Der Vatikan in Rom
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DER VATICAN IN ROM
Der Vatikan! – Nicht den gregorianische Blitze schleudernden wollen wir heute betrachten, sondern das Haus, wo Pius wohnt, der Oberpriester, dem Gott den Schlüssel gab, die große Gegenwart zu erschließen, der Herold, welcher sie den Völkern zuerst verkündigte.
Ich möchte auf einer Alpenfirne stehen, dem Schauplatz der Begebenheiten entrückt, um die weit und tief bewegte Zeit ruhig überschauen zu können mit all ihren Gewittern, die auf des Sturmes Flügeln daher gezogen kommen, um sodann das Rundgemälde von dem, was ich gesehen, recht klar meinen Lesern darzustellen. So ist’s dem Verfasser dieser Blätter früher oft vergönnt gewesen. Heute nicht so. Selbst und mit Leidenschaft mitten im Strome kämpfend, selbst preisgegeben den Wogen des Verhängnisses, selbst vom Beruf zur Stimmführerschaft der Zeit auf das Gewaltigste erregt, ist an einer ruhigen Ueberschau nicht zu denken, und ich muß mich vielmehr auf die Betrachtung weniger großen Züge und jener mächtigen Strömungen beschränken, welche, tausend Arme und Nebenflüsse in sich aufnehmend, jetzt wirksam sind, die Formen im europäischen Staatsleben zu verändern, zu entfernen, oder neu zu gestalten.
Daß Der kein Lügengeist gewesen ist, der sich durch Pius IX. verkündigen ließ, ist nun auch dem Allerblindesten klar geworden. Jener Jehovah, vor dem her die Wetter dräuend gehen, hinter dem das Gericht erfüllt, was die voranschreitenden Boten gedroht, – jetzt ist Er Allen sichtbar über den Horizont heraufgestiegen. Jubelnd schütteln Völker die Ketten ab, hoffend und vertrauend recken andere die Arme ihm entgegen, – nur der Kleinmuth zagt und nur die Verwegenheit und Verzweiflung suchen noch mit Speer und Schwert das Bild des Schreckens abzutreiben. Thörichtes Bestreben! Dem Weltrichter kann Keiner trotzen, denn Keiner ist stärker als Er. Der Spruchtermin ist gekommen. Er sitzt zu Gericht und sein Urtheil üher die hochgehäufte Blutschuld trifft die Schuldigen Schlag auf Schlag. Wie die Throne in Staub zerbröckeln! wie die Könige fliehen! wie Er die mächtigsten, unumschränktesten Gewalten in engen Gewahrsam schließt und sie so geschmeidig macht und willig! Ja! es ist Gott leibhaftig, der da richtet. Keinem Unrecht, sey es noch so fest gewurzelt in der Zeiten Schooß und noch so tief begründet, wird Bestand gelassen, keine Treulosigkeit bleibt ungerächt, keine Lüge findet Glauben mehr, kein Hochmuth und keine Hoffarth, und säßen sie noch so hoch, bleiben ungedemüthigt; die ewigen [23] Rechte der Völker aber, wären sie auch bis zur Unkenntlichkeit in den Staub getreten, sie werden von ihm emporgerichtet überall unter dem Jubel der Nationen. – „Hosiannah, der Herr ist mitten unter uns!“ hallt’s von einem Ende des Welttheils bis zum andern wider. –
In so herkulischer Zeit, wo die ganze sittliche und sociale Welt aus den Fugen geht, um sich neu zu formen, wo sie erregt ist bis in ihre unergründetsten Tiefen, wo die ganze Gesellschaft in großen Wellen schlägt und brandet: – da soll ein Jeder vor Allem nach dem Polarstern suchen, die Weltgegenden zu erkennen, sich zurecht zu finden und einen festen Stand zu gewinnen, damit er Sturmeszug und Wogenströmung richtig zu deuten wisse.
Wer so zu freier Uebersicht gelangt und mit klaren, scharfen Augen begabt ist, dem treten bei aller scheinbaren Verwirrung aus den Bewegungen unserer Zeit stets zwei Hauptgegensätze vor Augen. Ich wage es, sie Recht und Unrecht zu nennen. Ersteres fußt auf die ewigen Naturgesetze, letzteres auf Geschichte und Ueberlieferung; dieses ist mit der Vergangenheit, der Autorität und dem Erhaltungsstreben im Bunde; jenes stützt sich auf die Zukunft, auf den Trieb des Fortschreitens, des Neugestaltens, des Besserwerdens auf Erden; bei dem Einen ist Gehorsam und Unterordnung bedungen; bei dem Andern Freiheit und Gleichheit.
