Die Ruinen des alten Rom

Der Hudson bei Newburgh Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Die Ruinen des alten Rom
Der Susquehanna
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Das FORUM in ROM

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Die Ruinen des alten Rom.




Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste,
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist Alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma, nur mir schweiget noch Alles so still.
 Göthe.

Es geht mir nicht besser beim Anblick dieses Ruinenfeldes. Ich weiß, daß jeder der umherliegenden Steine seine eigene und denkwürdige Geschichte zu erzählen hat, daß eine klassische Geisterwelt diese Schutthaufen bewohnt, daß mein Blick zwischen den Gräbern von 3000jährigen Existenzen wandelt, aber es fehlt mir der Sinn, das Flüstern der Geisterstimmen zu vernehmen, die mich umwehen, es fehlt mir der Zauberstab, die entschwundenen Gestalten wieder in’s Dasein zu rufen, mit denen auf dieser Stätte eine Zeitrechnung in der Geschichte unseres Geschlechts anhub und – Gott sei Dank– abschloß; es fehlen mir auch die Farben, um die Bilder einer Vergangenheit auszumalen, deren verblichene Ueberreste mich umgeben, es fehlt mir endlich der Geschmack, mich an Vorstellungen zu weiden, wie sie der Forscher aus vergilbten Pergamenten und verwitterten Inschriften sich bildet und der Dichter in glänzenden Gewändern über die Bühne gehen läßt. Göthe und Byron haben an dieser Stelle geweilt, gedacht, geträumt und gedichtet und Alles empfunden, was den Genius eines Menschen auf den Trümmern einer Welt mit erhabenen Gedanken erfüllen kann. Vor- und nachgefühlt haben es Unzählige, und der aufgezeichneten Betrachtungen über die ewige Stadt gibt es Legion. Sie haben es sich zur dankbaren Aufgabe gemacht, das Bild, das wir in der wüsten Anordnung, wie es die Natur uns gab, kopirten, zu ordnen, zu ergänzen und mit schimmernden Farben auszustaffiren; ihnen folge, wer sich in dieses Stückwerk nicht finden kann, das aussieht wie ein zerrissenes Buch. Wer das alte Rom, wie es war, vor Augen haben und das Forum von ehedem betreten will, allenfalls im Gefolge eines kaiserlichen Triumphzuges, die via sacra entlang durch den hohen Bogen des Septimius severus im Hintergrunde unseres Bildes, wer die umgestürzten Kaiserstatuen wieder auf ihre Piedestale erheben, die verschütteten Stufen zum Peristil des Concordiatempels wieder aufsteigen will, von dem aus sich Cicero’s Beredsamkeit über die glänzenden Versammlungen auf diesem Platze ergoß, wen es nach den blutigen Gladiatorenspielen im Kolosseum lockt, dort links, wo der Torso jenes riesenhaften mit Bogengängen umgebenen Mauerwerks hervorragt, wer die umherlungernden Bettelmönche in brauner Kutte in edle mit der Toga bekleidete Römergestalten verwandelt [30] sehen mag, und die weltbeherrschende Bevölkerung von vier Millionen wieder innerhalb der verödeten Mauern der Siebenhügelstadt versetzt sich denken will, der wende sich an die eigene bereitwillige Phantasie oder begleite unsere Dichter, wie Bunsen, Stahr, Willkomm, Pecht und Andere auf ihren phantastischen Spaziergängen. Mein Bild will nichts an der nackten Natur verschönen, noch ergänzen, und meine prosaische Feder sträubt sich widerspenstig gegen den Flug zu den lichten Höhen des klassischen Alterthums. Ich sehe nicht das heitere Himmelsblau, das sich über diese Stätte wölbt, mir dringt nicht der Balsam der gepriesenen Atmosphäre durch die Poren, mein Auge ist verschleiert von den Luftgestalten der Zukunft, die sich hier zu verkörpern drohen, und mich fröstelt vor dem Odem der Nemesis, welcher mich anweht. Nichts sehe und fühle ich unter diesen ordnungslosen Trümmerhaufen als die unerbittlich sich erfüllende Wahrheit einer ewigen Ordnung. Solche Trümmerhaufen sind das unfehlbare Ziel, zu dem alle Verirrungen der Nationen führen, solche Trümmerhaufen sind die unausbleibliche Richtstätte, auf der die Versündigungen am Menschengeist ihre Sühne finden, solche Trümmerhaufen sind Gräber, die der Menschen Werke und Ruhm aufnehmen, wenn beiden die sittliche Weihe gebricht. Rom, so lange ihm eine sittliche Kraft innewohnte, überwand alle Gefahren, die ihm drohten, trotzte allen Schlägen, die nach seiner Weltherrschaft geführt wurden, überdauerte alle äußeren Wechselfälle des Glücks, erstand von allen Niederlagen, die Feindeshand, Empörung und widrige Elemente ihm beibrachten, in erneueter und erstarkter Größe; aber die Entartung seines Geschlechts senkte den Keim zum eigenen Verderben in den Kelch seiner Blüthe, als diese am herrlichsten entfaltet war, und geknickt fiel sie zur Erde, ein Opfer des beleidigten, gehöhnten, geschändeten, mit Füßen getretenen Genius der Menschheit. Jahrhunderte verwehten über der öden Stätte, da erschien ein Engel neuer Verheißung, der Geist des Christenthums, und pflanzte einen Palmzweig auf das Grab der Heidenstadt. Und wieder fluthete der Strom geistigen Lichtes und die Macht der Ideen nach der Siebenhügelstadt, und wieder ward Rom die Quelle einer höheren siegreich über die Erde sich ausbreitenden Kultur und der Sitz einer Weltherrschaft. Wer will es aber leugnen, daß unlautere Hände jene Quelle getrübt haben, daß der wahre Geist des Christenthums von dort geflohen, und wer will verkennen, daß der Geist strafender Vergeltung vor unseren Augen abermals seine Hand über Rom ausstreckt? – Denn es ist eine ewige Vergeltung, welche kein Glanz menschlicher Vollkommenheit blendet, keine Höhe menschlicher Macht erschreckt, welche, um den getretenen Wurm zu rächen, den Adler im Flug zur Sonne trifft; sie ist’s, welche für jede Schuld im Buche der Geschichte Tilgung fordert: daß unbestechliche Gewissen der Völker und Geschlechter, das jedem bösen Gedanken zürnt und jede böse That mit einem Fluche verfolgt; sie ist’s, die Rachegöttin, welche über Throne und Altäre schreitet, welche den Pechkranz in die Kuppel von St. Peters wie in die Dächer der Tuilerien schleudern wird; sie ist’s, die dem Sklaven die Fessel löst und ihm den Mordstahl in die Hand drückt, sie, die das Kind im Mutterleib nicht schont, sie, die vielleicht [31] jetzt schon unter Europa’s Völker die dunkeln Loose wirft. Denn es ist ein Geist der Vergeltung, welcher ewig über den Genius der Menschheit wacht. – –


