Das neue Paris
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Der neue PALAST des LOUVRE
in Paris
Die Hure von Babylon macht Toilette. Sie will der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts in den Reizen der Jugend, der Epoche des wiedererstandenen Kaiserreichs in kaiserlichem Schmuck sich zeigen. Geschäftig sitzt die alte Kokette vor dem Spiegel, nach den verborgensten Runzeln auf Stirne und Wange forschend und alle Narben, die Alter und Abenteuer ihr geschlagen, sorgfältig übertünchend. Die altmodischen Schuhe, mit denen sie das schmutzige Pflaster der alten Cité ausgetreten, hat sie von den Füßen geschleudert und stolzirt auf feinen Sohlen über die trockenen Asphalttrottoirs; in die Rumpelkammer wanderten die fadenscheinig gewordenen Prachtgewänder aus ihrer Jugend und die verblichenen oder zerbrochenen Steine, die sie der Gunst ihres alten Liebhabers verdankte. Die Munifizenz des Kaiserreichs hat sie mit neuem und kostbarerem Schmuck beschenkt, und die eitle Buhlerin harrt mit Ungeduld des Augenblicks, wo die letzte Spur ihres Herkommens an ihr ausgetilgt sein wird, und sie in voller Jugendschminke aus den Werkstätten der Coiffeurs, Haar- und Kleiderkünstler, wie Aphrodite aus dem Schaum des Meeres, schöner, reicher, üppiger und lüsterner wie je hervorgehen wird, um ihren neuen Günstling, das Empire, so lange zu fesseln, als es ihrem lüsternen Sinn und ihrer Unbeständigkeit zusagt.
O Paris, du feile, treulose Stadt, die du heute buhlst und morgen züchtigest, die du heute die Erkornen deiner Gunst im Triumph auf die Schultern hebst, und morgen als Opfer deiner Lust und deines Frevels durch den Koth deiner Straßen schleifst, – heute „Hosianna!“ und morgen „Kreuzige!“ rufst, heute Bienen und morgen Adler in deinem Wappen führst, heute prunkend in der Trikolore, morgen hochroth aufgeschürzt in der phrygischen Müze dich zeigst! – Pfui über dich, du schamlose Metze! –
Oder beweisen die letzten 50 Jahre etwas Anderes? Nach der blutigen Orgie, die du mit der Republik feiertest, warfst du dich dem Kaiserthum in die Arme, schwelgtest in Raub und Beute fremder Völker, die der [7] Eroberer dir zu Füßen legte, und als er mit leeren Händen heimkehrte, kehrtest du ihm höhnisch den Rücken und warfst dich an die Brust deiner siegreichen Feinde. Dann nahmst du den Tanz wieder auf mit den Bourbonen, aber bald von dem neuen Rausch ernüchtert, suchtest du im Bürgerkönigthum Ersatz für die eingebüßten Freuden. Statt deren wurde dir magere Kost zu Theil, und Handschellen wurden dir angelegt; du solltest ja reuig und tugendhaft werden. Ein Wahn war’s; in einer unbewachten Nacht warfst du den Feuerbrand in’s Dach deines Zuchtmeisters, und wieder ging’s zu den wüsten Gelagen der Republik und Anarchie, und wieder erkorst du dir einen Heros der Revolution zum Zuhälter, und nun? – prangst du im blendenden Hofkostüm des Empire Napoleon III., und jeder Tag fügt neue strahlende Juwelen in dein Diadem, und – du versprichst treu zu sein, so lange diese Sonne in verschwenderischer Gunst über dir strahlt und das goldene Füllhorn des Glücks seine Schätze über dich ausschüttet. Qui vivra, verra! Jedenfalls hat noch kein Herrscher von Paris den Zauberstab so sicher geführt, mit dem die Treue dieser Stadt beschworen werden soll, als Napoleon III. Die eisernen Fesseln, welche die vorhergegangene Dynastie so geschickt angelegt hatte, und auf deren Festigkeit sie so sicher vertraute, hat das unbändige Paris zermalmt, wie Eierschalen. Die goldenen Fesseln, welche sich jetzt unfühlbar um seine Glieder legen und sie schmücken, läßt es sich gerne gefallen. Es brüstet sich sogar mit ihnen, wie die griechische Sklavin am Parthenon, und so lange der Sold für seine Treue sich nicht schmälert, wird es Paris schwerlich einfallen, seinem Beherrscher nicht mehr angehören zu wollen und sich zu seinem Fußschemel zu erniedrigen. Darum sehe er zu, daß ihm die Steine nicht ausgehen, mit denen er sie schmücke; wer möchte sonst dafür einstehen, daß die geschmeidige Dirne ihm nicht zur wüthenden Erinnye werde und dieselben Steine, mit denen er sie geschmückt, aus den Fugen reiße und nach seinem gekrönten Haupte schleudere! denn so lange es Steine in Paris gibt, werden diese nicht aufhören, auf der Bühne der Weltgeschichte mit zu spielen.
