RE:Manilius 6
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Dichter der Astronomica 1. Jh. n. Chr. | |||
| Band XIV,1 (1928) S. 1115–1133 | |||
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6) Manilius, Dichter der Astronomica. Inhalt. 1. Name und Leben. 2. Inhalt des Gedichtes. 3. Die astronomischen und astrologischen Quellen. 4. Nachahmung. 5. Ästhetische Würdigung. 6. Fortleben. 7. Handschriften. 8. Ausgaben usw.
1. Name und Leben. Der wahre Name des Dichters scheint M. Manilius gewesen zu sein 60 (Man. Teitausg. v. Wag. IX). Einmal wird er im Matritensis M. Manilius Boetius (nicht Boenus, Vollmer Berl. phil. Woch. 1904, 107 Anm.; van Wageningen Mnem. XL 111) genannt; aber dieser Beiname ist wahrscheinlich aus einer Verwechslung mit dem Verfasser der Bücher de consolations philosophiae Anicius Manlius Torqua-tus Severinus Boethius zu erklären. [Im Lipsiensis [1116] steht auf radierter Stelle: Arati philosopha Astronomicon liber primus incipit und darüber von ganz junger Hand: Marei Manily. Über die Entstehung des falschen Titels Aratus durch ein Corpus astronomischer Schriften vgl. Maaß Comm. in Aratum rell. XXXI. Bechert De M. Manilio Astronomicorum poeta 4.] Da der Dichter von keinem sonstigen Schriftsteller im Altertum erwähnt wird (selbst sein Ausschreiber Firmicus Mailternus deutet ihn nur in versteckter Weise an, math. VIII 6. 7, nennt aber seinen Namen nicht), ist sein Lebensalter und die Abfassungszeit seines Gedichtes aus den Astronomien selbst zu entnehmen. Dabei hat man von der Stelle I 898–903 auszugehen, wo die Erwähnung der Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) ein unbestreitbares In-dicium bietet. Die Art der Beschreibung zeigt, daß nach dieser gewaltigen Niederlage der Römer noch nicht viele Jahre vorübergegangen sein kön-0 nen. Weiter wird im ersten Buche mehrfach auf
Augustus als lebend Beziehung genommen (I 7. 385. 913), auch I 800 caelumque replevit, quod regit Augustus socio per signa Tonante, denn wie der Dichter schon v. 385 Augustus einem astrum gleichstellt, so stellt er sich hier den Kaiser auf Erden vor, zusammen mit Iuppiter im Himmel regierend (anders Bannier Rh. Mus. LXXV 73–74, der Caesar auf Tiberius bezieht). Ebenso ist es kaum glaublich, daß Augustus schon) gestorben sein sollte, wenn der Capricornus (II 509) glücklich gepriesen wird, weil er dessen Horoskop ist. Die Bücher I und II sind also zwischen 9 n. Chr. und 14 n. Chr. (Augustus’ Todesjahr) verfaßt worden (A. K r ä m e r De Manilii qui fertur Astronomicis 36). Von den übrigen Büchern weist das IV. auf die erste Regierungszeit des Tiberius hin, IV 764–766: est Rhodos, hospitium recturi principis orbem tumque domus vere solis, cui tota sacrata est, cum caperet lumen magnt) sub Caesare mundi, wo der Dichter es schon wagt, den neuen Kaiser an den secessus Rhodius (Tac. ann. I 4. IV 15) zu erinnern; da aber in den Schlußzeilen desselben Buches der verstorbene Augustus princeps im Himmel heißt, IV 935 maius et Augusto crescet sub principe caelum, stand damals Tiberius noch am Anfang seiner Regierung, so daß er durch das Wort princeps nicht verletzt werden konnte (Garrod Intr. Man. II p. LXIV). Endlich gibt es noch eine Stelle im V. Buche, wo M. vielleicht auf das im J. 22 n. Chr. abgebrannte Theater des Pompeius anspielt, V 515: [Pompeia reteris monumenta triumphi) non exstincta lue (?) semperque re-centia flammis (vgl. Jacob ed. Man. XVI. Lachmann Kl. Schr. II 42. Freier De Man. Astr. aetate 43. van Wageningen Mnem. XLVIII 189–192, DagegenKrämer a. O. 54). Inzwischen scheinen die Astronomica schon vor dem J. 17 n. Chr., also vor der Veröffentlichung des ganzen Gedichtes, dem Germaniens bekannt gewesen zu sein, als er seine Aratea herausgab, denn seine Abhängigkeit von M. (vgl. besonders Germ. Arat. 184 und Man. V 23) ist nicht zu leugnen/ wie Möller Stud. Man. 38–41 dargetan hat. M.s Lebenszeit fallt also unter die Regierung von Augustus und Tiberius und sein Gedicht ist zwischen 9 n. Chr. und 22 n. Chr. verfaßt worden. Diese Annahme wird noch durch einen Vers im [1117] ersten Buche bestätigt, wenn wirklich die Worte über Orpheus I 329 tune silvas et saxa trahens, nunc stdera dueü eine Reminiszenz sind an Ovid. trist. IV 1, 17, welche Elegie nicht vor 12 n. Chr. in Rom bekannt war, und an Ovid. met. XI 1–2. Kurz nach 22 n. Chr. ist M. wahrscheinlich gestorben (I 115), denn sein Versprechen, nach den Fixsternen auch von den Planeten zu handeln (II 750. 965. III 156. 585. V 4), hat er nicht mehr erfüllen können. Seit Bentley (ed. Man. 1739 praef. X) ist vielfach bezweifelt worden, ob M. wohl ein Römer gewesen sei, besonders weil man an seiner Sprache Anstoß nahm. Aber abgesehen davon, daß er sich selbst öfters als Römer bezeichnet und seine Sprache der griechischen gegenüberstellt (van WageningenComm. in M. 14), sind die Eigentümlichkeiten seiner Poesie erst nach Bentley besser untersucht und beobachtet worden (von Woltjer De Manilio poeta 30–40 und Cramer De Man. elocutione 21–55) und ist man zum Eingeständnis gekommen, daß die Astronomica ihre Sonderbarkeiten im Gebrauch der Präpositionen und Modi haben, auch Idiotismen und Vulgarismen aufweisen, aber daß diese nicht ausreichen zur Begründung der früheren Annahme, M. sei ein Nichtrömer gewesen. Vielmehr erklären sie sich aus der Sprödigkeit des Stoffes (vgl. Teuffel RLG § 253, 5. Schanz RLG3 II 2, 35. van Wageningen Conim. in Astr. 14. Krämer Ort und Zeit der Abfassung der Astronomica 14), die den Dichter nötigte, das gewöhnliche Geleise zu verlassen und ihn mehrfach zwang, mit seinem Gegenstand zu ringen, teilweise auch aus seiner geringeren Begabung. Vgl- W. Kroll Stud. z. Verständn. 197.
