Sitten in Wallis in der Schweiz
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SITTEN
in der Schweiz
Das Recht ist die Mutter der Demokratie und die Humanität soll ihre Führerin seyn. Die Demokratie soll machen, daß es überall recht in der Welt zugehe, und daß die Gerechtigkeit über die Ungerechtigkeit triumphire. In diesem einen höchsten Zweck fließen alle andern zusammen, und kein anderer soll verfolgt werden, der diesem widerspreche. Alle wahren Freunde der Freiheit sind darüber einig, alle arbeiten auf diesen Endzweck los, und sie bedürfen dazu weder der Verabredung, noch propagandischer Künste. Ohne sich einander zu kennen, ohne andere Satzungen, als die, welcher jeder vom Vorurtheil und der Selbstsucht befreite, vernünftige und denkfähige Mensch in der Brust trägt, ohne anderes Statut, als die allgemeinen Sittengesetze, bilden sie doch eine feste Gemeinschaft. Wo die Sonne der Vernunft die Herzen erwärmt, wo ihr Lichtstrahl in die Seelennacht der Menschen dringt, da ist ihr Reich, da wirkt sie, da schlägt sie ihren Lehrstuhl auf, da sendet sie ihre Heerschaaren hin, da streitet sie, abwehrend oder angreifend, für des Rechtes Sieg, Welteroberung und Weltherrschaft. Dieser Bund, diese Vereinigung aller wahren Freunde der Freiheit zur gemeinschaftlichen Förderung ihres Hauptzwecks, des Triumphs des Rechts über das Unrecht auf der Erde, soll ihren beständigen Ausdruck finden, und jeder Mensch, der die Freiheit um ihrer selbst willen liebt, ist ein Mitglied dieser Gemeinde, deren Macht und Gewalt wie eine Lawine wächst, je weiter sie fortrollt. „Das Gute soll herrschen über das Böse, das Reich des Rechts soll kommen auf Erden!“ erschallt’s in ihrem Tempel; und ihr Tempel ist die Welt, und Jeder kann in demselben ein Priester seyn. In der wahren Demokratie ist kein Streit, kein Zwiespalt. Es ist die Fahne der Gerechtigkeit, die Alle um sich versammelt; eine Farbe hat sie, wie sie ein Streben hat: Freiheit für Alle und durch die Freiheit Aller Recht und Aller Glück. – Sie hat etwas Kirchliches an sich, – das gesteht sie offen. Sie hält sich für die Alleinseligmachende, sie ist fest überzeugt, daß außer ihr für die Völker kein Heil zu finden ist. Wie ein religiöser Glaube strebt sie nach Bekehrung Andersdenkender; doch will sie nimmer der Freiheit der Meinung Gewalt anthun, und noch weniger die verfolgen oder hassen, welche eine andere Ueberzeugung haben oder bekennen. Wenn sie alle Menschen unter ihrer Fahne zu schaaren wünscht, so geschieht es immer nur um des Einen willen: „Für das ewige Recht.“
[88] Dafür und dafür allein ist ihr Streiten, dafür allein erhebt sie ihr begeistertes Wort, und wenn es seyn muß, Arm und Schwert. Dahin allein zielen ihre Lehren. Dafür allein trägt sie das Kreuz; dafür allein nimmt sie das Märtyrerthum; dafür allein darf sie die Gott-Menschen aller Zeiten als Zeugen aufrufen: Sokrates, Confuzius, Zoroaster, Plato, Christus.
