Der Susquehanna

Die Ruinen des alten Rom Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwanzigster Band (1859) von Friedrich Hofmann
Der Susquehanna
Castelnovo in Dalmatien
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DER SUSQUEHANNA

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Der Susquehanna.




Schon wieder ein Bild aus Amerika’s Wasserwelt. Freilich, und kein ächt amerikanisches Bild ohne Wasser, möchte ich darauf antworten; Wasser, das Element der Bewegung, die wogenden Seen, die strömenden Flüsse, das fluthende und ebbende Meer, sie sind die Träger und Wege des amerikanischen Lebens, sie sind die Fäden, an denen alle charakteristischen Erscheinungen amerikanischer Kultur krystallisiren, ihnen folge, wer Amerika kennen lernen will. Amerika wohnt am Wasser. Das Universum hat seinen Lesern eine reiche Mannichfaltigkeit amerikanischer Wasser-Scenerien gebracht, namentlich von den Ufern der großen westlichen Ströme, so wie des von jenen Veduten unendlich verschiedenen Hudson, manches Küstenbild vom atlantischen und stillen Ocean, viele reizende binnenländische Seen, malerische und imposante Wasserstürze. Und doch birgt Amerika’s Natur des Eigenthümlichen, Interessanten und Schönen noch so viel, woran die fischblütigen Yankee’s theilnahmlos vorüber gehen und kein Zeichner je gedacht hat; denn was dem Sinn der Spekulation und Dollarjägerei kein Interesse bieten kann, dafür hat der Yankee keine Augen. Er sieht in seinen Wasserfällen nur so und so viel Pferdekräfte, um seine Maschinen zu treiben, an einem Waldbach sucht erbloß eine Gelegenheit für Anlegung einer Sägemühle, die Schönheit eines Stromes bemißt er nach dem Tiefgang seiner Fahrzeuge, die er zu tragen vermag, die Seen sind ihm nur interessant, wenn sie sich trocken legen lassen, um Zuckerrohr und Mais auf ihrem Grunde zu bauen, und die Meeresküsten, wenn sie seiner Schifffahrt bequeme Häfen bieten. Wie wenig dadurch das Schöne an’s Licht gefördert, noch viel öfter aber durch die Nutzbarmachung zerstört wird, läßt sich denken; mancher der schönsten Wasserfälle, wie der des Genessee in Rochester, ist gezwungen worden, jeden Tropfen seines Wassers [36] über die Räder der Industrie und durch die Taschen der Spekulanten zu schicken, und manche malerische Partie am Hudson und Delaware ist durch Correctionen des Flußbettes zerstört, ein Schicksal, welches dem Strom, der den Namen unseres Bildes führt, noch bevorsteht; bis jetzt haben seine gar zu kühnen Seitensprünge und dem langgestreckten Kiel der Dampfboote widerspenstigen Bewegungen, die ihm den ominösen Beinamen des „Crooked River“ zugezogen, ihn wenigstens in seinem oberen Lauf vor jeder Unterjochung zum Dienst der Spekulation bewahrt.

Unsere Ansicht zeigt eine Partie des oberen Susquehanna, im Westen des Staats New-York, einer wegen der für die Schifffahrt unbequemen Zugänglichkeit noch wenig gekannten, spärlich gelichteten und dünn bewohnten urwaldlichen Gegend. Die reißenden, durch gebirgiges Land sich Bahn brechenden und von wilden Gewässern häufig anschwellenden Fluthen machen die Ufer unsicher, versanden und verlegen oft das Strombette und bilden zahlreiche Inseln, die gewöhnlich so rasch wieder verschwinden, als sie erscheinen; feste Ansiedelungen, doch auch deren nur wenige, finden sich blos in sicherer Entfernung vom Strom, in den Seitenthälern und an den kleinen Zuflüssen. So dürftig auch jene von Handel, Gewerben, Touristen und Besuchern nie heimgesuchte Gegend durch das Treiben menschlicher Thätigkeit belebt ist, so interessant erscheint doch selbst dieses Wenige. Ich entnehme dem Briefe eines Bekannten, den das Geschick dorthin verschlagen, jetzt aber Gewohnheit und Resignation da festgebannt haben, die nachstehende Schilderung: – – „indeß ist unsere Gegend doch keineswegs aller Reize des Abenteuers bar, und zweimal im Jahr wenigstens kann man Auge und Ohr, die gewohnt sind, nichts zu vernehmen als die Monotonie der alltäglichen Umgebung, auf fremde Begegnisse spitzen. Der größte Theil der Nachbarschaft beschäftigt sich mit sogenanntem lumbering (Schlagen und Zurichten von Bauholz), und so lange nicht die Bäume unseres Waldes gezählt werden können, wie die Zedern des Libanon, wird dieser Beruf unserer Bevölkerung dieselben Dienste thun, wie England seine Krawalle, Frankreich seine Revolutionen, Italien seine Conspirationen; denn in allem Volk unter der Sonne gährt ein Ueberfluß von Thatkraft und geistiger Regsamkeit, der nicht von dem Bedürfniß der gewohnten Lebensrichtung aufgebraucht wird und, wenn nicht auf ein nützliches oder harmloses Ziel geleitet, nothwendig in Gewaltthat, Unheil und Ruchlosigkeiten sich äußern muß.“

