Woolwich

DXX. Der Ausstellungs-Palast für Industrie und Kunst in München Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXI. Woolwich
DXXII. Basel
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

WOOLWICH

[12]
DXXI. Woolwich.




Aller Reichthum ist gnomischer Natur. Das Saatkorn selbst muß seine Wurzeln in die Erde senken, und der Baum entnimmt der Finsterniß die Stoffe, aus denen er seine Frucht bereitet.– So kann auch die irdische Macht den unterirdischen Ursprung nicht verleugnen; denn Reichthum ist ihr stärkster Arm und ein armes Volk hat noch nie dauernde Herrschaft auf Erden geübt. Allein giebt jedoch der Reichthum eben so wenig Macht, als er sie erhält, und ein mit Schätzen gesegnetes Volk, das still und behaglich für sich fortvegetiren wollte, würde immer die Beute Anderer werden. Der Reichthum muß den Nationen, die nach ausgedehnter Herrschaft streben, nie mehr seyn wollen, als ein Mittel, ein Diener des Willens, welcher rastlos nach immer weiterem Wirkungskreise trachtet. Eine höhere Rolle spielt er auch nicht in dem einzigen Weltreich, welches die Gegenwart so nennen darf. – Wir sehen England im Besitz unermeßlichen Gutes; aber es genießt es nicht. Es ist in steter Bewegung umher getrieben, stets wogend und stürmend wie ein Luftmeer, immer aufgeregt, immer angespornt, immer gährend, stets im Zustand der Verjüngung, fort und fort weiter strebend nach Höhe und riefe; einwirkend, belebend, regenerirend auf alle Völker, die es berührt, oder ihre Auflösung beschleunigend. Trachtend mit beharrlicher Gier nach der Vergrösserung seines unermeßlichen Besitzes, verfolgt es mit nicht minderem Eifer die ihm von Gott angewiesene höhere Bestimmung und ein Freund christlicher Gesittung, der Humanität und der Freiheit, ist es der natürliche Bundesgenosse aller Völker, die gleichartige Bestrebungen in vernünftigen Schranken verfolgen. Festen Fußes steht die große Britannia auf der Mutter Erde, doch ihr Haupt ist aufwärts gerichtet. Sie achtet das Zeitliche hoch, wie die alte Roma; aber sie wirkt für das Ewige so bedeutsam, wie das ältere Hellas. Das wird die Welt ihr danken, wenn ihre irdische Herrlichkeit erblichen ist, und der Arm, der sich jetzt befehlend über das Erdrund auestreckt, keinem Sonnenstäubchen mehr gebietet. –

Nicht leere, gaukelnde Luftgestalten, wie in des Menschen Traum, sondern Thaten von innen heraus lebendig, Riesengeburten schaffender Thätigkeiten sind es, mit denen das britische Weltreich seine äußere Erscheinung kund thut. In Titanenweise hat es nach der Weltherrschaft gerungen, und titanenmäßig wirkt es immerfort für die Erweiterung und Erhaltung solcher Herrschaft. Wo wir hinblicken, auf die britischen Küsten, oder in das Binnenland, auf die nahen oder auf die fernen Kolonien, auf die einsamen Felsen der [13] Meere, oder auf die Zinnen der Gebirge, überall finden wir dasselbe herkulische Thun und Treiben, überall die Denkmäler hoher Staatsweisheit und großartigen Waltens. Nicht Vesten sind es, durch welche die Briten Sicherheit für die Herrschaft suchen: – der Waffenplätze hat England wenige in seinem Weltreiche; – nur hier und da ist in tausendmeiligen Fernen in den Meeren oder an den Küsten ein Gibraltar aufgerichtet. – Gute Verwaltung, Eröffnung der Hülfsquellen der ihrer Herrschaft untergeordneten Länder durch Werke des öffentlichen Nutzens, durch Erhebung des Ackerbaus, der Gewerbe und des Handels, das sind die stärkeren Bande, mit denen England so viele Nationen an seine Botmäßigkeit fest zu knüpfen weiß. Gehen wir nach beiden Indien, nach Afrika, nach Nordamerika, nach Australien: wer sind die Schöpfer dieser Landstraßen, dieser Eisenbahnen und Kanäle, dieser prächtigen Häfen, dieser bewundernswürdigen Docks und Aquädukte? Wer errichtete diese Banken, diese Fabriken, diese ungeheuern Etablissements für den Ackerbau? Wer setzte diese Prachtgebäude und Paläste, die Zeichen königlichen Reichthums, in den Schooß der fremden Städte, und wer hat diese opulenten Anstalten für Religion, Kunst und Wissenschaft in fernen Zonen so freigebig gegründet? Britischer Gemeinsinn, britisches Geld und britischer Unternehmungsgeist von britischer Staatsweisheit geleitet. Kaum ist irgendwo auf der Erde dem Weltreich ein neuer Länderzuwachs angefallen, so senden auch die großen und reichen Familien Englands ihre Söhne aus, um ihren zeitlichen Vortheil mit der Ehre des Vaterlandes zu verbinden. Aus den einfachen, anspruchslosen Häusern in der Hauptstadt wandern von Jahr zu Jahr unermeßliche Kapitalien an der Hand der Intelligenz und Großsinnigkeit fort, um die kaum gewonnenen Länder mit Bauten und Anstalten zu schmücken, welche Mit- und Nachwelt erfreuen. Solcher Geist ist’s, der den Ruhm Britanniens gründete, und aus diesem Geiste sind die mächtigen Männer und die hohen Gestalten erwachsen, die, wie die Chatam, Fox, Bridgewater, Canning etc., an die heroischen Zeitalter erinnern.

