Der obere Mühel
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OBER-MÜHL
an der Donau.
„Der weeren twee Königskinner,
De hatten eenarner so leev;
Bi ’nanner kunnen se nich kamen:
Dat Water weer vöels to deep!“
Das ist der Anfang eines uralten ostfriesischen Volkslieds. So lange ist es her, daß den deutschen Königskindern das Wasser viel zu tief war! – Das ist nun anders geworden, erst in unseren Tagen. Die Königskinder überlassen es nicht mehr den kühnen Männern des deutschen Volks allein, über Meer zu fahren, sondern stehen als Herren und Führer selbst an der Spitze ihrer gerüsteten Schiffe. Der Jahrhunderte alte und von dem klügsten Nachbar sorgfältig gepflegte Irrthum, daß Deutschland ausschließlich Landmacht sei, hat ein Ende. Ein Ende hat das Vorurtheil, daß ein Staat ohne überseeische Kolonien keiner Kriegsflotte bedürfe. Auch hier kommen die vom wahren Bedürfniß diktirten Gesetze der Industrie und des Handels zur Geltung, daß überall der Handelsflotte angemessen die Marine der Waffen sein müsse und daß dagegen eine Kriegsflotte ohne Handelsmarine selbst dem reichsten Lande eine zehrende Krankheit sei. Deutschland besitzt, an Schiffs- und Tonnenzahl, ohne Oesterreich, nach Großbritannien und Frankreich, die dritte, mit Oesterreich nach England die zweite Handelsflotte in Europa.
Die germanischen Völker streben zum Meere, sie bewahren von den ältesten Zeiten unserer Geschichte an bis heute den unzerstörbaren Trieb und Beruf zur Seeherrschaft. Wer sich von der Wahrheit dieser Thatsache nicht überzeugen lassen will durch die Geschichte der Angeln, Sachsen, Friesen, der Hansa und der Niederlande, für den liegt das unumstößlichste Dokument noch heute ausgebreitet in Europa’s Mitte: das deutsche Sprachgebiet. Auf der deutschen Sprachkarte hat die Nation die Grenzen ihres Bereichs gezogen, und wie steht das [53] Bild desselben vor uns? Von Dünkirchen in Frankreich bis Riga in Rußland herrscht noch heute die germanische Zunge! Vlämisch und holländisch, friesisch und sassisch sprechen die Männer, die von Dünkirchen bis nahe zur dänischen Königsau am deutschen Meere wohnen. Vlämisch-deutsche Liederfeste bewahren noch heute im Volke das Bewußtsein der alten Stammverwandtschaft, und die Friesen Hollands und Deutschlands halten das germanische Völkerband am Dollart zusammen. Ihre größten Triumphe feierte die deutsche Sprache an der Ostsee. Hier hatte sie fast das halbe Norddeutschland für sich erst zu erobern. Das Slaventhum herrschte bis zur Elbe und die Saale entlang bis zur Grenze von Böhmen. Hier drang zuerst die Religion kämpfend vorwärts. Wohin aber die Schwerter der deutschen Ritter nicht reichten, dahin trugen die Schiffe der Hansa deutsche Kultur und deutsche Sprache. Und so herrschen Beide noch immer an den Küsten der Ost- und der Nordsee weit über die Grenzen des jetzigen Deutschlands hinaus. Wie zwei sehnsüchtig und liebend ausgebreitete Arme strecken sich die Sprachgebiete nach West und Ost die Küsten entlang, – ganz so sehnsüchtig und liebend, wie das gesammte deutsche Volk zum Meere blickt.
Wie im Norden die Meere, sind abwärts von den Küsten und bis hinauf zu den Gletscherbächen der Alpen die schiffbaren Ströme die Lieblinge der Deutschen. Den Germanen ist für das Leben des Wassers ein besonderer Sinn eigen. Wo wäre der Bach in Deutschland, dem nicht irgend eine Sage folgte? Wo der Fluß, dessen Ufer nicht Bauwerke des Stolzes oder der Andacht schmückten? Wo der Strom, der nicht seine begeisterten Sänger hätte? Wo sind die Ströme außer Deutschland, die sich messen könnten mit dem Gesangesreichthum der unseren, von den Rheinliedern ohne Zahl bis zu den G’stanzerln, welche der Donau zu Ehren in den Lüften jubeln? Dafür waren auch die Ströme die Träger der deutschen Kultur. Den Rhein von seinen Quellen bis zu den Mündungen halten die Deutschen umlagert, er verläßt ihr Sprachgebiet nicht; Elbe und Oder entlang drang der Deutschen Herrschaft vorwärts, wieder bis zum Meere; und vom Meere an stromaufwärts schoben die Ordensritter Preußens einen germanischen Keil tief in das Polenland die Weichsel entlang.