2. Inhalt der Astronomica. Obgleich M. sein ganzes Gedicht Astronomica genannt hat, paßt dieser Titel nur auf das I. Buch (I), das die astronomische Grundlage für die folgenden Bücher bildet, welche die Astrologie enthalten, sich aber nur mit der Wirkung der Fixsterne, besonders der Gestirne des Tierkreises befassen, während die Behandlung der Planeten vom Dichter bis auf später verschoben worden ist. Im Proömium rühmt er sich, er sei der erste, der in lateinischer Sprache die Sterne besungen hat. Er ignoriert also Ciceros Aratea und hat gewiß Germaniens¹ astronomisches Gedicht noch nicht gekannt (s. o.). Seiner schwierigen Aufgabe bewußt, wird er diese nur unter den Auspizien des Augustus und mitten in Friedenszeit erledigen können. Es wird ihm nicht genügen, den Lauf der Sterne kennen zu lernen, sondern er will ins Herz des Himmels (17: praecordia mundi) eindringen. Es sind die Götter, die den Menschen, zuerst den Königen und Priestern, die Kenntnis des Himmels gegeben haben. Vorher waren sie roh und ungebildet ohne Verständnis der Himmelszeichen, aber der sagax usus (83) hat ihnen die Vernunft gebracht. So ist der Mensch selbst zum Himmel emporgestiegen, denn er wollte totum animo ccmprendere caelum (108). Nach dieser Einleitung fangt M. an, sich zu seiner großen Arbeit zu ermuntern (113: hoc mihi surgit opus) und erst die Form und den Ursprung der Welt, die vier Elemente, die Stelle der Erde im Weltall .und ihre Gestalt zu beschreiben, um diesen Teil mit dem Glaubensbekenntnis abzuschließen, daß dies alles von der [1118] vis animae divina (250) regiert wird. Jetzt folgt die eigentliche Astronomie, die Behandlung des Zodiacus, der Himmelsachse, der arktischen Sterne, des nördlichen und südlichen Sternenhimmels und der Natur der Gestirne. Darauf tritt wieder ein Intermezzo ein, worin M, nochmals seinen Glauben an den Weltengott bezeugt (484. mundum divino numine verti atque ipsum esse deum), dann fährt er fort, die Distanz zwischen Himmel 10 (= Zodiacus) und Erde, die Größe der zwölf Teile der Ekliptik, die Parallelkreise, die Koluren, die zwei beweglichen Kreise (Meridian und Horizont), die Ekliptik selbst und endlich den Milchweg seinen Lesern vorzuführen. Bei letzterem hat er Gelegenheit, sein poetisches Talent zu zeigen, indem er eine Durchmusterung hält der griechischen und römischen Heroen, deren Seelen den Milchweg bewohnen. Das Buch schließt mit einer Abhandlung über die verschiedenen Arten der Kometen und deren Ankündigung von Seuche und Krieg. (II) Nach einem Überblick (1 – 56) über die Leistungen seiner Vorgänger im Epos, besonders im Lehrgedicht (Homer, Hesiod. Arat. Theokrit, Boio, Nikander, Grattius, Aemilius Ma-cer; Lucrez und Vergil nennt er nicht, obgleich er deren Gedichte sehr gut kennt), stellt M. es als seine Aufgabe hin, das Walten der Gottheit zu besingen, welche des Erdbewohners Geschick an die Gestirne geknüpft hat (57–149). Eben weil der Mensch selbst ,ein Teil der Götter¹ ist, kann er den Himmel kennen lernen (115–116: quis caelum possit nisi caeli munere nosse et reperire deum, nisi qzd pars ipse deorum, welche Verse Goethe am 2. September 1784 ins Brockenbuch geschrieben hat, Boll Sterngl. und Sternd. 100. Schanz RLG³ II 2, 36, 2). Dann folgt die Astrologie des Zodiacus; sie behandelt (150–269) die zwölf ζφδιά nach ihrer Natur (M. gibt zehn Einteilungen, van Wageningen Comm. in M. Astr. 40 116), (270–432) nach ihrer Stellung zueinander (signa trigona, quadragona, hexagona, adversa), (433–452) nach Unterordnung unter die zwölf Götter Minerva, Venus, Apollo, Mercurius, lup-piter, Ceres, Vulcanus, Mars, Diana, Vesta, Iuno, Neptunus (über diese Reihe vgl. vanWageningen 131), (453–465) nach ihrer Herrschaft über die menschlichen Glieder (caput, cervices, umeri, pectus, latera, venter, dunes, inguen, femora, genua, crura, pedes, vgl. van Wageningen 133), (466–519) nach ihren Beziehungen untereinander (das Sehen, Hören, Liebhaben und Hassen der ζώδια). Sodann vertieft der Dichter sich (520–538) in die Feindschaft der trigona und (539–579) die der einzelnen Tierkreiszeichen, vergleicht die auf der Erde herrschende Zwietracht mit der unter den Gestirnen (579–607) und zeigt (608–686) den Einfluß der sidera cognata auf die unter ihnen Geborenen, auch die Art und Gesinnung des einzelnen Gestirnes und dessen alwnni (je 60 nach der Konstellation in quadrato, trigono, hexagono, diametro). Hieran schließt sich (687–787) die Zwölfteilung eines jeden Tierkreiszeichens, die sog. dodecatemoria, in welche Teile M. nicht die Planeten, sondern die zwölf signa selbst in der bestimmten Reihe, aber mit stets wechselndem Anfang versetzt. Er kennt jedoch auch noch eine Fünfteilung jedes dodecatemorion, das er merkwürdigerweise dodecatemorii dodecatemorium (740) [1119] nennt, und hier hat er die Planeten untergebracht (745: in quocumque igitur stellae quandoque iocatae dodeeatemorio fuerini, spectare decebit), aber nach seiner Gewohnheit geht er auf diese Planetenstellnng nicht weiter ein. Das Hauptmoment dieses Buches ist für das Ende aufgespart: es ist die Behandlung