In ruhigen Zeiten, wo die Begebenheiten gewöhnlichen Verlauf haben, werden auch die Wechselwirkungen jener streitenden Potenzen nur mit mäßiger Stärke hervortreten und Aenderungen der gesellschaftlichen Formen, wo sie diese hervorbringen können, werden dann immer auf dem Wege allmähliger Umbildung geschehen. Aber in den Perioden des Sturms, wo der plötzliche Umsturz die Stelle der langsamen Entwickelung, die augenblickliche Vernichtung den Platz der successiven Entfernung einnimmt, da treten auch jene sich bekämpfenden Elemente in der ganzen Schärfe ihres Widerspruchs an den Tag hinaus, Parteiungen bilden sich und sie beginnen mit einander einen Kampf auf Leben und Tod. Diese Parteiungen haben Europa seit der ersten französischen Revolution in 2 Heerlager gespalten, welche die Stichnamen: Conservative und Revolutionaire, Liberale und Servile, Legitimisten und Radikale, Reformer und Stabile, Reaktionäre und Fortschrittsmänner, Aristokraten und Demokraten und noch viele andere auf ihren Bannern tragen. Unduldsam schon ihrer verneinenden Natur wegen, hat jede dieser Parteien ihre Ansichten und Grundsätze als die allein richtigen ausgegeben und die öffentliche Meinung, aus allen Weltgegenden angeblasen, und bald nach der einen, bald nach der andern Seite hinübergerissen, wußte in den ersten dreißig Jahren nicht, auf welcher Seite sie sich feststellen sollte. Erst seit den Julitagen von 1830 hat sich der Sieg nach langem Wechselkampfe für die Streiter der Menschen- und Volksrechte dauernd entschieden. Es war ein Sieg ganz, beständig, vollkommen; aber es war ein Sieg der Idee; ein Sieg im Reiche [24] des Geistes. Gegen sie stemmte sich die positive Gewalt mit aller ihrer Macht. Das gesammte monarchische Europa trat in ein Bündniß zusammen, damit die Gefürchtete nicht in die Außenwelt streife und zum Besitz in derselben gelange. Vorzugsweise ward nun das Schwert der Hirtenstab der Fürsten, die stehenden Heere, die kostbaren Wächter der Throne und ihrer Beamten machten einen permanenten Kriegszustand mitten im Frieden zu einer Nothwendigkeit, und die in Fesseln geschmiedete Presse mußte der in den tiefsten Winkel der Seele verbannten Ueberzeugung jede Aeußerung versagen. So ist es gekommen, daß gerade seitdem der Sieg der Ideen der Freiheit und des Volksrechts entschieden war in der Meinung der europäischen Nationen, die Gewaltherrschaft schroffer als je in den meisten Staaten sich zeigte. – Wie zu einem Rattenkönig so fest und unzertrennlich hatten sich alle Inhaber der Gewalt in einander verschlungen, und in Congressen und in Conferenzen zusammen tretend, regelten sie überall die Einrichtungen zur Erhaltung ihrer Macht, nannten diese Einrichtungen staatliche Ordnung und Ruhe, befestigten sie durch Gesetze und ließen sie durch die Priesterkaste heilig sprechen, oder ihre Unverletzlichkeit verkündigen. Die siegenden Ideen aber – diese wurden in die tiefsten Schächte des Volksgeistes verwiesen, und über ihnen, gleichsam als Todtenmale, bauten die Völkerhirten Kunstwerke der Tyrannei und Capitale der Zwingherrschaft, oder, – und was noch ärger war, als beide, – die Trödelbuden der Treulosigkeit und Arglist in Scheinverfassungen und konstitutionellen Windbeuteleien. Zwanzig lange trübe Jahre gingen also über die europäische Erde hin und in vielen Landern hüllte die Nacht der Despotie, nur zu oft im Bunde mit afterliberalem Volksbetrug, ihre Opfer und ihre Orgien in den schwarzen Mantel. Dichter und immer dichter, fester und immer fester wurde, durch Waffengewalt oder durch Gesetzgebung, durch bureaukratische Kunst oder durch staatliche Bevormundung, durch Vernichtung der bürgerlichen Selbstständigkeit oder durch systematische Fälschung des Volksunterrichts und durch tausend andere Listen und Behelfen der Regierungskunst die Kette um die Völker gezogen. Rettung dünkte Vielen unmöglich; zumal da, wo die Verdammung und Korruption der Massen Schritt zu halten schien mit dem treulosen Beginnen und das System von Jahr zu Jahr an Festigkeit und Bestand gewann. Doch war Alles nur Schein. Tief in der heimlichen Kammer des Volksgeistes wachte die Ueberzeugung von der Größe des wachsenden Unrechts und der Unausbleiblichkeit einer Umkehr, und tröstend stand am umwölkten Gesichtskreis die Verheißung von Weltgericht und Erlösung wie eine Säule des Zodiakallichts. Auch gab es jederzeit unter den Völkern noch Priester dieser Verheißung, welche, unverdrossen und unerschrocken, Wacht hielten auf der Warte der Volksfreiheit, der langen Nacht die Stunden abriefen und den Hoffnungsfunken anfachten, welcher die geknechteten Völker vor dem Versinken in Muthlosigkeit und Gleichgültigkeit bewahrte. –
Also war die Lage der Dinge in den meisten Ländern des kontinentalen Europas, als Etwas geschah, was kein Seher voraus verkündigte, – Etwas, das der Anstoß wurde, welcher den Völkern eine neue Bahn [25] anwies. Es geschah in Rom, das schon zwei Mal die Welt erobert hatte; einmal mit dem Schwerte, das andere Mal mit dem Kreuze, und nun den dritten Weltzug beginnen sollte mit der Idee der Volksfreiheit und Selbstregierung. Sie wird – ich glaube es – die Erde umkreisen.