Ich sagte, das Licht der Vernunft ist der Demokratie zu ihrem Gedeihen nöthig. Ich hatte unentbehrlich sagen sollen! Wie wir ohne Vernunft weder Wahrheit von Irrthum, Recht von Unrecht, Tugend von Laster, Stimme Gottes von tollem Wahnruf unterscheiden können, – wie wir ohne sie das Spielzeug unserer Leidenschaften und Gefühle und jedes Betrügers und jedes Verführers sind: so ist auch die Demokratie wie ein steuerloses Schiff im Sturm auf dem uferlosen Meere, wenn sie nicht all ihr Dichten und Trachten, Meinen und Glauben mit den Vernunftgesetzen in Einklang bringt, wenn sie nicht Alles verwirft, was mit den Grundsätzen der Moral streitet; wenn sie nicht mißtrauisch ist gegen alle Lehren, die nur auf das dunkle Gefühl wirken sollen, deutliche Begriffe nicht zulassen, oder sich der kaltblütigen Prüfung und Untersuchung entziehen. Der ächte Demokrat weist Alles zurück, was sich in Nebel, in Geheimniß und Ausschließlichkeit hüllt; er verdammt Alles, was die Vernunft verdächtigen will, oder ihren Gesetzen widerstreitet. Die wahre Demokratie will die vernünftige Selbsterkenntniß und deren Consequenzen in Staat und Gesellschaft für die gesammte Menschheit erstreben. Sie will, daß der Mensch überall auf der Erde sich seiner Würde und seines Rechts vollbewußt werde, sie will als einen Ausfluß seines Menschenrechts die Freiheit, sie will, daß die Völker mit freier Selbstbestimmung und selbstherrlich die Wege des Gesetzes wandeln; sie will, daß sie durch Tugend, Humanität und Brüderlichkeit veredelt werden zu jenem erreichbaren Zustand von Glückseligkeit, den jeder Mensch einmal im Leben – als Kind – geahnet hat. Das Wohlseyn aller in der Gesellschaft vereinigten Menschen ist dem ächten Demokraten das unveränderliche Ziel seines Staats und das Ideal, das ihm unablässig vor Augen schwebt. Aus dem Chaos verworrener Vorstellungen und Begriffe tritt ihm dieses Ideal klar vor’s Auge. Es gibt ihm die leitenden, unabänderlichen Grundregeln seines Verhaltens, es wird die vornehmste Triebfeder seines Wollens; es wird das Ziel seines Thuns; es wird der Grund, den er stets voraussetzt, wenn er sich dem Streben Anderer anschließt; ihm ist’s der Preis und der Zweck aller Gesetzgebung, aller Führung in seinem Staate. Nur was vernünftig und recht ist, nennt er gut, und indem er für alle Völker die Entwickelung des Rechtsstaats fordert und die Beförderung dieser Entwickelung hinstellt als der Gesellschaft oberste Pflicht, will er Herstellung der Harmonie des Menschen mit der Gottheit.
[89] Ist auch dieß Ziel ein noch in unabsehbarer Ferne stehendes, weiß er auch, daß bis dahin noch der Staub mancher Generationen verwehen wird, – so hindert es ihn doch nicht in seinem Eifer. Er strebt darnach hin, obschon er weiß, weder er, noch seine Kindeskinder werden das Ideal ganz verwirklicht sehen, welches seine Seele erfüllt. Er fühlt sich schon in dem Gedanken für alle Mühen, Gefahren und Opfer belohnt, – daß er einen Stein legen kann zu dem Bau der Menschenbeglückung, und Etwas, sey es auch noch so wenig, beitragen darf, die Periode zu verkürzen, welche die Vollendung verlangt. – Ja, meine Freunde, die Ihr mich immer verstanden habt und in dem Geiste wirkt, der durch dieses Buch zu Euch redet, – Ihr werdet nicht müde werden und nie darnach fragen, ob Euer Wirken Früchte bringe heute oder morgen.
Wie es auch werde mit uns: – das ernste Streben genügt schon;
Denn auf der Erde steht nichts so hoch, als der entschlossene Wille,
Welcher im Bruder die Kräfte erweckt und die göttliche Würde,
Und ihn hebt zu des Rechts ungetrübtem Bewußtseyn.
Lasset nicht nach, Ihr Lieben! und rüttelt beständig
An den umnachteten Schläfern, und macht sie zu Menschen.
