Irkutzk
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IRKUTSK
In Sibirien, muß ich dazu sagen, damit der Leser an das unwirthlichste Land der Erde denke, an unermeßliche Schneefelder, an Eis treibende Ströme, an eine ewig winterliche Wüste, an Rennthier bespannte Schlitten, an Zobelfang und 40 Grad Kälte, an eine Bevölkerung von Hochverräthern, Mördern, Brandstiftern und Straßenräubern, an eine Gegend, wo für den Europäer der Name aufhört und die aufgebrannte Nummer anfängt, wo den Menschen die Zunge am Gaumen friert, und Heulen und Zähneklappern seine Sprache ist, wo das Leben
[22] in allen seinen gewohnten Beziehungen erstirbt, der Geist erstarrt und Kosak, Sträfling und Knute die einzige Form menschlicher Existenz repräsentiren. Und wenn der Leser nun neugierig das Blatt umschlägt, um zu sehen, wie sich diese Vorstellung im Stahlstich ausnimmt, soll er sich überrascht finden, ein schmuckes Stadtbild vor Augen zu haben, mit einem klaren belebten Fluß, einer jungen, aufblühenden, amerikanischen Ansiedelung oder einer sauberen, wohlhabenden Herrenhuterkolonie zu vergleichen. Seine Ueberraschung soll zum Erstaunen sich steigern, wenn er erfährt, daß in dieser sibirischen Stadt 30,000 civilisirte Menschenwohnen, mit nicht weniger als 16 Kirchen, mit Bibliothek, Akademie und Schulen, Druckerei und Zeitungen, mit großen Fabriken und Dampfmaschinen, Mühlen und Schifffahrt, mit Hotels und französischen Restaurants, Casino und Lesekabineten, mit eleganten Equipagen, modisch geputzten Frauen, Champagner trinkenden Herren, kurz, mit allen glänzenden Attributen einer westeuropäischen Stadt angethan. Und so ist es in der That. Mag jene uns mit einer Gänsehaut überziehende Vorstellung auf das nördliche Dritttheil von Asien im Allgemeinen Anwendung finden, so finden wir uns hier auf einer Oase, in der nicht nur der vorüber ziehende Verkehr civilisirten Lebens, wie auf der Etappenstraße der Karavanen der Sahara, einen Schatten von Kultur zurückgelassen hat, sondern wo eine eigene festgewurzelte Gesittung ihre Keime treibt und belebende Strahlen über das umgebende Land aussendet.
Irkutzk, der Mittelpunkt des gesammten sibirischen und Stapelplatz des chinesisch-russischen Handels, ist seit der Unterwerfung der nordasiatischen Gebiete unter russisches Scepter eine Pflege und Pflanzstätte von Petersburg und der Ausgangspunkt dessen Asien russifizirenden Bestrebungen. Der Sitz des Erzbischofs, wie der obersten weltlichen Behörde, des Civilgouvernements von ganz Sibirien, bildet Irkutzk mit seinen zahlreichen hohen Beamtenfamilien, mit den reichbegüterten Kaufmannsgilden, einem intelligenten und spekulativen Gewerbe- und Industriestand und mit der starken Garnison einen Brennpunkt ächt russischen Geistes, der unter dem barbarischen Stamme der Ureinwohner und der anfangs verkommenen europäischen Einwanderung rasch fortschreitende Eroberungen macht.