Während die britische Nation das Erdrund zu ihrer Heimath zu machen strebt und mit unwiderstehlicher Wanderlust in allen Zonen siedelt, bleibt die kleine Insel, die der Stammsitz der großen Genossenschaft ist, ihr doch über alles theuer. Old-England ist ihre Akropolis, in der sie ihre liebsten Schätze bewahrt; Old-England ist die Burg ihrer Freiheit, der Mittelpunkt und das Herz, welches Leben und Wärme in die fernsten Glieder führt. Vorzugsweise in England sind auch jene furchtbaren Rüstkammern für Angriff und Vertheidigung, welche zu der Eifersucht, dem Haß und dem Neid der fremden Nationen die Furcht gesellen und die britische Suprematie vor jedem wirksamen Einspruch des Auslandes schirmen. Man darf nur die Arsenale von Woolwich, Portsmouth, Deptford, Plymouth, Chatam und Cheerneß gesehen haben, um überzeugt zu seyn, daß die Zeit jedenfalls noch fern ist, wo ein äußerer Feind Englands Macht erschüttern könnte.


[14] Woolwich, das 8 englische Meilen unterhalb London an der Themse liegt, bildet mit seinen unermeßlichen Werken gleichsam die Propyläen zum Hafen der Weltstadt. Bis zur Zeit Heinrich’s VIII. war es ein Fischerdörfchen. Dieser König errichtete ein Werft zum Bau von Kriegsschiffen und umgab dasselbe mit Schanzen. Aus diesem Anfange sind die jetzigen Anlagen erwachsen.

Das heutige Woolwich hat nicht blos als Marine-Arsenal eine große Wichtigkeit; eine nicht geringere erhält es als Depot für die Artillerie der ganzen britischen Streitmacht. – An diese Bestimmung knüpfen sich mehre Anstalten: z. B. die Artillerie-Cadettenschule für 300 Zöglinge, ein Artillerie-Hospital mit 700 Betten, die Kasernen für die gesammte Artillerie mit Raum für 10,000 Mann; Kanonengießereien, Lafettenbauwerkstätten, Laboratorien für die Anfertigung von Wurfgeschossen, Brandern etc. und für die Signal- und Leuchtfeuer der Flotte und der Landtruppen.

Sämmtliche Anlagen nehmen, den Ufern der Themse entlang, einen Raum von mehr als 15 Millionen Quadratfuß ein; die Gebäude allein bedecken ein Areal von 4000 Fuß Länge und 700 Fuß Tiefe. Fünf Docken für den Bau der größten Kriegsschiffe machen Front gegen den Strom; für die britischen Flotten, welche in den letzten hundert Jahren auf allen Meeren kämpften und siegten, ward hier unablässig gezimmert. Zur Zeit des Continentalkriegs überstieg die Zahl der Arbeiter in Woolwich oft 6000; sie ist jetzt 2000–2500. Alles ist riesenhaft in diesen Anlagen. Die Werkstätten z. B. für die Fertigung der Ankertaue, die Ketten- und Ankerschmieden, die Walzwerke für den Kupfer- und Zinkbeschlag der Schiffe, die Ateliers für Modellbau, und jene, in welchen das Schiffbauholz zugerichtet wird, die Magazine für die Rohstoff, etc. sind Gebäude, welche 600 bis 1000 Fuß Fronte haben. Bei den meisten Arbeiten sieht man die gefesselten Naturkräfte dienstbar; überall hat jener praktische, kunstreiche Geist, der der britischen Nation in Allem, was Arbeit heißt, ein entschiedenes Uebergewicht über alle andern Völker verleiht, sich eine thätige Maschinenwelt für die besonderen Arbeitszwecke geschaffen und hergerichtet, so daß den Menschen nichts weiter übrig bleibt als die Nachhülfe und die Ueberwachung. Das Spinnen des Hanfs für die Taue, das Theeren sogar für die einzelnen Fäden, die Bewegung aller Lasten, das Zertrennen und Fügen, das Glätten und Hobeln, das Schmieden, Biegen und Nieten der Metalle, das Krümmen und Zerkleinern der Hölzer – Alles ist Maschinenwerk, und die gebannte Riesenkraft, welche es verrichtet, folgt gehorsam der Hand des Menschen. Ungeheuere Geschütze, welche bestimmt waren, die Mauern indischer Bergfesten zu zermalmen, sah ich bohren von einem Knaben. Tonnenschwere Bloche von Eichenholz erhalten in einer der hiesigen Werkstätten unter den Messern und Hobeleisen einer Dampfmaschine, fast ohne alles menschliche Zuthun, ihre erforderliche Form in so viel Stunden, als der Schiffszimmermann sonst Tage brauchte, und mit einer Präzision und Nettigkeit, welche die geschickteste Hand nicht übertreffen kann.

