Weston am Missouri
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WESTON
(MISSOURI)
Die Ziele der Europäer, welche sich in Nord-Amerika eine neue Heimath gründen wollen, sind selten mehr in den atlantischen Ländern zu suchen; in den jüngeren Staaten des fernen Westens sind sie gesteckt, und namentlich sind es Minnesota, Wiskonsin, Iowa und Missouri, wohin der Zug der deutschen Kolonen geht. Den ersten Eindruck des Landes empfängt der Deutsche freilich an den Landungsplätzen: in New-Orleans, Boston, Baltimore, Philadelphia und New-York. Es muß derselbe nothwendig nach dem Grade der Bildung, der Erwartung und der besonderen Verhältnisse ein sehr verschiedener seyn. Worin aber die Eindrücke aller Einwanderer einmüthig zusammenstimmen, das ist das Staunen über die Kulturfortschritte des Landes, deren Größe an das Mährchenhafte streift, sowie die Bewunderung des Unternehmungsgeistes und der feurigen Thatkraft des Amerikaners in allen Dingen, welche auf das praktische Leben Bezug haben. Alles, was er darüber Rühmendes daheim gelesen und gehört hat, tritt weit hinter die Wirklichkeit zurück. Schon die unermeßliche Bewegung im Hafen von New-York entlockt ihm das Geständniß, daß sie nirgends ihres Gleichen hat; neben ihr würde der Hafen von Marseille oder Havre, von Hamburg oder Bremen still und kleinlich erscheinen; ja, nach dem eigenen Geständniß der Briten bieten die Themse-Stadt, „wo fünf Welttheile ihre Schätze tauschen“, und Liverpool ein minder großartiges bewegtes Gemälde dar, weil man dort weder das Gewimmel der amerikanischen Dampf-Fähren, noch der kolossalen, zwei bis drei Stockwerk hohen Flußdampfer schauen kann. Es ist überdies eine bekannte Thatsache, daß Bevölkerung, Verkehr und Reichthum in New-York verhältnißmäßig weit rascher fortschreiten als im zweitausendjährigen London.
Die Yankeeköpfe haben den eigenthümlichen Vorzug, daß sie, wenn auch weniger erfinderisch als ihr Vetter John Bull, sich dessen Erfindungen gleichwohl rasch anzueignen, sie praktischer auszubeuten und selbst wesentlich zu verbessern verstehen. Weder Kosten noch Risiko erschrecken sie dabei. Sie haben nicht nur bei der Schifffahrt, sondern auch in vielen andern Zweigen des Maschinenwesens bewiesen, daß sie noch Vollkommeneres leisten als die Engländer. Wer z. B. in London die Dampfpresse bewundert hat, welche die Auflage des Riesenblattes „Times“ in die Welt fördert, und nun, in New-York, die Presse manövriren sieht, welche von der „Tribune“ 50,000 Exemplare in drei Stunden fast ohne alle menschliche Beihülfe druckt, indem die Maschine nicht nur die einzelnen [126] Bogen nimmt, sondern, nachdem solche zweimal über den Satz gelaufen, sie wohlgeordnet auf einander schichtet, der wird nicht minder von Erstaunen ergriffen werden wie der Landwirth, welcher bisher die englische und rheinische Landwirthschaft für das Vollkommenste hielt und nun die Rosse in der Prärie mit dem leichten amerikanischen Stahlpflug im Galopp die Furchen ziehen, und Egge und Säemaschine die Bestellung des Ackers mit der Eile des Flugs und doch mit der größten Vollkommenheit in einem Akt verrichten sieht.