Aber wozu solche Betrachtungen? Nur betrachten wollen wir das neue Paris. Prenez garde! ruft ein Gardien auf den Trottoir, der wie eine Schildwache uns plötzlich den Weg vertritt und auf die Straße auszubiegen ersucht; über unsern Köpfen hängt an vier Stricken ein bretterner Balkon, aufdem sich fünf oder sechs Burschen schaukeln, mit groben Pinseln und Farbtopf ausgerüstet, eine Façade tünchend. Von den Monumenten und Fronten der öffentlichen Gebäude wird die mißfarbige Kruste abgelöst, welche die wechselnden Jahreszeiten den Steinen angehaucht haben; die Statuen, sorgfältig gereinigt, schimmern im Weiß griechischen Marmors, junge kräftige Bäume verdrängen die altersschwachen oder kranken Stämme im Tuileriengarten, das Pflaster ist allenthalben aufgerissen, in der friedlichen Absicht, besseres zu legen, der Asphalt schäumt in den Pfannen und ergießt sich über die Avenuen der Elysäischen Felder, die Boutiquiers frischen die Farben ihrer Läden auf und vergolden ihre Firmen neu, die Kaffés poliren ihre Spiegel und Geräthe auf, jeder Concierge seine Thürklinke; überall [8] neue Steine, überall reine und frische Farben! – Dieser Alles ergreifende Restaurationsprozeß wandert von der Rue Rivoli nach dem Boulevard, und weiter nach dem Faubourg, von einem Stadttheil zum andern, bald da-, bald dorthin, unbekümmert um Tages- oder Jahreszeit. Das Knarren der Krahnen, das Rasseln der Fuhrwerke und das Behauen der Steine läßt sich Tag und Nacht hören; es leuchtet dazu ein elektrisches Licht, das an Helle der Sonne den Rang streitig macht.
Wir kommen, der Rue Rivoli entlang, zum Palast des Louvre. Um nicht die lange Geschichte von der Entstehung dieses König- und Kaiserpalastes noch einmal zu erzählen, knüpfen wir an den dahin gehörigen Artikel über das alte Louvre, in,Bd. 9, S. 129 des Universums, an. Die Verbindung der Tuilerien mit dem Louvre, welche ein Ensemble von Palästen bildet, großartiger und ausgedehnter, als die Geschichtsschreiber von den Herrscherpalästen in Rom, Niniveh oder Palmyra berichten, ist eine erst Napoleon III. eigen gewesene Idee, und, was mehr ist, sein jetzt in schönster Vollendung ausgeführtes Werk.
