Die Geburtsstätte des Heilandes
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Die GEBURTSSTÄTTE des HEILAND’S
Flimmert’s im Thale vom Gold der grüßenden Sonne? Zu Füßen
Meinem erhebenden Berg prangen die Auen im Schmuck.
Ueber die Wälder empor erhob sich der strahlende Morgen,
Ueber den Fluren des Thals schwebet die segnende Hand.
Siehe, zum Lobe des Herrn erwachten die Lande im Festschmuck,
Sonntagfestlich begrüßt Himmel und Erde mein Aug’.
Sonntagmorgen, warum erfüllst du mit heiliger Weihe
Jedem das Innere, der treu sich zum Kreuze bekennt?
Sind es die Glocken des Thals und die schallenden Kirchen der Berge?
Weckt erst mahnend ihr Ruf in Dir den feiernden Ernst?
Blick in des Urwalds Nacht im entferntesten Westen des Glaubens,
Wo die Verlassenheit nur Leben und Lieben umringt:
Rauschende Wipfel allein verkünden den nahenden Morgen,
Aber die Feier des Herrn schmückt auch dem Farmer das Haus,
Schmücket das Weib und die Kinder am Leibe und schmückt sie im Herzen,
Ferne von Glocke und Klang weiht sie das stille Gebet.
Sind es die ragenden Dome und Thürme der Pracht, die emporziehn?
Glaubensfeier, wie wär’ deine Gemeinde so klein!
Oder erhebt nur die Kunst begeisterungsselig die Sinne?
Schimmert der Glorienstrahl uns durch das Aug’ in die Brust?
Schwebt auf den Flügeln des Sangs, auf den schwellenden Tönen der Orgel,
Auf der Harmonie Wogen die Feier in’s Herz?
Blick in die Wüste, es geht durch die Meere des Sandes der Sonntag,
Blick auf die Puszta, Du siehst betende Hirten dort stehn!
Blick auf die Wellen der See, der Sonntag weihet die Segel
Jeglichem Schiffe in dem Dome von Himmel und Meer.
Ist es des Predigers Kunst, die gewaltigen Wortes den Tag preist?
Tausende feiern daheim, beten im Kämmerlein still.
Ist’s nicht das Glockengetön, der ragende Dom nicht, die Kunst nicht,
Die an dem Tage des Herrn Feier gebietet dem Fest, –
Sprich, was ist es? Was hält mit der Hand unendlicher Allmacht
Segnend empor das Kreuz über die betende Welt?
Siehe, das ist der Gedanke, dem Geiste gegeben durch Christus:
Daß ein ewiger Gott Himmel und Erde regiert!
Daß Millionen der Menschen sich fühlen in Einer Gemeinschaft,
Welche die Erde umfaßt: ihrer Gemeinschaft in Gott!
Freie Bürger im Reiche des göttlichen Sohnes auf Erden,
Glücklich der Seligkeit hier ihrer Vereinigung dort,
Denn es erhebet das Herz der Glaube zum liebenden Vater,
Daß für den Himmel geweiht werde das hoffende Kind!
Das ist die Hand von unendlicher Macht: der Gedanke von Christus!
Er hält segnend das Kreuz über die betende Welt!
Klang und Gesang und Gebet umströmet die Erde, ein Weltstrom!
Kennst Du die Quelle des Stroms? – Folge! – Wir stehen davor.
Dort liegt Davids Stadt, aufsteigend am Fels. Und zur Rechten,
Von Terebinthen umsäumt, grünet das Feld des Gesangs:
Wo aus dem Munde der Engel den Hirten verkündet das Heil ward,
Wölbt auch der Himmel sich noch, den einst bestrahlte der Stern.
Laß uns die Stadt durchschreiten. – Wir stehn am lateinischen Kloster.
Poche nur! – Prior, wo geht nieder zur Grotte der Pfad?
Tausendjährigen Säulen und Bildern vorüber im Kreuzgang
Führt uns der gläubige Mann zu der Basilika Thor,
Welche der „heiligen Frau von der Krippe“ der Glaube geweiht hat.
Teppiche, herrlich durch Kunst, schmücken dort Säule und Wand.
Aber wir wallen hindurch. Tiefabwärts eilenden Stufen
Folgend, durchzuckt uns ein Strahl, strahlet ein Licht in der Nacht
Heller und heller mit jeglichem Schritt, und nun blendender Lichtglanz!
Jubelnd begrüßt Dich das Herz, heiligste Grotte der Welt!
Mächtiger Fels des Gebirgs umlagert gar sorglich die Höhle,
Oeffnend zum Feld des Gesangs pilgernden Frommen den Gang.
Aber im Grunde hat Liebe und Glaube geschmücket die Stätte,
Golden erglänzt das Gewölb, strahlend in Pracht der Altar,
Marmorn weiß darunter die Nische, von Lampen umhangen,
Und auf dem Boden ein Stern! – Beuge die Kniee und lies:
„Hier hat Jesum Christum geboren Maria, die Jungfrau.“[1]
Hier ist die Quelle des Stroms, welcher die Erde umströmt.