Diese von wenigen Punkten ausgehende Besiedelung des nördlichen Asiens mit europäischer Kultur, sowie die geschichtlichen Antecedentien des Landes führen unwillkürlich zu einer Vergleichung mit den Anfängen nordamerikanischer Kolonisation. Hier wie dort ward das Schwert mit leichter Mühe Herr der nomadisirenden, untereinander in losem oder gar keinem staatlichen Zusammenhang stehenden, das Land innehabenden Völkerschaften. Der Eroberer begnügte sich anfänglich mit dem Titel äußerer Autorität, ohne seinen Unterthanen Neuerungen aufzuzwingen, und mit der Erwerbung des Terrains, in dessen Besitz er sich durch zerstreute Militärposten erhielt, wie die Vereinigten Staaten noch deren im Westen Nordamerika’s unterhalten. Die hölzernen sibirischen Forts, zugleich Tauschmärkte für die Jagdbeute der umwohnenden Stämme, gleichen jenen auf ein Haar. Die eigentliche [23] Nützung seiner Erwerbung eines Gebietes von 280,000 Quadratmeilen versuchte Rußland, gerade wie England mit den amerikanischen Kolonien, durch Besiedelung mit den ihm lästigen oder unreinen Elementen seiner Bevölkerung. Die erste dermalige Einwanderung fand unter Peter I. statt, der die Gefangenen von der Schlacht von Pultawa dahin verwies. Diesen braven, aber unglücklichen Schweden verdankt Tobolsk seine Entstehung und mit ihnen Sibirien die Einwanderung von westeuropäischer Kunst, Wissenschaft, Gewerbe und Handelsgeist mitten unter die Schrecken der rauhesten Natur, in das Dunkel undurchdringlicher Wälder und in die unmittelbare Nähe wilder, vor den fremden Eindringlingen scheu zurückweichender Horden. Nicht anders bildete sich der Anbau der Städte im Osten Amerika’s und die Verdrängung der Indianer von ihren Jagdgründen nach dem Westen. Bald folgten Deportationen von Sträflingen aller Art, die russischen Zuchthäuser und Galeeren entleerten sich in die Steppen Sibiriens; Erfolge Einzelner lockten Abenteurer nach; Taugenichtse, bankerote Kaufleute oder sonst im Verfolg einer bürgerlichen Existenz schiffbrüchig Gewordene suchten ihr verlornes Glück im Kampfe mit der Wildniß wieder, von deren verborgenen Schätzen Wunder geträumt wurden. Ganz gleichartig war die erste Amerika kolonisirende Bevölkerung zusammengesetzt. Der Gefahren trotzende und gewinngierige Sinn dieser Einwanderer führte indessen zur Entdeckung reicher Ressourçen, welche nun auch die Aufmerksamkeit der großen Spekulationen auf sich zog. Handelsgesellschaften, ähnlich den amerikanisch-englischen Pelzkompagnien, wurden von der Regierung mit werthvollen Privilegien patentirt und in der Ausbeutung des an nutzbaren Mineralien reichen Bodens und der von kostbaren Rauchthieren bevölkerten Wälder geschützt. Der so größere Dimensionen annehmende Handel und die sich immer weiter ausbreitenden Niederlassungen vollbrachten das Werk der mit dem Schwert begonnenen Eroberung. Von großer Wichtigkeit zeigte sich bald die Nachbarschaft eines ungeheuren, nach den mannichfaltigsten Bedürfnissen europäischer Industrie begehrlichen Reich’s: China’s. Es entspann sich längs dessen Nordgrenzen mit den anwohnenden russischen Kolonisten ein lebhaftes Tauschgeschäft, welches zu solcher Bedeutung heranwuchs, daß der Schwerpunkt des sibirischen internationalen Verkehrs sich dahin verlegte. Dazu kommt, daß der Süden Sibiriens außerhalb der Wendekreise liegt und mit der Unwirthlichkeit des übrigen Landes nichts gemein hat. Der Fuß des Altai und die Umgebung des Baikalsees gehören zu den freundlichsten, vegetationsüppigsten und fruchtbarsten Gegenden der gemäßigten Zone, und auch hierin ähnelt der Entwickelungsgang des asiatischen Rußland dem von Nordamerika, daß sich im Süden eine ackerbautreibende, den Kern des staatlichen Lebens bildende Bevölkerung ansetzt, während der Norden einer unbeständigen, ab- und zufluthenden, jagenden und wagenden Klasse von Menschen, ohne feste Wohnsitze, angehört. Zu beiden Klassen liefern die Deportationen noch das größte Kontingent; man schätzt es auf 10,000 Seelen im Jahresdurchschnitt. Der Verbannte verliert in den meisten Fällen dort den Charakter eines Sträflings. Wenn auch den Behörden als [24] solcher bezeichnet, erfreut er sich doch innerhalb des ungeheuern Gefängnisses, welches einen halben Welttheil umfaßt, ungestörter Freiheit, sein Leben einzurichten, wie es ihm beliebt. Er darf zwar Zobel fangen, den Boden bebauen und sein eigen nennen, Familie gründen, Reichthum erwerben, er darf aber auch verhungern und erfrieren, ohne daß sich seine Zuchtmeister darum kümmern. Das Gesetz macht wenig Unterschied unter seinen sibirischen Staatsangehörigen, und mancher Russe oder Pole, der sich um sein ihm oktroyirtes zweites Vaterland verdient gemacht hat, sitzt in hohen Staatswürden, in Ansehn und Reichthum, nur erhält er keinen Paß, Sibiriens ferne Grenze zu überschreiten. Bloß schwere, nicht politische Verbrecher werden entweder in die Kronbergwerke oder wirklichen Strafkolonien in der nächsten Umgebung weit vorgeschobener Gouvernementsforts internirt. Aus letzteren ist das Entweichen zwar leicht, aber ein seltener Fall, da der Flüchtling fast unvermeidlich den Schrecken der umgebenden Wildniß erliegt.
