Basel (Meyer’s Universum)

DXXI. Woolwich Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXII. Basel
DXXIII. Malaga
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BASEL

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DXXII. Basel.




Hart am Rheinstrom, am Thore Helvetiens, Frankreichs und des deutschen Bundes, in einer gesegneten, schönen Landschaft, liegt das „reiche“ Basel, ehedem eine freie Stadt und Vormauer des deutschen Reichs, bis auch dieser Eckstein vom morschen Haus abbröckelte und es, im Anfang des 16. Jahrhunderts, mit seinem Gebiet als Kanton dem Schweizerbunde beitrat. Dieß Verhältniß dauerte bis zum Jahre 1832. Die Landgemeinden, welche bis daher von Basel, der Stadt, in politischer Nichtigkeit erhalten worden, waren endlich zum Gefühl ihrer unwürdigen Lage gekommen, und nach manchen vergeblichen Versuchen, sie friedlich zu ändern, sprengten sie, in einem allgemeinen Aufstande, in jenem Jahre ihre Fesseln und sagten sich aus dem politischen Verbande der Stadt los. Der kurze blutige Kampf, in welchem die Stadt unterlag, endigte in der Trennung des Kantons. – Basel-Stadt und Basel-Land schieden so, daß jedes fortan bei der Tagsatzung für Bundessachen eine halbe Stimme selbstständig repräsentirte. Mit zwei treu gebliebenen Dörfern hat Basel-Stadt etwa 20,000 Seelen. Nicht nach Bevölkerung, sondern nach Areal ist es, nächst San Marino, die kleinste der Republiken auf der Erde.

Die Römer schon hatten ein Castrum auf der Stelle des heutigen Basels zum Schutz der Hauptstadt der Provinz, der prächtigen Augusta Rauracorum. In spätern Zeiten setzte das Christenthum einen bischöflichen Stuhl hin mit reicher Ausstattung, und über die letzten Trümmer des Standorts römischer Legionen stiegen (im 11ten und 12ten Jahrhundert) jene auf unserm Bilde aus der Häusermasse hervortretenden beiden Thürme des Münsters empor. Während der Kreuzzüge gelangte Basel, als nunmehriger Knotenpunkt der Hauptverkehrstraßen Frankreichs, Belgiens, Deutschlands und Italiens, zur Handelswichtigkeit und wachsendem Reichthum. Die Stiftung einer Universität im 15ten Jahrh. aus bürgerlichen Mitteln läßt den großen Sinn erkennen, der damals das Gemeinwesen belebte. Basel ward ein Hauptsitz der Gelehrsamkeit und der freien Forschung auf allen Feldern der Wissenschaften, ein Sammelplatz der reichsten Geister, der unternehmendsten Köpfe, der berühmtesten Künstler. Erasmus, Froben und Holbein lebten als Zeitgenossen und als Freunde hier. Die Bürgerschaft erstarkte zu einer furchtbaren Kraft und offenbarte ihre Macht in Thaten der Kühnheit und langen Ausdauer. Auf eigne Hand führten die Bürger von Basel einen dreißigjährigen Krieg gegen die adeligen Raubhorden des Oberrheins, des Elsaß und Schwabens, und sie ruheten nicht, bis sie alle bezwungen. Sie zerstörten ihre Schlösser, [17] rotteten die Geschlechter aus, welche so wenig Anspruch auf Schonung machen konnten, als wilde Bestien, machten ihre Knechte und Hintersassen zu Leibeigenen und sich zu Herren ihrer zunächst liegenden Güter. Nachdem sie so die Macht des Adels gebrochen hatten, brachen sie auch die des Bischofs, und der Emancipation von den Banden der Kirche folgte die von den Banden des Reichs. Ihren Eintritt in den Schweizer-Bund sanktionirte der westphälische Friede. Aber der Abfall vom Reich brachte den Baselern kein Glück. Die reichen, stolzen aristokratischen Geschlechter richteten, als sie keinen äußeren Feind mehr zu bekämpfen hatten, ihr Ziel auf die Herrschaft über ihre Mitbürger und als Folge dieses Strebens wurde Basel zum Sitz einer Oligarchie, unter deren Ruthe das Gemeindeleben verkümmerte. Der Fortschritt mußte aufhören, wo alle wirkenden Kräfte darauf gerichtet waren, das Alte und Bestehende zu wahren und zu erhalten. Gewerbe, Handel, Wissenschaft, Künste, Gesinnung und bürgerliches Bewußtseyn sanken, und der alte Reichthum wurde nur mit Mühe erhalten. Je rascher die Zeit fortschritt, um so gewisser führte der Stillstand zum Rückgang, und dieser bemächtigte sich allmählig aller Verhältnisse so, daß das reiche Basel, was so lange durch Wissenschaftlichkeit und reformatorischen Geist der Welt vorgeleuchtet hatte, einem Sumpf glich, in welchem das Rad der Zeit selbst versunken schien. Daher wurde die Katastrophe von 1832 ein Werk innerer Nothwendigkeit. An sie hat sich kürzlich, und auf friedlichem Wege, eine Reform der Baseler Verfassung gereiht, und es knüpft sich die Hoffnung daran, daß das Gemeinwesen dadurch zu neuem Leben erstarken werde.

Außer der Universität besitzt Basel ein Gymnasium, botanischen Garten, physikalisches Kabinet, Naturalien-Sammlungen, große Bibliotheken und mehre sehr bedeutende Gemälde-Sammlungen. Dazu fügte die neue Zeit eine Realschule, ein Institut für Landwirthschaft und Vereine für wissenschaftliche Forschungen. Für das protestantische Missionswesen ist Basel ein Centralpunkt. Die hiesige Bibelgesellschaft, welche eine eigene Buchdruckerei besitzt, hat mehre Millionen Exemplare der heiligen Schrift verbreitet. – Die Gewerbe beschäftigen große Kapitale. Die bedeutendsten sind die Fabrikation seidener Bänder und baumwollener Zeuche, von feiner Leinwand, von Handschuhen und Liqueuren. Das baseler Kirschenwasser wird in alle Welttheile verfahren. Berühmt waren sonst die Papierfabriken. Durch die Zollverhältnisse sind sie jedoch sehr herabgekommen und viele haben ganz aufgehört. Der Wechsel-Handel ist zwar noch groß und vortheilhaft; doch seine Glanzzeit ist vorüber und die reichen Bankhäuser legen jetzt ihre überflüssigen Fonds in auswärtigen Gewerben an, oder in Staatspapieren. Ein Element neuen Aufblühens wird Basel in der Kürze als Knotenpunkt des schweizerischen, deutschen und französischen Eisenbahnnetzes erlangen. Nach so schwerer selbst verschuldeter Buße – denn Basels staatliche Zustände hatten seit lange schon die rächende Gerechtigkeit herausgefordert – [18] werden ja wohl nun, an der Hand des Rechts, der Freiheit, der Einsicht und der Eintracht Ruhe, Glück und Segen wieder einkehren in ein Gemeinwesen, aus dem sie gewichen. Die Formel zum Besserwerden – die Verfassungsreform – ist gegeben: aber die Formel allein thut es nicht, wenn die That müssig bleibt. Wann der Ackersmann unter dem Schweiß seines Angesichts den Pflug geführt und die Saat der Erde anvertraut hat, dann läßt der Himmel die Sonne scheinen über sie; und erst nach der Zeit der Arbeit kommt die Zeit der Ernte.