Lohn und Lorbeer verheißt man uns nicht; doch rechnet die Gottheit
Ehrlichen Streit für das Recht stets als unsterbliche That.
Und nun zu unserm Bildchen!
Die Rhone, unter den Alpen-Töchtern des ewigen Eises die wildeste, durchläuft von ihrer Wiege bis zu ihrer Einmündung in den Genfersee eine Entfernung von 38 Stunden. Mit unbegreiflicher Kraft hat sie sich ein tiefes Thal durch das höchste Gebirge des Welttheils gerissen. In unzähligen Rinnsalen, welche bald dunkle Schluchten, bald lichte Nebenthäler bilden, stürzen, auf beiden Seiten, von Gletschern und Schneefirnen die kleineren Gewässer herab, um sich mit jener zu vereinigen. Die Breite des Rhonethals erreicht nirgends eine volle Meile. Seine Wände sind steil; der Hirtenstab trat fast allwärts an die Stelle des Spatens. Mehr als 8000 Sennhütten sind hingestreut über die grünen Matten, und die Glocken der Heerden beleben die Einöde des Gebirgs bis an den Rand der Gletscher, bis zu den Feldern des ewigen Schnees. Im Thale wälzt sich der Strom mit furchtbarem Tosen zwischen den zerrissenen Felsufern schäumend hinab und einzelne Schuttkegel und Bergtrümmer erheben sich da und dort aus dem Boden als Verheerungszeugen vergangener Zeit. Die [90] Menschen sind mit ihren Städten, Dörfern und Weilern vor den unbändigen Wassern auf die hohern Thalränder geflüchtet, oder auf die Terrassen der Vorberge, oder in den Schooß der tiefern Alpenwelt. Wie auf den Felsenhäuptern des Rheinthals zwischen Mainz und Koblenz, so haben auch hier die Ritter und Pfaffen des Mittelalters die Felszinnen mit dem grauen Gemäuer von Burgen, Schlössern und Klöstern gekrönt: – wohl ein halbes Hundert zählt man in dem Hauptthale allein, und manchem, das zwischen Himmel und Erde auf jetzt unersteiglichen Klippen hängt, gibt die Tradition den Bösen zum Baumeister, und die Sage bevölkert es mit Gnomen und Geistern. Das ganze Thal hat eigentlich das Ansehen einer landschaftlichen Ruine, welche aber von der Natur auf’s reichste geschmückt wurde. In keinem Theile der Schweiz ist die Flora so zahlreich und so mannichfaltig, und während zwischen den Klippen von Sitten in geschützten Lagen das zarte Granatbäumchen wild wächst und die südliche Kaktus klettert, wandelt man weiter oben unter den Gesträuchen und Blumen Islands.
So ist das Wallis, und wie das Land ist auch die nur etwa 20,000 Familien starke Bevölkerung; – sie ist eine Trümmerwelt. Noch hat kein Forscher die Völker aufgezählt, deren Ueberbleibsel in den Thälern und Schluchten zerstreut sind seit grauer Vorzeit. Schon die Idiome stellen ein langes Verzeichniß auf: Gälen, Araber, Hunnen, Gallier, Germanen, Römer, Gothen und Vandalen. Noch hat auch Niemand die Grenzen des Landes fest bestimmt, und die Linien, welche die Karten als solche angeben, hat noch kein Mensch gemessen. Der Flächenraum des Staats ist unbekannt; denn wer kann die Marken stecken auf den Gletschern und Firnen und topographische Aufnahmen bewerkstelligen auf unersteiglichen Eiswüsten, die nur der Adler kennt, oder in den Felsöden, wo der Bär, vor den Nachstellungen des kühnsten Jägers sicher, haust? Nur da sind die Grenzen bekannt und festgestellt, wo Straßenzüge über den Nacken der Hochgebirge laufen, oder wo Alpendörfer, welche die größere Hälfte des Jahrs in Schnee begraben liegen, ihrem Vieh zwischen den Zinken und Berggräthen Sommerweide suchen müssen.