Je weiter der europäische Ankömmling nach dem Westen vorrückt, desto mehr nimmt er Dinge wahr, die ihm imponiren. Dort, wo er sich Alles noch so wild, so unwirthbar gedacht hat, lernt er die Kühnheit des Yankeegeistes ganz würdigen, denn dort gilt’s, scheinbar unüberwindliche Naturhemmnisse zu besiegen. Schon auf dem Hudson, der hinsichtlich seiner Uferscenerie vielfach mit dem Rhein verglichen worden ist, findet ein patriotischer Rheinländer Gelegenheit zu demüthigenden Betrachtungen. Wohl gibt es am Hudson keine alterthümliche Stadt wie das „hohe heilige Köln“, keine wetterbraunen gothischen Dome, auch keine Ruinen, keine Reben, keinen Johannisberger. Aber der Verkehr auf dem Strome, Schifffahrt, Handel und Leben treten in einer unendlich imposanteren Gestalt als am Rhein und an der Donau auf. Unzählige Schiffe blähen ihre stolzen Segel, die drei Stockwerke hohen Steamers, an Größe und Kühnheit des Baues, wie an Eleganz und Pracht der innern Ausstattung, mit einander wetteifernd, die Schleppschiffe, die Propellers, die Fahrzeuge aller Sorten und Größen brausen unabsehbar auf und nieder, Emigranten, Waaren, Reisende und Spazierfahrer befördernd. Der Yankee ist ein gar wanderlustiger Gesell, der nicht gern an der Scholle klebt, sondern sich überall hin bewegt, wo business und money zu machen sind. Aber die Dollars, die er gern gewinnt, gibt er auch leicht wieder aus, und nächst dem Associationsgeist ist es die unaufhörliche Bewegung des Kapitals, welches hier am meisten beiträgt, die industriellen Wunder in’s Leben zu rufen.
Mit neuen Städten, Dörfern, Luxushäusern und geschmückten Farmen sind die Hudson-Ufer zwischen New-York und Albany bunter dekorirt als die Rheingestade. Auch die waldigen Ufer-Terrassen und die Formen des Alleghanyrückens sind viel malerischer als die rheinischen Weinberge und die Gipfel des Siebengebirgs. Nur der mittelalterliche Schmuck gebricht dem Hudson; es fehlen hier, wo Alles voll Jugend und voll frischaufsprossenden Lebens ist, die romantischen Trümmer, die halbverfallenen, halb restaurirten Burgen mit ihren Geschichten und Sagen. Es pfeifen und schnauben die nüchternen Dampfkessel statt der holdseligen Töne der Lorelei, die freilich auch am Rhein nur noch der Poet, nicht mehr das Volk hört.
Die meisten Deutschen finden Alles recht eigentlich auf den Kopf gestellt in dieser wunderlichen neuen Welt. Hier finden wir unsere wahren Antipoden. Weiß nicht jeder Schulknabe auswendig, daß man in Amerika in hellem Sonnenschein wandelt zur Stunde, wo die alte Welt dunkel ist und schläft? Kein Spatz pfeift hier vom Dach wie daheim, kein Rabe krächzt so wie bei uns. Dieses nüchterne, steifbeinige, unausstehlich praktische Geschlecht der [127] Yankees lebt nur der Gegenwart, schafft und baut nur für sie und die Zukunft. Das süße Dämmerdunkel vergangener Jahrhunderte, das wohlige Träumen von einer alten goldenen Zeit, die freilich nur für Wenige golden war, die romantischen Moden und der deutsche Mondschein wollen diesem Geschlecht kein Behagen abgewinnen. Vergeblich ist alles Mühen des deutschen Schwärmers, in diesem nüchternen Lande Proselyten zu machen. Einst kam der Schreiber dieses Aufsatzes auf einer Hudsonfahrt in die Gesellschaft einiger gebildeten Bostoner, die auch am Rhein sich flüchtig umgesehen hatten. Sie sprachen von der Charakteristik der Ströme Deutschlands und Amerika’s und den Kontrasten ihrer Erscheinungen. Er erzählte ihnen die Rheinsage von der Lorelei, suchte ihnen die zarte Schönheit der Fouqué’schen Undine begreiflich zu machen, und schwatzte vom Ritter Hildebrand und vom deutschen Spukgeist Kühleborn, der noch immer spuken soll. Seine