der 4 cardines κέντρα oder Hauptpunkte des Geniturkreises (788–840): ortens (horoscopus), medium eaelum, occasus, imum eaelum, eigentlich eine Neueinteilung der Ekliptik, wobei das Horoskop der Durchschnittspunkt des Horizontes mit der Ekliptik im Osten ist im Àugenblick der Geburt und medium eaelum der Durchschnittspunkt im selben Augenblick des Meridians mit der Ekliptik, wahrend ooeasus und imum caelum diesen gerade gegenüberliegen (van Wageningen 149–150). Nachdem M. die Bedeutung dieser Hauptpunkte für das menschliche Leben auseinandergesetzt hat, schildert er (841–855) die vier Intervalle zwischen den car- i dines und schließt sein Buch (856–958) mit der Beschreibung der zwölf Häuser des astrologischen Himmelskreises, der sog. duodecim loca oder tem-pla caeli, unter denen das zehnte (MC) nach der Horoskopstellung das bedeutendste bleibt (van Wageningen 4, 5). – (III) at mihi per numéros ignotaque nomina rerum... luctandum est (31), so singt M. im Proömium (1–42) seines dritten Buches, in welchem er sich bewußt ist, einen schwierigen Gegenstand für seine Poesie 3 gewählt zu haben; aber die sagenhaften und vielbesprochenen historischen Stoffe sind ihm zuwider, er sucht nur Wahrheit, keine süßen Lieder (37: veras et aceipe voees. 38: nee duleia carmina quaeras. ornari res ipsa negat, contenta doeeri). Auch klagt er, wie Lucrez, über die Armut der lateinischen Sprache (40–43), die ihn nötigt, bisweilen das griechiscne Wort beizubehalten [II 694. 909. IV 818. V 646). Das wird sich wohl zunächst auf den Ausdruck athla beziehen (eo-4 cant Graii 162), der indessen in dieser Bedeutung in der griechischen Literatur noch nicht belegt ist. Die atMa oder sortes (κλήροι) sind die Zwölfteile des dritten astrologischen Kreises, den M. – hierin von den andern Astrologen abweichend, die eine Siebenteilung haben mit Ansetzung der sieben Planeten in die sieben sortes – mit zwölf Perioden des menschlichen Lebens in Beziehung gebracht hat (43–159). Von diesen zwölf κλήροι ist der der Fortuna der erste und wich- 50 tigste. Wie dieser bei Tag- und Nachtgebnrt gefunden wird, bat M. 160–202 auseinandergesetzt. Dieser läßt sich aber nicht ausfindig machen, wenn man nicht zuerst den östlichen Durchschnittspunkt der Ekliptik mit dem Horizonte im Augenblick der Geburt, d. h. die Stelle des Horoskops, genau bestimmt hat (203–296). Aber dabei darf man nicht die gewöhnliche Methode anwenden, die jedem der zwölf Tierkreiszeichen den zwölften Teil der 24 Stunden für seinen Auf- und seinen 60 Untergang gibt, denn diese Rechnung ist falsch, weil die Ekliptik schief liegt (225: sed iacet obliqua signorum circulus orbe) und die Zeichen also das eine mehr, das andere weniger als zwei Stunden zu ihrem Auf- und Untergang brauchen. Außerdem ist nur mit gleichen Aquinoktialstun-den zu rechnen (247–274), deren Tag und Nacht je zwölf gleiche haben (245: si modo bis senae [1120] servantur luce sub omni). Demgemäß wird (275–300) eine Tabelle der Stadien (= Halbgrade des Äquators, wie Housman Man. III praef. XIV richtig gezeigt hat) und der Äquinoktialstun-den (Halbgrad = 2 Minuten) gegeben, deren jedes signum zu seinem Auf- und Untergang bedarf. Aber dies genügt dem Dichter noch nicht. Er weist darauf hin (301–384), daß bei verschiedener Polhöhe auf der Erde auch die Länge der 10 Tage und Nächte wechselt, und so entwirft er jetzt eine neue Tabelle, mit welcher Hilfe man bei jeder Polhöhe die Dauer der Auf- und Untergänge berechnen kann (385–442). Wie die Grade des Äquators, um das Horoskop zu finden, in Grade der Ekliptik umgerechnet wurden, läßt sich leicht vermuten (van Wageningen 171, 1). Els folgt dann bei M. ein Exkurs über das Wachsen und Abnehmen der Tage und der Nächte in den einzelnen Monaten des Jahres (443–482), dem sich eine neue Methode, das Horoskop zu finden, anschließt (483–509), welche jedoch vom Dichter selbst vorher abgelehnt worden war (218). Ist einmal das Horoskop gefunden, so wird der Zodiacus zum χρονοκράτωρ (510–559), d. h. zur Uhr des ganzen Lebens. Das erste Jahr kommt unter die Tutel des Zeichens, in dem die Sonne bei der Geburt stand, der erste Monat hat das Zeichen zum Herrn, in dem der Mond damals war, der erste Tag und die erste Stunde gehorcht dem signum horoscopans, während die Übrigen Jahre, Monate, Tage, Stunden den folgenden Zeichen der Reihe nach zufallen. Aber M. kennt noch ein anderes System, das das Horoskop zum Ausgangspunkt aller Zeitteile macht. Es bleibt dann noch übrig, eine Berechnung der Lebensdauer zu geben, die aus den Jahren, die jedes signum (560–580) und jedes templum caeli (581–617) dem Menschen gibt, herzuleiten ist. Der Epilog (618–682) behandelt die signa tropica (Cancer Capricomus) Aries Libra) und gibt zum Schluß eine schöne Beschreibung der Jahreszeiten; aber wie diese signa tropica auf das Menschenlos einwirken, wird nur ganz kurz angedeutet (666: quattuor haec et in arte votent, ul tempora vertunt). Besonders wirksam wird der Grad im Zeichen genannt, der den Wechsel der Jahreszeit bezeichnet; aber der wievielte dieser ist (8°, 10°, 1°), darüber herrschen