Es gibt in Sibirien Leute, welche, so wunderlich es unsern Ohren auch klingen mag, für ihr Land schwärmen und ihm eine gewaltige Rolle in der Staatenfamilie weissagen. Sicherlich sind seine innern Ressourcen wie seine Vermittelungsstraßen für den Handel zwischen Europa und China noch einer großen Entwickelung fähig, aber woher sollen die Millionen Hände kommen, die noch dazu gehören, um das für jene Zwecke am vortheilhaftesten gelegene Terrain zu occupiren? – Noch gibt es Hunderte von Meilen längs der größten schiffbaren Ströme, an denen man keine Spur menschlichen Daseins gewahrt und Tausende von Quadratmeilen des kultivirbarsten Landes im Süden, Länderstriche so groß wie Deutschland, auf denen noch kein Axtschlag gehört, noch keine Ackerfurche gesehen worden ist und der Reisende nach wochenlanger Fahrt von Glück zu sagen hat, einem Trupp jagender Tungusen zu begegnen. Der angrenzende Osten Europa’s, das transuralische Rußland, bedarf selbst der Pflege menschlicher Thätigkeit, um seine umfangreichen Gebiete nutzbar zu machen, und der anderseitige Nachbar, China, läßt seine Kinder lieber hinter der großen Mauer einander selbst aufessen, als daß es ihnen die Auswanderung gestattet. Immerhin würde sich Sibirien rascher entfalten und früher dahin gelangen, den ihm anhaftenden Ruf eines Popanzes unter den Ländern der Erde Lügen zu strafen, wenn die Russen und Polen geschickter zur Kolonisation wären und das Gouvernement von der Fähigkeit und dem Willen beseelt wäre, eine freiere staatliche Entwickelung zu gestatten und zu fördern, wie England mit Amerika und Australien gethan hat. So lange aber Rußland ein Militärstaat und seine asiatischen Provinzen militärisch verwaltete Kolonien bleiben, wird dieser an und für sich lebenskräftige Körper nicht über das Maß der ihm angepaßten Uniform hinauswachsen und die Einwanderung, die ihm am meisten Noth thäte, wenig reizen. Es theilt darin das Schicksal von dem französischen Afrika, dem alle künstlichen und kostspieligen Lebenselixire nicht dazu helfen können, auf eignen Beinen zu stehen, so lange es eine Staatsweisheit in Epauletten und Degengehänge am Gängelbande leitet. Aber daran mag sich [25] immerhin unsere Phantasie, der Gerechtigkeit zu Liebe, gewöhnen, in Sibirien nicht nur eine bloße Eisgruft zu sehen, in die alljährlich Tausende mit der russischen Weltordnung Unzufriedene zu ewigem Vergessensein und bürgerlichem Tod verwiesen werden, eine grauenvolle Opferstätte des Zorns eines launenhaften Czaren oder der Verfolgungssucht einer allwissenden und selbst an verbotenen Gedanken sich rächenden Polizei. Die umfassende Amnestie der verbannten Polen bei der Thronbesteigung des jewigen Herrschers hat die überraschende Erscheinung geboten, daß die wenigsten der noch im Exil Lebenden Gebrauch von dem Gnadenukas machten und die fremde, ihnen lieb gewordene Erde nicht mehr mit dem vaterländischen Boden vertauschen mochten. Sicherlich ist das Loos, welches das despotische Rußland seinen ungehorsamen Kindern zuertheilt, ein beneidenswerthes gegen das ihrer französischen Schicksalsgenossen zu nennen, die eine sich der Humanität rühmende Regierung der versengenden Sonnengluth von Martinique oder den fieberbrütenden Sümpfen von Cayenne als rettungslose Opfer des Todes vorwirft. Auch kenne ich Manche, die seit 10 Jahren deutsche Kerkermauern gefangen halten und die die Hand küssen würden, welche sie nach dem entferntesten Winkel von Sibirien entführte.