Staatlich ist Wallis in das obere und untere geschieden, und jedes theilt sich wieder in „Centen“, d. h. in kleine, selbstherrliche, verbündete Republiken, die, unter selbstgewählten Obrigkeiten, selbstgegebenen Gesetzen gehorchen. Das Land ist also eine Föderativrepublik, die als Kanton zum Schweizerbunde gehört. Im obern Wallis wiegt das deutsche Volkselement über; in dem untern das gälische und romanische, mit dem arabischen und hunnischen bald mehr oder weniger stark versetzt; denn sowohl von den Heeren des Attila, als auch von den Sarazenen (Arabern), welche im achten Jahrhundert die alte römische Welt vollends verwüsteten, blieben versprengte Schaaren zwischen den Bergen in Wallis sitzen. Von einer Nationalphysiognomie kann unter solchen Verhältnissen nicht wohl die Rede seyn. Das Volk ist, wie alle Mischlinge kaukasischer [91] und mongolischer Race, häßlich, und die ungeschlachte Tracht hilft den widrigen Eindruck vergrößern, den die bigotten Gesichter hervorbringen. Die Männer tragen Jacken, Westen und Kurzhosen von grobem, schwarzem oder dunkelbraunem Tuch; die unzierlichen Weiber von denselben Stoffen Röcke, Wamser und Schnürbrüste. Von der Sauberkeit der schweizer Landleute in den reformirten Kantonen ist keine Spur. Wie sie selbst, so sehen auch ihre Wohnungen aus. Unwissenheit, Schmutz und Armuth sind die Penaten. Viele haben sogar ein verfallenes Ansehen. So lange dem walliser Hirten nicht der Regen auf’s Bett träufelt, bessert er kein Dach und keine Wand. Selbst die Gemeindehäuser sind meist vernachlässigt. Diese entbehren jedoch nicht einen barbarischen Schmuck. Thüre und Wände sind nämlich mit den Klauen, Krallen und Bälgen von Luchsen, Bären, Wolfen, Adlern benagelt, ein Gebrauch, der sich bei den Mongolen wiederfindet und die Herkunft verräth. Am traurigsten aber ist der Anblick jener Unglücklichen, in denen der Gottesfunke zu fehlen scheint und die auf den Grenzen der Menschheit und der Thierwelt irren: jener Allerärmsten, für welche der Himmel umsonst seinen Sternenmantel über die Erde breitet und die Natur ihre Herrlichkeit und ihre liebenden Arme öffnet: denn sie schauen hinan und stieren hinein ungerührt, und kein Gedanke und kein Engel läßt sich in ihr verödetes Herz nieder. Ich meine die Kretinen. Das Wallis ist ihr Vaterland. Auf hundert Einwohner rechnet man wenigstens einen dieser Pariahs der Schöpfung. Tage-, ja Wochenlang sitzen sie an einem Fleck, angethan in Lumpen, mit gesenktem Haupte und den unförmlichen Kröpfen, lebend von den Brocken, welche ihnen die Vorübergehenden reichen. Viele sind sprachlos; Viele blöcken mit den vorbeiziehenden Rinderheerden; denn die meisten haben die menschlichen Töne ganz verloren, und gleichwie eine geborstene Glocke verletzt jeder ihrer Laute das Ohr, und jeder Blick auf die Jammergestalten zerreißt Einem das Herz. Warum – so mochte man ausrufen – sind sie auf der Erde? Engel des Todes, komm’ herab und erlöse die Jammerwesen und schließe ihre thränenleeren, rothen Augen! –
