Lemberg (Meyer’s Universum)
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

LEMBERG
Auch Lemberg war einst eine Festung, um das polnische Land zu bewahren. Aber Mauern schützen nicht, wenn die Kraft fehlt, welche die Eintracht den Völkern leiht. Der Thron der Piasten liegt zerbrochen, ihr Reich in Trümmern, und auf den in Spaziergänge verwandelten Wällen ergeht sich knirschend ein gebundenes Geschlecht. Welche Hoffnungen, welche Täuschungen, welche furchtbare Schläge des Schicksals, welche Szenen des Jammers und der Verwüstung wechselten in unsern Tagen auf Galiziens blutgetränktem Boden! Und wer waren die Henker in diesem Drama? Noch heute halten Deutsche Wache an den niedergeworfenen Thoren, vor zerschossenen Palästen, vor den gefüllten Kerkern; und Deutschlands Söhne waren es, welche die Polen würgten, während ihre Väter in der Paulskirche Phrasen wechselten zum Lobe der polnischen Nationalität und keck die Ehre der großen Nation einsetzten für Polens Wiederherstellung. – Ich frage traurig: Hat ein Volk, das so handeln kann, ein Recht zu klagen, wenn es aus dem eigenen Freiheitstraum aufgeweckt wird durch das Hohngelächter seiner Zuchtmeister, oder wenn sein so poetisch begonnenes Nationalschauspiel auf die nüchternste Weise mit Steckbriefen und Standrechtsszenen endigt? Ist ein Volk schuldlos, das, während es sich stolz mit seiner Erhebung brüstet, seine Söhne dazu herleiht, in Italien, in Ungarn, in Polen die Volksfreiheit zu morden und der Tyrannei Schergendienste zu verrichten? Wer war bereit, überall hinzugehen mit Geschoß und Schwert, wo es galt, zu Boden zu schlagen muthige und edle Männer, die sich zum Widerstand gegen fremde Sklaverei erhoben? Wem fluchen die niedergestampften Nationen? Und auf wen rufen die geplünderten, verbrannten, gemordeten Städte, die Wittwen und Waisen der Erschlagenen die Rache des Himmels herab? Ich schreibe es mit tiefstem Kummer nieder: – ein Volk, auf dem solche Verbrechen lasten, darf nicht murren, wenn es aus der Urne der Völkergeschicke für seine nächste Zukunft die dunkelsten Loose hervorgehen sieht. Nemesis greift sie, – die ewige Gerechtigkeit! –
Lemberg, die Hauptstadt Galiziens, hat eine Bevölkerung von 60,000. Es ist in den neuern Stadttheilen schön, in den ältern schlecht gebaut. Der Sitz des Handels und Reichthums, der höchsten geistlichen und weltlichen Behörden des Landes und der Universität, gilt es seit dreiviertel Jahrhunderten als Mittel- und Sammelpunkt der Bestrebungen Oesterreichs, seinen Antheil am polnischen Raube zu germanisiren. Ein Theil der Juden, die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, ist deutscher Abstammung, und deutsch sind die Beamten, [190] Lehrer, Aerzte, Künstler, Handwerker und Kaufleute in großer Zahl. Alles mahnt hier an den deutschen Einfluß, an das Schicksal einer Nation, welche einem kulturreicheren Volke unterworfen ist.
Uebrigens würde man irren, wenn man glauben wollte, das Verwischen des Westslaventhums durch das Deutschthum sey durch den Mord am polnischen Staat beschleunigt oder gar hervorgerufen worden. Es ist ein Prozeß, der schon über 1000 Jahre dauert. Schlesien, Preußen, Sachsen bis zur Elbe und Saale, Ostfranken bis zum Main, alle diese großen und mächtigen Glieder des westslavischen Volkskörpers starben schon vor langen Zeiten ab, und Posen und Galizien werden ihre deutsche Verwandlung auch dann fortsetzen, wenn inzwischen die polnische Unabhängigkeit ihr Auferstehungsfest feiert. Die Kulturwellen gehen von West nach Ost im europäischen Völkermeere, und dieser Bewegung kann das Westslaventhum so wenig entrinnen, als das Deutschthum es vermocht hat, die Verdrängung aus seinen ältesten Sitzen zu hindern. Was ist aus unserm Volke in Burgund, in Belgien, in Lothringen, im westlichen Elsaß geworden? Es ist verschwunden, bis auf die alten Namen, die das Land wie eingesunkene Grabsteine bedecken. Deutsche Sprache und Sitte sind verwischt, und das deutsche Volk selbst hat seine französische Metamorphose dort vollendet. Wie aber das Franzosenthum gegen uns von Westen her andrängt, so drückt das Deutschthum das Westslavische nach Osten. Diese friedliche Eroberung würde selbst durch die Freiheit beider Nationalitäten nicht gestört, nicht einmal gemindert werden. Wir schicken beständig Handwerker, Fabrikanten, Kaufleute, Kolonisten, Bücher, Gelehrte, Künstler, Staatsmänner, Feldherren etc. hin, und ihrerseits drücken die Westslaven wieder auf das Ostslaventhum, eine Bewegung, die nur so lange stagniren wird, als die Knechtung der Polen dauert. Das Russenthum seinerseits rückt beständig nach Osten; es hat die finnischen und tatarischen Reiche zertrümmert, das türkische wird auf seinen Wink stürzen; die Mongolen erdrückt es, der Russifizirungsprozeß ist bis an die chinesische Mauer vorgedrungen. Es folgt die Kulturbewegung von West nach Ost einem unabänderlichen ethischen Gesetze, und wenn, wie es jetzt geschieht, der Wille eines Autokraten, im Bunde mit kurzsichtigen Fürsten, die das Völkerstreben nach Bürgerfreiheit, statt sie zu erheben, ängstigt, es durch Knute und Ketten umzukehren trachtet, so beweist solches die thörichte Vermessenheit von Menschen, die da glauben: das Weltrad gehe oder stehe still auf ihr Geheiß. – Die Unglücklichen! In Wahn und Irrthum verkehrt sich Alles in ihrem Auge, und zu heilen sind sie nur durch den Einen, – der Alle die, denen Länder, Reiche, Welttheile zu enge geworden sind, einst friedlich in den kleinen Raum bettet, welchen auch der Bettler einnimmt.
Alles Ungemach endet der Tod. Aller Schande, Pein und Sklaverei, Menschen und Völkern aufgelegt von Tyrannen, reicht er den Freibrief; menschlichem Uebermuth aber bringt er in letzter Stunde die Schreckensbotschaft: Vergeltung! – Gute Nacht, Nikolaus!