Hoffnung, die wassertrinkenden Temperance-Männer aus Massachusetts für deutsche Romantik zu bekehren, war aber eitel. Statt den Werth dieser Schätze deutscher Reminiscenz gehörig zu würdigen, und für die kommentirende Mühe wenigstens zu danken, brachen sie in Lachen aus. Das Rauschen des Steamers und Propellers, meinten sie, sey, wenn auch keine so „wundersame“, doch eine nützlichere Melodie als der Singsang der Lorelei. Nixenmusik habe einen Hudson-Piloten noch nie im Führen des Steuers gestört, und wenn Schiffe platzen und zerschellen, so sey gewöhnlich nur der Ueberfluß an Konkurrenz und Dampf schuld daran, und die Sehnsucht des Kapitäns nicht nach schönen Nixen, sondern nach blanken Dollars. So ein kräftiger Dampf, der einen tüchtigen Dreidecker treibe, sey aber, meinten die Yankees, augenscheinlich irdisch gesegneter als der romantische Nebel, bei dem man in unserem praktischen Zeitalter verhungern könne, und von Leuten, deren Phantasie zu viel an Nixen denke, sey es nicht verwunderlich, wenn sie nix in der Tasche hätten. Mehr Weinberge seyen allerdings am Rhein als am Ohio, auch mehr Mittelalter; aber am Ohio trinke der weinbauende Farmer den besten Tropfen selber; der arme rheinische Weinbauer hingegen müsse schwere Steuern zahlen und bei viel Schweiß viel Trebernwasser statt Wein trinken. Ob denn ein Farmer am Ohio oder Hudson bei täglichem Rostbeef und zunehmendem Wohlstande nicht beneidenswerther sey als so ein schwitzender und steuerngesegneter Weinbauer am Rhein? Die starrköpfigen Männer der neuen Welt von dem Irrthum ihres Raisonnements über die alte zu überzeugen, sie wenigstens für das schöne Stolzenfels und den Apollinarisberg zu erwärmen, ist allemal verlorene Mühe. Es sind eben unverbesserliche „Gleichheitsflegel“, wie sie Heinrich Heine eben so richtig als unpoetisch genannt hat.
Das Staunen über den materiellen Fortschritt der amerikanischen Kultur wächst bei dem europäischen Ankömmling, der nach Westen wandert, noch mehr, wenn er den Eriesee erreicht hat, das dortige Leben und Treiben betrachtet, die jungen Städte an seinen Ufern, die riesigen Mühlen und Fabriken, deren Räder der wilde Niagara treibt, die kühne Hängebrücke über dem senkrechten Felsbett dieses Wasser-Donnerers erblickt, dann [128] in dem Prachtsaal eines Dreideckers über den See selbst gleitet, nach Detroit mittelst der Eisenbahn quer durch die Halbinsel fliegt, und am großen Michigansee in einen andern dampfbeflügelten Palast aufgenommen, mit brausendem Räderschwung rasch wie der Sturmwind nach Chicago oder Milwaukie spedirt wird, wo er dasselbe wiederfindet, was ihn schon in Osten so überraschte: große, volkreiche, blühende Städte voll lebendigen Verkehrs, auf ausgefüllten Sümpfen stehend, wo die Jäger noch vor wenigen Jahrzehnten wilde Enten und froschschmausende Reiher geschossen haben.
Am oberen Mississippi ist nur in jenen Gegenden noch vollkommene Wildniß, wo die jährlichen großen Stromüberschwemmungen die festen Ansiedelungen unmöglich machen. Doch hat auch da gar mancher kühne Yankee sein Nest gebaut, und selbst einzelne kühngewordene deutsche Settler haben es gewagt, den Wald zu fällen, Mais zu säen und Blockhütten zu bauen, auf die Gefahr hin, jedes Frühjahr einmal vom tückischen Strom mit Haus und Habe fortgeschwemmt zu werden. Nahe bei 1300 Dampfer befahren gegenwärtig den Mississippi mit den Nebenflüssen, sogar oberhalb der St. Anthony-Fälle sind neuerdings einige Dampfer auf den Fluß gestellt, und in der günstigen Jahrzeit hat man Gelegenheit, fast den ganzen Missouri aufwärts bis an den Fuß der Rocky-Mountains zu befahren und tief in das Indianergebiet einzudringen.