Sitten ist die Hauptstadt des ganzen Walliser Landes. Eine schönere Lage ist kaum zu denken. Um zwei isolirte Felsen, welche fast senkrecht aus der Thalebene 4–500 Fuß hoch aufschießen und von welchen Burgtrümmer und Klostergebäude herabschauen, gruppiren sich die Häuser des Städtchens, dessen neues, freundliches Ansehen um so mehr erquickt, je weniger man ein solches in Wallis sucht. Sitten brannte vor ungefähr 60 Jahren fast ganz nieder und wurde seitdem schöner aufgebaut. Das Städtchen ist nicht ohne Wohlstand. Als Kreuzpunkt mehrer Straßen und Saumwege, welche thalab- und thalaufwärts, nach Piemont und nach Deutschland und zu den Bergpässen über die Scheidewand der Hochalpen zwischen Wallis und Italien führen, hat es einen Speditions- und Zwischenhandel, der im Sommer Alles belebt und beschäftigt. Es ist ein eigener Anblick in dieser Zeit, Abends die langen Züge schwerbeladener Maulthiere, eins dem andern folgend und von wenigen Führern begleitet, [92] die steilen Gebirgswege herab dem Städtchen zuschreiten zu sehen, oder den wandernden Handwerksburschen mit seinem Knotenstocke, der, aus der todtenstillen Eiswelt kommend, in Sitten zum ersten Male den warmen Odem Italiens fühlt und die Vegetation Hesperiens schaut. Die Gärten und Felder umher sind sehr fruchtbar, auf allen Hügeln rankt die Rebe, von allen Höhen winken Fruchtbäume. Dazu die Zauberspiele des Lichts, die mit jeder Tageszeit wechseln, die Blicke in die Gebirgswelt, auf die braußenden Gletscherbäche der Nebenthäler, oder auf stürzende Kaskaden, und in der Ferne auf die Riesen der Alpen, auf die Dome, Gräten, Zacken und Hörner, welche hinter den Wolken herüber schauen, wie Angehörige einer andern Welt. –
Sitten ist der Sitz eines Bischofs, der sich ehedem des heiligen römischen Reichs Fürst, Graf und Präfekt von Wallis nannte, und nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Gerichtsbarkeit über alle Völkerschaften des Gebirgs übte. Seine Titel sind mit dem Reich verschwunden und sein fürstliches Schwert ist zerbrochen; aber seines Krummstabs Herrschaft über die Menschen ist darum nicht schwächer geworden. Noch heute gilt die Stimme des Bischofs im allgemeinen Landrath der Föderativrepublik so viel als die Stimme jedes einzelnen Cents; aber weit wirksamer noch ist sein Einfluß auf die Bevölkerung durch eine wohlorganisirte Hierarchie, die, enggeschlossen und streng gegliedert, die Gewissen beherrscht und alle Lebensverhältnisse der Einzelnen, wie die des Staates, überwacht und leitet. Außer der zahlreichen Klostergeistlichkeit sind 112 Pfarrer unablässig bemüht, die Pfaffengewalt aufrecht zu erhalten und auszudehnen, und jeder Cent ist noch durch einen besondern bischöflichen Statthalter, einen „Supervigilanten“, beaufsichtigt. In Wallis wird recht sichtbar, daß republikanische Institutionen, wenn sie nicht von der Volksbildung getragen werden, am wenigsten Schutz gewähren gegen die Tyrannei der Kirche, welche mit dem öffentlichen Leben zugleich das Familienleben in eiserne Fesseln schlägt. Das Ansehen der weltlichen Beamten in einem Volksstaate beruht auf der oft unsichern Autorität und der nicht selten schwankenden Auslegung der Gesetze und des Herkommens; beziehungsweise auch auf den wandelbaren, materiellen Interessen der Bürger. Der Beamte selbst ist das Geschöpf der Volkswahl; er ist Diener des Volks; die höchsten Aemter sind in der Regel nur auf wenige Jahre verliehen, und da er nach der Amtszeit wieder in den Stand des einfachen Bürgers zurücktritt, so betrachtet ihn auch jeder Bürger, trotz der Magistratswürde, die ihn kleidet, als seines Gleichen.
