Freiburg im Breisgau (Meyer’s Universum)
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FREIBURG im BREISGAU
„Freiburg!“ – welche bewohnte Stätte Deutschlands trägt ihren Namen mit so vollem Rechte, wie Du, einfache, bescheidene Stadt im Thal, der Dreisam? –
Deine verfallenen, von lustigem Rebengelände überwucherten Wälle umgürten keine den Blick verwirrenden Häusermassen, keine Prachtpaläste reihen sich zu riesigen Straßen aneinander, keine obherrschende Vornehmheit trägt sich auf Deinen offenen Plätzen zur Schau; – krumm und winkelig, wie Laune und Zwang sie zusammengedrängt, stehen Deine wenigen alten, grauen und Deine vielen neuen, hellen Wohnungen in bunter Reihe neben einander, und weder in Deiner Kaiserstraße noch in Deiner Pfaffengasse entbehrt man den Anblick, der uns den guten Bericht bringt, daß hier nach wohlerprobter Sitte ehrsam bürgerlich Haus gehalten wird. – Und wie die Stadt, ist ringsum das Thal: freundlich und lieblich, ein Garten, in welchen die Höhen des Schwarzwalds nachbarlich hineinschauen. Und mitten aus dieser einfachen deutschen Landschaft, über diese kleinen, hellen Gebäude, über die Gartenhäuschen und Pappelalleen ragen die gewaltigen Massen eines Doms, der würdig wäre, eines Reiches Hauptstadt zu krönen! Wer hat diesen Riesen gesetzt zu jenen Zwergen? Wie soll das Auge Vermittelung finden für diesen Zwiespalt der Verhältnisse?
Gottlob! Für das deutsche Auge hat in unseren Tagen dieses Bild die erhebendste Einheit gewonnen. Das deutsche Auge sieht jenen Dom erglänzen von einem Lichte, welches seine Strahlen durch Nacht und Sturm über alle Länder deutscher Zunge ausgegossen, den Verzagten geleuchtet, die Erstarrten gewärmt hat, welches von keinem tückischen Wind gebeugt, von keinem Orkanwüthen erstickt worden ist, bis der Augenblick der Tageshelle über ganz Deutschland heraufgezogen war. In Freiburg ist die Quelle dieses Lichts. Hier ging die Sonne des deutschen Völkerfrühlings auf, ihr Strahlenkranz erhebt die „freie Burg“ des Breisgau’s zum Mittelpunkt des befreiten Vaterlandes, und als ob es jener Zähringer geahnt hätte, daß einst hier sein Werk die würdigste Stätte schmücke, hat er Deutschlands schönsten Dom aufgebaut in der Ehrenburg der deutschen Freiheit!
Freiburg hat unter seinen 1200 Gebäuden gar manches Haus, in welchem der Leser die Heimathstätte dieses Lichts vergeblich suchen würde. Nicht aus den fürstlichen Hallen des erzbischöflichen Palastes ging es hervor: dort trat man den Segnungen der Aufklärung und des Fortschritts mit der Priesterwaffe des Fluchs entgegen, verbannte die deutsche Sprache, als eine „dazu untaugliche und ganz gemeine“, aus der Kirche und suchte [38] niedere und höhere Bildungsanstalten dem Loyolismus in die Polypenarme zu drücken; – darum ging jenes Licht auch nicht hervor aus dem Priesterseminarium und nicht aus den Kirchen; – auch aus dem Schauspielhause nicht: denn wo Jesuiten hausen: – Gute Nacht, Licht der Bühne!
