Saratoga Lake

Das neue Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Saratoga Lake
Die Ufer des Tsad
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SARATOGA LAKE

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Saratoga Lake.




Man muß dem Volk der nordamerikanischen Republiken Selbstständigkeit und Eigenthümlichkeit in jeder Beziehung zugestehen; wie in der Bewirthschaftung seines Staatshaushalts, so unterscheidet es sich in allen Lebensformen von dem Gesetz, der Sitte und dem Herkömmlichen der Alten Welt, und jeder Schritt seiner Fortentwickelung beweist mehr, daß es einen eigenen von unseren ethischen Gesetzen unabhängigen Kulturgang geht. Nur Eines ist abweichend und um so auffälliger: sobald der Amerikaner aufhört, nach außen hin thätig zu sein, zu erwerben, zu unternehmen und zu streben, und sich dem Genuß seiner Glücksgüter hinzugeben versucht, verfällt er in einen wenig ehrenden Sklavendienst des Luxus, und sinkt zum plumpen Nachahmer jener aristokratischen Gelüste [13] und Gewohnheiten herab, wie sie eine durch ihre Lebensstellung bevorrechtete Klasse bei uns zu einem geregelten, durch Bildung aber veredelten Kultus erhoben hat. Der reichgewordene Yankee, nachdem er sich vom Geschäft oder der Politik, die er getrieben, zurückgezogen, hat nichts Eiligeres zu thun, als Europa zu bereisen, sich flüchtig nach allen Symptomen umzusehen, in welchen Reichthum und Luxus sich ihm offenbaren, nach Allem zu haschen, was ihm davon erreichbar scheint, und nach seiner Rückkehr mit den aufgelesenen Erfahrungen und Studien sein eigenes Leben eiligst herauszuputzen. So entstehen denn durch Vermittelung von theuer bezahlten Pfuschern und Charlatanen und aus eigener, ebenso bizarrer als lächerlicher Eingebung jene geschmacklos gebauten Paläste in den vornehmen Quartieren, jene weißen italienischen Marmorfronten mit den griechischen Portiken, die inneren Räume mit Werken der Kunst ausstaffirt, wie sie der Zufall, der Betrug und der Unverstand zusammengefügt haben, eine Tafel, besetzt mit den Erzeugnissen der pariser Küche und denen fremder Zonen, neben den Gourmandisen eines Schweinemetzgers, und namentlich ein stark nach Branntwein duftender Schenktisch. ImSalon bewegt sich eine Gesellschaft, angethan mit der feinsten Toilette nach letztem französischen Schnitt und der tölpelhaften Tournüre eines Omnibuskutschers, mit der lächerlichen Miene der vornehmen Suffisance und dem ungeschlachten Ton einer Matrosen-Unterhaltung; dabei hält der exquisite Parvenü eine Loge in der italienischen Oper, während er imErnst den burlesken Vorstellungen der Neger-Minstrels den Vorzug gibt, seine Tochter ihre Anbeter mit dem Yankee-Doodle am Piano unterhält, der sich wiederum in seinen Neigungen unabhängig fühlende Sohn den Ueberfluß seiner Revenüen am Spieltisch sich ergießen läßt, und Madame ihren Geschmack an einem silbergarnirten Viktoriawagen, mit scheckig livréeten Bedienten besetzt und einem selbsterfundenen Wappen bemalt, auf dem Corso der eleganten Welt zur Schau trägt. Der fashionable Mann hält sich, wenn er keine weniger noblen Passionen übt, Rennpferde, auf die er sein Geld verwettet, ist ohne Unterschied generös bei allen Anforderungen auf seine Patronage oder Mildthätigkeit, umgibt sich mit seinem Geschmack zusagenden und seine Eitelkeit ausbeutenden Freunden, die ihm mit dem Echo seiner eigenen Ueberzeugung schmeicheln, er befindet sich aus dem Gipfel des verfeinerten Lebensgenusses, während er in der That nur die Rolle des Affen in der Fabel spielt, welcher sich in Besitz der Stiefeln seines Herrn gesetzt hatte.