verschiedene Ansichten, und M. selbst bleibt sich in dieser Hinsicht nicht gleich. – (IV) Das iProömium des IV. Buches lehrt uns (1–121), daß Seelenfrieden nur zu gewinnen ist durch die Überzeugung, daß das Schicksal sowohl in der Geschichte als im Leben des einzelnen wa'tet. Wir Menschen aber leben, als würden wir immer leben, und leben dennoch nimmer (5): victuros agimus semper nec vivimus umquam. Das Fatum beherrscht die ganze Welt (14): fata regunt orbem, eerta stant omnia lege, und in unserer Geburt ist schon unsere Todesstunde enthalten (16): na~ scentes morimur finisque ab origine pendet. Dennoch soll diese Lehre das Moralgesetz und den Unterschied zwischen Gutem und dem Bösen nicht aufheben (117): nec refert scelus unde codât, scelus esse fatendum, denn der schlechte Mensch ist den mortiferae herbae gleich, beide hassen wir, obwohl sie non arbitrio (sc. suo) veniunt, sed semine certo (111). Nach dieser philosophischen Betrachtung Über den freien Willen gibt [1121] M. eine allgemeine Charakteristik der Tierkreisbilder und fügt jedesmal eine ausgezeichnete Beschreibung der Sitten, der Haltung, des Berufes und des Geschickes der Menschen, die unter den}} signa geboren sind, hinzu (122–291). Da aber das Los und der Charakter der unter demselben Gestirn Geborenen so verschieden ist, haben schon die alten babylonischen Astrologen eine Erklärung dafür gefunden in der Verschiedenheit der Teile jedes Bildes. Sie kannten eine Einteilung des Tierkreises in 36 δεκανοί Oder δεκαμοιρίαι, je drei zu jedem signum, und setzten in jedem Teil von zehn Graden (oder zehn Tagen, da die Sonne roh ausgedrückt etwa einen Tag zum Durchlaufen eines Grades braucht) eine Gottheit an, die lateinisch decäni genannt werden, während die griechischen Astrologen in dieser δεκανοί den Planeten einen Platz gaben. M. aber zieht wiederum die Tierkreiszeichen den Planeten vor und läßt drei hintereinander folgenden Zeichen die Herrschaft in einem Bilde, so daß jedes Zeichen dreimal (36 :12) deoanus in einem anderen wird, und die in Trigonstellung sich befindenden Zeichen dieselben deeani erhalten (292 – 408). Aber es genügt nicht, die Dekane zu kennen: man soll auch den Teilen der Ekliptik Rechnung tragen, die durch eine ungleiche Mischung der vier Elemente ihren alumni schädlich sind, partes dam-nandae (409–501). Ebenso ist der erste Grad der meisten Zeichen nicht zu vernachlässigen, denn auch er hat für den neuen unter ihm geborenen Weltbürger eine besondere Bedeutung (502–584). Dann geht M. mit den Worten: nunc âge divertis dominantia sidéra terris per-cipe (585) zu der astrologischen Geographie über, gibt erst einen Abriß der allgemeinen Erdkunde, sodann eine Verteilung der Länder unter die Herrschaft der zwölf signa (584–817). Der letzte Teil des Buches ist mehr wie ein poetisches Ornament als wie eine Fortsetzung der astrologischen Lehre zu betrachten: er soll dem ermüdeten Leser eine Erholung bringen. Der Dichter kündigt (818–865) die von den Stoikern gepredigte ἴκπνρωσις, den Feuerbrand des Weltalls, an und schließt darauf aus dem ewigen Wechsel aller Dinge 838: longo mutantur tempore cuncta at· que Herum in semet redeunt. Ebenso verlieren auch zwei einander gegenüberstehende Zeichen, wenn in einem der beiden eine Mondfinsternis stattfindet, ihre Kräfte und trauern über Lunas Tod 847: et velut elaiam Phoeben in funere lu-gent; ihnen folgen die anderen Zeichen (signa eeliptica) der Reihe nach, aber κατὰ τὰ ἠγούμενα, in der Reihenfolge, wie die Zeichen aufgehen (qua mundus agit cursus). Den Höhepunkt seiner Dichtung erreicht alsdann M., wenn er im Epilog den Menschen als μικρό; κόσμος schildert und denen gegenüber Stellung nimmt, welche den Glauben an die hohe Herkunft des Menschen durch ihre Redensarten zu verringern suchen. Er fragt sie 876: perspieimus eaelum; cur non ei munera caeli? Oder hält ihnen vor 893ff. quid mirum, noseere mundum si possunt homines, quibus est et mundus in ipsis, exemplumque dei quisque est in imagine parva ? Der Mensch hat seine sidereos oculos-(907), seine sonnenhaften Augen, die die Fähigkeit der Seele zur Gottes-erkenntnis erweisen. Daher warnt er 928: nee [1122] contemne tuas quasi parvo in corpore vires*, denn parvula... totum pervisit pupula caelum (927). Er ist sich der Größe der menschlichen Psyche bewußt, die das ganze Weltall umfassen kann: ratio omnia vincit (932). Man trage also kein Bedenken, dem Menschen göttliche Erkenntnis zuzuschreiben, der Mensch macht sich schon seine eigenen Götter: iam facis ipse deos mittisque ad sidera numen, maius et Augusto crescet sub principe caelum (934–935). – (V) ,Ein anderer Dichter*, sagt M., .würde jetzt mit seinem Gedichte aufhören und nach der Behandlung der Tierkreiszeichen vom Bimmel herabsteigen* (1–31). Er, M., will aber auch von den Kräften der anderen Fixsterne erzählen, was sie beim Aufgang, was beim Niedergang bewirken und mit welchem Grade des betreffenden Tierzeichens sie auf- und untergehen (28–29) quid valeant ortu, quid cum mergunlur in undas, et quota de bis sex astris pars quemque (quaeque Jacob) reducat.