Erzherzog Albrecht von Oesterreich, Herr des Breisgaues, schrieb im Jahre 1456 der Stadt Freiburg in einem Stiftungsbrief: „Die Hochschule soll eine Quelle seyn, woraus von allen Enden der Welt unversiegbar geschöpft werde das erleuchtende Wasser der Weisheit, zur Auslöschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft und Blindheit.“ – Und diese Hochschule wurde – nicht die Quelle des neuen politischen Lichts, aber die starre Einfassung derselben. Des Stifters edler Zweck wurde nicht lange in Ehren gehalten. Je erfolgreicher er dem Pfaffentreiben entgegen gearbeitet hatte, je freier sich auf dem frischen Boden die Blüthe der Wissenschaft entfaltete, je starker der Zudrang der Wiß- und Lehrbegierigen aus allen Ländern vor und auf die Lehrstühle Freiburgs wurde, desto energerischern Gegendruck leisteten die römischen und österreichischen Feinde des Lichts – und sie siegten. Schon im Jahr 1620 überlieferten Albrechts Nachfolger im Breisgau die Lehrstühle der Theologie und Philosophie dem Orden der Jesuiten. Die Hochschule sank. Nachdem sie zwei Male, vor den eindringenden Franzosen flüchtend, in Konstanz eine sichere Stätte gesucht hatte und endlich, wieder in Freiburg, unter der Geistesfolter der Jesuiten ihrer gänzlichen inneren Auflösung nahe war, sah sie sich plötzlich durch die Vertreibung des verhaßten Ordens, dessen Güter ihr großentheils zufielen, besonders aber durch die Theilnahme, welche Kaiser Joseph, der ewige Liebling nach Freiheit strebender Völker, ihr laut und offen zuwandte, einer neuen goldenen Zeit entgegengeführt. Abermalige Angriffe, von der französischen Revolution und vom neubelebten Mönchsgeist über sie verhängt, überwand die nunmehr erstarkte Anstalt glücklich. Mit dem Breisgau fiel sie dem badischen Lande zu. Wie hoch aber auch jetzt, unter dem Schutze eines geachteten Fürsten, der Wetteifer der tüchtigsten Gelehrten für das Aufblühen der Anstalt in geistiger Freiheit stieg, die katholische Fakultät der Theologie blieb ein verstockter Widerpart jedes Fortschritts und jeder selbstständigen wissenschaftlichen Forschung. In einer Zeit, wo reaktionäre Umtriebe aller Art den offenen oder versteckten Schutz der Regierenden genossen, während die Regierten, in politischen Kämpfen noch ungeübt und der kompakten Masse der „großen Herren“ gegenüber ohne Wehr und Macht, mehr und mehr zu einer traurigen Resignation sich entschlossen, wäre das Ersticken aller freien Regungen, wie der Zweck, auch der Triumph der Ultramontanen und des aristokratischen Adels geworden; waren doch schon des edlen Wessenbergs segensreiche Werke des Glaubens von der herrschenden Partei der Erde gleich gemacht worden!
Da führte ein günstiger Stern die beiden Männer an der Hochschule zusammen, die das Licht des neuen Völkerlebens am hellsten in Deutschland aufsteckten, sich unerschrocken an die gefährliche Spitze der Bewegung stellten und durch ihre unaufhörlichen Kämpfe, ihr Ringen, Siegen und Unterliegen, ihr Wiederaufraffen nach dem härtesten Fall, ihr schmerzenreiches Märtyrerthum um die Freiheit jenen heiligen Schein um Freiburg zogen, von [39] dessen Glanz umflossen der Münsterbau heute in unserm Blicke sich wiederspiegelt: die Heldengestalten von Rotteck und Welcker sind es, die wir mit Ehrfurcht und Jubel begrüßen.
