Markt St. Nicola in Oberösterreich
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MARKT ST NICOLA
in Ober-Oesterreich
Prangend stellt die große Natur in diesem Bilde ihre Schätze zur Schau. Wie im Triumphe zieht der stolze Strom zwischen den bewaldeten Bergen hin – das Auge schwelgt in den Fluthen und die Seele preist Den, der diese Herrlichkeit geschaffen hat.
Vom oberosterreichischen Städtchen Grein bis zur Abtei Mölk ist das Donauthal eine ununterbrochene Reihe solcher entzückenden Bilder. Einst war das vorliegende Land gegen Passau hinauf ein See, bis die gestauten Wasser des Stroms den Bergdamm, welcher ihren Abfluß hinderte, in der Gegend von Grein durchbrachen. Auf dieser Stelle wirft noch gegenwärtig der Strom, zwischen senkrecht abgerissenen Bergwänden eingeklemmt, zornig und schäumend seine empörten Wogen über die zerstörten Felsmassen, und dort sind die Strudel und Wirbel, wo die donnernden Fluthen sich an den trotzigen Klippen brechen und auf einem Fels mitten im Strom ragen die Thürme, auf denen die adeligen Räuber des Nothrufs des wehrlosen Schiffers lauerten, um ihn zu plündern. Jeht sitzen die Wegelagerer und Zöllner behaglich in ihren Schlössern, und die Gefahren, welche die kochende und wirbelnde Tiefe der Schiffahrt bereitet, bestehen mehr in der Sage, als in der Wirklichkeit. Man hat in unserer Zeit das Flußbett durch Sprengungen von den gefährlichsten Klippen gereinigt, und seitdem wird von Unglücksfällen wenig mehr gehört.
Gleich unterhalb dieser verrufenen Strecke gründete eine fromme, mildthätige und reiche Frau vor etwa 700 Jahren für die Verunglückten ein Hospital. Sie gab es in den Schutz des heiligen Nicolaus und bestellte einige Franziskaner zu Pflegern. Als Bauplatz diente eine an den Strom hinaustretende Felsplatte. [97] Die Schiffer spendeten dem Hospitz, wenn sie vorüberfuhren, reichlich, und Wallfahrten machten den Opferstock so wohlhabend, daß bald auch ein Kirchlein angebaut werden konnte. Später gesellten sich Wohnungen dazu, und so ist allmählig ein ansehnliches Dorf entstanden, das Marktrecht ausübt; daher der Name: Markt St. Nicola. Die Gebäude, mit einer alten Mauer umgeben, kleben dicht an der Bergwand oder auf den Absätzen des Gesteins und spiegeln sich in dem klaren Wasser wider. Der Thurm des Kirchleins guckt gar traulich zwischen Fels und Waldesgrün hervor, und eine gute Fahrstraße, die sich um die Schluchten und Vorsprünge der Berge windet, setzt das Oertchen mit der Stadt Grein in Verbindung. –
Um diese waldgekrönten Berge weht der Hauch der ältesten deutschen Heldensage. Manche der Szenen, die das Nibelungen-Lied dem feigen, schwachen Geschlecht der Gegenwart als Spiegel vorhält, in den es nicht schauen kann, ohne in Scham zu versinken, spielen an diesen Ufern. Wenn wir jene germanische Heldenwelt betrachten, jene Männer- und Frauengestalten der stolzen Lebenskraft und kecken Todeslust, der schlichten, hohen Männlichkeit und der tiefen, zarten Sitte, – wenn wir in diese Lebenskrater schauen voll fressender Feuerflammen und rächender Zorneslohe, auf diese Riesen an Willensmacht und Körperstärke, die der Dichter heraufsteigen läßt aus der Zeiten Abgrund: wenn wir solche Menschen denken als Häupter und Helden des Volks zu den Zeiten, da es sich Herde gebaut und Reiche gegründet: – und wir dann hinblicken auf diese sterbende Gegenwart, auf die abgewelkten und verdorrten Stämme mit den Helden- und Götternamen der Urzeit, auf das Armesündervolk, welches die Erlösung von Oben herab und durch die Barmherzigkeit des strafenden Gottes hofft, auf diese sich spreitzenden, verächtlichen Lügengeister, welche der Völker Recht in Phrasen der Unterwürfigkeit zu den Füßen der Throne tragen, auf diese Alles verpestende und Alles durchdringende Erschlaffung und Furcht vor jeder großen That: – wenn wir auf dieses ehrlose, gleißnerische Treiben sehen von Oben und von Unten, auf den feigen, stillen, abzehrenden, nie endigenden heimlichen Bürgerkrieg zwischen Völker und Fürsten; auf die rathlosen Räthe, welche sich einander in der Kunst überbieten, die Menschen zu politischer Leerheit auszuweiden und mit ihrer Doppelzüngigkeit und Treulosigkeit einander zu überlisten; auf die Diplomaten, nur dann einig, wenn es gilt, für das Volk neue Arten der Erniedrigung und der Demüthigung zu erfinden, und neue Schmach und Unehre vor dem Ausland auf die Nation zu häufen: – so mochte Mancher verzweifeln und ihn der Glaube beschleichen, daß die Zukunft eines selbstständigen deutschen Volkslebens sich mit den nächsten Slavenkämpfen schließen werde. – Ich denke nicht so. Wie die Ereignisse sich auch entwickeln mögen – für Deutschland ist nur der heimliche Kampf mit Rußland zu fürchten; der offene nicht. Kommt dieser nach der Sündfluth, (und gebe Gott, daß er komme!) so wird die Nation sich selbst wieder finden, den Sieg sich holen und die Freiheit retten. –
[98] Bei St. Nicola, auf dem nächsten Berge des linken Stromufers, hatte jener Markgraf Rüdiger sein Schloß, welcher, nach der Niebelungensage, die schöne Chriemhild, die rheinländische Königswittwe, nach Ungarn in des Hunnenkönigs Etzels Reich geleitete, und der nachher in dem schauerlichen Kampfe seinen Tod fand, welchen Chriemhild, um den Mord ihres ersten Gemahls Siegfried zu rächen, anstiftete. Das Geschlecht der Rüdiger starb im 9. Jahrhundert aus, nachdem es auf den Ostmarken des Reichs, die es zu hüten hatte, die letzten großen Kämpfe gegen die Hunnen siegreich bestanden. –