Es ist die Lehre der ἤαρανατελλονχα, wie die griechischen Astrologen sie nennen (Boll Sphaera 75–88), die uns jetzt in schönen Versen vorgeführt wird. Indessen ist nur die Beschreibung der Aufgänge erhalten (32–692), sei es, weil die Untergänge in einer großen Lücke nach v. 710 verlorengegangen sind, wie Scaliger u. Breiter behaupten, oder weil M. seinem Versprechen, auch über die Bedeutung der Untergänge zu berichten, überhaupt nicht nachgekommen ist. Jedenfalls hat Firmicus Maternus (Boll Sphaera 402), als er im VIII. Buche seiner Mathesis den M. nachahmte, keine Untergänge vorgefunden. Da M., wie die anderen Astrologen, sich die nördlichen und südlichen Sterne und Sternbilder in einer gewissen Abhängigkeit vom Tierkreise denkt, werden diese samt ihrem Aufgang und ihrer Wirkung nach den Graden der Ekliptik vorgeführt. Dabei hat sich aber der Dichter in der Bezeichnung des 40 Grades öfters geirrt (van Wageningen Comm. 266), da er nicht immer den Ausdruck παρανατέλλειν, der auch von anderen Stellungen am Himmel als dem Aufgang gebraucht wird, in seinen griechischen Quellen verstanden hat und in dieser Partie seines Gedichtes sicher keinen Globus angewendet bat (Boll Sphaera 383, 1), der ihn leicht eines Besseren hätte belehren können. Also gesellen sich nach M. zum Widder (32–139) Argo, Orion, Heniochus, Haedi, Hyades und Capella, zum Stiere (140–156) die Pleiades, zu den Zwillingen (157–173) Lepus, zum Krebse (174–205) die logulae oder der Gürtel des Orion, und Prokyon, zum Löwen (206–250) Sirius und Crater, zur Jungfrau (251–293) Corona und Spica, zur Waage (294–339) Sagitta, Haedus (Boll Sphaera 295) und Lyra, zum Skorpion (340–357) Ara und Centaurus notius, zum Schützen (358–389) Arcturus und Cycnus (Olor), zum Steinbock (390–449) Ophiuchus, Piscis notius, Fides oder 6017 δυσώνυμος λύρα (Boll Sphaera 266) und Del-phinus, zam Wassermann (450–537) Cepheus, Casaiopea und Aquila, zu den Fischen (538–693) Andromeda, Pegasus (Equus), Engonasin und Cetus. All die verschiedenen Charaktere, Sitten, die Lebensweise der unter diesen Gestirnen Geborenen werden in mustergültiger Weise von M. beschrieben, so daß diese Partie einen besonderen Beiz für jeden Leser hat, und nicht weniger fesselnd [1123] ist der Teil (540–619), der den Mythus der Andromeda enthält: ,das wechselt in bunten Bildern bis zu dem Höhepunkt gegen den Schluß zu, einem Prachtstück alexandrinischer Kunst, der Episode der Aussetzung und Befreiung der Andromeda* (Boll Sphaera 379). Den vorher genannten Gestirnen, von denen es in der Tat gilt, daß sie auf- und untergehen, fügt M. Ursa maior und minor hinzu (694–710), die man aber bei einer Polhöhe von 36° (Rhodus) nie auf- oder untergehen sieht. Bei ihnen wird jedoch der Punkt am Himmel berücksichtigt, den sie einnehmen, wenn der Löwe bezw. der Skorpion aufgeht; dann üben sie ihre größten Kräfte aus. In der dann folgenden Lücke kann der nördliche Draco von M. erwähnt worden sein, vielleicht war auch von den Untergängen, wie wir oben sahen, länger oder kürzer die Rede, aber ganz gewiß sind da die Fixsterne der ersten und zweiten Lichtstärke besungen worden, denn M. hat sich am Endei des V. Buches noch einmal aus der Atmosphäre der Astrologie zur Astronomie zurückgewendet (711–745). Aus dem, was erhalten ist, ,ist es klar, daß die sechs scheinbaren Größen der Fixsterne unterschieden werden. Das ist ohne Zweifel der Haupteinteilungsgrund, wie schon tertia forma, d. h. dritte Größe (711) lehrt. Aber daneben scheint auch von der Farbe die Rede zu sein* (713), vgl. Boll Antike Beobachtungen farbiger Sterne 87. Den Schluß macht der glänzende 3 Vergleich der Sternenwelt mit einem wohlgeordneten Staatsgefüge (738 – 739): sie etiam magno quaedam res publica mundo est, quam natura facit, quae caelo condidit urbem. Wie es im römischen Staat patres, equester ordo, popu-lus, vulgus iners et iam sine nomine turba gibt, so auch am Himmel Sterne der ersten, zweiten usw. Größe, aber maximus est populus. Wenn die Lichtstärke der letzten Gattung ihrer Zahl gleich wäre, dann würde der Himmel in Flammen 4 aufgehen. Mit diesem aus I 461 wiederholten Gedanken endet das unvollendete Gedicht.
3. Die astronomischen und astrologischen Quellen. M. selbst bezeichnet seine Quellen als fremde, d. h. griechische (I 6: ho· spita sacra ferons nuÜi memorata priorum), und wir haben keine Ursache, seine Wahrheitsliebe in diesem Punkt anzuzweifeln, denn die Untersuchungen der neueren Gelehrten haben erwiesen, daß weder die Sphaera graecanica et barbarica 5€ des P. Nigidins Figulus (Boll Sphaera 357), noch das 6. Buch der Diseiplinae des M. Terentius Varro (Diels Rh. Mus. XXXIV 487) von ihm benutzt worden sind. Da er die Aratübersetzung des Cicero ignoriert und die des Germanicus noch nicht gekannt hat (Bechert De Manilio Astro-nomicorum poeta 20. Ioann. Möller Studia Ma-niliana 38), konnte er sich rühmen, keinem römischen Dichter etwas zu verdanken (II 57: nostra loquor: nulli vatum debebimus ora), Die von M. 60 benutzten Quellen lassen sich in astronomische und astrologische eintcilen. Für den astronomischen Teil, mit dem sich die philosophischen Betrachtungen verbinden, sind der Stoiker Posei-donioS und der Dichter der Phaenomena, Arat. seine Hauptquellen. Wo irgend M. den Ursprung der Welt (1 118), das Walten des Schicksals, den consensus alternus oder die συμπάῦεια τῶν ὑλῶν [1124] (II 63), die Natur der menschlichen Seele und’ ihre Verwandtschaft mit dem Weltgott (IV 866), das Leben der ersten Menschen (I 66) besingt ist er vom Philosophen von Apamea abhängig, wie auch im L Buch (818–834), wo er den ewigen Wechsel im Irdischen darstellt. Da hat er überall Poseidonios’ Schriften περὶ μετεώρων und den προτρεπτικός zu Bate gezogen, wie das Malchin De auctoribus quibusdain qui Posidonii libros meteorologicos adhibuerunt (Rostock 1893) 11. 23. 51. 54. Boll Studien über Claud. Ptole-maeus (218–235). Edw. Müller De Posidonio Manilii auctore (Leipz. 1901) 1. 35 nachgewiesen haben, indem sie die Tetrabiblos, Geminus, Achilles, Ps.-Aristoteles de mundo, Cicero (Reinhardt Poseidonios 223ff. 367), Senecae quaest. nat., Plinii n. h. 11, Kleomedes, Strabon, sämtlich Schriftsteller, die aus Poseidonios geschöpft haben, untereinander und mit den Astronomica verglichen JO haben und zu diesen feststehenden Ergebnissen gelangt sind. Auch die ganze Stelle im I. Buch (I 684. 805) über den Milchweg und die Kometen geht auf Poseidonios zurück, wie auch die Beschreibung des Zodiacus, der Parallelkreise, der Koluren, des Meridians und des Horizontes (I 256. 561. 603. 