„Die Zurüstungen zu den Abenteuern, die ich meine, werden, obgleich an Mühsalen reich, doch mit Leichtsinn und Lustigkeit behandelt. Das Fällen der Bäume im Winter, das Zurichten der Stämme, das Herausschleifen auf dem Schnee nach dem Ufer der Bäche und Flüsse ist eine Beschäftigung, die unsere jungen Männer dem zahmeren, ungefährlicheren und unbeschwerlicheren Werk des Farmers vorziehen, und in den rohen, gebrechlichen Hütten tief in den Wäldern, bei nichts als dürrem Speck und Whisky, finden sie die Entbehrung anziehender, als die Behaglichkeiten eines Herdes auf der Ansiedelung.“

[37] Die kleinen Zuflüsse zum Susquehanna sind unzählig. An deren Ufer, 8 bis 10 Meilen stromaufwärts, werden die Materialien zu den Rafts (Floßen) gesammelt, bereit, mit dem ersten Thauwasser von Stapel gelassen zu werden. Ich selbst lebe an einem dieser kleinen Zuflüsse, 1¼ Meile von seiner Einmündung. Der Owaga rollt während der längsten Zeit des Jahres friedlich seine Wellen an meiner Besitzung vorüber, sobald er aber von dem Märzwasser anschwillt und seine Fluthen am höchsten gehen, kündigt sich durch wildes Geschrei und hämmerndes Getöse, das durch den Wald weithin wiederhallt, die Ankunft eines Floßes an, das mit einer Geschwindigkeit von 10 Meilen in der Stunde vorüberschießt, noch ohne Ladung, mit singenden verwegenen Gesellen bemannt, die Zweige, Bäume, Wurzeln, hunderterlei Hindernisse aus dem Fahrwasser zu räumen haben und ihre langen schweren Steuerruder mit einer Gewandtheit und Kühnheit handhaben, wie sie nur dieser Klasse Menschen eigen ist. Die kurzen scharfen Krümmungen meines bewaldeten Owaga sind wohl geeignet, das Geschick eines Steuermannes auf die Probe zu stellen, und keinen gefährlicherern Anblick gibt’s, als die schwerfälligen Ungeheuer auf dem reißenden Wasser, von einem Ufer zum andern im Kreise wirbelnd und wieder von der Strömung erfaßt, dahin rasen zu sehen, unter Schreien, Toben und Fluchen ihrer tollkühnen Bemannung. Im Dorfe unten am Fluß sammeln sich die Floße, nehmen Bretter, Schindeln, Fenzriegel und andere rohe Erzeugnisse des Waldes als Ladung, verproviantiren sich mit Mehl und Speck und erwarten die Wiederkehr einer Fluth. Ein Wetterdach, unter dem die Mannschaft sich ausstrecken kann, wird auf dem Deck aufgeschlagen, eine rohe Feuerstelle aus Erde und Steinen zusammengebaut, und nun, mit der nöthigsten Provision an Bord, aber so viel Whisky, als nur der magere Verdienst zuläßt, stoßen sie hinaus auf den Strom und von nun an heißt es: Vogue la galère! Die Burschen haben nichts mehr zu thun den ganzen Tag über, als sich dem Strome zu überlassen, zu singen, zu tanzen und der Reihe nach das Steuer zu führen. Sinkt die Sonne, so schauen sie sich nach einer offenen Bucht am Ufer um und legen an. Solcher geeigneten Lagerplätze gibt es nicht viele am Susquehanna, und Alle, die sich mit diesem Holz- und Flößereigeschäft abgeben, kennen sie. Deshalb ist, da es auf dem Fluß um diese Zeit von Floßen schwärmt, die Jagd nach einem guten Plaz, um das Fahrzeug am Ufer zu befestigen, stets eine Scene erhitzenden Wetteifers, des Streits und oft desperater Schlägerei. Wenn indeß alles für die Nacht geordnet ist, und die lustigen Feuer auf der langen Reihe der Flottille lodern und Wald und Wasser mit ihrem rothen Schein anleuchten, kommen die Bootsleute zusammen, setzen sich zu ihrem Whisky und erzählen einander die tausenderlei Geschichten ihrer Abenteuer und Gefahren. So Nacht für Nacht mit einander verkehrend, sich verwandt durch das gemeinsame Band derselben Beschäftigung, derselben Beschwerden und Fährlichkeiten, derselben Abgeschiedenheit von der übrigen Welt, bildet diese ganze flößende Bevölkerung eine eng zusammengeschlossene Welt für sich, von einem Esprit de Corps beseelt, der leicht zu [38] gefährlichen Excessen mißbraucht werden könnte, wenn er nicht im Kampf mit der Wildniß sich freie Bahn zu brechen sattsam Gelegenheit fände.

Mit Tagesanbruch werden die Rafts gelöst und wieder in die offene Strömung gebracht. Nach 5 bis 6 Lagen erreichen sie „Fluthwasser“, den Punkt, bis wohin die Fluth von der See heraufsteigt; dort bleiben die Floße sammt der Ladung, die Bemannung wird entlassen und tritt zu Fuß den 500 Meilen langen Rückweg an. Die mannichfachen Gefahren dieser rohen Schifffahrt, welche noch durch zu passirende Hindernisse im Strom, Schnellen, Snaks und Strom-Wirbel erhöht werden, die angedeuteten Scenen an den Landungsbuchten und die lange Pilgerschaft heimwärts durch ein dünn bewohntes wildes Land führen Abenteuer genug in den Weg des Raftsmann, um ihn zum Helden des Wachtfeuers und ungeschickt für die ruhigere Weise des Farmers zu machen. Die Folge ist, daß der Anbau unseres fruchtbaren Landes nur von Wenigen beachtet wird, obgleich die Leichtigkeit des Transports ihrer Produkte ihnen einen guten und regelmäßigen Lohn ihrer Arbeit sichert.“