Die Schwierigkeiten einer solchen Kombination der zwei prachtvollsten Bauten in Paris, die unabhängig von einander errichtet waren, schienen unübersteiglich; Hunderte von Plänen wurden vorgelegt und verworfen, bis es dem Genie von Visconti gelang, eine so glückliche Verbindung zu kombiniren, daß sämmtliche Fronten, Flügel und innere Räume, die Pavillons, Treppen und Thore zu einem so symmetrischen Ganzen sich vereinigen, daß die ursprünglichen nicht zusammenstimmenden Anlagen als nothwendige und planmäßige Theile des Ganzen erscheinen. Kurz nach Vollendung des Planes starb Visconti, und überließ die Ausführung des Werks seinem Freunde Lefuel. Unter dessen kunstgeübter Hand erhob sich mit zauberhafter Schnelligkeit, wie in einem orientalischen Märchen, der riesige Bau. Eine Façade reihte sich an die andere, die zierlich durchbrochenen Balkone und Ballustraden wuchsen aus den Mauern, die geschmackvollen Fensterbögen wölbten sich, die Pilaster und Kapitäler bildeten sich im schönsten Ebenmaß, die luftigen Arkaden und prunkvollen Säulengänge erhoben sich, die monumentalen Treppen stiegen empor, die reichen Ornamente blühten allenthalben hervor, die steinernen Trophäen gruppirten sich in ihren Nischen, die stolzen Karyatiden nahmen ihre Standpunkte ein, um ihre Bürde zu empfangen, die kunstvollen Eisengitter spannen sich um die grünen Plätze, welche die Höfe schmücken, und die Kaiserstatuen von Franz I., Ludwig XIV. und Napoleon I. stellten sich auf ihren Postamenten auf. Alles dies war das Werk weniger Jahre, eines unbemessenen Aufwandes von Geld und Arbeit und eines beispiellosen, Tag und Nacht, Sommer und Winter ausdauernden Fleißes. Schöpfungen von verwandtem Maße haben früher die Kräfte und Lebensalter ganzer Dynastien gekostet; zu dieser waren nur die wenigen Regierungsjahre und die Willensstärke eines Napoleon III. nöthig.
[9] Es kann sich aber auch keine Stadt eines solchen Monuments rühmen, und die Zukunft, so sehr sie von den Fortschritten ihrer Größe, Macht und Kultur träumen mag, wird schwerlich mehr die Bedingungen zusammen finden, welche ein solches Bauwerk erstehen lassen.
Und doch ist das mit den Tuilerien vereinigte Louvre nur der Schlußstein einer in gleichen Maßen ausgesteckten harmoniösen Anlage, die einen großen Theil von Paris in sich zu fassen bestimmt ist, und sich vom Bois de Boulogne und der Straße nach Neuilly an erstreckt. Man tritt ein durch den Arc de l’Etoile, das größte Siegesthor der Welt, und doch noch zu klein, um die Thaten und Namen des Ruhmes aufzunehmen, für welche es bestimmt war; hier öffnen sich die Champs elysées, eine lange Avenue, der Corso der Pariser, mit Parkanlagen und Palästen zu beiden Seiten. Man überschreitet den Place de la Concorde, auf dem sich so verwundert der rothe Porphyrobelisk des ägyptischen Königs Rhamses umschaut, verfolgt den weiten Aufgang zum Tuileriengarten, von dessen grünen Kastaniengruppen die weißen Marmorstatuen, Meisterwerke französischer Plastiker, sich abheben, schreitet durch den Portikus der Tuilerien nach dem Place Caroussel, mit dem, auf unserem Bild sichtbaren Triumphbogen und umrahmt von den beiden an das Louvre sich lehnenden Flügeln. Die mit gebrochenen Mansardendächern koiffirten Pavillons, die wie Stickerei sich ausbreitenden Skulpturen, die sich dazwischen einreihenden Karyatiden, die Glockenthürme von Rohan und Lesdiguière unterbrechen anmuthig die langen geraden Linien, die umlaufende Säulengallerie gibt der Kontur der Mauern ein wohlthuendes Profil, grünende Squares, hochspringende Fontainen und kolossale Standbilder beleben den weiten Platz. Man verfolgt seinen Weg zwischen den vorspringenden Neubauten des Louvre hindurch in den inneren Hof, und befindet sich in einem Museum der edelsten und reichsten italienischen Renaissance unter freiem Himmel, einer Gallerie von Statuen, Skulpturen und Kunstwerken, deren Betrachtung kein Ende finden, und deren Aufzählung und Beschreibung Bände füllen würde. Ermüdet vom Schauen tritt man heraus vor die Kolonnenfaçade des alten Louvre, an der sich Henri II. und sein Baumeister Perrault verewigt haben.