631). Dagegen hat der Dichter für die Behandlung der Himmelachse (I 275) und der Gestirne des nördlichen und südlichen Himmels (I 294. 373) sich wesentlich Arat zugewendet, wie schon Maass in seiner Ausgabe der Phainomena gezeigt hat, und man muß Malchin 47 beistimmen, wenn er behauptet, daß M. eine Aratausgabe zur Verfügung gestanden habe,, welche Scholien zu den einzelnen Versen enthielt, deren M. sich öfters bedient hat. Im IV. Buch ist es wiederum ganz klar, daß er für die astrologische Geographie aus Poseidonios¹ Schrift περὶ ὠκεανου (Boll Stud. über CI. Ptol. 231, 1) geschöpft hat, aber anders als Ptolemaios in der) Tetrabiblos, hat er seinen dichterischen Zwecken entsprechend Poseidonios' Darstellung vereinfacht, der doch als Verteidiger der Astrologie nicht bloß das Schicksal des einzelnen Menschen, sondern sogar die Eigenart ganzer Völker mit den Sternen zu verknüpfen suchte. – Weit schwieriger ist es, die astrologischen Quellen des M. ausfindig zu machen, und lange hat man sich in Mutmaßungen vertieft, bis Cumont in einem Codex Angelicanus gr. 29 (s. XIV) f. 120v (Cat. Icodd. astr. gr. V 1, 188) eine Stelle fand, wo erst über die Einteilung der ἴφθα nach verschiedenen Prinzipien, dann über die Sterne der Sphaera barbarica und den Charakter der unter ihnen Geborenen gehandelt wird und den Aufgängen von mehr als zehn Gestirnen die nämlichen Kräfte zugeschrieben werden, die M. ihnen im V. Buch zuteilt (van Wageningen Comm. 266). Am Ende der griechischen Abhandlung lesen wir die Worte: ταῦτα Ô' ἠμῖν καὶ Ἀσκληπιάδης ὁ Μυρλεανὸς ἐν τῆ βαρβαρικὴ σφαίρα οἰδήλωκε. Dieser Asklepiades von Myrlea in Bi-thynien war zur Zeit des Ponipeius Lehrer der Grammatik in Rom, und es scheint, daß er durch seine Aratstudien zur Astronomie und durch die Beeinflussung des Krates Mallotes zur Astrologie gekommen ist (Boll Sphaera 544). Auch der zweite Teukrostext (bei Boll Sphaera 31) zeigt Berührungen mit Asklepiades, weshalb die Übereinstimmung [1125] zwischen Teukros Babylonios (1. Jhdt. h. Chr.) und M. aus dieser gemeinsamen Quelle leicht zu erklären ist. Nebst Asklepiades benutzte M. auch das unter dem Namen eines angeblichen ägyptischen Priesters Petosiris und eines Ägypterkönigs Nechepso gehende Handbuch der Astrologie (Christ-Schmid GLGII1, 310), das zwischen 170 und 100 v. Chr. herausgegeben ist (Kroll N. Jahrb. VII 577) und noch zu lu-venals Zeit von den römischen Damen zu Rate gezogen wurde (Iuv. VI 581). Unter den von E. Rieß gesammelten Fragmenten (Philol. Suppl. VI 327–378) sind besonders die Abschnitte περὶ δωδεκατημορίων (Man. II 687), περὶ τῶν ἐπτὰ κλήρων (III 43) und περὶ τῆς τῶν δώδεκα τόπων πινακικῆς ἔκθεσεως (Man. II 845. Rieß 364) beachtenswert, und geradezu überraschend ist die Ähnlichkeit des frg. 19a (Rieß 363) mit Man. III195–196. Die weitere Herausgabe des Catal. codd. astr. gr. wird hoffentlich noch für mehrere Stellen der Astronomie die griechische Quelle zutage fördern.
4. Nachahmung. M. benutzt in stärkster Weise das in der Rhetorschule verwendete und durch sie zum Gemeingut gewordene poetische Material (Rösch Manilius und Lucrez 112). Besonders mit Vergil ist er auch durch die Schule eingehend bekannt gemacht worden, wie man aus den Einflüssen dieses Dichters auf die Klauseln in den Astronomica ersehen kann. Außerdem ist er mit Ovid sehr vertraut, sodaß wir annehmen müssen, er habe durch Privatlektüre sich eingehend mit den Werken dieses Dichters bekannt gemacht, wenn nicht damals schon die Rhetorschule in allen technischen Fragen Ovid zur Autorität erhob (Man. Textausg. v. Wagenin-gen 189–195). Auch einzelne größere berühmte Partien Vergils und Ovids berücksichtigte M. (V 91ff. erinnert an Verg. Aen. VI 587ff.; I 777ff. an Verg. Aen. VI 756ff.; V 540ff. an Ovid. met. IV 670ff.). Aber das Verhältnis zu Lucrez ist ein ganz besonderes. Nicht nur das literarische γένος und die Tradition der Rhetorschule, sondern auch der bewußte Gegensatz zwischen dem epikureischen und dem stoischen Dichter und die beabsichtigte Konkurrenz verbinden Lucrez und M. Letzterer nahm immer wieder Bezug auf den Verfasser des Lehrgedichts de rerum natura (v. Wageningen M. Mon. Astr. in het Ned. ver-taald V). Er bekämpft den epikureischen Dichter und zwar mit seinen eigenen Worten und Wendungen, besonders in den Prooemien, in denen M. es liebt, die schönsten und schwungvollsten Partien des Lucrez zu verarbeiten. Nicht nur, weil es τόπος ist, betont er zu wiederholten Malen die Schwierigkeit seiner Aufgabe, sondern vielmehr deshalb, weil seine Dichtung an Arbeitsaufwand nicht hinter de rerum natura zurückstehen soll (1 114 fareat magno fortuna labori, annota et molli contingat vita senecta, ut possim rerum tantas emergere moles magnaque cum parris simili pereurrere cura-, III31ff. IV 431 ff. V 1) Aus demselben Grunde dürfen auch die längeren Schilderungen nicht fehlen, welche die Bücher de rerum natura zu einer angenehmen Lektüre machen. Daher, die an Lucrez erinnernden, mit lucrezischem Gut ausgeschmückten ἔκθi(I69ff. 14 9ff. 171ff. 236. 483ff. III652ff. [1126] IV 892). Im Vergleich mit Vergil, Ovid und Lucrez hat die Nachahmung von Catull.Tibull, Lygdamus und Grattius nur wenig zu bedeuten und finden wir bei M. nur an wenigen Stellen Anklänge an diese Dichter (A. Cramer De Manilii elocutione 70. Enk Gratti Cyneg. 14). Was den Culex anbelangt, steht die Sache anders. Es sieht mehr danach aus, daß Cui. 220: ew diris flagrant latratibus ora (Cerberi) eine Nach-10 ahmung ist von Man. V 207: exoriturque canis latratque eanieula flammas als umgekehrt. ,Beiden gemeinsam ist die Verbindung des Bellens mit einem Ausdruck für die feurige Hitze. M. sagt vom Hundatern kühn, aber verständlich, flammas latrat. Viel kühner ist die Umkehrung flagrare latratibus von den ora gesagt, im Culex* (Rösch 45), s. Cui. 370f. mit Man. I 792. Lucr. III 1034. Verg. Aen. VI 892/3 (Rösch 46). Nicht weniger schwierig verhält es sich mit dem Aetna. Sudhaus bemerkt in seiner Ausgabe (93), daß im letzten Buch des M. mehrere Imitationen von Vers-anfangen und Schlüssen des »Aetna* vorkommen (Aetna 181: hinc rasti terrent Λ3 Man, V 585: hine vasti turgent’, Ae. 247: quo vocet Orion cvs M. V 12: hine voeat Orions Ae. 490: nunc silvas rupesque notant oc M. V 228: nee silvas rupesque timent‘, Ae. 579: raptumque profundes cvj M. V 435: rapta profundo; Ae. 637: felix illa dies co M. V 569: felix illa dies), aber diese Übereinstimmungen zwingen noch nicht an bewußte Nachahmung zu denken (v. Wageningen Comm. 110, 1). Es würde sich jedoch die Mühe lohnen, auch die Prooeinien beider Gedichte untereinander zu vergleichen (F. Walter Wien. Stud. 1920/21, 177).