An einem Wintermorgen des Jahrs 1846 öffneten sich die Pforten des Vatikans, und die Herolde traten heraus, den Tod Papst Gregors XVI. zu verkündigen. Gregor war alt, sein Hinscheiden lange vorhergesehen. Es wäre ein kleines Ereigniß gewesen in gewöhnlicher Zeit. Was demselben aber den Stempel einer Weltbegebenheit aufdrückte, das war die Lage des Welttheils, Italiens, des Kirchenstaats. In diesem letzteren waren Unzufriedenheit und Verwirrung auf’s Höchste gestiegen. Das alte Regierungssystem war ganz verbraucht. Es war Alles aus den Fugen getreten, die Getriebe an der allen Maschine waren ausgelaufen, kein Rad mehr in Umgang. Da zu helfen bedurfte es nicht sowohl eines Regenten, als eines Reformators. Eine einzige Persönlichkeit war im Kardinalskollegium, die dazu taugte. Es war Mastai Ferretti – und das wählende Konklave setzte ihm als Pius IX die dreifache Krone auf.
Italien war damals ein Vulkan, dessen gespannte Dämpfe jeden Augenblick mit zerstörendem Ausbruch drohten. Rom war der Krater dieses Feuerbergs. Es war der Mittelpunkt des wiedererwachten Nationalgefühls, das die schlummernden Kräfte des italischen Volkes geweckt und in die heftigste Währung gebracht hatte. Die Italiener, die Römer vor allen andern, waren zum Bewußtseyn ihrer unwürdigen Lage gekommen. Die Indignation darüber erfüllte alle Gemüther; der Drang nach einer Aenderung und Verbesserung riß alle Herzen fort. Von den Alpen bis nach Sicilien wühlte in den Geistern das Gefühl der Unterdrückung und der Sehnsucht, aus der Zerrissenheit in die Einheit zu gelangen. Was – rief man sich zu – was rettet das Staatsleben von dem Abgrunde der Gewalt, der Willkür und der faulen Auflösung? Was führt den Formen, welche nur noch die stützenden Bajonette und der Kitt, aus Bürgerblut geknetet, an dem Auseinanderfallen hindern, neues Leben zu? Was anders, als die Ideen von Freiheit, Bürgerthum und Verfassung? Sie, die man bei dem drohenden Schiffbruch als die einzigen Anker erkannte, welchen zu trauen wäre, hatten schon längst Umlauf unter allen Gebildeten und sie fingen jetzt an, in’s Volk zu dringen. Dies gab sich kund in Neapel, in Sicilien, in Piemont, in Mailand, in Venedig, in Toskana, im Kirchenstaate; am entschiedensten in Rom. Hier züngelten schon in den ersten Tagen nach Gregors Tod unheimliche Flämmchen aus allen Spalten und Ritzen der dünnen Decke, welche das unterirdische Glutmeer verhüllte. – Bald fuhren Blitze auf. Sie umzuckten das Kapitol. Da, vom Geist des Herrn erfüllt, ergreift sie Pius, er schleudert sie, sie zünden, sie erleuchten die Welt. –
Pius IX. erstes Wort aus dem Vatikan ist das erste Wort des Epos der neuen Geschichte. Es ist das große Wort gewesen: „Das Evangelium ist eins mit der Freiheit.“ Sein erster Herrscherakt war desselben [26] würdig;– er hieß Amnestie! Wie ein Blitzstrahl schlug diese Großthat in alle Völker und in alle Herzen. Keiner, der nicht fühlte, wie mit diesem Akt jener alten, schlechten Politik der bodenlosen Selbstsucht und Treulosigkeit der Stab gebrochen war; Niemand, dem nicht damals die Ahnung beikam, es tage eine neue, bessere Zeit. Von Nord und von Mittag, von Aufgang und von Niedergang richteten sich die Blicke der Nationen nach Rom – diesem Rom, das noch einen Augenblick vorher die Mitte gewesen war, von welcher ausging die politische Verderbniß! Alle Hoffnungen und Wünsche und alles Vertrauen der Völker begegneten sich in der Stadt der sieben Hügel, die, eine neue, welterobernde Roma in die Zeit getreten war. Der Mann im Vatikan halte die Axt an den Baum gelegt, man hörte ihre Schläge, man sah seine Wipfel wanken; und die Eisenkrone, die um Europa geschmiedet war, sie war geborsten.
Von dem Anstoß, den Rom gegeben hatte, rollte das auf dem äußersten Gipfel stehende Rad des Weltgeschicks auf die andere Seite hinüber. Seine Bewegung war gleich von Anbeginn so heftig, daß sie in den Verhältnissen aller europäischen Staaten gefühlt wurde und, wo solche morsch waren, sie lockerte und erschütterte. Am mächtigsten war die Wirkung an ihrem Ausgangspunkte. Zustände und Volkscharakter wirkten hier zusammen, um zum Ungemessenen hinzuziehen und aus dem Extrem der absoluten Monarchie in das Extrem der Anarchie überzustürzen. In solcher Lage des Zügels Meister zu bleiben, dazu gehörte göttliche Kraft. Pius hatte sie. Er schrieb „Freiheit als Frucht der Entwickelung“ auf sein Programm, und wir haben das Wunder gesehen, – er hat sein Programm gehalten.
Ueber Italiens Grenzen hinaus reichten Pius’ Reformpläne inzwischen nicht. Pius selbst hat so wenig daran gedacht, die sociale Revolution in Europa zu machen, als der Hauptmann, der in Guizots Hotel „Feuer“ auf das jubelnde Volk kommandirte, daran gedacht hat, die Monarchie in Frankreich zu stürzen und die Republik zu machen. Das hat ein Höherer gethan; Der hat’s gethan „dessen Zwecken die Gestirne dienstbar sind und alles Geschöpf auf Erden.“ – Pius warf den Stein. Die Wellenringe, die, vom Vatikan ausgehend, jetzt schon bis an die Gestade der Ostsee schlagen, sind Wirkungen nach ewigen Gesetzen, nicht nach dem Willen des Werfenden.