Die Vereinigung der Tuilerien mit dem Louvre ist nicht nur ein großartiges Architekturwerk, ein Wunder der Kunst durch die Kolossalität des Ensemble und den unermeßlichen Reichthum der Einzelheiten, es ist auch ein großes Werk der Politik. Diese Folge von in einander gefügten Palästen soll nicht eine bloße Dekoration sein, die hinter kunstvollen Coulissen Räume birgt ohne Bestimmung und von der Leere bewohnt. Das Haus muß einen Bewohner haben, in der Kirche muß eine Religion ausgeübt werden, wenn sie nicht beide, leblose Hüllen, einem frühen Verfall unterliegen sollen. Auch dem neuen Louvre ist eine Seele bestimmt, eine nützliche menschliche Thätigkeit soll diese herrlichen Räume beziehen, und [10] praktische Zwecke sollen dem Bau eine längere Dauer garantiren, als der Werth eines todten Kunstwerks es vermag. Mit den Tuilerien, dem Sitz des höchsten Willens im Staat, des Hirns jenes künstlichen Organismus, sollen in diesem unermeßlichen Steinkörper die vornehmsten Glieder jenes Organismus, die Instrumenta regni vereinigt werden. Hier sollen die Ministerien aller Abtheilungen wohnen, um, auf einen Ruf des Souveräns, sich zu vereinigen mit dem Senat und der gesetzgebenden Versammlung. Hier sollen die Schlagadern des Staatslebens zusammen laufen, um, gleichviel, ob im gewöhnlichen Geschäftsgang oder in Epochen der Gefahr, den Ausdruck des höchsten Willens ohne Verzug und direkt seinen Zielen mitzutheilen; dieselben Mauern sollen den Willen, den Rath und die ausübende Gewalt umschließen. Im Einklang mit diesem Zweck ward auch das Louvre zum Knotenpunkt eines Netzes strategischer Straßen gemacht, welche in geraden Radien nach allen öffentlichen Gebäuden, Plätzen und den entlegensten Theilen der Stadt, in allen Richtungen hinausgezogen sind. Es soll diese Akropolis von Paris, die das Herz des Reichs bewahrt, die ganze Stadt nicht nur beherrschen, sondern auch sich gegen dieselbe nach allen Seiten vertheidigen können, wie eine Citadelle im offenen Feld.
Der Hof mit seinem Troß und jene Körperschaften mit ihrem Apparat nehmen indeß doch nur einen Theil der unermeßlichen Räume ein. Ein anderer Theil, nicht minder ausgedehnt, ist zu Museen der Kunst und Wissenschaft bestimmt. Ein Flügel für die kaiserliche Bibliothek, ein anderer für naturhistorische Sammlungen, wieder einer für Kunst- und Kulturdenkmäler des Alterthums, noch ein anderer für eine permanente Ausstellung von Kunstwerken lebender Künstler, und insgesammt bilden diese Bauten eine Ergänzung des alten Louvre, welches seit Napoleon I. die Nationalgallerie und das Museum der plastischen Kunstwerke enthält. Wie und womit Frankreich diese Ruhmeshallen des menschlichen Genius, groß genug, die Museen von ganz Europa aufzunehmen, füllen wird? Es lassen sich unsterbliche Werke des Geistes nicht aus dem Boden stampfen, wie die kunstvolle Steinmetzerarbeit, welche die Außenseiten der Bauten schmückt. Es müßte denn Frankreich wieder seine Adler fliegen lassen, wie ehedem, um, geharnischten Stoßvögeln gleich, die auf die friedlichen Bewohner der Lüfte losgelassen werden, ihre Beute außerhalb Frankreichs Grenzen zu suchen. Es müßten eben wieder die Antiken aus der Villa Borghese, der Viktoriawagen vom Brandenburger Thor, die schwarzen Marmorhengste vom kapitolinischen Hügel nach Paris wandern, wo sie schon einmal Villegiatur gehalten haben. Wer kann das wissen?
Vorläufig versperren nur die Gerüste der Maler, Bildhauer, Stukkaturarbeiter und Ebenisten den Platz, und der innere Ausbau, die Vollendung der Friese, Deckengemälde, Glasmalereien, Mosaiken, Statuen, [11] Trophäen etc., dürften noch Jahre kosten, bis das neue Louvre würdig und bereit sein wird, seiner Bestimmung übergeben werden zu können.