5. Ästhetische Würdigung (Komposition und Sprache). Es war ein zeitgemäßer Gedanke, die erhabene Wissenschaft der Chaldäer, welche den schwankenden Entschlüssen der Men-40 sehen, ihren Befürchtungen wie ihren Hoffnungen einen sicheren Leitstern verhieß, in einem Lehrgedicht zugänglich zu machen (Ribbeck Gesch. d. röm. Dichtung III lOff.), Wie einst Lucrez sein Volk von der Todesfurcht hatte erlösen wollen, so wollte M. durch Offenbarung der ewigen Gesetze des Himmels der irrenden Menschheit eine Leuchte für das Leben geben. Von dem Gott will er singen, der die Natur in stillem Geiste beherrscht, der das ungeheure Weltgebäude im 50 Gleichgewicht hält und von ewigen Sternen aus die Geschöpfe der Erde lenkt (II 83: hic igilur deus et ratio, quae cuncta gùbernat, ducit ab aetheriis terrena animalia signis), Wie Lucrez rühmt er sich, den Helikon mit neuen Gesängen zu bewegen und der erste zu sein, der seine göttliche Lehre in Versen zur Erde herabbringe (I 4: primusque novis Helicona movere cantibus usw,). Diese methodisch Schritt für Schritt weiterführende Lehre vergleicht der Verfasser mit dem 60 Leseunterricht, der auch erst die Elemente fest einpräge und dann Stufe um Stufe höher steige (II 755ff.: td rudibus pueris monxtratur littera primum per fadem nomenque suum, tum poni-tur usus usw.). Im Fortschreiten zu schwierigen Lehren versäumt er nicht, die Aufmerksamkeit von neuem zu erregen und Begeisterung für die lohnende Arbeit zu erwecken (IV 390: quod quae-ris, deus est; conaris scandere caeium). Um [1127] Gold zu finden, soll man den Berg durchbohren (IV 396), um Gott zn finden, müssen wir den ganzen Menschen ,aufwenden¹ (III 407: impen-dendus homo, deus esse ut possit in ipso). In solchen Partien zeigt sich M. als einen erhabenen, hochgestimmten Dichter. In schwungvollem Tone sind auch die Einleitungen abgefaßt, die er jedem Buch außer dem V. voranschickt. Die Umschreibung seiner Aufgabe, die Belehrung über die schicksalskundigen Sterne, von welchen das mannigfache Leben der Menschen abhängt, eröffnet natürlich das Ganze. Ein Motiv aus dem Prooemium zum 1Π. Buche der Georgien Vergils verwendet M. für den Eingang zu seinem II. Buch, aber statt der knappen Verse, womit dort triviale Stoffe abgewiesen werden, liest man hier eine breite Musterung von Dichtern, deren Pfade er vermeiden will (II 49f.: omne genus rerum doetae ceeinere sorores: omnis ad aoeessus Heli-conis semita trita est). Es ist dann ein Zeichen von Armut, daß die Einleitung zum III. Buche abermals denselben Gemeinplatz bringt, nur daß hier eine lange Reihe epischer Stoffe aus der Sage wie aus der Geschichte abgelehnt und ihnen gegenüber nicht nur die Neuheit, sondern besonders, wie im Eingang des IV. Buches bei Lucrez, die Schwierigkeit des eigenen Werkes hervorgehoben und die Trockenheit des Tons gerechtfertigt wird (III 38: nee duloia carmina quaeras. ornari res ipsa negat eontenta doceri). ! Mit kernigen Worten wendet sich die Einleitung zum IV. Buche, welche an die zum II. des Lucrez erinnert, gegen die leeren Sorgen der Menschen, womit sie ihr Lebensglück verderben (IV 1: quid tarn sollieitis vitam consumimus annis usw.).
