Stolzenfels
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STOLZENFELS
AM RHEIN.
Ich habe den IV. Band dieses Buches vor mir, der ein Bild enthält, wie es hier vor 20 Jahren aussah. Der vergilbte Spuren des Alters tragende Druck stimmt zum Sujet, der Artikel mit einer ernsten Betrachtung über das seitdem erfüllte und dem Gegenstand seiner Beschreibung verwandte Loos seines Verfassers, mit einem Stoßseufzer auf Rheinbunds Schmach und napoleonische Herrschaft, stimmt zum Bild, und die Ruine selbst stimmt so harmonisch zum sturmzerfetzten und altersgrauen Gewand des Stromes, den sie schmücken hilft, daß mir in seiner Verwandlung das Bild von heute auf dem weißen Blatt, die neue Burg in heller Tünche und mit blendenden Spiegelfenstern, wie ein arger Mißton klingt. Was soll der neue Flicken auf dem in Kampf und Ehren ausgetragenen Kleid des alten Grenzvogts der deutschen Lande, was will der neugeschliffene Stein im abgebrochenen kaiserlichen Krongeschmeide, was soll das neue kecke Stolzenfels in der Reihe seiner alten Gefährten, die, gleich ihm, stromauf, stromab, von beiden Seiten im Wasserspiegel sich beschauen und mehr und mehr ihre greisen Häupter senken? Hat dich die neuerlebte Herrlichkeit so rasch mit deinem alten Schmerz ausgesöhnt, daß du jetzt so eitel um dich blickst und frivole Trinklieder anstimmst, mitten im elegischen Chorus deiner Kampfes- und Schicksalsgenossen?
Am Schluß des erwähnten, vor 20 Jahren geschriebenen Artikels heißt’s: daß die Stadt Koblenz den damaligen Kronprinzen mit der Ruine Stolzenfels beschenkt und dieser den Plan des Wiederaufbaues anfänglich zwar gehegt, aber den erforderlichen Aufwand dann gescheut habe; Stolzenfels würde deshalb wohl Ruine bleiben. Es ward nicht so; mit der in mancherlei Zügen seiner öffentlichen Wirksamkeit sich bekundenden Neigung zum Mittelalterlichen reifte auch des Besitzers Plan des Aufbaues von Stolzenfels zur That, und die Millionen, welche derselbe erforderte, hat er nicht gescheut. Seitdem hat auch die Chronik der Burg, die uns von den dort stattgehabten Verlobungsfeierlichkeiten des Hohenstaufen Friedrich II. mit Englands schöner Königstochter Isabella so Märchenhaftes [18] erzählt, ein neues Blatt mit einer ähnlichen Hofgeschichte auszufüllen bekommen, auch eines von einem glänzenden Hoflager des Königs und einem hohen Besuch aus England. Auch haben wiederum deutsche Fürsten, wie ehedem, bei edlem Johannisberger im neuen Bankettsaal patriotische Trinksprüche erschallen lassen und ein deutscher Erzherzog hat’s mit der Narrenkappe eines Reichsverwesers und Deutschland mit vielem Blut büßen müssen, daß jener die seitdem zehnmal zu Schanden gewordene, gekreuzigte und verhöhnte deutsche Einigkeit leben ließ. Ob damit die Chronik und der Beruf des neuen Stolzenfels zu Ende sein wird?
Mag es gefallen, wem es will, mir gefällt diese Liebhaberei an den Formen des Mittelalters, dieses Liebäugeln mit dem Schein des Feudalzeitalters, dieses Aufbauen, Restauriren und Herputzen alter gebrochener Burgen und Fürstenschlösser, auch selbst das Ausbauen alter halb fertig gelassener Kirchen und das Sammeln und Betteln von Dombauvereinen nicht. Unsere Zeit, die Wichtigeres und Ernsteres zu thun hat, lasse die Todten in ihren Särgen und treibe keinen unnützen Spuk mit ihren Gewändern. Laßt die Pessimisten unser Zeitalter der Dampfmaschinen und Eisenbahnen, des Aktienschwindels und der Freigeisterei schmähen, so sehr sie wollen, laßt die Alten, – die schwarzrothgoldenen Träumer von Kaiser und Reich, – die gute alte Zeit wieder herbeisehnen, so lange sie wollen; wir sind froh, daß es eine überwundene Zeit ist, und die unsrige, die keine Burgen und Klöster mehr auf die Berge und an die Ströme baut, sondern Fabriken, Schulen und Armenhäuser in die Thäler, erkennt in der Förderung bürgerlicher Wohlfahrt doch wahrlich eine edlere Aufgabe, als jene in dem Recht, wehrlose Kaufleute zu plündern und die Wänste feister Mönche mit Gutes- und Blutes-Zehnten zu mästen. Deshalb scheint es mir, es ständen dem Rhein die alten ausgenommenen zerbröckelten Felsennester besser, als die schimmernden beflaggten Zinnen, und schaue ich vom Dampfboot, in friedlichem Sonnenschein und heiterer Gesellschaft, lieber durch die leeren Fensterhöhlen jener den lachenden Himmel an, als in die glänzenden Spiegelscheiben von Stolzenfels.