Diese Sucht, es den bevorzugten Kindern des Reichthums in allen Stücken gleich zu thun, hat auch einen Schatten europäischen Badelebens nach dem andern Ufer des Oceans geworfen, von dem namentlich Saratoga, das Baden-Baden von Amerika, einen deutlichen Ausdruck gibt. Es ist für den Europäer der Ausdruck der tödtlichsten Langeweile und der erschrecklichsten Einförmigkeit, denn, fehlt es auch nicht an einer zahlreichen Vertretung von Reichthum, Vergnügungssucht, Frauenschönheit und an bunter Mannichfaltigkeit nationaler und gesellschaftlicher Elemente, so gebricht es doch gänzlich an dem verwandtschaftlichen Band der Weltbildung und höherer Interessen, in [14] welchen sich die gute Gesellschaft europäischen Badelebens zusammenfindet, und welche gerade dieser Gattung von Vereinigungspunkten des Reichthums und Luxus den Reiz eines offenen Marktes verleihen, wie ihn kaum eine große Stadt zu bieten im Stande ist; der äußere dabei entfaltete Glanz und das geräuschvolle Vergnügen geben nur Gewand und Gelegenheit dazu her, während in amerikanischen Badeorten sich das Wesen des Badelebens darauf gerade beschränkt. Spiel, Tanz, Jagd und Fahren, gemengt mit Wirthshausklatsch und Skandal, füllen die Zeit aus, welche die Heldenthaten der Tafel dem amerikanischen Bade-Roué übrig lassen; und für alle diese exceptionellen Erfordernisse des guten Tons dorten ist Saratoga vorzugsweise gesucht und berühmt. Junge Extravaganten gehen dahin, um wenig beobachtet wüste Orgien zu feiern, Gauner und Spieler werfen dort erfolgreich ihre Netze aus, leichtsinnigen Frauen ist es ein Feld für Eroberungen, verblühten Schönen und Koketten für letzte Versuche, und die Parvenüs machen dort ihr Debüt in den Gewohnheiten der vornehmen Welt. Das sind die Gäste, welche in den ersten Sommermonaten, vom Mai bis August; zu Tausenden die Hotels von Saratoga füllen und sich dann, mit beginnender heißen Jahreszeit, nach den kühleren Bädern an der See flüchten, um in gleicher Weise des Müßiggangs den Rest des Sommers hinzubringen. So inhaltsleer ist das Leben von Saratoga, daß man es nur als eine fruchtleere Schmarotzerpflanze bezeichnen kann, die ein von der Nachahmungssucht erborgtes Leben voll europäischer geldaristokratischer Gewohnheiten führt, und dem Amerika charakterisirenden, sprudelnden Quell nützlicher Thätigkeit und energischen Vorwärtsstrebens ganz fremd ist. Ebenso dürfen jene Gesellschaftselemente, die sich dort ansammeln, für nichts Anderes gelten, als die Eintagspilze, die dem schmutzigen Bodensatz entsprießen, welchen der üppig wuchernde, ein großes blühendes Gemeinwesen beschattende Baum des amerikanischen Volkslebens als abgestorbenes Laub von sich schüttelt und der Fäulniß preisgibt.

Der beliebteste und besuchteste Ausflug der Badegäste von Saratoga ist nach dem See, um mit dessen erfrischendem Odem die Nerven wieder zu beleben, welche die Hitze des Sommers, der Staub der Landwege, die Langeweile und der Müßiggang erschlafft haben. Der See, wenige Meilen vom Badeort entlegen, ist ein, wie alle amerikanischen Seen, vorzugsweise inselreicher Wasserspiegel, umgeben von niedrigen, aber malerischen und mannichfaltig bewaldeten Ufern. Ehe Saratoga fashionable war und noch zu Menschengedenken, lebte dort ein alter niederländer Ansiedler, Barhydt, der sich für den unbestrittenen Herrn der Bewohner des Sees hielt, und den damals noch seltenen Besucher mit Forellen, einem Glas Genever und einem Thonpfeifchen gastfrei bewirthete. Der plötzlich sich erhebende Badelärm aber verscheuchte ihn, und seine Hütte hat nun einer eleganten Restauration Platz gemacht, berühmt im ganzen Land wegen ihrer Fischdiners, die zum Unvermeidlichen einer Saratoga-Badesaison gehören. Nachmittags sieht man Reihen von Equipagen und Reitpferden am Gitter halten, die Gäste herbeigeführt haben, auf dem See schwärmen leichte Ruder- und Segelboote umher, mit singenden, spielenden, [15] lachenden und jagenden Gruppen; die Aelteren oder Trägeren schaukeln sich, während dem lieber auf der Piazza im Wiegenstuhl, schlürfen Eis und lassen sich von der sanften See-Breeze fächeln. Nach wenigen Stunden ist die Partie vorüber, die Gäste eilen davon so rasch, als sie gekommen, und ungestörte Ruhe umgibt wieder die Landschaft bis zum folgenden Tag. Der alte Barhydt aber mit seinem Thonpfeifchen kehrt dennoch nicht wieder.