Wo kein Wasser ist, da sind auch keine Wellen, und wo kein Zündstoff sich gehäuft hat, da facht kein Funke eine Flamme an. – Auch in Deutschland hätten die Funken, die vom Scheiterhaufen des französischen Königsthrons über den Rhein herübergeflogen, keinen Brand gemacht, hätte der morsche Staatsbau nicht allwärts dürres Holz in Menge dargeboten. Die Revolution hätte sich nimmer in 14 kurzen Tagen, an allen Thronen wackelnd, und alle Fürsten zum Geständniß ihrer Schwäche und Wehrlosigkeit nöthigend, von der Saar bis zum Niemen, von den Alpen bis zur Eider fortwälzen können, hätte der Zerstörungsprozeß nicht schon früher unsere Staatseinrichtungen bis in die äußersten Wurzelfasern zerfressen gehabt, wäre nicht schon die Entfremdung des [27] Volksgeistes von den Regierungen vollendet gewesen, hätten nicht die öffentlichen Zustände in Deutschland längst des Schwerpunkts und Halts entbehrt, hätte nicht seit Jahren schon die ganze Nation das bittere Gefühl von Dem, was sie nicht war, aber seyn sollte und seyn könnte, im Herzen getragen, und aus dem klaren Bewußtseyn ihrer Lage und deren Ursachen den Schluß gezogen, daß so es nimmermehr bleiben dürfe und kein Opfer zu groß zu achten sei, es zu ändern. – Vier und dreißig Friedensjahre hindurch hat Deutschland die Blüthe seiner Söhne der Dressur zu Menschenmaschinen hingegeben, die keinen Willen kennen, als den des Monarchen; achtmal hunderttausend Krieger haben im fünfunddreißigjährigen Frieden an den Thronen und ihren Institutionen Wache gestanden, der Nation hat es über 2000 Millionen Thaler gekostet, und nicht einen einzigen, auch das kleinste Fürstenstühlchen nicht, hat diese Wache vor den dringenden Forderungen des Volks irgendwo mit Erfolg geschützt. Das straft das Sprüchwort Lügen: „Nichts Neues unter der Sonne“; denn Gleiches hat die Weltgeschichte noch nicht aufgezeichnet. Machiavells Klugheit hat in Deutschland völlig Bankrott gemacht, an der Stelle der Staatsweisheit hat die Rathlosigkeit Platz genommen und die unfehlbarsten Rechnungen der Diplomaten sind gänzlich fehlgeschlagen. Das Wunder ist vor unsern Augen geschehen; und doch, wenn wir es näher betrachten, so ist nichts Wunderbares daran, als der Umstand, daß es nicht schon längst sich so begeben! – Frage man sich doch, ob in irgend einem gesitteten, gebildeten, intelligenten und großen Volke der Welt die Quellen der Unzufriedenheit und des Unmuths reichlicher geflossen, als in Deutschland? frage man doch, wo man beständiger und wirksamer darauf hingearbeitet hat, durch Censur und Gedankenfesseln diesen Unmuth von der Oberfläche weg in die innersten edelsten Organe des Volkslebens zu treiben, und sich in die dunklen Herzenskammern zu verbergen? Wurde nicht ein volles Menschenalter hindurch mit uns Hohn und Spuk getrieben, und hat die Nation es mit allen Opfern und allen Gegenbestrebungen irgend wo nur dahin bringen können, daß man entartete, altersschwache, krankhafte, in der Verwesung begriffene Regierungssysteme offen und ehrlich aufgegeben und mit andern vertauscht hätte, die auf der Höhe der Zeit gestanden? Was hat es denn geholfen, daß sich der Verstand der besten Köpfe abmühete, zu beweisen, daß die Last der stehenden Heere, die dem Frieden das Kreuz des Kriegs auf die Schulter laden, in der Stunde der Gefahr keine Sicherheit gewähre? daß eine Genossenschaft selbstständiger Souveränitäten, bei denen das Recht der Selbstständigkeit gesetzlich alle Pflichten gegen die Gemeinschaft überragt, den innern Halt entbehre und die Nation zur Null herabwürdige? Was hat es geholfen, daß man die Gefahr hinstellte, welche für die Sicherheit der Nation dadurch erwuchs, daß Preußen und Oesterreich die im 13ten Artikel der Bundesakte gewährte Volksrepräsentation verweigerten, daß sie fortfuhren, dem absolutistischen System zu huldigen, und eben dadurch dem Geiste der Nation die Schwingen knebelten? Was hat der Aufschrei gegen ein Polizeisystem, welches den Bürger am Gängelbande nahm, und gegen eine Bureaukratie gefruchtet, welche ihn unter permanente [28] Vormundschaft setzte und geflissentlich darauf ausging, männliche Gesinnung, Selbstgefühl und Gemeingeist im Volke auszutilgen und es dahin zu führen, sich, spießbürgerlich, nur an das Kleinste, Engste und Aermste zu heften? Was hat es geholfen, daß sich der Unwille aller Edlen gegen jene Tribunale wendete, wo Ankläger, Richter und Vollzieher der Urtheile in eigener Sache saßen und wo dieselben Personen die Vollmacht hatten, überall in Deutschland willkürliche Verhaftungen vorzunehmen, die Angeschuldigten ihren natürlichen Richtern zu entziehen und, wenn es an Thatsachen fehlte, auf verborgene und