Nicht also der Priester. Er ist unabhängig in der bürgerlichen Gesellschaft, als Diener und Geweiheter einer fremden und höhern Gewalt, mit deren Geheimnissen er vertraut ist. Die Interessen, welche die Volksmenge an ihn knüpfen, sind die feierlichsten der Menschheit, Erwartungen von Ewigkeit, Strafen u. Belohnungen nach dem Tode. Die Stimme der Kirche tönt weit über das Grab hinaus; der bürgerliche Gesetzgeber, der Richter und Regent, straft nur den Leib; er berührt nur das Haus und das äußere Gut. Der Priester hingegen [93] ergreift das innere geheime Leben seiner Gläubigen; Furcht und Schrecken, Hoffnung und Freude kommen und verschwinden auf seinen Wink. Der einzige Zerstörer der priesterlichen Macht in einem solchen Gemeinwesen, wo kein Monarch mit seinen Satelliten die Prärogative der Alleinherrschaft, der Kirche gegenüber, mit Eifersucht wahrt, ist die Aufklärung, die Volksbildung. Gelingt es ihr, diese fern zu halten aus den Köpfen und den Herzen, weiß sie das Volk so zu leiten, daß in die Nacht seiner Unwissenheit kein Strahl fällt und der blinde Glaube in allen Begegnissen des Lebens die entscheidende Stimme behält: dann ist der priesterliche Absolutismus gesichert. Der Staatsmann, wie der Vorsteher des kleinsten Dorfs, unterwirst sich der nicht im Namen des Priesterthums, sondern im Namen Gottes und seiner Heiligen geübten Herrschaft; und geschieht dieß nicht aus religiöser Ehrfurcht, so wird es aus Weltklugheit geschehen. Denn wer in einem solchen Staate mit der Geistlichkeit bricht, von dem weicht das frommgläubige Volk wie von einem Verworfenen. „Religionsgefahr ist bei verblendeten Völkern, wo die Priestergewalt die weltliche beherrscht, immer eine weit furchtbarere Drohung, als – Vaterlandsgefahr.“
Mehre von den kleinen katholischen Kantonen der Schweiz sind republikanische Theokratien, in welchen sich die priesterliche Hoheit zwischen aristokratischen und demokratischen Elementen, beide durchwuchernd, und beide überwuchernd, empordrängt. – Weltliche Obrigkeit, ohne Beistimmung der geistlichen, ist dort machtlos. Die eine wie die andere sind sich dieses Verhältnisses bewußt; aber der Clerus, mit schlauer Bescheidenheit, gesteht nur ein, daß die Kirche neben dem Staate, nicht über ihm sey; und die weltlichen Magistrate fühlen sich durch dieß Zugeständniß, wenn auch nicht geschmeichelt, doch befriedigt. Mit gleicher Eifersucht, wie die politische Regierung den Grenzumfang des Landes gegen die Nachbarstaaten hütet, überwacht die priesterliche Grund und Boden ihres geistlichen Gebiets gegen weltliche Eingriffe. Dieser Boden, auf welchem ihre Macht ruht und aus dem sie erwächst, ist die – Unwissenheit und Verdummung des Volks. Darum behält die Priesterschaft für sich die Besorgung des öffentlichen Unterrichts und Leitung des Schulwesens überall, wo sie Macht hat oder Einfluß genug, dieß zu erlangen. Sie will für den Geist des großen Haufens niemals Erleuchtung, die zum Selbstdenken führt. Denn so wie das Volk denkt, würde auch des Priesters Vormundschaft enden und des Pfaffentrugs künstliches Gebäude verschwinden, wie Nebel vor dem Sonnenlicht. –
Und so ist auch das Volk von Wallis in der Seelennacht stets befangen geblieben, welche seine Priester hüten, und im Gefolge seiner tiefen Unwissenheit und Geistesarmuth geht neben der Anhänglichkeit an das Alte und der eifrigen Uebung des religiösen Aberglaubens die Dürftigkeit. – In einem solchen Lande darf man begreiflicherweise keine Industrie, keine Manufakturen suchen. Gewerbsfleiß weckt das Nachdenken, und daß die [94] Denkkraft ewig schlummernd erhalten werde, das ist in der Hierarchie sorgfältiges Augenmerk. Das Pfaffenthum bleibt überall und ewig eins und dasselbe. Da ist kein Schwanken, kein Aendern in den Grundsätzen, kein Abweichen von dem Wege der Uebung. Sein ganzes Wesen ist Consequenz – und ob es der Sonne opfert, oder den Schiwa anruft, oder zum Christus betet oder zum Mohammed: – es bleibt immer das Nämliche im Streben und Handeln; die Gesetze, denen es folgt, sind so unwandelbar, wie die, welche die Welten in ihren Bahnen halten.
