Der Viadukt über die Lagunen nach Venedig

DXXIV. Der Vatikan in Rom Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXV. Der Viadukt über die Lagunen nach Venedig
DXXVI. Freiburg im Breisgau
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DER EISENBAHN-VIADUCT
über der Lagunen nach Venedig.

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DXXV. Der Viadukt über die Lagunen nach Venedig.




Jede Zeit und jedes Alter im Volksdaseyn hat seinen eigenen Genius, unter dessen Einfluß das grünende Leben Blüthen und Früchte treibt und der sein Zeichen den Monumenten aufdrückt, welche der Gegenwart äußere Erscheinung in ferne Zeiten tragen. Im Mittelalter war der Glaube dieser Genius, und was das christliche Europa uns Großes aus jener Zeit überlieferte, ist vorzugsweise des Glaubens Werk. Des Glaubens magische Zauberkraft war es, welche aus der Erde Schooß jene Münster emporgetrieben, gegen deren Herrlichkeit Pracht und Symbolreichthum kleinlich, dürftig und kahl erscheint, was spätere Zeiten in gleicher Art geschaffen haben; der Glaube war’s, der auch das Unbedeutende durch die Idee erhob und den Formen tiefe Gedanken gab; der Glaube war es, der sich damals in der Weltanschauung der Geister widerspiegelte; der Glaube war’s, der die Phantasie ergriff und ihre Welt mit neuen, unerhörten Naturbildern und Vorstellungen erfüllte; der Glaube war es, der, als das bewaffnete Auge zum ersten Mal in den neu entdeckten Weltraum drang, auch im Himmel die Vorstellungen wiederfand, welche Jeder im Herzen trug. Kurz, der Glaube war in jenem Zeitalter die Axe des Lebens, so bei den Völkern, wie bei dem Einzelnen.

Unser Zeitalter steckt ein anderes Banner auf. Sein Genius ist das Nützliche. Die Größe des Wissens und Erkennens, ausgereift und getragen vom Gemeinsinn, auch ausgerüstet mit einem ernsten, kraftvollen Bildungstrieb, äußert sich in den Werken des öffentlichen Nutzens, welche hinter sich lassen Alles, was irgend ein Volk jemals Aehnliches hervorgebracht hat und der Nachwelt überlieferte. Straßburger Münster wachsen nicht mehr zum Himmel hinan, man baut auch keine Paläste mehr, wie sie ein Ludwig XIV. bauen konnte, jene unermeßliche Wohnungen, welche Millionen zu Hunderten kosteten und aufgerichtet wurden von den Königen, um, mit der Lüderlichkeit und Schlechtigkeit im Bunde, in wilden, phantastischen Festen und üppigem Schaugepränge den Wohlstand ganzer Völker zu verprassen; es ersteht kein Versailles mehr und auch kein Trianon: die großen Werke der Jetztzeit sind Eisenbahnen, Kanäle gräbt man, man führt Straßen aus, welche die Alpen ebnen, und Brücken und Viadukte, welche die Ufer der Ströme verbinden und zusammenknüpfen, was das Meer von Ewigkeit her geschieden hatte.

Von einem Bauwerk dieser Art, das die Verkörperung des kühnsten Gedankens ist, den je ein Architekt für ausführbar gehalten hat, liegt ein Bild vor uns. Es ist die Eisenbahn-Brücke über die Lagunen, welche [36] Venedig, die Braut des Meeres, mit dem festen Lande, und durch die Fortsetzung des Schienenwegs, mit Mailand verbindet.

Dieser Viadukt ist 22,000 pariser Fuß lang, also etwas mehr als eine deutsche Meile. Der Architekt Noale fertigte den Plan und leitete die Ausführung. Der Kostenanschlag war 5 Millionen Lire, der Zeitanschlag 5 Jahre. Dieser Bau, der 1841 begann, ward in kaum 54 Monaten (im Oktober 1846) vollendet. 1000 Arbeiter und 100 Schiffe und Barken zur Beischaffung des Baumaterials, zu denen 300 Kähne zum Transport der Arbeiter von einer Arbeitsstelle zur andern sich gesellten, waren während jener Zeit unausgesetzt in Thätigkeit, und einige tausend Hülfsarbeiter wurden außerdem noch bei dem ersten Angriff verwendet. Es wurden nicht weniger als eine Million Kubikfuß Mauerwerk ausgeführt und über 50,000 Stämme, meistens Eichenholz, zu den Pfahlrosten verbraucht, welche die 216 massiven Pfeiler tragen. Die Brücke selbst besteht aus 222 Bogen, von je 30 pariser Fuß Spannung bei gleicher Breite. Auf der einen Seite schließen sich breite geplattete Trottoirs an die Bahngeleise, welche 5 Fuß 8 Zoll engl. aus einander liegen. Die Brücke lehnt sich sowohl in Venedig als am festen Lande an 2 Brückenköpfe, die zur Verteidigung geschickt sind. – Der architektonische Charakter des großen Werks ist, seiner Bestimmung angemessen, Einfachheit und Dauer. Sämmtliche Pfeiler sind aus festem istrischen Granit aufgeführt und mit römischer Pozzuolanerde gefügt

Venedig ist jetzt durch das eiserne Band mit dem Kontinent Italiens vereinigt. Es hat seine frühere Eigenthümlichkeit, nicht ohne Ruder und Segel zu ihm gelangen zu können, verloren: denn seitdem die Lokomotive über die Lagunen braust, nimmt sich Niemand mehr die Mühe, die Gondel zu besteigen. Aber mit dem Roß der neuen Zeit hat auch ihr belebender Odem die Stadt berührt; es ist ein frisches Leben in Venedig aufgekommen, die alten Geschlechter verjüngen sich, sie betreten wieder die Bahn, welche die Ahnen groß gemacht hatte: sie sinnen auf Erwerb in Handel und Schifffahrt, wetteifern unter einander in Entdeckung und friedlicher Eroberung neuer Hülfsquellen und Stützpunkte für den Verkehr, und thun dieß mit solchem Erfolg, daß es die Eifersucht des begünstigteren Triests schon im hohen Grade erregt hat. Nun, da Venedig das Joch Oesterreichs entschlossen abgeschüttelt hat, wird es das Handelsemporium des freien Italiens werden und sein knospendes Gedeihen schnell zur Blüthe sich öffnen. Eine größere, glücklichere Zukunft ist ihm sicher beschieden, wennschon es nie auf die Rückkehr der Zeiten hoffen darf, da seine Flotten unter dem Zeichen des Kreuzes und des Löwen von Sankt Mark das mittelländische Meer bedeckten, Bürger der Republik den Stolz von Fürsten im Busen trugen und die Republik selbst ihren Willen fremden Königen als Gesetze diktiren konnte.