Ueber nichts fühlt sich der nach Rom kommende Reisende mehr enttäuscht, als über die weit unter seiner Erwartung bleibende Zahl von wenn auch nur einigermaßen erhaltenen Ueberresten und Denkmälern der alten Stadt. Diese ist in der That unglaublich gering, denn Byron hat Recht mit seinen Worten:

Gothen, Christen, Zeit und Krieg, Fluth und Feuer
War’n im Bund, die stolze Stadt zu beugen.

Und durch welche Reihenfolge von Stürmen ist dies Rom während seines dreitausendjährigen Bestehens um und umgekehrt worden! Zuerst durch Feuer und Schwert, mit denen die Gallierhorden unter Brennus das Rom der Königszeit dem Erdboden gleich machten. Von diesem ältesten Rom ist nichts als ein kleines Stück des tarquinischen Kloakenbaues erhalten, jenes Riesenwerks, das selbst die Baumeister der augusteischen Zeit für unerreichbar hielten. Dann fünfthalbhundert Jahre später der an demselben Unglückstage der gallischen Zerstörung ausgebrochene neuntägige neronische Brand, die größte Feuersbrunst, welche die Welt gesehen. Sie verzehrte von einer Stadt, welche damals die Größe und Einwohnerzahl von London hatte, über zwei Dritttheile und mit ihnen fast alle Erinnerungen an das republikanische und die gesammte Pracht des augusteischen Roms, so daß selbst Tacitus in seiner Schilderung dieses größten aller Unglücksfälle, welche das alte Rom betroffen, auf eine zur Unmöglichkeit gewordene Aufzählung aller der vernichteten Tempel, Prachtbauten, Kunstschätze und Statuen verzichtet. Nichts ist übrig aus der Zeit der Republik, als ein Tempel der Fortuna und einige Unterbauten des Kapitols; aus der Zeit des Augustus das Pantheon, ein Stück des Marcellus-Theaters, ein Portikus der Octavia, der Drususbogen und ein paar Säulen und Mauerreste vom Forum. Alles, was sonst von Bauresten in Rom vorhanden ist, gehört dem nach-neronischen Zeitalter an.