Und die Donau? Da, wo unser Bild sie Dir vorführt, ist sie mit nichtdeutschem Volke noch nicht in Berührung gekommen, ausgenommen zur Zeit des großen Römerreichs, wo man am rechten Ufer zeitweise viel Latein sprechen hörte. Die Stelle findest Du so ziemlich in der Mitte der Stromfahrt zwischen Passau und Linz, im zweiten der großen Krümmungsbogen, welche die Donau dort zwischen den Gebirgen der beiden Ufer ziehen muß. Unterhalb Haienbach und wenn man an der in schauerlicher Wildniß klappernden Mühle Schlägleiten vorbeigefahren ist, öffnet sich ein sehr enger Felsenpaß, durch welchen der gepreßte Strom mit allem Ungestüm seiner schwellenden Kraft sich hindurchdrängt. Da, wo die Felsen wieder langsam auseinander gehen, der Strom aber noch zornig fort tobt, liegt auf steilem Felsenufer das Oertchen Ober-Mühl und gleich dahinter braust [54] die große Mühel aus einer Schlucht hervor in die Donau. Die Donau geht aber weiter, ein deutscher Strom, der seinen kulturgeschichtlichen Beruf wohl mitunter eine Zeit lang vergessen, aber nie aufgegeben hat.
Die germanische Kultur schiebt nach Osten vorwärts, im Norden von Preußen aus nach Polen, im Süden von Oesterreich aus in die Länder der Maggiaren und Südslaven, im Norden langsamer und Schritt vor Schritt, weil die Polen mit Nationalität und Religion den Preußen widerstreben, im Süden rasch und in kühnen Sprüngen, weil hier der Deutsche seinem Elemente folgt: der Donau entlang zum Meer! Zwischen Deutsch-Oesterreich und dem schwarzen Meere gibt es nur sehr wenige Städte, wo kein Deutscher wohnte, nicht deutsche Handwerker ihre Zunft, ihre Herberge hätten, wo überhaupt gar nicht deutsch gesprochen würde. Bildet so fast jede Stadt gleichsam eine Station der vordringenden deutschen Kultur, so besitzt dieselbe in der Zips und im Sachsenlande Siebenbürgens zwei große befestigte Lager, von denen das letztere in nicht langer Weile seine Dampfrosse bis zu den Mündungen der Donan senden wird. Mit diesen Dampfrossen werden die 112 Lloyd-Dampfer der Donau wetteifern, die von der deutschen Kaiserstadt zum Meere eilen, und es ist alsdann durchaus nicht anders auszudrücken, als daß das Deutschthum seine Bahn nach Osten sich mit Dampf bricht.
Ich darf die einmal hervorgesuchte Sprachkarte nicht weg legen, ohne unseren Lesern noch Etwas verrathen zu haben, welches das von mir so eben arg gehätschelte germanische Selbstgefühl wieder in bescheidene Haltung bringt. So viel wir im Osten zu gewinnen scheinen, so viel und weit mehr haben wir im Westen verloren: die Niederlande und die Schweiz, Lothringen und Elsaß sind politisch seit Jahrhunderten entdeutscht; jene selbstständigen Länder bewahren sich Nationalität und Sprache, von den an Frankreich gefallenen deutschen Provinzen ist Lothringen auch sprachlich für Deutschland bereits verloren. Das Elsaß schützen noch die Vogesen und die Mütter und vor Allem die Kinder des Volks auf dem Lande vor demselben Schicksal. Die Städter und die Männer hätten längst den vielen äußeren Einflüssen der vom Westen herein brechenden Civilisation des Reichs der Mode nachgegeben, und die unaufhörlichen Bemühungen der Behörden würden auch die sorglichen Bestrebungen der elsässischen Dichter, Schriftsteller und Volksfreunde nutzlos zu machen wissen, das Alles wäre so ohne Anstrengung und Aufsehen zu beseitigen gewesen und längst erklänge um Erwins steinernen Riesengedanken kein heimisch-deutscher Laut mehr, ja, wenn die Gebirge keine Völkerschutzmauern und – wenn die Kinder nicht wären!
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Da waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb;
Zu einander konnten sie nicht kommen:
Das Wasser war viel zu tief!