[15] Für den gewöhnlichen Besucher, den sein Cicerone eilig von Raum zu Raum, von Werkstatt zu Werkstatt, von Dock zu Dock drängt, ist es durchaus unmöglich, zu einer ruhigen Auffassung des Ganzen zu gelangen. Er taumelt von einem Erstaunen zum andern, und verliert am Ende den Faden, die Gegenstände an einander zu reihen. Mir ist es selbst so ergangen. Erst als ich zum dritten und vierten Male wieder kam, gewann ich eine klare Vorstellung von dem Zusammenhange aller Theile. Am meisten wird der Beschauer von dem Leben auf den Werften angezogen, deren Bassins, jedes für sich, mit Vorratshäusern umbaut sind, damit Alles nahe zur Hand sey, was zur Construktion eines Schiffs erforderlich ist. Hart an den Kayen rutschen von Eisenblech gefügte Schuppen auf Rädern und Eisenbahnen hin und her, bald dahin, bald dorthin, wo eben Arbeiter oder Material Schirm und Schatten bedürfen. Dazwischen kreuzt hunderterlei Fuhrwerk, manches gar fremdartig gestaltet, weil jedes für seine Bestimmung zweckmäßig construirt ist. Die Fortbewegung geschah schon damals, als ich Woolwich sah, auf Schienenwegen, – und es liegen zwischen damals und heute dreißig Jahre! Erst zwanzig Jahre später wurde in Deutschland auf der ersten Eisenbahn gefahren.

Der eigentliche Löwe der Woolwicher Sehenswürdigkeiten ist der Artilleriepark und sein Zubehör. Nicht weniger als 26,000 Stück Geschütze, von allen Arten und Kalibern, sah ich (es war bald nach dem Pariser Frieden) dort aufgestellt, oder, lafettenlos, zu Pyramiden aufgeschichtet. Unter einem Schuppen lagen die Kanonen zur Armirung von 200 Batterien. Während ich mich hier umsah, donnerten auf dem Exercierplatz der Artillerie über hundert Feuerschlünde und in der Nähe desselben sah ich Befestigungen aufgeworfen mit Außenwerken und Approchen, um Artilleriecadetten den Angriff und die Vertheidigung von Festungen zu lehren. Auf einem weiten Bassin lagen Kriegsschiffe und Kanonenboote und beschossen Gemäuer in der Ferne. Andere übten sich im Entern, Brander-Anhängen und andern Künsten des Seekriegs. Hohe Stangen mit aufgesteckten Flaggen waren das Ziel der Wurfgeschosse, der Bomben, Granaten und Congreve’schen Raketen.

Das Land freute sich damals des jungen Friedens; aber während der Feste, welche der prunksüchtige Georg IV. seinen Gästen, den Monarchen, gab, die mit ihm den Bund für die Erhaltung ewiger Ruhe geschlossen hatten, während die Corporationen und Magistrate aller Großstädte des Reichs mit einander wetteiferten, die Friedensgeber zu ehren, – sagte ihnen das donnernde Woolwich, daß die Nation wach sey und die Lehre nicht vergessen habe, daß ein Volk, welches sich den Frieden erhalten wolle, auf den Krieg vorbereitet seyn müsse. Und so lange dieser Geist dem Volke inne wohnt, verbunden mit der Festigkeit, Kühnheit, Verfassungsdisciplin, dem stolzen Selbstgefühl und dem Fleiße, der mit dem tausendfältigen Geäder seiner Industrie die Erde umstrickt und immer neues Gut zum alten häuft – so lange wird auch das Schwertrecht des fremden Eroberers in England unbekannt bleiben.