vermuthete Tendenz und Gesinnung zu inquiriren und zu fahnden? Die unverletzliche Gerechtigkeitspflege war Deutschlands letzte Ehre, und sie ward vom verpflichteten Ehrenhüter, dem deutschen Bundestage selbst, ihm entwendet! Ja, wir Alle haben die Zeit durchlebt, wo das deutsche Vaterland, herabgewürdigt, zerrissen und zerfetzt wie ein Bettlermantel und getrennt durch tausend Schlagbäume und acht und dreißig Gesetzbücher, nicht viel mehr war, als eine diplomatische Fiktion, die nur dann noch angerufen wurde, wenn es galt, mißliebige Geister zu ächten, Handwerksburschen das Wandern in freie Länder zu verbieten, das Tragen der deutschen Farben zu verpönen, liberale Blätter zu unterdrücken und Metternich’sche Diktate der Nation als Bundesbeschlüsse zu eröffnen! –
Das ist der rauhe Umriß der Lage Deutschlands, als in den letzten Februartagen der Sturz des Königthums in Frankreich wie eine Granate in das Volk einschlug und den gehäuften Brennstoff entzündete. 14 kurze Tage gehörten dazu, um ein System zu stürzen, für dessen Bestand die Nation ein ganzes Menschenalter lang ihren Wohlstand und ihre edelsten Güter wider Willen zu opfern gezwungen worden war. Wäre es anders gewesen, hätte sich die Nation nicht, wie es geschehen ist, entschlossen erhoben wie ein Mann zu dem einen, erkannten Ziele, wahrlich! sie würde eine verworfene seyn und völliges Verderben verdienen. Aber Nein! Angesichts Gottes und der Welt hat sie die Prüfung ruhmvoll bestanden. Mögen jetzt nach dem Geschehenen die Lockvögel, die Schauspieler und Sophisten, der Nation schmeichelnde Worte vorpredigen; mag man den über Nacht zum Mann erwachsenen Volksgeist mit Bannformeln und Zaubersprüchen beschwören; mögen dienstfertige Knechte des alten Regiments, nachdem sie aus ihrer Betäubung erwacht sind, aus ihren Winkeln mit Löscheimern herbei eilen und auf jede Flamme der Begeisterung ihr Wasser ausgießen, damit wieder alles kahl, seelenlos und abgestanden werde wie sie selber: Nichts wird’s ihnen helfen! Das Kind der Volksherrlichkeit ist einmal empfangen und hinaus an den Tag muß es, sollte es auch noch so schwere Wehen kosten. In allen Dingen ist das Aeußerste jedesmal der Wendepunkt zu seinem Gegensatz, – und die Kraft und die Einsicht, die jetzt die Oberhand gewonnen haben, werden auch weiter treiben auf der neuen Bahn des Heils, die wir eingeschlagen. Wer wollte daran zweifeln, nachdem so viel Großes und Herrliches schon gewonnen ist? Ueberall ist ja der Fortschritt des Losungswort geworden, überall weichen die Fürstin dem Zwang, die Höflinge, die Charakterlosen, [29] die Schmeichler, die Halben und Unfähigen aus ihrem Rathe zu stoßen, sich mit den Tüchtigsten im Volke zu umgeben, und die meisten ergreifen die Idee – ihren eigenen Bestand an die Freiheit der Nation zu knüpfen. Gerade das aber zieht sie unaufhaltsam in den Strom der Bewegung.
Daß mehre unserer Fürsten, vor der cyklopischen Kraft sich entsetzend, welche das Volk offenbart hat in diesen Tagen, resignirt haben, ist kein übles Zeichen. Es beweist ihre Hoffnungslosigkeit auf die Rückkehr der alten Zeit. Es wird nicht bei diesen Resignationen bleiben. Andere werden voraussichtlich nachfolgen. Ebenso wird auch das von Preußens Könige gegebene Beispiel der kecken Betheuerung eines gänzlichen Umschlags in der bisher hartnäckig verfolgten Richtung nicht einzeln stehen bleiben. Die Nation aber wird sich über den Werth solcher Betheuerung nie mehr täuschen. Wenn auch die nächsten Zuschauer die bühnengewandte Ausführung beklatschten: für die innere Wahrheit der That zeugt sie nichts. Das Faktum aber der freien, darum verpflichtenden Zusage ist viel werth; denn damit hat der König die Brücke hinter sich abgeworfen, eine Rückkehr ist unmöglich gemacht. Der erste Rückschritt würde ihn bestimmt verderben; er wäre Selbstvernichtung. Indem er sich, abschwörend den alten Glauben, als „Spitze“ der deutschen Volksfreiheit aufgeworfen hat, wird er von den Kräften, die er bemeistern will, unaufhaltsam vorwärts geschoben, und wie er früher durch sein beharrliches Festhalten an den mittelalterlichen, von der Zeit verlachten Begriffen des Herrscheramts die deutsche Revolution vorbereiten half, so kann seine jetzt angenommene Stellung nur dazu dienen, ihr zu nützen, sie zu fördern, sie zu befestigen. Der König hat sich (war es die Nemesis, die ihn getrieben?) in den Strom gestürzt, der noch raucht vom vergossenen Herzblut seiner Bürger, und die Wogen, die ihn erfaßt haben, wälzen ihn unaufhaltsam einem Ziele zu, das weit ab von dem liegen wird, welches er zu erreichen trachtet. Sein Einsatz – Preußen geht in Deutschland auf! – ist „va banque!