Nazareth (Meyer’s Universum, 1859)
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NAZARETH
Liegen auch, Gott und der Vernunft sei Dank, die Tage auf Nimmerwiederkehren hinter uns, wo Pfaffenschlauheit und Uebermuth der gesammten Christenheit Arm und Kopf regierten, wo auf Roms Posaunenruf die Blüthe der Nationen sich das Kreuz auf das Gewand heftete und Haus, Hof und Vaterland verließ, um das Schwert in’s ferne Morgenland zu tragen und die Wohnplätze des Friedens zu Stätten 200jährigen Blutvergießens umzuwandeln; ist auch die Zeit vorbei, wo auf den Straßen nach dem heiligen Lande die wallenden Pilgerschaaren sich drängten und die geweihten Wasser des Jordan von den Osterkarawanen frommer Badenden, die gleich dem Erlöser die Taufe begehrten, über ihre Ufer traten; sind die zahlreichen Quellen auch versiecht, im Thale Josaphat und allerwärts, aus denen den Gewissen der Gläubigen ewige Sündenvergebung und – der römischen Kirche Macht und Schätze sprudelten, so schlägt doch noch jedes geläuterte Christenherz inbrünstig vor Ehrfurcht, wenn der Fuß den Spuren folgen kann, welche der Edelste unseres Geschlechts einst gewandelt, und treibt eine vollberechtigte Sehnsucht Jahr für Jahr Viele zu den Orten, von wo aus das Gestirn reinster Menschenliebe seine leuchtende Bahn über den Erdkreis zog und die Fluth neuer, die Welt beglückender Ideen sich über die nachgeborene Menschheit ergoß. Und solche hohe symbolische Bedeutung wird ihnen bis in die fernste Zukunft bleiben, länger als das Interesse des Geschichtsforschers oder Naturfreundes. Auch in der Zeit der hellsten Erleuchtung und aufgeklärtesten Kritik, nachdem die erhabene Erscheinung des Nazarener Weisen alles Uebermenschlichen entkleidet sein wird, was Mystik und Poesie ihm angedichtet haben, wird dennoch der Kultus mit dem Vollkommensten unseres Gleichen bestehen und den Freund und Verehrer wahren Menschenthums als Wallfahrer nach den heiligen Stätten entsenden, wo jetzt die Gläubigen der drei Hauptreligionen, Christen, Juden und Mohammedaner, jeder zu seinem Vermittler mit dem Himmel betet, ein jeder ihm heilige Symbole, Erinnerungen, Reliquien verehrt. Das Land Israel bleibt für immer die Wiege der Kultur, von welcher der Menschengeist seine Befreiung aus den Fesseln des Aberglaubens datirt.
[152] Drei kleine Tagereisen vom Damaskusthore der heiligen Stadt, in der Richtung über die Ebene von Samaria, bringen den Pilger nach den paradiesischen Blumen- und Getreidegefilden von Jesreel, von den schöngestaltigen Höhenzügen umfaßt, aus denen der Berg Tabor hervorragt, der Berg im Hintergrunde unseres Bildes. Das Auge weidet sich an der Ueppigkeit des Thalbodens, welche die hohen Halme unter den buntfarbigsten Jonquillen und Narzissen hervortreibt, ohne daß Jemand säet oder ein Schnitter zur Ernte sich einfindet. Schafe, Ziegen und Rinderheerden weiden da, wie zur Zeit der Erzväter, zwischen den Zelten der Beduinen. Der altberühmte Kison wälzt durch diese Gefilde seine schlammigen Fluthen, jenseits dessen man eine allmählig ansteigende Höhe überschreitet, und, die große von Aegypten nach Damaskus führende Karawanenstraße kreuzend, in das enge Thal hinabsteigt, an dessen Oeffnung das alte biblische Nazareth erscheint. Das heutige En-Nasirah ist eine schlichte, wohlgebaute Stadt, mit flachen Dächern, ohne die im Morgenlande gewohnten Minarets und Kuppeln. Die Zahl der jetzigen Einwohner beträgt 3000, ein Gemisch aller Glaubens- und Bekenntnißformen; nur Juden trifft man nicht. Die wohlhäbigen, aber sehr zuvorkommenden Franziskaner des lateinischen Klosters dienen den Fremden gern als Ciceroni nach der Kirche und Grotte der Verkündigung, dem Haus des heiligen Joseph, dem Brunnen der Maria (im Vordergrunde unseres Bildes), der Grotte mit dem Tisch des Herrn, dem Felsen, von dem Christus so wunderbar der Gefahr des Hinabgestürztwerdens entging, und begleiten ihre Schilderungen mit so minutiösen Einzelheiten, als wären sie selbst Augenzeugen von allem dem hier Geschehenen gewesen. Daß diese Frommen die Einwendungen eines Skeptikers gegen die Aechtheit ihrer Aussagen nicht aufkommen lassen, versteht sich von selbst, ja sie bezeichnen ihm mit dem feierlichsten Ernste den gebenedeiten Ort, an dem das Haus der Maria gestanden habe, bevor es vorsichtige Engel vor der Kriegsgefahr der Ungläubigen nach Loretto flüchteten.
Kaum eine andere Gegend des Erdbodens hat so viel Krieg und Blutvergießen gesehen, als Nazareth, das einstige Asyl des erhabenen Friedensspenders, im Umkreis weniger Meilen. Von Josua und Gideon bis auf Nebukadnezar und Alexander, von den römischen Kaisern bis auf Saladin und den Kriegsfürsten unserer Zeit, Napoleon I., sind die Umgebungen Nazareths, besonders die Thalebene Jesreel, Zeuge großer entscheidungsvoller Kämpfe gewesen; 1799 schlug sich Junot dort mit den Türken und bald darauf lieferten Napoleon und Kleber einem türkischen Corps von 25,000 Mann eine siegreiche Schlacht.