Der neronische Brand veränderte die ganze Gestalt der Stadt, welche erst dann nach einem geregelten Plan mit breiten geraden Straßen und großen Plätzen aufgebaut wurde. Der wahnsinnige Tyrann that Unglaubliches, um sie in verschwenderischer Pracht wieder aus ihrem Schutt erstehen zu lassen, doch vollbrachte er es nur zu einem geringen Theil. Der größere blieb frei für die Schöpfungen der späteren Kaiser. Unter Vitellius vernichtete ein neuer Brand das verschont gebliebene Kapitol mit allen seinen Heiligthümern und Schätzen. Dann folgten unter Titus und später Commodus abermals große Feuersbrünste, welche große Theile der neuerbauten Stadt wiederum in Asche legten.

Eine zweite Periode der Verwüstungen beginnt im vierten Jahrhundert mit der Herrschaft des Christenthums. [32] Es war ein Vernichtungskampf des letzteren gegen die Bauwerke des Heidenthums, der sich bis in die letzten Jahrhunderte der Neuzeit fortgesetzt hat. Die alten Tempel waren allmählig herrenloses Gut geworden und lieferten nur Material und Schmuck zu den neuen christlichen Kirchen. Es ward die Legende von denen, die unseren Heiland an’s Kreuz schlugen, seine Kleider theilten und um seinen Rock das Loos warfen, zum umgekehrten Gleichniß. Die herrlichen Portiken, ein Hauptschmuck Roms, wurden ihrer Säulen beraubt, um vor den Eingängen der Kirchen und Klöster zu stehen. Die Friese und Basreliefs wurden von den Tempeln genommen und christlichen Basiliken eingefügt, das Pantheon ward seines vergoldeten Daches entblößt, um die Kuppel der Peterskirche damit zu decken, die Trajans- und Antoniussäule wurden in Glockenthürme verwandelt, zu Steinbrüchen wurden die Tempel, und die Marmorsäge amputirte ohne Aufhören an den prachtvollen edlen Gliedern antiker Plastik und Architektur. Gegen diesen Vandalismus des christlichenRoms erscheinen die Zerstörungen durch die verschrieenen Barbaren so gering, wie muthwilliges Kinderspiel. Nach der Plünderung des Genserich noch schildert Theodorich’s Geheimschreiber, Cassiodor, Rom und die kostbaren Säulen seiner Gebäude, die Menge bronzener Standbilder auf allen Straßen und Plätzen, die öffentlichen Bäder und Brunnen, den Circus maximus mit seinen Obelisken, vor Allem aber das Kapitol und das Forum Trajans als Wunderwerke, die alle menschliche Einbildungskraft überragten. Noch um die Mitte des siebenten Jahrhunderts bestand der kaiserliche Palast auf dem Palatin als Residenz des Exarchen, und so lange die griechische Oberherrschaft währte, bedurften die Päpste zur Zerstörung antiker Bauwerke wenigstens der Erlaubniß der Kaiser oder ihrer Statthalter. Karl der Große konnte noch das „goldene Rom“ bewundern. Ueberschwemmungen, Blitze, Erdbeben halfen mit am Werke der Verwüstung, und als die Päpste erst von den Byzantinern befreit waren und ihre Kirchenbaulust durch wachsende eigene Macht und Geldmittel freieren Spielraum gewann, ward jede neue Kirche der Untergang eines oder mehrer alten Bauten und die Vernichtung der alten Stadt hielt mit der steigenden Blüthe des christlichen Roms gleichen Schritt. In den Ende des neunten Jahrhunderts beginnenden Fehden der mächtigen Barone unter sich und gegen die Geistlichkeit wurden die noch übrigen antiken Tempel, Theater, Circusse und Triumphbogen zu Festungen und Burgen umgeschaffen oder Behufs Anlegung solcher abgetragen. So hatten allein die mächtigen Frangipani das Kolosseum, den