“ – und „va banque!“ muß er fortspielen bis ans Ende. Er wäre gänzlich verloren, wenn seine Ausdauer in entschlossener Verfolgung der jetzt eingeschlagenen Richtung geringer wäre als seine Kühnheit. Er weiß es, er fühlt es, daß neben dem Kapitol der Tarpejische Fels steht. Die Stellung, welche er mit einem ungeheuern Luftsprung einzunehmen trachtete, ist die größte und erhabenste, die je ein Fürst erstreben kann. Aber der Sprung allein thut’s nicht. Auch nicht das „Ich bin’s!“ Der großen, freien, deutschen Nation allein steht es zu, ihre Ehrencharge zu verleihen. Bevor aber in Deutschland nur der Gedanke aufkommen kann über die Führerwürdigkeit jenes Monarchen zu berathen, muß er durch eine Reihe von Thaten wirklicher Seelengröße und einer ächten, volksthümlichen, auf Gerechtigkeit gestützten Politik beweisen, daß es ihm Ernst ist, seine Präcedentien vergessen zu machen. Sein erster Akt sey die Sühne des größten Verbrechens, welches die preußische Geschichte besudelt: – der König proklamire die Wiederherstellung Polens und gebe Posen an das Piastenreich zurück; dieses Posen, welches die deutsche Nation als ihren Antheil am [30] Raube mit Abscheu von sich weist. Er führe seinen Heerbann sofort zur Befreiung des Brudervolks über die Weichsel, und die Welt wird sehen, wie sich in Deutschland die Tage der Kreuzzüge erneuern, und wenige Wochen hinreichen, um die Horden der russischen Henker von der polnischen Erde zu fegen. Wo anders als im polnischen Freiheitskampf könnte das deutsche Unions-Banner seine Weihe auf die würdigste Weise empfangen? – An Polens Befreiung wird sich die von Kurland, der Esthen und Finnen reihen, das kaukasische Heldenvolk wird den Preis seiner unsterblichen Großthaten empfangen, der Abfall der asiatischen Völker wird die Schwäche Rußlands und die Vernichtung des russischen Einflusses auf den Orient vollenden, und das Tyrannenreich, auf seine natürlichen Grenzen zurückgewiesen, hört für immer auf, für Westeuropa etwas Bedrohliches zu haben oder auf den Kulturgang einen schädlichen Einfluß zu üben. Eine sofortige Herstellung Polens ist folglich zugleich der erste unerläßliche Akt der deutschen Nationalpolitik; er tilgt die alte furchtbare Blutschuld, sühnt das Verhängniß, versöhnt das Brudervolk, knüpft es mit festen Banden an uns, macht es zum Wall gegen die Eroberungsgelüste der Moskowiter für alle Zeiten und drückt dem Wollen des deutschen Volksgeistes für immer und vor allen Nationen den Stempel der Größe auf. Ich wiederhole es: Wer sich an die Spitze unserer Nationalfreiheit stellen will, der bedarf einer ganz andern Bluttaufe, als Friedrich Wilhelm IV. sie in den Straßen Berlins empfangen hat. Suche er sie im Geleite der Hunderttausende, welche sein Ruf „für Polens Befreiung!“ um ihn schaaren würde, in den sarmatischen Ebenen! Das Tagewerk dort wird kurz seyn; denn Polens Befreiung ist Sturmes Arbeit:– schnell, gewaltig, unwiderstehlich wie das Brechen der Eichen im Forste. Und dann, wenn’s geschehen ist, dann möge der König bekränzt zurückkehren, die Ehren des Triumphs empfangen, und – wenn er der große Mann seyn will, – sein Spiel mit der Rolle Washington’s als – Bürger beendigen.
Ein utopischer Traum! werden Viele sagen. Näher liegt denn freilich der Versuch, daß die meisten Fürsten trachten werden, den Augenblick zu erlauschen, wo sie sich wieder in den Vollgenuß ihrer Pracht, Macht und Herrlichkeit setzen können. Es müßten ja keine Menschen seyn, wenn ihnen nicht der Gedanke dazu beikäme. Aber daß der in Unmacht niedergeworfene Absolutismus sich Goliathsstärke wünscht, ist noch kein Beweis seiner Erkräftigung. Er kann in Deutschland nie wieder aufkommen, – so wenig, wie eine am Stamm abgebrochene Tanne wieder eine Krone treibt. Die Volkserhebung bedingt einen Wechstl des Systems; nicht bloß einen Wechsel des Kleids, der Formen, der Menschen, der Minister. – Es ist nicht wie 1830, wo man dem trunkenen, vom hambacher Feste heimkehrenden Michel ein Bein unterschlagen konnte. Kein Fürst kann jetzt den Strom dämmen oder ihm widerstehen; er muß sich hineinstürzen und fortreißen lassen; oder – resigniren. Der Heiligenschein ist fort für immer, der matte Aberglaube, der noch die Schwachköpfe umnebelt, schwindet, je höher die Sonne der Freiheit emporsteigt; die starke Gewohnheit des Gehorsams ist gebrochen, der Volkswille [31] ist erwacht, er hat seine Kraft erprobt an den Kräften der fürstlichen Macht, und es ist nicht mehr daran zu denken, daß er sich je einer andern Ordnung wieder fügen werde, als der auf die Freiheit sich stützenden. Das deutsche Parlament, welches durch die freie Wahl der Nation zusammentreten wird, ist