Irkutzk, im 17. Jahrhundert nur noch ein kleines, verpallisadirtes Fort, verdankt seine heutige Blüthe und Bedeutung zunächst seiner vortheilhaften, gesunden und fruchtbaren Lage, 2½ Meilen vom Baikalsee, an beiden Ufern des schiffbaren Flusses Angara und in der Nähe von dessen Ergießung in den Irkutzk. Der Zwischenhandel mit China, wie der Verkehr mit dem östlichen Sibirien, suchten hier bald einen Koncentrationspunkt und erhoben die Stadt an Bedeutung und raschem Wachsthum über das alte Tobolsk. Ein neuerer Reisender beschreibt sie als schön, wenn auch nicht regelmäßig, großentheils aus Holzhäusern gebaut, darunter aber die öffentlichen Gebäude, wie die griechische Kathedrale, das Seminar, den Sitz der Regierung, den Bazar, die Börse etc. als massive, umfangreiche Konstruktionen im Schmuck moskowitischen Styls und mehre Wohnhäuser reicher Kaufleute als mit Petersburger Luxus ausgestattet. Bezeichnend für die mehr als materielle Blüthe des Platzes ist die große Anzahl seiner Bildungsanstalten, darunter ein Gymnasium, eine höhere Unterrichtsanstalt für die Beamtensöhne, ein Seminar für Eingeborne (Tungusen, Buruten, Samojeden etc.), sogar eine besondere Unterrichtsanstalt für chinesische und japanische Sprach- und Landeskunde, eine Schifffahrts- und Militärschule, eine öffentliche Bibliothek, Sammlungen sibirischer Alterthümer und Naturalien. Auch eine kleine deutsche Gemeinde hat Kirche und Schule dort. Nicht unbedeutend trägt die eigene Industrie bereits zum Handel des Platzes bei, namentlich Tuche, Leder, Seife, Glas, Steingut, Branntwein, Salz. Am belebtesten ist Irkutzk im December, um welche Zeit die Pelzhändler aus dem nördlichen und östlichen Sibirien mit ihren von den Eingebornen erhandelten Vorräthen dahin kommen, sowie die chinesischen Kaufleute aus Nertschinsk und aus den gefüllten Waarenspeichern der Irkutzker Kaufleute ihre Tauschartikel wählen. Es ist eine wirkliche Messe, deren Umsatz sich auf [26] durchschnittlich 4 Millionen Rubel beläuft, doppelt so viel, als der einer Frankfurter Messe. Verschönt ist die Stadt durch anmuthige Spaziergänge, von dem wenig Bescheidenheit zeigenden Sinn der Irkutzker „Boulevards“ betitelt, und einen im englischen Styl angelegten Park. Die Art der Bewohner besticht überdies den Fremden sehr durch ihre, wenn auch nur oberflächliche Politur, aber um so gründlichere Gastlichkeit. „Der Tag müßte 72 Stunden haben“, erzählt ein jüngst Dortgewesener, „um allen den Einladungen zu Diners, Soiréen, Ausfahrten, nächtlichen Gelagen und Aufmerksamkeiten jedes Namens, mit denen der Reisende schon nach dem ersten Besuch überhäuft wird, Folge leisten zu können. Wenn man überhaupt Rußland als das Land der Gastfreundschaft par Excellence rühme, so sei Irkutzk unbestritten dessen Metropole“. Ihm, dem sibirischen Frankfurt, fehlt nicht einmal sein Homburg oder Wiesbaden, warme vielbesuchte Heilquellen im bargusinischen Bezirk, mit einem französischen Spielpächter, der gute Geschäfte macht.