Titusbogen, den Circus maximus, den Janusbogen und den Tempel der Venus und Roma in eine gemeinsame Befestigung vereinigt. Diese Baronalfehden haben mehr zum Untergang des alten Roms beigetragen als alle Verwüstungen fremder Eroberer. Petrarca klagte beim Anblick des Roms seiner Tage: „Nicht die Zeit, noch Barbaren, sondern die eigenen Bürger und Söhne Roms haben mit dem Mauerbrecher gethan, was der punische Held nicht ausrichten konnte“. Aber noch hatte Vieles dem Werkzeug der Zerstörung widerstanden und gab Zeugniß von früherer Herrlichkeit; im Imperatorenpalast auf dem Palatinus hielten [33] die Ottonen Hof auf ihren Römerzügen, und die deutschen Kaiserinnen gaben Feste in den Gemächern der Livia. Da kam die Verheerung herangebraust mit Robert Guiscards wilden Normannenschaaren, so furchtbar, wie Rom keine mehr vor noch nachher gesehen. Sie vernichteten fast zwei Dritttheile der Stadt so gründlich, daß ihre Stätte, auf und um den Cölius und Aventinus, seitdem unbewohnt blieb. Nach dem kamen Zeiten, in welchen das verödete Rom kaum 30,000 Einwohner zählte. Was noch an alten Monumenten verschont geblieben, vernichtete der Senator Brancaleone, als er, um die Macht der Barone zu brechen, alle von diesen innegehabten Thermen, Tempel, Theater und andere antike Gebäude, hundertundfünfzig an der Zahl, schleifen ließ. Auch die Abtragung des Kolosseums hatte er beschlossen, starb aber vor der Ausführung. Was er übrig gelassen hatte, stürzte in dem furchtbaren Erdbeben, von welchem Rom ein Jahr nach der Bonazischen Pest (1318) mit ganz Italien wiederholt heimgesucht wurde, zusammen. Die in Elend und Rohheit versunkenen Römer verkauften, wie Petrarca bejammert, nicht nur alte Kunstwerke aller Art, sondern selbst die Säulen und den Marmor der Tempel. Auch nach und während des Schisma’s wurde von eben diesen Römern, deren Schriftsteller noch jetzt fortfahren, für das Werk ihrer eigenen gewinnsüchtigen Demolirung den Vandalismus der Barbaren anzuklagen, eines der herrlichsten und unzerstörbarsten Werke des Alterthums, das Mausoleum des Hadrian, bis auf seine letzte Spur zertrümmert, und ein Theil des Kolosseums, das allen Angriffen Trotz geboten hatte, zu Kalk verbrannt. Um diese Zeit glich die ganze Stadt einer Wüste. Nur in den Niederungen wohnten auf Vignen und Feldern Bauern in elenden Hütten. Alle höhergelegenen Theile waren verödet, die Kirchen standen verlassen und verfielen, Forum und Kapitol waren mit Gemüsegärten bepflanzt, auf den unangebauten Strecken hausten Schweine und Büffel, die Obelisken waren bis auf einen zerbrochen und umgestürzt, und von den unzähligen Statuen fand Poggio, der um 1430 die Stadt besuchte, nur noch eine von Marmor und fünf von vergoldeter Bronze übrig.

Rührend sind die Klagen der Augenzeugen über den jammervollen Zustand der Reste des alten Roms zu Anfang und gegen Mitte des 15. Jahrhunderts, und dennoch war selbst um diese Zeit unendlich mehr von denselben vorhanden als jetzt. Was Aeneas Silvius (der spätere Pius II.) damals sang:

Welch’ Entzücken’ gewährt mir, o Rom, deiner Trümmer Betrachtung;
     Du, die gefallen, noch laut kündest den einstigen Glanz! –
Aber dein jetziges Volk! – von den alten Mauern den Marmor
     Bricht es und brennt zu Kalk schmählig die glänzende Zier.
Ruchlose Brut! Noch drei Jahrhunderte hause so fort, und
     Keine Spur verbleibt einstiger Größe in Rom!

