Die Ufer des Tsad

Saratoga Lake Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Die Ufer des Tsad
Stolzenfels
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Die UFER des TSAD

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Die Ufer des Tsad.




Keine Zeit, seit Columbus, hat die Eroberungslust der Ritter der Forschung so gereizt, und hat Länderentdeckern so glänzende Sporen verheißen, als unsere Tage. Kein Fleckchen der Erde, nicht die Ufer des arktischen Eismeers, nicht die Schneegipfel der centralamerikanischen Kordilleren, sind mehr sicher vor der Kühnheit unserer Seefahrer und Bergsteiger; nirgends aber zeigt sich der Opfermuth, den der Durst nach Wissen einflößt, stärker, niemals hat er größere Gefahren bestanden und erfolgreichere Siege errungen, als im letzten Vierteljahrhundert bei den Männern, welche sich die Erforschung des innern afrikanischen Kontinents zur Aufgabe gemacht haben. Mag es noch ein Jahrhundert dauern, bis die Barbarenstaaten jenes Binnenlandes dem Verkehr mit civilisirten Nationen erschlossen werden: die Männer, welche zuerst sich in die Heimath der schwarzen Völker wagten, ihre Sprache, Sitten und Geschichte erforschten, welche Jahre lang ihr Leben gegen Fanatismus und Feindseligkeit auf’s Spiel setzten und hülflos, vom eigenen Herd durch Wüste, Meer und Wildniß getrennt, nur ihrem unbeugsamen Muth und ihrem Geschick zu vertrauen hatten, – die Männer, welche zuerst dem Lauf unerforschter Flüsse folgten, die niegekannte Gebirge überstiegen und fremde Gewässer befuhren, die mit Krankheit und Entbehrungen der fürchterlichsten Art kämpften und oft nur das nackte Leben aus täglich neuen Gefahren retteten, die Männer vor Allen, welche der versengenden Gluth der Tropensonne erlagen, und deren Gebeine im Wüstensand bleichen, – sie wird die Nachwelt, die den Werth des Verdienstes erst nach dem Nutzen des Erfolgs bemißt, ehren, wie Columbus und Cortez geehrt werden, und wird ihnen Statuen sehen, obgleich ihre eigenen Ueberlieferungen unvergänglichere Denkmale sind, und ihnen im Reich der Wissenschaft die höchsten Würden zu Theil werden lassen.

[16] Zu dieser Elite rechnen wir Männer wie Muncho-Park, Clapperton, Denham, Livingston, Overweg, Vogel, Barth. Die Hälfte der Genannten fielen als Opfer ihres Forschungseifers, und mit ihrem reisewissenschaftlichen Leben gingen Schätze an Erfahrungen, Beobachtungen, Entdeckungen und Aufzeichnungen unter. Der Glücklichsten Einer ist Barth, dessen langjährigem Aufenthalt in Centralafrika die heutige Wissenschaft den ungemein verbreiteten Umfang ihrer geo-, topo- und ethnographischen Kenntnisse von jenem Länderstrich verdankt. Seine Reisen erstrecken sich namentlich auf die nördlich und westlich vom Tsad, Afrika’s großem Binnenmeer, gelegenen Länder, während sein Freund Vogel, dessen Schicksal noch unentschieden, es unternahm, in der entgegengesetzten Richtung, vom östlichen Ufer des Tsad aus, die Quellen des Nil zu erreichen. Barth hat über den Tsad ausführlichere und richtigere Nachrichten gegeben, als seine Vorgänger, unter denen Clapperton und Denham das Verdienst beanspruchen, die ersten Europäer gewesen zu sein, die des Sees ansichtig wurden. Barth versuchte zwar, den ganzen See zu umreisen, mußte aber vor den unübersteiglichen Hindernissen, welche die Feindseligkeit der anwohnenden Völkerschaften ihm bereitete, zurückweichen. So erforschte er auf seinen Exkursionen von Kukana, dem großen Handelsemporium am Tsad, diesen See nur auf der östlichen, südlichen und westlichen Seite. Er schildert den Tsad als eine ungeheure Lache, welche ihre Ufer jeden Monat ändere; dieselben seien zeitweilig mit unermeßlichem Schilf und Rohrbrüchen bedeckt, und bildeten so endlose Sümpfe, daß sie unter dem Horizonte verschwänden, ohne das offene Wasser zu zeigen. Im See befinden sich große, von wilden räuberischen Horden (Piraten) bewohnte Inseln. Dieselben machen sich den anwohnenden Stämmen gefährlich, welche, der Kultur näher stehend, Gewerbe, Handel, Ackerbau und Viehzucht treiben. Dazwischen hausen die vornehmsten Thiere Afrika’s: Löwen, Elephanten, letztere in großen Heerden, Nilpferde, Hyänen, Antilopen etc. in ungestörter Ruhe und so zahlreich, daß Barth erzählt, oft Meilen weit auf dem ausgetrockneten Sumpfboden kein ebenes Fleckchen gefunden zu haben vor den hohen harten Rändern der tief eingesunkenen Elephantenspuren, nur groß genug, um darauf den ermüdeten Gliedern Ruhe zu gönnen.

Der lange gehegte Irrthum, daß der Tsad einen Ausfluß habe, ist von Barth vollständig widerlegt worden.