Mertola an dem genuesischen Gestade

DCCLXXXV. Der Sankt Peters-Kirchhof und die Maximus-Kapelle in Salzburg Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXXXVI. Mertola an dem genuesischen Gestade
DCCLXXXVII. Weston am Missouri
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MORTOLE
(Piemont)

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DCCLXXXVI. Mertola an dem genuesischen Gestade.




Die Straße an der Meerküste, auf der die Legionen der Welteroberer von Italien nach Gallien zogen, war in der barbarischen Zeit in Verfall gerathen und weder im Mittelalter, noch in der Neuzeit irgend etwas für ihre Herstellung geschehen. Um von Nizza nach Genua zu gelangen, mußte man entweder den großen Umweg über den Simplon und über den Cenis nehmen, oder sich bequemen, den elenden und unbequemen Saumweg einzuschlagen, der, nur für Maulthiere gangbar, an dem Gestade hinführte, auf dem jedoch im Winter und nach Gewitterregen öfters gar kein Fortkommen war. Dies hat sich geändert. Schon Napoleon entwarf den kühnen Plan zum Bau einer Straße ersten Rangs von Nizza nach Genua, und er ließ denselben noch in den letzten Jahren seiner Regierung beginnen. Nach seinem Sturz blieb er liegen, und erst in späterer Zeit wurde er wieder aufgenommen und zu Ende geführt. Der Weg ist jetzt die Krone der Alpenstraßen. Es ist ein Werk, dem alten römischen gleich, dessen Trümmer streckenweise für den Neubau benutzt worden sind. Entzückend ist es, auf dieser Straße, den hohen Felsküsten entlang, um die Vorgebirge und Landzungen herum über Abgründe und Wasserstürze, oft auf Viadukten, oft auf hochgewölbten Brücken, hoch über die herrlichsten Gegenden hin, umkreist von den Adlern des Jupiters, an einem hellen Sonntagmorgen zu ziehen, begegnet von den Schaaren festlich geschmückter Landleute, welche zur Kirche gehen, und begrüßt von den Glocken und Gesängen, die aus Städten und Dörfern die Tiefe herauf, oder aus den Klöstern und Abteien herüber tönen, welche auf den Höhen im jungen Sonnenlichte prangen. Die Landschaften sind die prächtigsten Piemonts. Vom milden Himmel des Südens gesegnet, von den reinsten Lüften angehaucht, trägt ihr Pflanzenwuchs tropische Form und Fülle, und eine sorgfältige Kultur lohnt den Fleiß der Menschen reichlich. Rechts in der Tiefe erschaut man das tiefblaue Meer, beständig von zahllosen Fischerfahrzeugen, Dampfern und größeren Segelschiffen belebt; links die prächtigen Berge, die bald in Terrassen über einander gemächlich aufsteigen, bald jählings emporschießen bis zu den mit ewigem Eise bedeckten Domen der Alpen, und zuweilen durch breite Thäler Blicke in die Ferne öffnen, wo kühn geschwungene Linien die mannigfaltigsten Physiognomien [124] zeichnen, bald ernsten, bald anmuthigen Styls, wie die Werke dorischer und ionischer Kunst. Dann und wann flammen und leuchten die beeiseten Gipfel im goldigen Morgenlicht wie Kandelaber der Götter. Bengalisches Feuer scheint auf den Firnen angezündet, die Berge athmen, die rosigen Nebel strömen aus ihrem Munde und flattern über die Straße dem Meere zu, wo sie im Aether sich auflösen oder ihren Schleier hinabsenken, um des Ozeans Angesicht zu verhüllen. Selig Der, welcher einen solchen Sommer-Reisetag erlebt: er löscht nie aus seinem Gedächtniß.

Bei Mertola, einem Flecken am Wege von Nizza nach Genua, ist eine der entzückendsten Aussichten der ganzen Route, und durch ihre sehr treue Darstellung haben sich Zeichner wie Stecher Lob verdient. Von einem weit in’s Meer ausbiegenden Kap übersieht man auf diesem Punkte eine weite Strecke der Küste mit ihren Aus- und Einbiegungen, und eine Fülle von Contouren der anmuthigsten Landschaften. Auf einigen Höhen stehen Schlösser und Klöster, auf andern Ruinen aus alten und mittleren Zeiten, die den Gedanken aufstacheln und an den Gang des Schicksals in diesen geschichtlich so reichen Gegenden erinnern. Die Straße naht mehreren Stellen, wo Tempel und Triumphbögen gestanden. Man sieht da und dort Substruktionen aus dem Boden ragen; man sieht einen römischen Thurm, oder das Fragment einer Säule, oder eines Architravs, umgeben von der ernsten Ruhe und dem majestätischen Schweigen der Natur, oder umrankt von Schlinggewächsen, deren Blüthenbüschel die Lüfte würzen. – Unfern von Mertola sind tiefe Grotten in das Felsgestade gegraben, in welchen man antike Gräber vorfand, vielleicht die Necropolis einer alten Stadt, von der, in den Wogen der Zeit, selbst der Name verschollen ist.