Der Hudson bei Newburgh
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Der HUDSON bei NEWBURG
All on board! ruft der Mann auf dem Radkasten mit dem letzten verklingenden Schlag der Dampfbootglocke, ein paar kurze Kommando’s folgen aus dem Munde des Mate, und im Nu wird die Brücke angezogen, welche vom Pier nach dem Deck des Bootes führt. Klatschend fliegen die Taue, welche das Boot an den Wharf gefesselt hielten, über Bord in’s Wasser, ein Zug an der Schelle zu Händen des Mannes auf dem Radkasten bringt Leben in die Maschine, die Radschaufeln peitschen in immer kürzeren Schlägen das nasse Element, noch ein paar Befehle, ein paar Bewegungen vor-, rück- und seitwärts, um den offenen Strom zu gewinnen, schwärzer wirbelt der Rauch von dem frisch aufgeschütteten Herd durch die Esse, und dahin schwebt das imposanteste Gebilde, das je noch von der erfindungsreichen Hand des Menschen entstanden ist: ein amerikanischer Flußdampfer. Seine Erscheinung ist die eines schwimmenden Palastes der Wassergeister, so leicht in seiner Architektur, so zart gegliedert in Fenstern und Pfeilern, so luftig umwoben von Balkonen und Säulchen; er ist wie ein Fisch, so behende und graziös bewegt
[27] er seine Schaufelflossen und gleitet, mit den Wellen spielend, über die geschmeide Bahn; er ist wie ein Vogel, so hoch und mit schwindelerregender Geschwindigkeit trägt er seinen Rumpf durch die Lüfte, und wenn ich Amerika darstellen sollte in einem Symbol seiner Eigenthümlichkeit, seiner Kraft, Größe, Kühnheit und seines Goaheadism, ich wüßte nichts Bezeichnenderes als ein Flußdampfboot.
Wir befinden uns an Bord eines solchen, auf der Fahrt von Newyork nach Newburgh, einem Anlegeplatz am Hudson, halbwegs Albany. Es sind unsern Lesern bekannte Gegenden, an denen wir vorüber kommen: die Pallisaden, Westpoint mit Kosziusko’s Denkmal, die Katterskillberge und manche andere der unzähligen reizenden Punkte, die in den Augen Vieler der Scenerie des Hudson den Vorrang vor der des Rheins zugestehen. Betrachten wir mittlerweile das Stückchen amerikanische Welt, das uns auf denselben Brettern begleitet, näher. Es ist gerade Mittags. Ein Schwarzer rennt, auf einer chinesischen Kupfertrommel (Gong) wirbelnd, durch die Etagen des Bootes, und nun regt sich’s in allen Ecken und wimmelt’s wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. Alles drängt sich nach den Thüren und Treppen zur großen Kajüte, in der, zum Speisesaal verwandelt, die Tische zu langen Tafelreihen zusammengeschoben sind, auf denen 500 Gedecke der Gäste harren. Oft sind’s derselben in doppelter Anzahl, dann wird zweimal gedeckt und aufgetragen. Die einen hervorragenden Zug im amerikanischen Charakter ausmachende Galanterie der männlichen Passagiere läßt den Damen den Vortritt, und erst dann, auf einen Wink des präsidirenden und die Tischhonneurs machenden Kapitäns, nehmen jene die übrigen Plätze ein. Es folgt ein Mahl, mit allen Gourmandisen einer Weltstadt ausgestattet, so splendid, wie nur die großen Hotels von London und Hamburg eines darbieten und so gastronomisch schulgerecht, daß auch der verwöhnteste Gaumen ihm seine Anerkennung nicht versagen kann. Nicht minder trefflich bestellt ist die Weinkarte. Die Preise für Beides sind nicht höher, als die an einer großen Gasthofs-Table d’hote. Dennoch betrachtet der Amerikaner das Essen mehr als eine Arbeit, denn als einen Genuß, und beeilt sich nach Kräften, dasselbe zu beendigen; die Unterhaltung ist deshalb eine einsylbige und wird erst nach Abräumen des Tisches, beim Dessert und Champagner, dem Lieblingsgetränk des Yankee, lebendig. Kleine Gruppen Sitzenbleibender rücken zusammen, die Tische werden eingeschoben, die Damen nehmen die Divans an den Wänden ein, es wird in animirter Stimmung gesprochen, gelacht, gestritten, getrunken, gespielt, am Piano lassen sich Stimmen hören, die Meisten aber suchen das Hurrikandeck auf, das flache Dach der Kajüte, eine über die ganze Länge des Bootes laufende, bei Sonnenschein mit einem Leinwandzelt überspannte Promenade, um dort zu sitzen, spazieren zu gehen, zu rauchen und zu plaudern, während zu beiden Seiten die entzückendsten Panoramabilder vorüber fliegen und eine erfrischende feuchte Breeze, die nur Der zu schätzen weiß, der selbst einmal unter einer amerikanischen Sommergluth die Straßen [28] der Stadt hat hüten müssen, die erhitzten Schläfe umfächelt. Da ertönt die Glocke, die unser Reiseziel anzeigt; wir sind bei Newburgh, dem freundlichen, im Hintergrunde unseres Bildchens schimmernden Städtchen.
Unser Besuch gilt dem eine Stunde entfernten Haus, von dessen Veranda das herrliche Bild über den sich hier zu einem See erweiternden Fluß aufgenommen ist. Es ist die Wohnung des greisen, dem Grabe nahen Washington Irving, des einen der Dioskuren am Himmel amerikanischer Poesie; der andere, Cooper, ist ihm vor Jahren schon vorangegangen, während sich Irving noch auf den Lorbeeren streckt, welche die Pietät des amerikanischen Volkes gegen seine großen Geister ihm so bequem unterbreitet. Hier an demselben Gestade, dessen natürliche Pracht und mannichfaltige geschichtliche und romantische Momente Irvings blühende Poesie so oft verherrlichte, hat die dankbare Nation eines der reizendsten Fleckchen auf amerikanischer Erde dem müden Dichter zum Ruheplatz auserlesen und so sinnig geschmückt, wie eine heitere Idylle aus des Dichters eigener Phantasie. – Hätten unsere Dichter, unter denen es an Irvings und Coopers wahrlich nicht fehlt, doch auch solcher Dankbarkeit ihrer Zeitgenossen sich zu erfreuen!