in jenen Häusern der Habsucht und des Verbrechens.


Als Stadt ist San Francisco recht großartig angelegt, auch schön gebaut, und wer es vor den großen Bränden gesehen hat mit seinen Holzhäusern, Buden, Barracken und Zelten, kennt es nicht mehr. Sie ist im Range jetzt die erste Stadt am stillen Ocean. Ihr Wachsen ist unglaublich schnell. Während sie sich noch im Jahre 1849 von Ost nach West nur von Montgomery-Street am Strande der Bay bis nach Dupont-Street erstreckte [183] und in der Richtung von Nord nach Süd von California-Street bis Broadway reichte, hat sie jetzt nicht nur ihre Straßen tief in die Bay selbst hinausgeschoben, sondern auch die nächsten Höhen und Thäler mit Häusern überdeckt. Der heutige Umfang ist 6 englische Meilen; aber schon ist wieder ein neuer Raum von 2 engl. □Meilen mit Straßenlinien besteckt, und ehe das Jahrzehnt zu Ende geht, wird San Francisco Wien und Berlin an Größe nicht nachstehen. Anfangs vorigen Jahres war die Zahl der Einwohner 30,000; man schätzt sie jetzt auf 70,000 und rechnet auf den Bau von 1500 neuen Häusern in diesem Jahre. California-, Clay, Washington-, Sacramento- und Jakson-Street und die Stadtteile zwischen der Battery und Rincoin-Point dehnen sich gegenwärtig über ein Stück von der Bay aus, wo noch vor 2 Jahren über 100 Schiffe ankerten. Große Bauten von Werften, Kayen und Magazinen entstehen auf verschiedenen Punkten an der Bay, und der Hafen selbst erlangt eine immer größere Ausdehnung. Die schönsten Theile der Stadt sind die Squares um Montgomery-, Stockton-, California-Street und Broadway. Dort ist der fashionable Stadttheil, das „Westend“, wo die Millionärs, die Banken und Großimporteurs ihre Wohnungen haben, wo die Staatsverwaltung ihre Sitze hat, die schönsten Hotels und die prächtigsten Spielhöhlen anzutreffen sind. Portsmouthsquare ist ebenfalls eine imposante Häusergruppe. In allen Stadttheilen aber summt, rennt, fährt und reitet das geschäftvolle Leben, und selbst New-York, wo das Jagen und Treiben der Menschen so sehr auffällt, ist mit San Francisco nicht zu vergleichen. Auf keinem Punkte der Erde ist aber auch das Yankee-Wort so wahr: Time is money (Zeit ist Geld), als hier, wo Jeder ohne Ausnahme von dem Vorsatz fortgetrieben wird, in der kürzesten Zeit reich zu werden, und wo Jeder in der sparsamsten und vortheilhaftesten Benutzung der Zeit das Mittel dazu erkannt hat.

Bei der raschen Ausdehnung der Stadt müssen ihr die nächsten Ortschaften bald einwachsen. Südwärts rücken die Häuserreihen der ehemaligen Jesuitenmission Dolores, einem rasch aufblühenden gewerbsamen Städtchen, entgegen, und ein anderer Ort, Happy-Valley, ist schon Vorstadt geworden. Hier wohnen vorzugsweise Arbeiter und Handwerker um große Etablissements, die auf Rhederei und Schiffbau Bezug haben. Die täglich zunehmende Frequenz des Hafens durch Schiffe aus den entferntesten Weltgegenden gibt beständig zu vielen Ausbesserungen Veranlassung, welche bei dem hohen Preise aller Handarbeit (der Schmied- und Zimmergesell erhält auch jetzt noch 8–12 Dollars täglich; und für den Taglöhner ist 4–6 Dollars der gewöhnliche Lohn!) zu einer Quelle des Reichthums für viele Handwerker werden. Als die einträglichsten der hiesigen Geschäfte haben sich aber kluge Bauunternehmungen und Spekulationen in Land, das, bei der Stadt gelegen, sich wegen ihres Wachsens, bald zu Bauplätzen eignet, erwiesen. In vielen hundert Fällen ist Land, welches vor 5 Jahren der Acker unter 10 Dollar in Menge erworben werden konnte, in [184] diesem und im vorigen Jahre, als Baustellen zertheilt, für den tausend- und mehrfachen Preis verkauft worden. Gärtnerei und Landwirthschaft sind für fleißige Hände in der Nähe von San Franzisco so ergiebige Goldgruben als die Sierra Nevada selber.

Unsere Ansicht ist vom Telegraphenhügel aufgenommen. Kein Standpunkt gewährt eine so schöne und großartige Ansicht. Zu den Füßen des Beschauers liegt die aufblühende Stadt, der Hafen mit seinen 1000 Schiffen, die Bay mit den schnaubenden, jagenden Dampfern und den stolzen hochbordigen Seglern, und in der Mitte des Meerbusens ragt die Inselpyramide gen Himmel, erbaut von der Hand der Allmacht. Ihr Haupt ist nackter Fels, den Tausende von Seevögeln in dichten Schaaren, wie leichtes Gewölk, allezeit umspielen. Jenseits der Bay, an deren Ufer die Dörfer und Städte emporschießen wie die junge Saat nach einer warmen Nacht, senken sich die Gehänge der Coast Range, einer schön geschwungenen Bergkette, mit ihren Flüßchen und Bächen zum Gestade und in weiter, weiter Ferne erspäht ein scharfes Auge, hoch über dem Horizonte, den Wolken ähnlicher als den Bergen, die schwankenden Umrisse jener Sierra Nevada, wo, unter den Firnen des ewigen Todes, der Zauberer Hof hält, welcher alle diese Wunder menschlicher Thätigkeit in’s Leben gerufen hat.




  1. Eureka! „Ich hab’s.“ – Das Wort ist zum ewigen Gedächtniß der Wappenspruch des neuen Staats geworden.