Geist ist der Strom. Es irrten die Geister verlassen in Nacht um,
Bar des Stabes zum Gang, bar auch zum Gange des Ziels.
Stab und Ziel, das steckte und bot der Erlöser den Menschen,
Zündend ein ewiges Licht an in den Häuptern dem Volk.
Neu ward die Staffel gebaut aufstrebender Lebensgestaltung,
An Manchfaltigkeit reich hob ihr Gebild sich empor.
Gott in der Höh’ ist der schaffende Geist, der Erhalter der Welten,
Der die Sphären des Alls liebebeseelend durchdringt.
Fest ist gebahnet der Pfad zum Ziele, dem höchsten und letzten:
Heiligung Aller in Gott bis zur Beseligung dort!
Menschen ein menschliches Bild der göttlichen Liebe und Weisheit
Predigte Christus den Muth gegen den irdischen Tod.
Samen der Helden im Geist ausstreuend erhob er die Menschheit,
Endlich „durch Wahrheit frei“, zu der Verwandtschaft mit Gott.
Sieh, wie geweihet das Leben fortan den gestaltenden Trieb regt!
Wie die Gesittung im Staat schafft mit gewaltiger Hand!
Sich, wie die Willkür stürzt und das Recht mit dem Schwert sich umgürtet!
Und am Familienbaum blühet der Segen des Volks!
Sieh, wie den Kindern zu Liebe im alternden Herzen der Glaube
Immer von Neuem ergrünt, labend und stützend zugleich!
Wo nur der Tod und die Nacht gestanden am Thore des Lebens,
Reiht, der Verherrlichung froh, Leben an Leben sich an,
Strahlt das verklärende Licht auf der Sterbenden letzte Gemeinschaft,
Daß sie, zum Leben in Gott weihend, auf ewig verklärt.
Aber, wie Christus einst, ward auch sein Glaube gekreuzigt.
Durch wie viel Blut, wie viel Koth zerrten und schleiften sie ihn!
In der Versuchung Nacht umarmten einst Tücke und Wahn sich.
Zähle die Opfer, die all’ ihre Umarmung verschlang!
Wahn und Tücke erzeugten des Hochmuths Schwester, die Herrschgier,
Die mit der Habgier bald schloß den unseligen Bund.
Nimm der Geschichte besudeltste Blätter, die Fahnen des Kreuzеs
Liegen darauf, und das Kreuz ziert des Verbrechers Gebein!
Weil es der Tücke gelang, den Geist in die Form zu versperren,
Wirft anbetend der Wahn sich in den Staub vor der Form,
Stellt mit dem Schwert sich davor und mit Feuer und Galgen, wenn furchtlos
Schlägt an des Geistes Verließ eine gewappnete Faust.
Wie viel Opfer verschlingt die Flamme! Wie würgen die Kerker!
Ja, hohnlachend ersinnt Marter auf Marter der Wahn!
Manch’ Jahrhundert erfüllte der Kampf um des Geistes Befreiung
Aus der verknöcherten Form, bis sie zersprengte der Geist. –
Sahst Du die Stätten, wo einst der gemordete Glaube geschmückt lag?
Heilige Feier war da, daß man ihn täglich begrub!
Täglich begrub vor dem Volke, das, stumm, nur das Eine erkannte,
Ob der Kreuze Du mehr, oder ob weniger schlugst!
Stätten gab’s, wo der Glaube nur galt als gefügiges Leitseil
In der Gewaltigen Hand nach der Gewaltigen Ziel!
Auch die Stätten hast Du erkannt stolzirender Weisheit,
Wo in der Theologie Banden die Religion
Barmte umsonst nach erquickendem Born! Ja, noch Andere sahst Du,
Die nur dem Teufel zu Lieb’ wahrten den Glauben an Gott!
Heilige Leuchte der Welt, du warst in den Häuptern erloschen,
Und in den Lampen allein brannte das ewige Licht.
Endlich erwachte der Morgen! Aufathmete Glauben und Leben!
Und von der Liebe erhöht strahlet gereinigt das Kreuz!
Todt ist der Wahn und die Tücke gestorben, die bösen Geschwister
Deckt die entsetzliche Nacht in der Vergangenheit Grab.
Bald wird kommen der Tag, wo erbarmende Liebe allein herrscht,
Wo auf der Wahrheit Fels thronet der Glaube und spricht:
Wer in der Liebe lebet, der lebet in Gott und in ihm Gott! –
Glückliche Zeiten, ihr naht von Millionen ersehnt!
Glückliche Zeiten, o segnet mein Volk, das sehnendste! – – Oder
Ist der Versuchung Nacht, Gott, ist sie noch nicht vorbei?
- ↑ Die in Silber getriebene Schrift in dem Kreis um den Stern lautet: „Hic est natus Christus de virgine Maria.“