Offen bekenne ich’s: lieber einen Tisch voll Kronen, als einen Hochaltar voll Jesuiten. Aus Pfaffenmund klingt mir die Lehre Jesus Christus wie eine Lästerung Gottes, und mein weiches Herz verstockt vor dem Worte der Liebe. Wo ich einen Pfaffen beten sehe, da könnte ich – fluchen.
Fürsten-Despotismus ist ein entsetzliches Uebel; aber die Pfaffen-Tyrannei ist das zehnmal ärgere. Was die Alleinherrschaft in ihrer Ausartung Böses verübt hat von Anbeginn, was die tausend und aber tausend Despoten, welche ihr Schoos geboren, an Menschenglück zerstört und an Menschenelend geschaffen haben; – all die Felder, wo sie die Völker schlachteten, all die Kerker, wo sie die Unschuld marterten, all die Schafotte und die Brigittenauen, wo sie die Männer des Rechts würgten, all die Einrichtungen, durch die sie die Volksarbeit um ihre Früchte betrogen und die Bürger um ihre Freiheit: – all diese Last von Sünde, Unrecht und Unthat reicht doch nach Maaß und Gehalt nicht hinan zu dem Berge der Schuld, der, seit die verfluchteste der Mütter den ersten Pfaffen geboren, mit jedem Tage höher wachst. Schwerer, als durch die Geißel der weltlichen Gewalt, werden selbst in unserm kulturstolzen Europa noch Völker von der Geißel der geistlichen Herrschaft geschlagen. Der Tyrann, welcher eine Krone trägt, wird sich begnügen, den Menschen ihr irdisches Gluck zu nehmen, ihr irdisches Recht zu zertreten, ihre irdische Freiheit zu rauben, ihre irdischen Güter zu erpressen. Die Pfaffengewalt thut dieß gleichfalls; sie bezieht die Steuern von ihren Gläubigen zwar nicht nach Heberegistern: aber sie kollektirt sie dennoch; sie hat einen unermeßlichen Grundbesitz an sich gerissen; sie zehntet die Früchte des Fleißes und des Bodens; sie macht die Trauer wie die Freude zu Goldquellen für sich, die ewig fließen; ja sie weiß sogar die Furcht und Hoffnung jenseits des Grabes noch zu Erpressungen zu nützen. Man hat den Volksverlust an irdischem Gut durch die Priesterschaft in Zahlen gebracht. Sie beträgt für Europa allein jährlich an 2000 Millionen Gulden: – eine ungeheuere Summe, groß genug, um das Elend und die Armuth aus dem ganzen Welttheil zu verbannen. –
Wäre der Verlust der einzige! Aber er ist nur ein Tropfen aus dem vollen Eimer.