Am Ohio, Illinois, Arkansas, Red-River begegnet überall das gleiche Schauspiel von entstandenen oder entstehenden Städten. Wie Pilze unter einer tropischen Sonne schießen sie aus dem fetten Alluvialboden heraus. Der Gipfelpunkt der Ueberraschung bleibt aber doch St. Louis, die große Hauptstadt des Westens, wo am Mississippi-Kai oft nicht weniger als 100 Dampfer in stolzer Reihe ankern, darunter prächtige Dreidecker, deren säulenumreihete Stockwerke und Eisenschlöte wie Kastelle über dem kaffeebraunen Wasser des Flusses hervorragen. Gegenüber diesen Schiffen erhebt sich eine Häuserreihe, deren keine europäische Hauptstadt sich zu schämen hätte. Die Bevölkerung von St. Louis hat in diesem Jahr die Zahl 120,000 überschritten. Vor etwa 30 Jahren zählte die Stadt kaum 8000 Seelen. Der obere Mississippi hatte damals noch kein Dampfschiff gesehen, und ganz in der Nähe grasete noch friedlich der Büffel, der jetzt mit seinen rothhäutigen Freunden, den Delaware- und Sioux-Indianern, 1000 Meilen weiter nach Westen gedrängt worden ist.
Ein Etwas, das in der neuen Welt den reisenden Europäer mehr befremdet und überrascht als jene augenfälligen Wunder, die der rastlose Unternehmungsgeist einer thatkräftigen Nation geschaffen hat, ist neben dem Entstehen, Wachsen und Aufblühen von ausgedehnten Staaten der Mangel jener Potenzen, welche nach europäischen Begriffen zum Gedeihen der Civilisation unentbehrlich sind – ich meine eine wohldisciplinirte Soldateska, eine wohlorganisirte öffentliche und heimliche Polizei, mit Gesetzen zur scharfen Ueberwachung von Vereinen und Presse, ein Heer von Gewerbsschranken und eine landesväterliche Bevormundung alles Lebens und Thuns im Volke. Von [129] all’ dem sieht man in den Vereinigten Staaten gerade das Gegentheil, und – ist’s nicht wunderbar? – dennoch existiren, wachsen und gedeihen sie. Auf der langen Strecke vom Ocean bis zum Missouri gewahrt der Einwanderer nur bei den Volks- und Korporationsfesten militärische Uniformen, z.B. bei der Todesfeier großer, geehrter Bürger, nie aber eine eigentliche Soldateska, und auch nie uniformirte Polizeidiener; dennoch ist die Sicherheit des Eigenthums im Ganzen nicht geringer als in Europa. Den Zeitungen ist die unbegrenzteste Freiheit gelassen, so viel Gescheidtes, oder so viel Unsinn zu sagen, so viel zu lärmen und zu agitiren als sie Lust haben. Hundert und aber Hunderte von politischen, socialen und religiösen Vereinen entstehen, dauern oder verschwinden; der Staat nimmt nicht die mindeste Notiz von ihnen. Man läßt Socialisten und Kommunisten mit ihren Experimenten eben so frei gewähren, wie die Pantheisten und Atheisten, die sogenannten freien Gemeinden, oder im Gegensatz dieser, die frommen Väter der Gesellschaft Jesu, welche in Amerika als Prediger und Lehrer auf das Umfangreichste wirken und von den Häfen des Oceans bis jenseits der Rocky-Mountains ihre verlorenen Posten behaupten. Selbst die Mormonen und ihre Apostel, gegen welche früher der Volkshaß sich richtete, läßt man jetzt in Ruhe und sie mögen ihren Hokus-Pokus treiben, wo sie wollen.
Der Staat und die Gesellschaft, weit entfernt, durch diese entgegengesetzten Bestrebungen aus den Fugen zu gehen, erstarkt vielmehr, blüht und schreitet fort, wie ein junger Herkules, mitten im Kampf der Ideen und der widerhaarigen Volkselemente, und der Parteien gegenseitiger Wetteifer hilft die Entwickelung nur fördern. Die Union gedeiht der Eiche gleich, die am tiefsten wurzelt und am höchsten ihre blätterreichen Kronen treibt, wo ihr am meisten Luft und Licht gegönnt ist, und die Stürme sie unbehindert rütteln.