Rotteck und Welcker, diese Dioskuren auf dem Felde des Kampfes zwischen Fürstengewalt und Volksrecht, standen zum ersten Male am 17. März 1831 als Volksvertreter neben einander in der zweiten Kammer. Rotteck hatte bereits auf dem ersten und zweiten Landtag als Mitglied der ersten Kammer, durch sein die zweite Kammer noch an Freimuth überbietendes Auftreten, Hof und Adel gegen sich aufgeregt. Die Landtage von 1825 und 1828 hatten die Minister ihm zu versperren gewußt. Von dem Augenblicke des gemeinsamen Wirkens Beider an ist ihr Leben und Streben eingeschrieben in die Geschichte und namentlich die Landtagsgeschichte des badischen Volks: eine lange, bittere Leidensgeschichte, Schmach und Schande aufthürmend über den Häuptern, ja, über den Gräbern jener mit der Herrschermacht angeblich begnadeten Menschen, welche, Krämer-, Schacherer- und Bedientenseelen unter den Ordenssternen bergend, als Polizeileute agirten über ihr Volk nach dem Befehl auswärtiger Despoten; – eine ehrenwerthere Rolle haben nur wenige der unmediatisirt gebliebenen Fürsten auf ihren Thrönchen und Stühlen gespielt. – Und mit solchen Gegnern mußten Männer in die Schranken treten, deren geheimste Ader für die höchsten Güter der Menschheit, für Freiheit, Recht und Volksglück schlug! – Sollen wir alle Thaten der List, Lücke, Frechheit, des Hohns und der Gewalt aufdecken, mit welchen den kühnen Volksvertretern begegnet wurde und welche nicht selten ihren Zweck gar deutlich verriethen, die gefürchteten Feinde zu Ungesetzlichkeiten zu verleiten, oder moralisch zu vernichten, ja auch körperlich zu schwächen? – Sollen wir erzählen, wie man Freiburg als „den Centralpunkt des revolutionären Geistes“ durch scharfe Strafdrohungen einzuschüchtern und den Handwerksstand gegen die Freiheitsmänner aufzuwiegeln suchte? – und wie die Einwohnerschaft den Regierungsumtrieben antwortete durch einstimmige Wahl Rottecks zum Bürgermeister? – und wie Welcker ein männliches Wort der Wahrheit mit Gefängniß büßte? – und wie endlich Badens Regent die Universität des gegen Druck und Unrecht widerstrebenden Freiburgs schließen und die Rädelsführer Rotteck und Welcker von ihren Lehrstühlen weisen ließ? – und wie „Der Wächter am Rhein“ und „Der Freisinnige“ endeten? – Wollen wir die heilige Freiheitssonne unserer unvergleichbar großen Gegenwart mit den schwarzen Seiten solcher Geschichten trüben? Nein! Besser, das Buch zu! – denn leider ist die badische Geschichte jener Zeit noch lange nicht der schlechteste Theil der Geschichte des deutschen Volks und seiner Fürsten.
Zurück zu den Männern, welche Freiburgs Ruhm und Deutschlands Heil und Ehre sind: Welcker und Rotteck! Wenn Du, Geist des Entschlafenen, heute unter uns erschienst – heute, kaum acht Jahre nach Deinem Tode – und gingest mit irgend einem Manne, den Du zu Badenweiler die Hand gedrückt, zu Frankfurt, in der Bundesstadt, durch die Eschenheimer Gasse, und da sähest Du die schwarzrothgoldene Fahne auf dem Bundespalaste und müßtest Deine Freunde Welcker, Uhland, Jordan etc. als Bundestagsgesandte begrüßen – um wie viel Jahrhunderte würdest Du die Welt älter schätzen? –
[40] Großer, erhabener, armer, beklagenswerther Rotteck! Itzstein und Welcker, Arndt und Wessenberg, Louis Philipp und Metternich – sie alle erlebten den Tag der Völkererlösung, und Jeder von ihnen erkennt in so wunderbarem Walten den rettenden und rächenden Finger des Herrn! – Du, Du allein, mußtest scheiden ohne Hoffnung, wenn auch bis zum letzten Hauch kämpfend gegen jeden Zweifel, an des Vaterlands einstige Rettung. Du Märtyrer der deutschen Freiheit, dem sie – die Herren in Karlsruhe – noch einen Fußtritt in’s Grab gaben: ja, ja, dem sie ein ehrenvolles Begräbniß versagten, Dir sey nach glorreichem Kampfe das deutsche Banner mit dem vollsten Lorbeerkranz auf’s Grab gepflanzt!
- ↑ Geschrieben von wackerer Freundeshand. Mr.