Mit Denjenigen, die anderen Geschmackes sind, steigen wir bei Kapellen aus und begleiten sie die breite Rampe hinauf zum Schloß. – Von der Seite des Berges führt ein Brückenbogen durch ein hohes, mit einem Fallgitter bewehrtes und von preußischen Wappenthieren und Steintrophäen bewachtes Thor in’s Innere. Wir begegnen überall dem sorgfältigsten Aufputz der zum Theil stehen gebliebenen und zu den Substruktionen verwendeten alten Mauern, in den meist ganz neuen Theilen aber der gewissenhaftesten, bis in’s äußerste Detail der Dekoration und inneren Ausstattung sich erstreckenden Nachahmung der alten stylgerechten Formen und Einrichtungen. Da vom Alter fast nichts mehr erkennbar ist, macht das Schloß den Eindruck eines im modern gothischen Fortifikationsstyl erbauten Castle, wie sie bei der englischen Nobility beliebt sind, immer angenehmer, als die Neues auf Altes flickenden Restaurationen à la Wartburg, deren Geschmacklosigkeit und Rohheit gerade so zu rügen ist, wie Klexereien mit frischen Farben in schadhafte Bildnisse alter Meister. Weniger dahin passend dürften deshalb [19] auch die frischen Fresken und Leinwanden düsseldorfer Künstler sein. Doch finden sich auch mehre werthvolle Dürer, Holbeine, Van Dyks darunter, und im Waffensaal paradiren die historischen Reliquien Tilly’scher und Alba’scher Armatur neben den Waffen Blüchers, Kosziusko’s und der von Waterloo erbeuteten Kriegsbagage Napoleons I. und Murats. Das Alles aber, was jeder Rheinreisende wohl schon hundertmal besser an hundert andern Orten gesehen hat, lohnt nicht die Strapaze des Bergsteigens und ist das Trinkgeld nicht werth, welches der Kastellan empfängt, wäre es nicht, wenn auch nur um einen einzigen Blick aus einem der Schloßfenster. Wie viel schöner und freier hatte ihn sonst der Wanderer von den verschütteten Wällen der alten Burg oder, wenn er klettern konnte, von den bemoosten Bänken der ausgebrochenen Thurmfenster. Jetzt muß man in Filzschuhen über einen parkettirten Boden gleiten, um an dasselbe Fenster zu gelangen, und anstatt des Summens der Käfer und Flüsterns der Baumwipfel begleitet die näselnde Stimme des Kastellans, monoton wie der Vortrag eines Panoramaaufstellers, auch ungeladen unsere Betrachtung. Wir sind im Lesekabinet der Königin, in einen dreifenstrigen Erker ausspringend, der die Aussicht nach drei Himmelsgegenden frei läßt. Ein Blick da hinaus versöhnt uns mit allen unangenehmen Empfindungen, die uns hierher begleitet haben, und Jeder, mag er auch alle anderen Steine und Felsen am Rhein erstiegen haben, muß sich gestehen, daß er hier auf dem ohne Vergleich reizendsten Luginsland der ganzen Rheingegend steht. Im Fenster rechts erscheint der Strom zwischen den Felsmassen, die ihm einst bei Bingen den Weg verwehrten, und dehnt sich in langen breiten Streifen durch die Landschaft. Auf dem letzten Felskegel erhebt sich die letzte noch unzerstörte rheinische Burg, die Marxburg, hoch über dem Städtchen Braubach, ein getreues Bild noch jener Zeit, in der der Bürger zu des Burgherrn Füßen lag. Niedere bewaldete Hügel, Fluren und zahlreiche Obstbaumhaine füllen das sich auf dem rechten Ufer erweiternde Thal. Hie und da sind kleine Dörfer bescheiden im Grün versteckt und blinken die weißen Giebel alter Kapellen und Wallfahrtsorte hervor. Noch ein geschichtliches Denkmal fällt in’s Auge, der Königsstuhl; auf ihm saßen die sieben Kurfürsten und schüttelten die Loose um Deutschlands Geschick. Von ihm aus ging über unser Vaterland Glanz und Ruhm und – Bürgerkrieg. Ein neues Bild umschließt das mittlere Fenster, hinaus auf die Lahn, wo sie ihr Wasser mit den Fluthen des Rheins vermählt. Lahneck winkt von da herüber; Ober- und Niederlahnstein, mit dem kurmainzischen Schloß und der uralten Johanniskirche treten in den Vorgrund. Dort, an einem bedeutenden Depot des Rheinhandels, am Endpunkt der Lahnbahn, dem Landungsplatz der Reisenden nach den nassauischen Bädern, bewegt sich ein so lebendiges Wogen und Drängen, ein so lautes Schaffen und Rennen, wie es sich außer den großen Städten am Rhein nicht mehr darbietet. Am imposantesten ist der Ausblick aus dem Fenster nach Norden. Der Rhein, nachdem er den Kampf mit den Felsen bestanden, ergießt sich siegreich durch ein großes sich weit öffnendes Land [20] und verschwindet erst am fernen Horizont. In seinen feuchten Armen ruht ein liebliches Eiland, Oberwerth. Noch eine Stunde weit begleiten seine Ufer die schroffen Wände des Schiefergebirgs, die erst gegen Koblenz hin ihren felsigen Charakter verlieren, in niedere bewaldete Hügel auslaufen und zuletzt in die noch sichtbaren Felder und Gärten der Stadt übergehen. Anmuthig dagegen und mit Dörfern geschmückt, breitet sich das rechte Ufer in niedriges, angebautes, wellenförmiges Land aus, bis Koblenz gegenüber, zu den mächtig sich erhebenden Rüststätten des Kriegs, dem Ehrenbreitenstein mit seinen vielen Forts und Vorwerken; dahinter aber wohnt wieder des Landmannes Fleiß, und friedegewohnte Hügel und Fluren schließen als äußerster Hintergrund die wahrhaft großartige Landschaft.