Es sind sonderbare Käuze diese Yankees sächsisch-wälschen Bluts. Wir begreifen vollkommen, daß der ehrliche gemüthliche Deutsche mit seiner Bildung, Phantasie und Wissenschaft sie als Individuen unerträglich findet. Wie sie dasitzen in ihren Stores und Geschäftsstuben, in den Salons der Dampfschiffe und den Gasthäusern, ernst und wortkarg, mit frostigen Mienen, Tabak kauend und die langen Beine möglichst weit von sich streckend, trockene, nüchterne, unausstehliche Gesellschafter, nichts als Geschäftsgedanken und Dollartrachten im Kopfe, jedes Sinns für das Schöne und jeglicher Freude an dem Erhabenen, was des gebildeten Europäers Gemüth bewegen und begeistern kann, völlig bar. Nur für diejenigen Wissenschaften kann sich der Amerikaner erwärmen, die in das praktische Leben einschlagen. Für Poesie, schöne Künste, ja selbst für den reinen Naturgenuß fehlen ihm Sinn und Liebe. Ausnahmen von dieser Regel gibt es; aber sie sind selten. Bei einer beethovenschen Symphonie, vom deutschen Musikverein in Milwaukie tadellos vorgetragen, sah der Schreiber dieses Artikels ein ganzes amerikanisches Auditorium gähnen. Selbst Byrons gewaltige Lyra gefällt den Yankees nicht, obwohl sie in Tönen klingt, die der Amerikaner seine Muttersprache nennt. Dem Niagarafall, der großartigsten Naturscene, [130] welche die Welt kennt, kehren sie gewöhnlich nach ein paar Minuten kühlen Beschauens gleichgültig den Rücken, zufrieden, sagen zu können, daß sie auch am Niagara gewesen.
„Es muß auch solche Käuze geben!“ hat der alte Göthe vom modernen Teufel gesagt. Die räthselhafte Allmacht, die über den Geschicken der Menschheit wacht, hat die Völker des Erdballs mit verschiedenartigen Gaben bedacht, denn alle sollen die eigenthümlichen Rollen spielen, die ihnen für die Entwickelung der Kulturgeschichte bestimmt sind. Chevalereske, anmuthige und liebenswürdige Völker, wie die Spanier und Franzosen, haben in Amerika nichts ausgerichtet, nichts Praktisches geleistet, nichts Großes und Bleibendes geschaffen; sie haben Fiasco gemacht. Mexiko und Unter-Kanada sind Beweise dafür. Auch die Deutschen, wo sie nicht gemischt mit Yankees wohnen, schreiten nicht rasch vorwärts. Man sieht das in allen rein deutschen Orten, z. B. im Städtchen Herrmann am Missouri. Dem lederzähen und stahlharten Yankee-Geschlecht, das aus verschiedenen Raçen und zum Theil aus dem Auswurf Europa’s zusammengebacken ist, gehört der Ruhm, daß es seiner Aufgabe gewachsen bleibt, die Kultur in der neuen Welt mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts zu bringen, allein. Den Urwald fällen, die Steppe mittelst des leichten Stahlpfluges im Galopp befruchten, Wölfe, Bären und rothe Menschen ohne Erbarmen vor sich hertreiben, die Distanzen, welche selbst die autokratische Allmacht in Rußland nicht zu besiegen verstanden, mittelst des Dampfes bewältigen, auf kaum zugängliche Gebirge, in die entlegensten Einöden Industrie und Maschinen versetzen, Geld und Kohlen aus den Eingeweiden der Erde reißen, die Küsten zweier Weltmeere mit ihren Dreimastern, alle Flüsse, alle Binnenseen mit ihren Dampferkolossen bedecken, überall Leben und Kultur wecken, wo sie nie vorhanden gewesen – Das kann und konnte nur eine Nation, die allerdings fast ausschließlich Gewinnsucht und Gelddrang beseelt, die aber eben nur in dieser Ausschließlichkeit der Vollführung ihrer Bestimmung fähig ist. Ganz unpassend dazu wären alte Völker, die vor lauter Gelehrsamkeit die Kraft der That verloren haben und über das eigene Elend noch zu philosophiren pflegen. Meinte doch selbst der wackere Raumer: man solle lieber sich freuen als beklagen, daß die Amerikaner noch keine sonderbare Vorliebe für schöne Künste und Wissenschaften gewonnen, denn alsdann hätte auch diese Nation den Höhepunkt ihrer Blüthe bereits erreicht, und würde, wie andere Nationen, wieder langsam herabsteigen, ohne ihre weltgeschichtliche Bestimmung erfüllen zu können.