[34] ist eine Wahrheit geworden, von der die noch bestehenden Reste nur spärliche Ausnahmen bilden. Schon Raphael sagt in seiner Denkschrift an Leo X.: „Das ganze neue Rom, das wir sehen, ist mit Kalk von antikem Marmor gebaut“.

Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts hatte das nach der Rückkehr der Päpste von Avignon wiedererstandene Rom noch einen vorwiegend mittelalterlichen Charakter, wie ihn die florentinischen Schloßburgen und in Rom der Palast Venezia aufweisen. Von da an beginnt mit Leo X. die Modernisirung der sich auf dem alten Marsfelde prächtig erhebenden Stadt. Der immer steigende Nepotismus veranlaßte das Entstehen jener Unzahl von Palästen, zu denen die antiken Reste gleichfalls die Materialien hergaben. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die bisher ihrer Entlegenheit halber verschont gebliebenen Grabmäler, Tempel und Villen vor den Thoren Roms ausgeraubt und zerstört. Die Ausgrabungen, welche von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts angestrengt betrieben wurden, förderten unglaubliche Schätze alter Kunst an’s Tageslicht, und alle heutigen Sammlungen Roms können, wie Niebuhr sagt, gegen den unschätzbaren Reichthum an Alterthümern aller Art, die sich damals in vielen hundert römischen Häusern zerstreut fanden, kaum als der hundertste Theil gelten.

Im Verlaufe dieser endlosen Verwüstungen hatte sich über Rom eine völlig neue Oberfläche gebildet. Auf den unermeßlichen Schutthaufen erwuchs eine üppige Vegetation; neue Hügel entstanden, wo sonst Fläche war, und der Boden der alten Stadt ward nach und nach mit einer 15 Fuß hohen Schicht überlagert. Das Forum, welches seit Ende des 14. Jahrhunderts als Schuttgrube diente, war sogar an manchen Stellen 20–30 Fuß hoch bedeckt. Erst Raphael’s unsterblicher Genius war es, der den Plan faßte, durch eine regelmäßige Aufgrabung aller erhaltenen Reste alter Baukunst wenigstens einen Schatten des alten Roms wieder zu erwecken. Elf Jahre lang hatte er an den vorhandenen alten Trümmern geforscht, und das selbst erlebte Schauspiel der fortgesetzten Zerstörung alter Tempel, Bogen, Pyramiden und Säulen empörte ihn. Sein Plan der Wiedererweckung des begrabenen alten Roms, welchen er kurz vor seinem Tode entwarf, blieb jedoch unausgeführt und die Zerstörungen dauerten fort. Napoleons Riesengeist nahm den Gedanken wieder auf, aber sein Stern erblich, ehe er ihn vollenden und ehe er, wie er gewollt, auf dem Gipfel des kapitolinischen Berges die Kaiserburg des neuen weltbeherrschenden Imperators, würdig des alten Namens und der neuen Herrschaft, inmitten des alten Roms errichten konnte.

Je moderner, nach Raphael’s Zeit, Rom ward, besonders durch Sixtus V., der die oberen Stadttheile wieder anbaute und große Straßen durch Vignen und Ruinen hindurch führte, desto mehr Alterthümer verschwanden. Die französische Herrschaft hatte für Rom wenigstens das Gute, daß sie für dauernde Erhaltung der [35] noch übrigen antiken Baureste kräftig Sorge trug, eine Sorge, die seitdem, wenn auch in geringerem Maße, fortgesetzt wurde. Der Geist der Bildung hat, was jetzt noch vorhanden ist, unter seinen Schutz genommen, und nur mit ihm können die letzten Reste untergehen, welche aus Kolosseum und Pantheon, von Triumphbögen und Tempeltrümmern, in einzeln stehenden riesigen Schriftzeichen, von der Größe der alten Weltstadt zu den spätern Geschlechtern der Menschen reden.