Neu-Braunfels in Texas
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NEU BRAUNFELS in TEXAS
Es ist eine alte Lehre der Geschichte, daß die germanischen Völker die umbildungsfähigsten in Europa sind, wenn sie ihre rauhe Heimath mit einer milderen vertauschen, wo Klima und Sitten einschmeichelnd und erschlaffend auf sie einwirken. Den vollständigsten Sieg errang über sie das romanische Element, so lange die Nationen romanischer Zunge ihnen an geistiger Befähigung und Bildung überlegen waren. Selbst wo Deutsche in Masse und als Sieger sich in südlichen Ländern körperlich schwächerer Völker niedergelassen hatten, verloren sie allmählig die Kraft, das Gepräge der eigenen Nationalität sich unverwischt zu erhalten. Nationalität und Sprache verschwanden, und der Sieger unterwarf sich der geistigen Macht der Sprache, der Sympathien und Lebensformen des besiegten Landes. So sind aus unseren Westgothen ächte Spanier, aus unseren Burgundern die besten Franzosen, aus unseren Longobarden die „Italianissimi“ Italiens geworden.
Diese Lehre hat sich in den Anschauungen der Deutschen über Auswanderung und Kolonisation fest gesetzt. Da Deutschland ohne außereuropäische Besitzungen ist, so waren die Deutschen, welche nicht in preußischem oder österreichischem außerdeutschem Gebiete sich niederlassen wollten, gezwungen, im Bereiche fremder Nationalitäten und Regierungen ihren neuen Herd zu bauen. Es konnte demnach, auch als die Auswanderung aus der Vereinzelung in das Massenhafte überging, der Gedanke an eine Fortsetzung und Bewahrung des heimischen Volkslebens im fremden Lande lange nicht aufkommen. Wo ganze Gesellschaften sich an einer Stätte niederließen und ein Gemeinwesen gründeten, nannten sie zwar die neue Heimath gern mit einem vorgesetzten Neu-etc. nach der alten jenseits des Oceans, aber bis zu dem Gedanken an ein „Neu-Deutschland“ erhoben sich die deutschen Einwanderer selbst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nicht. Höchstens einem „New-Germany“ verstattete man die Möglichkeit einer zukünftigen Existenz.
Trotzdem gelang es günstigen Umständen, einer neuen Lehre in der Geschichte Raum zu schaffen. Weniger Absicht und Wille, als die Verhältnisse, namentlich geographische, waren es, welche in den mittleren und den Nord-Staaten der Union zahlreiche Gemeinden, ja ganze Städte deutscher Bevölkerung entstehen ließen, die, bei [56] aller Loyalität gegen die Ordnungen des Landes, ihr Deutschthum in Sprache und Charakter treu aufrecht erhielten. Diese Erfahrung schuf die neue Anschauung, daß massenhafte Niederlassung abseits vom Verkehrsstrom der herrschenden Nationalität das einzige Mittel zur Gründung und Befestigung deutscher Kolonien und zur Ausbreitung und Erstarkung des deutschen Elementes sei. Und diese neue Lehre ist es, welche dem „Mainzer Vereine“ vorschwebte, als derselbe Texas zum Hauptziel und Sammelpunkte der deutschen Einwanderung in Amerika zu erheben suchte.
Der „Verein deutscher Fürsten zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas“ bildete sich im Jahr 1844. Die Statuten waren von dem Grafen Karl von Castell zu Mainz entworfen. Außer den Herzogen von Nassau (Protektor), Meiningen und Koburg-Gotha, dem Fürsten von Rudolstadt und dem Landgrafen von Homburg zählte der Verein mehre Prinzen regierender Häuser und viele der mediatisirten Fürsten und Grafen zu seinen Mitgliedern. Ausgesprochener Zweck desselben war: „den in den Freistaat Texas einwandernden Deutschen Hülfe und Schutz zu gewähren.“ Das am 9. April 1844 ausgegebene Programm erklärte: der Verein habe Texas sorgfältig untersuchen lassen, im Westen desselben ein zusammenhängendes, noch unbebautes Gebiet von beträchtlichem Umfang erworben, werde jedem Einwanderer ein der Größe der Familie angemessenes Stück Landes zutheilen, das durch dreijährige Bewirthschaftung als freies Eigenthum zu erwerben sei, habe für wohlfeile und gesunde Ueberfahrt und für unentgeltlichen Transport auf Wagen von der texanischen Küste nach der neuen Heimath gesorgt, wo endlich jeder Einwanderer ein eigenes Haus, Vorräthe aller Art, Hausthiere und Geräthschaften zu möglichst niedrigen Preisen bereit finde etc. Als General-Kommissär des Vereins war Fürst Solms nach Texas voraus gereist und berichtete noch vor dem Abgang des ersten Schiffs, das am 18. September mit 120 Auswanderern Bremen verließ, günstig über das zur Ansiedelung erworbene Land. Ueber das Unternehmen erhoben die extremsten Parteien ihre Stimmen zu Lob und Tadel, beide, wie immer, maßlos.