„Freilich finden viele in der Völkergeschichte immer nur die schmutzige Gasse unter ihren Fenstern wieder, wo alltäglich gemarktet wird. Allein der wahre Historiker hat neben den Daten menschlicher Erbärmlichkeit auch Raum für das Walten der unsichtbaren Naturkräfte, für die Ideen, die in den Geistern Wolken sammeln und reiben bis zum Sprühen des elektrischen Schlages“. Bedeutsame Worte, welche ein geistvoller Mitarbeiter der Allgemeinen Zeitung einst in Bezug auf ein anderes Volk und Land gesagt hat, die aber auch auf Nordamerika und [131] seine Völker passen. Zu welch geheimnisvollem Bau wird der alte unsichtbare Meister die Räder und Fäden Wohl einmal brauchen, die hier am westlichen Webstuhle der Zeitgeschichte so emsig schnurren in den schwieligen Händen der Handlanger und Gesellen? Liegt in dieser Fiebereile, womit man nicht bloß einen Welttheil durch Büchse, Pflug und Dampf zu erobern versucht, sondern ländergierige Briareus-Arme auch anderwärts selbst über das westliche Weltmeer hinausstreckt, ohne nach Völker- und Staatenrecht zu fragen, liegt darin gar nichts Größeres als Beutelust, oder ein dunkeler, unbewußter Drang, ein geheimnißvoller Instinkt, welcher Nationen, wie Individuen zu räthselhaften Zwecken beseelt? Oder ist in diesem ruhelosen Jagen der Amerikaner nach Besitz, bei dem man nicht nur irdische Schätze sammelt, sondern auch die besten Mannestugenden: Muth und Thatkraft stählt, ist bei dieser Gier, nicht nur herrenlose Wildnisse urbar zu machen, sondern auch apathische Völker zu zwingen, an der eigenen Civilisirung Theil zu nehmen, nicht auch ein Etwas, das einen Gesichtskreis verräth, welcher ein klein wenig „über den Dollar hinausgeht?“ – Ob die Chorführer auf der andern Seite, welche sagen: man müsse der Macht und den Grundsätzen der Antipoden der Russen die Prinzipien des strengen Konservatismus entgegen halten – wohl eigentlich wissen, was sie reden? Wir beneiden sie nicht, daß sie von den glücklichen Wenigen bewundert werden, denn wir glauben, daß sie etwas dazu beitragen, den „Lebensfluthen“ im Westen einen neuen Impuls zu geben. Freilich wider ihren Willen!
Wir streifen hier an ein „wunderlich Kapitel“, welches besser in einem andern Buch steht. Wozu aber auch heute so ernste Dinge? Schaut doch die Sonne des Missouri draußen so sorglos hell vom blauen Zenith, als sollte es gar kein Donnerwetter mehr geben. Nur tief unten am östlichen Rande werfen Wolken einige melancholische Schatten. Dafür lachen tausend Rosen auf der Prärie und der goldene Mais schimmert aus allen Umzäunungen. Besser, draußen bunte Lepidopteren haschen und dem Gezwitscher der Vögel lauschen, als über die Politik von hüben und drüben unfruchtbare Vergleiche ziehen.
