Malaga
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MALAGA
Am Busen einer weiten Meerbucht lagert eine dichte Häusermasse mit Kirchen und Klöstern chaotisch durch einander, und an den benachbarten Hügeln rankt altes Mauerwerk hinan zu verfallenen maurischen Kastellen und mittelalterlichen Schlössern. Kahl und öde schauen die Felszinnen der nahen Berge herab auf die Stadt und das blaue Meer und im fernen Hintergrunde wallt das dunkelblaue Gewand der Sierra. Das ist Malaga, die Perle Andalusiens, und noch immer Sitz eines blühenden Verkehrs und großen Reichthums, – eine Königin, wenn auch eine Königin in Trauer.
Die arabischen Dichter nannten die Gegend um Malaga ein Paradies; und auch heutiges Tags ist es keine Fabel. Die Stadt selbst ist seine Pforte; doch verbirgt sie Das, was sie hütet. Jenseits der Häusermassen nämlich, wenn man auf schmalen Maulthierpfaden zwischen Gärten hinabsteigt, öffnet sich plötzlich eine Landschaft, schön wie die schönste der Erde. Ein weites, wohlbewässertes Thal, eingefaßt von bewaldeten Bergen, die es vor den Winden schützen, übersäet mit Dörfern, Villen und Klöstern und auf das sorgfältigste angebaut, prangt mit der üppigsten Pflanzenwelt des Südens. Palmenhaine wechseln mit Orangenwäldchen, und an den Geländen der Berge biegt sich der Oelbaum unter der Doppellast seiner Früchte und des rankenden Weinstocks. Den Erzeugnissen [19] dieser Landschaft dankte Malaga von jeher seinen Handel und seinen Wohlstand. 700 Schiffe werden jährlich mit den köstlichen Weinen, mit Rosinen, Feigen und andern getrockneten Südfrüchten, mit Mandeln und Oel beladen, und der Erlös dafür geht in die Millionen.
Malaga ist stolz auf sein Alter. Als auf dem kapitolinischen Hügel noch die Heerden weideten, war Malaga schon ein Sitz der Künste. Sein langes Leben steht ihm auf die Stirn geschrieben. Ueberall sieht man die Merkmale verschwundener Kulturperioden und vorübergegangener Herrschaft. Auf den Substruktionen phönizischer, karthaginensischer und griechischer Bauwerke erheben sich Trümmer aus der Römerzeit und auf diesen wieder die gothischen Kastelle, die maurischen Moscheen und Paläste, die christlichen Kirchen und Klöster. Die schmalen Saumpfade winden sich auf den Straßen hin, welche die Karthager bauten und Hannibal mit seinen Heeren zog, als er die römischen Legionen aus Spanien trieb und auf den Gefilden Italiens mit dem jungen Riesen den Kampf auf Leben und Tod wagte.
Malaga hat eine für seine Größe (es zählt 6000 Häuser) sehr schwache Bevölkerung (35,000 Einwohner), und dieses vermehrt den melancholischen Eindruck, den die äußeren Zeichen des Verfalles schon von weitem hervorbringen. Die Häuser haben platte Dächer, wie in Nordafrika, das nur die schmale Meerenge scheidet. Niedrige Ziegelmauern, im maurischen Styl, umgeben die Dächer, über welche der Mirador hervorragt, ein Thürmchen, oft auch nur eine Breterhütte, oder eine Laube von Lattenwerk. Der Mirador ist dem Hausbewohner sein liebstes Plätzchen. Da pflegt er der Ruhe, da freut er sich der Frische und Kühle des Morgens oder des spaten Abends; da knüpft die junge Welt die Fäden zu ihren Romanen an und spinnt sie fort auf der Promenade und in der Messe. Statt der Fenster haben größere Häuser Thüren mit Glasfenstern, welche bis zum Boden der Zimmer herabgehen und zu Balkonen führen. Die schlechteren Wohnungen haben offene Luken ohne Glas, doch mit Fensterläden zum gelegentlichen Verschließen. Nur 3 oder 4 Straßen, wo sich Opulenz und Rang zusammen drängen, sind wirklich schön. Die bei weitem größere Masse der Stadt hingegen ist ein Gewirr schmutziger, enger Gassen, unterbrochen von freien Plätzen, auf welchen Gras wächst und Schutthaufen liegen, oder Pfützen die Lust verpesten. Es gibt Stadttheile, die eine wahre Wüste sind, ein Labyrinth von zerfallenem Mauerwerk und schlechten Hütten und mit einer Bevölkerung, die solchem Aufenthalt angemessen ist. – Man könnte sagen: „Hier wohnt das Elend an der Pforte des Paradieses“.
Das Auge des Reisenden dringt indessen selten in diese Höhlen der Armuth und es freut sich des heitern Lebens, das in den Hauptstraßen wohnt, die jene verhüllen. Der Malagese ist von Natur lebhaft, gewandt, fein im Benehmen, redselig und geistvoll, durch den täglichen Verkehr mit den vielen gebildeten Fremden, Deutschen, Franzosen, Engländern und Amerikanern, welche Handels-Etablissements hier besitzen, auch gut unterrichtet, und die [20] hiesige Damenwelt stand von jeher in dem Rufe, die Fremden unwiderstehlich anzuziehen. Die Frauen sind von mittlerer Statur, üppigem Wuchse, von Gesichtsfarbe silberbrünett, d. h. weiß mit einem schwachen bräunlichen Anfluge, die maurische Mischung verrathend. Um ihre edle, offene Stirn lockt sich ein Haar, schwarz wie die Äugen, aus denen ein Feuer blitzt, das die tiefe Leidenschaftlichkeit der Seele verräth. Die spanische Grazie und ein zarter Sinn für die feinen geselligen Formen vollenden das Bild eines Wesens, das schon mit dem 13ten Jahre aufblüht und oft noch als Matrone von 40 Jahren durch seine Reize einen Kreis von Verehrern fesselt.