Aber, um das neue Paris kennen zu lernen, dürfen wir nicht bei dem Louvre stehen bleiben. Der Plan, von dem wir bis jetzt nur einzelne Theile in Ausführung begriffen sehen, bezweckt eine gänzliche Umgestaltung der Stadt, nach Grundsätzen, die wir bis jetzt bloß ahnen, aber schwer begreifen können. Das alte Rom hatte einen Herrscher, der die Stadt, welche seiner Zeit die Rolle des heutigen Paris darstellte, zur Epoche seiner größten Macht und seines höchsten Glanzes eigenhändig in Asche legte, um eine neue, noch prachtvollere Capitale auf der Brandstätte zu erbauen. Paris erlebt jetzt ein verwandtes Schicksal, nur arbeiten Brecheisen und andere weniger wirksame Zerstörungswerkzeuge an Stelle der Pechkränze, und dennoch gehen die Demolirungen mit der Vehemenz von Erdbeben vor sich, und Straßen, öffentliche Plätze, Konstruktionen der solidesten Art verschwinden unter den Augen des Parisers wie Schnee an der Frühlingssonne. Davon, wie das neue Paris, die ideale Stadt der Zukunft, aussehen wird, können wir uns noch keine Vorstellung machen; nur einige Anfänge geben Andeutungen davon. So die Rue Rivoli, welche in gerader Linie von dem Place de la Concorde, längs den Tuilerien und dem Louvre, die Stadt durchschneidet, bis zum Boulevard St. Antoine. Sie umschließt den Thurm St. Jacques, der vollständig restaurirt ist, räumt aus der Umgebung des Hôtel de ville ein Gewirre von Gäßchen und Bauten, und öffnet dessen monumentale Façaden auf einen großen ebenen Platz, überschreitet den Place de la Grève, dessen Merkmale blutigen Andenkens sie völlig entfernt hat, so wie die durch Balzacs pariser Studien berühmt gewordene Rue du Tourniquet St. Jean, wohl aber paradirt an deren Stelle, inmitten des dichtest bevölkerten Theils der Stadt, die Kaserne Napoleon, von außen einer Königswohnung ähnlich, von innen eine Festung, die eine Armee zu fassen vermag. Die weitere Fortsetzung berührt die Kirchen St. Gervais und St. Paul, deren architektonische Schönheit so lange den Augen verborgen war, und mündet auf den Platz der Juliussäule. Die Meilen lange Straße selbst besteht nur aus Palästen mit weißen, reich verzierten Fronten, Arkaden und Karyatiden, Balkonen und vergoldeten Ballustraden. Weiter erstrecken sich die Neuerungen längs den Quais, neue Brücken überspannen die Seine, neue Boulevards brechen sich vom Arc de l’Etoile aus Bahn, durch Gärten, Häuser, Hügel, ja selbst die Champs Elysées sollen ihre Rolle an das Bois de Boulogne abtreten, und sind nicht mehr sicher, zu einem neuen, noblen Quartier umgeschaffen zu werden. Dagegen soll sich die Umgebung des Ausstellungspalastes dort in einen Garten der Armida verwandeln, in dem der staunensmüde Wanderer in einer Atmosphäre ewigen Frühlings, inmitten einer tropischen Pflanzenwelt, [12] uhe und Erholung finden kann, während ihn das Getöse der Weltstadt wie ein nimmer schweigendes Meeresbrausen umgibt.
Und nachdem so der Plan des alten Paris total unkenntlich geworden, möchten wir am Schluß fragen: à quoi bon? Geschieht es zur Förderung der nationalen Wohlfahrt, daß die Romantik der pariser Mysterien ausgetilgt wird, daß das schmutzige, häßliche, ungesunde Paris, welches sich seither hinter seinen Boulevards verkrochen, in eine Stadt uniformen Glanzes umgewandelt wird, in dessen entlegenste Quartiere von nun an Luft, Sonne und Gaslicht, aber auch das Auge des Herrschers dringt? Die Verleumdung spricht, es sei nur Bettelstaat, einer feilen Dirne umgehängt, um ihre Gunst zu erkaufen. –
Ob sich Paris über seine Neuerungen freut oder ärgert, wir wissen es nicht; genug, daß das historische, das romantische Paris zu Grunde geht und an seiner Stelle ein neues Paris, das Paris des Empire Napoleon III., ersteht.