Betrachtet unser Bild von Weston! Welche Harmonie ist nicht in dieser jungen Blüthe westlicher Gesittung mit der heitern, großen, reichen Natur! Da ist keine Spur von dem langweiligen, mathematisch-regelmäßigen Würfelbau der atlantischen Städte, in denen die Freiheit wie in der Zwangsjacke des Despotismus einhergeht; – da schauen noch individuelle Unabhängigkeit und Eigenthümlichkeit heraus, jene Eigenschaften, denen wir die malerischen alten Städte verdanken, deren Unregelmäßigkeit Geist und Gemüth mehr ansprechen und ergötzen, als jenes Einerlei der rechtwinkelig nach der Schnur gezogenen Straßen, die man nicht durchwandern kann, ohne zu gähnen. Was machte die Städte der Griechen und Römer, dieser so hoch über den andern Nationen der Erde stehenden Völker, so schön? Das freie und stolze Selbstgefühl des Bürgers, welches sich in ihrer ganzen Anlage ausprägt. Es gruppirten sich die Wohnungen in malerischer Abwechselung um die Tempel der Götter auf den Höhen, [132] um Forum, Theater und Rennbahn, Mannichfaltigkeit war, wie in der Natur, das selbstgeschriebene Gesetz für den Bauherrn, man dachte nicht daran, eine Stadt gewaltsam in eine vorgeschriebene Form zu drücken, wie man einen Klumpen Lehm zur Ziegel auspreßt, oder der Polizei, Gott sey’s geklagt! das alleinige Münz- und Stempelrecht zu verleihen, um mit ihrem Bilde die Wohnungen der Menschen auszuprägen und in Kurs zu setzen, sey das Bild auch noch so dumm, naturwidrig und häßlich. Wo ist Etwas vollkommen auf Erden ohne Mannichfaltigkeit? herrscht nicht Freiheit im unendlichen All? Boden und Himmel, Luft und Klima deuten den Städten die passende Form an, und in Harmonie mit jenen Vorbedingungen lasse man den Menschen seine Wohnungen sich bauen ohne Zwang. Wenn Jeder nach seinem Bedürfniß und nach seinem Wohlgefallen bauen dürfte, so würde, wie in der Natur selber das Vielgestaltige zu malerischen Gruppen sich vereinigt, selbst das, was einzeln ärmlich und unschön erschiene, gruppirt, ein Zubehör des Anmuthigen werden.
Weston, nur etwa zwei Stunden vom Fort Leavensworth an der Grenze des Indianergebiets entfernt, ist eine der frequentesten Dampfbootstationen am Missouri, wo die Karavanen nach Oregon und Kalifornien die Wasserstraße verlassen und sich für die lange und beschwerliche Landreise über die Felsengebirge rüsten. Dadurch erhält der Ort einen lebhaften und gewinnbringenden Verkehr. Weston wächst schnell zu einer ansehnlichen und wohlhabenden Stadt auf, welche die Rolle eines Centralpunkts der westlichen Ansiedelungen des Staates Missouri spielt. Die Gegend umher ist dicht kolonisirt und äußerst fruchtbar. Der Missouri bildet an der Stadt eine kleine und tiefe Bucht, wo die großen Dampfer dicht am Kay bequem und sicher ankern und entlöschen oder laden können.
Die Bevölkerung ist eine bunte Mischung aus allerlei Herkunft, vorwiegend aber aus deutschen und anglo-amerikanischen Elementen. Die verschiedensten christlichen Konfessionen leben hier in Frieden und Eintracht zusammen. Jede hat ihre Kirche, oder ihren Betsaal, und das Bekehrungswerk unter den Indianern betreiben Katholiken und Protestanten mit gleicher Beharrlichkeit ohne Eifersucht, während mehre Vereine sich mit der Verbesserung der zeitlichen Interessen der rothhäutigen alten Herren des Landes beschäftigen. Diesen menschenfreundlichen Bemühungen ist es gelungen, die meisten der anwohnenden Indianerstämme dem wüsten Gewerbe des Kriegs und der Jagd zu entfremden, sie durch den Ackerbau aus Nomaden in feste Ansiedler umzuwandeln, und die Segnungen des Unterrichts unter sie zu verbreiten. Im vorigen Jahre bestanden unter der Leitung der philanthropischen Gesellschaften zu Weston schon über 60 Indianerschulen, und abermals hat es sich als eine erfreuliche Thatsache herausgestellt, wie irrig der Glaube ist, die Indianer seyen nur ausnahmsweise und in einzelnen Individuen, niemals aber in Masse, der Gesittung zugänglich zu machen. Im Nebraska-Territorium genießen sie bereits bürgerliche Rechte, und es ist nicht zu zweifeln, daß diese civilisirten Indianerstämme, sobald jenes Gebiet zum Staat gereift ist, ein bleibendes ehrenhaftes Element der Bevölkerung ausmachen werden, dessen Geltung in den Wogen der Zeit nicht so bald untergeht.