berufen, diese Ordnung zu regeln, und sie gegen alle möglichen Reaktionsversuche, die, wenn ihnen der mindeste Spielraum gelassen wird, nicht ausbleiben werden, sicher zu stellen. Das Parlament wird und muß den Fürsten die Mittel zur Macht, dem Volke Unrecht anzuthun, gänzlich und für ewig entziehen; sollten sie dann den Versuch dennoch wagen, so würde es ihren völligen Untergang herbeiführen. Reizt man das Volk, sich noch einmal gegen die Monarchie zu erheben, die durch ihren langen Mißbrauch der Macht den Anspruch auf Schonung sattsam verwirkt hat, dann werden bei seinem ersten Zucken die Throne und Fürstenstühle zusammenbrechen, wie ein morsches Haus bei einem Erdbeben, und ihre Splitter werden verwehen, wie Spreu vor dem Sturme. Nicht anders würde es geschehen und die Stätte der Dynastenherrschaft in Deutschland nicht mehr gefunden werden. Bei dieser neuen Bewegung könnte es jedoch auch kommen, daß alles Bestehende im Staat nach Wesen, Form und Besitz mit Einemmale weggeschafft würde, die aufgelösten Elemente des Volks- und Staatslebens neue Krystallisationen eingehen müßten und dieses ein neues Eigenthumsystem hervorriefe: – ein Umsturz, durch den die Revolution sich in ein Chaos voll Bürgerkampf verwandeln würde, welches der Nation die Früchte ihrer Erhebung und ihrer Opfer auf lange, lange Zeit entziehen möchte. Diese Gefahr ist meiner Meinung nach viel größer, als jene, welche aus dem Fortbestand der Monarchie mit demokratischen Institutionen irgend erwachsen kann. Lasse man daher dem Prinzipe noch Geltung. Die Republik wird doch nicht ausbleiben; aber ein Friedenswerk soll sie seyn, als zeitige Frucht soll man sie pflücken, republikanische Volksreife, folglich auch republikanische Vorbildung müssen vorausgehen. Die Zeit, solche zu erlangen, gibt nur die von der Volkshoheit beschränkte Monarchie, und diese wird abfallen, wie das dürre Blatt vom Baume, ohne daß es eines Windhauchs bedarf, wenn der Herbst gekommen ist und die letzten Säfte vertrocknet sind, welche dem Blatt Leben zuführen. –
Vor einer andern Gefahr wird uns, ich zweifle nicht, der gesunde Sinn und die Mündigkeit der Nation bewahren; vor der Gefahr, meine ich, daß die Rivalität jener Fürsten, welche sich jetzt selbst zur Führerschaft der Nation aufwerfen, Spaltungen hervorbringen und Parteien und Faktionen hervorrufen, ehe noch für die Befestigung der neuen Zustände der erste Grundstein gelegt ist. In Wien und Berlin sehen wir schon gegnerische Bestrebungen zu dieser Führerschaft, und beiden tritt das süd- und westdeutsche Volksbewußtseyn mit seinem Votum für demokratische Monarchie, und mit der festen Erklärung, daß es eine Führerschaft nur als Produkt der freien Wahl und des Willens der Nation anerkennen will, diesen dreien aber die Republik entgegen, deren Partei, genährt und getragen von den großen Begebenheiten, stündlich an Zahl und intensiver Kraft zunimmt. Diese vier Meinungen haben sich bereits scharf gesondert. Sie haben den Kampf eröffnet. Sie reden schon gleichsam mit vier Zungen und [32] vier Sprachen; sie äußern vierfache Richtung und Gesinnung; sie beginnen sogar sich zu verketzern; sie können aber, und das ist das Beste in der Erscheinung, doch nicht von einander lassen und achten das gemeinschaftliche Band – das Hochgefühl für Nationaleinheit – über alles andere. – Bleibt es so: – dann ist der Meinungskrieg für die Nation, vor deren Augen derselbe geführt wird, eine tüchtige Schule, und sie wird um so eher befähigt werden, ein richtiges Urtheil über ihre Angelegenheiten zu fällen. Wenn sich aber die Parteien von der heftigen Leidenschaft beherrschen lassen, die Intrike Terrain gewinnt und despotische Gelüste zwischen diesen Streitern Raum finden, ehe die Zustände, welche der Lenzmond geschaffen hat, haltbare Form gewonnen haben, so könnte es das Einheitsstreben schwächen, und es wäre möglich, daß aus einem Volke mehre Völker würden. – Gegen diese Eventualität, die so leicht sich an lange und heftige Parteienkampfe, wenn sie inmitten eines großen Volks sich frei entwickeln können, knüpfen, muß sich der Geist der Nation mit aller Entschiedenheit waffnen. Darum sey sie einig, keinerlei andere Führerschaft, als diejenige ist, welche aus der freiesten Wahl der Nation selbst hervorgeht, anzuerkennen; sie protestire durch ihre Stimmführer gegen alles fremde Präsentationsrecht und spreche gegen die Usurpation als ein gegen die Volkshoheit und ihre Rechte gerichtetes Attentat ohne Umschweife das Verdammungsurtheil. Jeder Meinung, jeder Kanditatur steht die Arena zur freiesten Discussion offen; doch darüber hinaus hat Keiner ein Recht, geschweige ein Vorrecht zu erwarten. Die