Allerdings fehlte es auch bei diesem deutschen Unternehmen nicht an Mißgriffen. Zu viel Vertrauen in die Unterhändler und zu wenig Einsicht in die Schwierigkeiten der Beförderung großer Menschenzüge durch ein unkultivirtes Land auf Seiten der Beauftragten des Vereins ließen noch im ersten Jahre der Thätigkeit desselben ihre schlimmen Folgen spüren. Von den versprochenen Vorbereitungen zum Transport und zur Ansiedelung war fast nichts vorhanden. Der Verein war vielfach betrogen worden. Die Verlegenheiten mehrten sich im nächsten Jahre, wo 2000 Einwanderer landeten. Aber am verhängnißvollsten wurde das Jahr 1846 für die Ansiedler. Nahe an 3000 derselben waren im Frühjahr angelangt. Von Galveston aus hatte man sie eingeschifft nach Karlshafen an der untern Guadalupe. Weil im Innern die Verpflegung einer solchen Menschenmenge unmöglich gewesen wäre, so mußten sie hier ausharren an der baum- und wasserlosen sandigen Küste. Hier kam die tropische [57] Hitze mit ihren Krankheiten über sie, während der Krieg mit Mexiko alle Transportmittel in Anspruch nahm. Endlich mußte auf den schwerfälligen Ochsenwagen die Weiterreise gewagt werden, und so geschah es, daß auf der mehrwöchentlichen Reise überall Gräber den Weg längs der Guadalupe bezeichneten. Tausend starben, Andere kehrten um, Viele zerstreuten sich oder nahmen Kriegsdienste. Nur 1200 kamen zur Ansiedelung. Im Jahr 1848 verkaufte der Verein sein Eigenthum und löste sich auf.
Scheint nun auch der Erfolg dieser Unternehmung gegen sie zu sprechen, so verdient gleichwohl der Verein Anerkennung: es ist sein Verdienst, zuerst die Blicke der deutschen Auswanderer nach Texas gelenkt zu haben, und die tüchtigen und glücklichen deutschen Kolonien, welche in und um Neu-Braunfels und Friedrichsburg bestehen, verdanken ihm ihre Gründung.
Neu-Braunfels, jetzt Hauptsitz der deutschen Bevölkerung von Texas, liegt auf einer anderthalb Meilen langen und eine halbe Meile breiten wiesengrünen Ebene zwischen dem schmalen Waldstreifen der Guadalupe, die dort in felsigem Bette ihr klares tiefes Wasser stürmisch dahin treibt, dem noch schöner umwaldeten Comal-Creek, steilen Bergabhängen im Norden und sanften Hügelreihen im Süden. Die Stadt ist ein Werk der Noth gewesen. Das eigentliche Besitzthum der Deutschen liegt weiter nördlich auf den Bergen am Colorado. Da aber jener Landstrich zu entfernt von der Küste war für die erste Beschaffung der Lebensmittel, so erwarb der Mainzer Verein diese Ebene und vertheilte sie zum ersten Anbau von Mais und zur ersten Niederlassung. So entstand die Stadt, die gegenwärtig ungefähr 3000 Einwohner zählt, und zwar von der merkwürdigsten Zusammensetzung aus allen Gauen und allen Ständen Deutschlands, von Rhein und Weser, Oder und Elbe, Leine und Spree, Neckar und Bodensee, Gelehrte und Handwerker, Bauern und Soldaten, Bürger und Adel! Diese zusammengewürfelte Bevölkerung, durch Noth geläutert, durch Freiheit gestärkt und reich an intelligenten, nicht einzig der materiellen Noth der Heimath entflohenen Kräften, bildet einen Kern, fest genug, um zum Mittelpunkt eines Staates deutscher Nationalität zu werden, dem die Zukunft, bei der einer unangreifbaren Selbstständigkeit höchst günstigen Lage von Texas, vielleicht Ehre und Beruf eines auch der geistigen Kulturhöhe des alten würdigen Neu-Deutschlands auf der andern Hälfte der Erde zugesichert hat.