Die Sünden und Verbrechen weltlicher Despoten schrumpfen zusammen neben denen der Pfaffen, und die starken Werkzeuge jener sind schwach, verglichen mit denjenigen, welche diese zum Verderben der Menschheit [95] gebrauchen. Was sind die Wirkungen verschwenderischer Höfe, dressirter Heere, eines alle Verhältnisse ausspähenden, überwachenden und gängelnden Beamtenthums gegen Das, was die Pfaffen mit der Ohrenbeichte vermögen, was sie anrichten mit ihren Irrlehren von Sündenvergebung, Ablaß, ewigen Strafen, Fegefeuer, priesterlicher Gewalt und Kraft der Reliquien und Heiligen? Ihr Ausspruch: „Nur der blinde Glaube macht selig!“ – schleudert den Bann gegen die edelsten Kräfte der Seele und lehnt sich sogar gegen den allweisen und allgütigen Schöpfer selbst auf, weil er uns Vernunft und Denkkraft, als den Funken seines eigenen Wesens, gab. Das Pfaffenthum will dem Menschen die menschliche Freiheit selber rauben; es will dem Europäer nehmen, was selbst der Wilde hat, den unbeschränkten Gebrauch seiner geistigen Kräfte; es strebt mit eiserner Beharrlichkeit darnach, die Civilisation zu bekämpfen, die Völker herabzuziehen auf die Stufen der Thierwelt und ihr Menschliches im Sumpf des Aberglaubens und der Unwissenheit zu ersticken. Und nicht genug, die Völker um das Edelste des Erdenlebens zu betrügen, greift es auch noch hinüber in die andere Welt, macht es die Hölle zum Vorhof des Himmels und hält dem armen, unwissenden Volk alle Schrecknisse vor, für welche der Pfaff schon das erste Fassungsvermögen des Kindes arglistig bearbeitet. Nicht zufrieden, dem gläubigen Volke die Freuden dieser Welt zu verkümmern, nimmt er auch die der nächsten in Beschlag und stellt ihm dafür den vollen Becher der Qualen und Seelenfoltern hin. – Wenn ein schlechter Fürst seinem Volke von bezahlten Dienern Dasjenige lehren läßt, was seiner Hab- und Herrschsucht frommt, so greift er damit doch blos das Irdische an; aber die Lehren, welche die Pfaffen geben, nehmen sogar dem Grabe seinen Trost, sie unterwühlen die Welt jenseits. Und wer sind ihre Gehülfen in diesem Streben? Schaut sie an und schaudert! Der Pfaff verleitet die Mutter, daß sie den Menschen mordet in ihrem eigenen Kinde, er verleitet den Vater, daß er die ersten zarten Keime der Seele vergiftet, und daß Beide die frühesten Vorstellungen ihrer Kinder mit den Bildern des Aberglaubens ausfüllen. Mutter, Amme, Vater, Wärterin, Alle werden zu Werkzeugen der pfäffischen Arglist, und sie arbeiten an dem finstern Werke derselben, ohne daß sie sich dessen bewußt sind. –
Unsere Zeit ist in der Erzeugung von Ungeheuerem fruchtbar. Sie hat den Despotismus geboren als Drachen mit sechs Häuptern: Autokratie, Junkerthum, Bourgeoisie, Bureaukratie, Soldateska und jenem Professorthum, durch welches die Intelligenz zur Magd der Unterdrückung herabsinkt. Damit aber das Thier der Apokalypse vollständig werde, fehlt ihm das siebente Haupt: Sie schickt sich an, es ihm aufzusehen – das Allerscheußlichste. Der Bund der geistlichen und weltlichen Despotie soll das Unglück der Völker vollenden; aber – – da dreht sich die Welt, wie man die Hand umwendet – [96] erschrocken schüttelt das schwarze tonsurirte Männchen die schwere Krone von dem Haupte, und Luzifer läßt Heiligenschein, Horn, Huf und Schwanz im Beichtstuhl liegen und fährt durch’s Kirchenfenster von dannen!
„Was gibt’s?“
„„Es prasseln die Flammen aus dem Weltmeer und die Erde liegt im Kreißen. Sauve qui peut!““ –