freie deutsche Presse thue in dieser Angelegenheit allenthalben ihre Pflicht. Nirgends soll sie, statt des neuen Ehrenkleids des deutschen Staatsbürgerthums, den alten Bedientenkittel forttragen und ihre wahre Herzensmeinung nur zwischen den Zeilen suchen lassen. Der Berliner Zeitungsschreiber, sobald sich sein König zur deutschen Führerschaft aufwirft, darf nicht mehr den Landesherrn in ihm beurtheilen, sondern eben nur den Kandidaten für den Ehrenplatz der ganzen Nation, und er muß den Grad seiner Würdigkeit eben so unbefangen prüfen, als hätte sich ein Fürst Reuß dazu gemeldet. Der Wahlspruch „Pro domo“ paßt unter der Ueberschrift „Das Vereinigte Deutschland“ nicht mehr. Feigheit hat zu allen Zeiten Sklaven gemacht, und wie sie Niemanden zieren kann, so schändet sie doch Den am allermeisten, dessen Amt es ist, mitzusprechen über die höchsten Angelegenheiten seines Volks. –
Ich lenke ein. Es hat mich unwillkürlich aus der Ferne in den Kreis der heimathlichen Begebenheiten gezogen, der jetzt Alle, vom Kleinsten bis zum Größten, so tief erregt. Noch ist’s lauter Gähren; an das Klären und Läutern ist nicht zu denken. Ohne größeres Getümmel kann der Streit, nach menschlicher Voraussicht, sich nicht beruhigen. Die in Bewegung gesetzten Massen sind zu kolossal und die Richtungen derselben schneiden sich auf so vielen Punkten, daß Zusammenstoß geschehen muß. Das darf und soll uns jedoch keine Furcht einflößen und die Freude nicht verkümmern, die das Bewußtseyn gibt, in einer Zeit zu leben, wie sie nie vorher gewesen ist, – in einer Zeit, in welcher Gottes Finger vor unsern Augen die Weltgeschichte in den ungeheuersten Zügen schreibt.
[33] Wie es sich auch feststellen werde, sey es, daß die Republik den Platz der Fürsten einnehme, sey es, daß man durch demokratische Institutionen die Monarchie zu stützen trachte, sey es, daß eine aus dem Schooße des Volksparlaments hervorgehende Unionsregierung die Zügel fasse und die landesherrliche an der Spitze der innern Verwaltung der Staaten bleibe; sey es, daß die fürstliche und Volksgewalt sich in zwei Kammern mit gemeinschaftlicher, periodischer Wahl eines Reichsoberhaupts gruppiren: – vergessen darf doch nie werden, daß Gott allen Menschen ein Maaß in’s Gewissen eingeprägt hat, das Maaß des Rechts und der Billigkeit, und dieses von keinerlei Inhabern der Gewalt ungestraft überschritten wird. Jetzt sind die deutschen Völker die Ankläger und sie haben den Spruch auf ihrer Seite. Daß nicht der Weltrichter nach den Verklagten auch die Kläger verdammen müßte! – Ein ernster Geist ist’s, der seinen Stuhl unter die Lebendigen gestellt hat. Die Kronenträger hat er gedemüthigt; die ungerechte Gewalt ist vor ihm zerronnen in Nichtigkeit: aber auch die Völker werden nicht vor ihm bestehen, wenn sie, nachdem er ihnen zu Recht verholfen, selbst Wahrheit, Pflicht und Billigkeit aus den Augen setzen. Am meisten mögen sie sich vor den schlauen Verführern hüten! Gott allein blickt leicht durch die Larven der großen hohlen Worte, mit welchen falscher Patriotismus, pharisäische Heuchelei, Zweizüngigkeit und andere niedrige Leidenschaften sich dem Volk gegenüber zu verhüllen wissen. Darum traue das Volk Keinem, bevor es seinen Gehalt nicht nach Thaten gewogen. Wen aber einmal die That verworfen hat, der bleibe verworfen. Redliche, feste, tüchtige, gesinnungstreue, entschiedene und uneigennützige Männer von klarem Urtheil, nur solche können und sollen gegenwärtig den Völkern rathen, und wie nur von reinen, unbefleckten Händen das Kleinod, die Freiheit, gehütet und gepflegt werden kann, so sind auch nur diese Hände im Stande, sie groß zu ziehen und zur guten Frucht zu bringen.
Ich zweifle nicht, daß bei weitem die Mehrzahl Derer, welche jetzt in Frankfurt zum großen Werke der Parlamentsverfassung tagen – aus solchen Männern bestehen wird. Sie werden eingedenk seyn, daß auf ihren Häuptern alle Verantwortlichkeit der Zukunft ruhe; sie werden nicht vergessen, daß vor dem ewigen Richterstuhle nicht blos ihr Thun abgeurtheilt werden wird, sondern auch das Unterlassen der gebotenen That! – Wenn, gehoben und getragen von der Herrlichkeit ihrer Mission, aber auch im Vollgefühl ihrer unermeßlichen Verantwortlichkeit, sie leidenschaftslos, und entschiedenen, klaren, redlichen Sinns das Werk aufbauen, dann wird’s ein Werk werden der ewigen Ehre für sie selber; die Nation aber wird es als eine Bürgschaft ihres Glücks und ihrer Größe mit Jubel empfangen und der Wille Dessen wird erfüllt werden, der den Sternen die Bahnen verzeichnet, der die Menschheit zu immer höhern Zielen führt, und der den Nationen auf jedem Blatt der Geschichte zuruft: