Nemi

Stolzenfels Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Nemi
Irkutzk
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

NEMI
STADT & SEE IN ITALIEN.

[20]
Nemi.




Zwei und eine halbe Stunden von Rom, in Mitte einer waldbedeckten Landschaft, umschließen die senkrechten Wände eines ausgebrannten Kraters einen dunkelfarbigen meilenweiten Wasserspiegel, nach dem die Mythe den Badeplatz der Diana, die Chronik des römischen Kaiserreichs aber den Sommeraufenthalt des Trajan, und zwar in Mitte des Sees, auf einen schwimmenden Palast verlegt. Die Bestätigung dessen ist uns von einem berühmten und gelehrten Alterthumsforscher aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts überliefert worden, der in einem Tauchapparate jenen versunkenen Herrlichkeiten nachspürte und aus den am Grund des Sees entdeckten Ueberresten uns eine genaue Beschreibung von dem hinterlassen hat, was dieselben einst gewesen sein mögen: ein Schiff, 500 Fuß lang, 270 Fuß breit, und 60 Fuß hoch, aus Eichen- und Cedernholz gezimmert und mit Blei beschlagen. Das Verdeck ruhte auf Marmorsäulen, und Bildwerke von köstlicher Bronze schmückten das Innere. So will es der alte Taucher gesehen haben, und es wundert mich, daß die Jagdpassion der Alterthümler, welche schon halbverdaute Städte den Eingeweiden der Erde wieder entreißt, den See von Nemi noch nicht ausgepumpt hat, um Trajans ersäuften Palast wieder trocken zu legen.

[21] Statt dessen hat sich später ein römischer Duca ein Schloß auf jene hohe Kraterfirst gebaut, jedoch, nach Aussage des hütenden Schloß- und Gartenvogts, nie bewohnt, so daß Stück für Stück herabbröckelt und sich den Trümmern seines großen Vorgängers im Bette des Sees zugesellt. Dieselbe Neigung zeigt auch das übrige Geniste von elenden Steinhütten, welche sich auf und an der Felswand festgeklammert haben, Alles ein Bild ächt italienischen, baufälligen und morschen, nur aus Barmherzigkeit für die ebenso verkommenen, zerrissenen und ruinenhaft aussehenden Bewohner noch zusammenhaltenden Wesens. Aber ein einziger Blick über diese armselige Umgebung hinaus, über den waldumkränzten Spiegel des Sees, die in Abendsonnengluth getauchten Formen des Monte Artemisio, über die Campagna nach dem fernen Meer, versetzt den Spötter plötzlich unter die poetischen Gebilde eines Claude und Salvator Rosa und belebt diese phantastischste aller Landschaften unwillkürlich mit badenden Nymphen und der Metamorphose des Aktäon, bis die sich herbeidrängenden ungewaschenen und zerlumpten schwarzäugigen Murillogestalten ihn mit ihrem Geschrei daran erinnern, daß der Forestiere ihnen den Bajocco noch schuldig sei. Man greift unwillig in die Tasche, wird aber die unverschämten Taugenichtse nicht los, bis man sich wieder auf der Landstraße befindet und Nemi mit seiner herrlichen Aussicht weit im Rücken hat.