So sehr der Fleiß, die Energie und Kunstfertigkeit anzuerkennen ist, welche aufgeboten sind, die schwierige Darstellung des Weltsystems in Versen und einer für dieses Thema noch nicht 4 geschmeidigen Sprache verständig und genießbar zu machen, so ist doch für den Leser dieser Lehrgang ein mühseliger und dornenvoller (Ribbeck 14). Nachdem man sich erst durch die grundlegenden Konstruktionen des Weltgebäudes in den beiden ersten Büchern durchgeschlagen bat, beginnen sich im dritten die Geheimnisse des Menschenlebens zu eröffnen, denn nun werden die Einwirkungen der Gestirne auf die irdischen Bestrebungen und Schicksale dargelegt. Diese 5 phantastische Lehre bietet dem Dichter reiche Gelegenheit, menschliches Tun und Treiben anschaulich zu schildern. Im IV. Buche beginnt die Lehre von der Bedeutung der Tierkreiszeichen für das Schicksal der Menschen. In spielender Weise wird Beruf und Charakter aus der Natur des Sternbildes geschlossen, unter dem sie geboren sind Hier läßt der Dichter sich gehen und streut unter dem traditionell Astrologischen auch viel echt Römisches ein. Es ist der Stier, 61 der Serranos Curiosque tulit (IV 148), der eque suo dictator venit aratro. Und wie treffend heißt es von den Bauern im allgemeinen (IV 150): laudis amor taeitae, mentes et corpora tarda mole valent, habitatque puer sub fronte Cupido. Die Jungfrau gibt uns Stenographen (IV 197): hinc et scriptor eril velox, cui littera verbum est, quique notis linguam superet cursimque [1128] loquentis excipiat longas nova per compendia voces. Im V. Buche werden die Einwirkungen der παρανατέίλοντα (s. o.) durchgenommen. Diese Partie fesselt wiederum durch herrliche Schilderungen der verschiedenen Charaktere und Bestrebungen der Menschen. Sie lassen erraten, daß M. römisches Leben recht wohl und aus eigener Anschauung kannte, daß er sich in mannigfachen Berufs- und Gesellschaftskreisen, in 10 den Stätten der Handwerker, auf Plätzen der öffentlichen Lustbarkeit, in Wald und Feld, an Flnßufern und Meeresküsten umgesehen und sich lebendige Anschauungen von dort her geholt hat (Blümner Fahrendes Volk i. Altert. 12, 74. 16, 110). Unter den vielen Charakterschilderungen zeichnen sich besonders aus: die des Wüstlings: ipsi sibi lex est et qua fert cumque voluntas, praeoipitant vires; laus est oontemnere cuneta (V 496ff.), des Trunkenboldes: gaudebitqtie mero 20 mergetque in poeula mentem (V 246), des Zärtlings: illis cura sui cultus frontisque decorae semper erit (V 146f.), .nichts Reizerendes kann man lesen als das in ein paar Verse zusammengedrängte Charakterbild des Menandros und der neuen Komödie* (Boll Sphaera 379): eomica componet laetis speetaculu ludis, ardentis iuve-nis raptasque in amore puellas elusosque senes agilesque per omnia servos (V 472ff.), und über Menandros seihst: qui vitae ostendit vitam char-10 tisque sacravit (V 477). Glänzend ist die Beschreibung der Kunststücke des Reiters: perque volabit equos, ludet per terga volantum (V 87), oder des Jongleurs: ille pilam céleri fugientem reddere planta ... Ule potens turba perfundere membra pilarum (V 165. 168), oder des Akrobaten: corpora quae valida saliunt excussa pe-tauro (V 440). Noch heutzutage unverbesserlich die Darstellung des Thunfischfanges im Mittelmeer (V 659ff.).
Nicht nur in dem unbedingten Glauben an die Vorherbestimmung des Menschen durch das Schicksal und dessen Abhängigkeit von den Sternen trifft M. mit den Stoikern zusammen, er teilt mit ihnen außerdem den Sinn für Freundschaft und gibt diesen auf schöne Weise kund: idcirco nihil ex semet natura creavit pectore amicitiae maius nec rarius umquam (II 581f.). Dagegen wendet er sich (I 483ff.) mit großem Nachdruck gegen die Lehre des Demokrit, wo-Onach die Welt aus Atomen entstanden ist und wieder in sie aufgelöst wird. Daß nicht die Willkür der Fortuna, sondern die Gottheit nach ewigen Gesetzen regiere, schließt er aus dem unwandelbaren Auf- und Niedergang der Gestirne und ihren unveränderten Bahnen. Alles, was nach sterblichem Gesetze geschaffen ist, verändert sich, nur das Weltsystem ist dasselbe geblieben: idem semper erit, quoniam semper fuit idem, non aliam videre patres aliumve nepotes aspicient;) deus est, qui non mutatur in aevo (I 521ffJ.
Auch hier hat seine Sprache die Feierlichkeit eines Propheten.
Der Verfasser brachte zur Bewältigung "seiner spröden Aufgabe tüchtige Bildung und dauernden Fleiß mit, aber mäßige Begabung. Mit der Sprachgewalt des Lucrez und des Vergil kann die seinige sich nicht messen. Die mannigfaltigen Mittel der poetischen Rhetorik weiß er wohl [1129] anzuwenden: Alliteration, Anaphora, Antitheta, Apostrophe, Hyperbole, Metonymia, Synecdoche,. Metaphora (die Beispiele gibt Cramer 42ff.), aber es fehlt ihm die Kraft, das Ganze poetisch zu beleben. Man muß jedoch zugeben, daß, wenn sein Stil ungleich ist, bald dürr, hart, dunkel, bald Überströmend, geschmeidig, klar, dies zum Teil durch die Natur des Stoffs bedingt ist. In der astronomisch-astrologischen Demonstration, wo er ohne Vorbilder mit der Schwierigkeit der 1 Sachen und der Wiedergabe der griechischen Kunstausdrücke zu ringen hat (die Zahl griechischer Appellativa ist indessen nicht so groß, als man nach III 40 erwarten könnte, vgl. Man. Textausg. van Wageningen 186: sybotes, horizon, hesperos, horoscopos, tartaros, dodecate-morion, lampas, trigona, signa ecliptica), kehren dieselben Worte, die einmal für bestimmte Begriffe von ihm geprägt sind, immer wieder (Bechert De Man. emendandi rat. 47), aber wo ί er das Leben und die menschlichen Verhältnisse schildert, wo er seine philosophischen Grundsätze auseinandersetzt, ist er beredt und kann sich bisweilen nicht mäßigen (I 122). Obwohl er ein einzigesmal über die Sternfabelei spottet, wonach es scheine, als ob die Erde den Himmel gemacht habe (II 25ff. 87: quorum carminibus nihil est nisi fabula eaelum terraque composuit caelum, quae pendet ab illo), so ist doch seine Phantasie von der Sagenwelt erfüllt, so daß er ? sie durchweg in belebenden Anspielungen und selbst in hier und da eingeflochtenen Ausführungen anerkennt. Hierbei verrät er manchmal eine feine Gabe, Gestalten der Dichtung zu zeichnen und lebendig zu erzählen. Eine wahre Perle im V. Buch, das überhaupt entschiedene Fortschritte in Sprache und Darstelluogsweise aufweist, ist die Episode von der Befreiung der Andromeda (V 538ff.), die auch nach Ovids glänzendem Vorgang durch eigentümliche Schönheit ten den Leser fesselt. Über der hinreißenden Geschichte scheint der Dichter seine Wissenschaft vergessen zu haben.
Auch die Sprache des M. hat ihre Eigentümlichkeiten, nicht bloß im Gebrauch der Präpositionen, wie in (van Wageningen Comm. 340. Jacob Man. Index 200): nutus blanditus in omnes (III 149), garrula in modulos tibia (V 331); ad: donec ad ardentis pugnarunt (= certando pervenerunt) sidéra Cancri (III 264); sub: sub tali tempore (V 635), sondern auch durch die sog. Vulgarismen und Schroffheiten im Ausdruck: quod anstatt Acc. c. inf. II 20; erit eupiens V 397; fuerant surgeniia III 332 (vgl. I 858. III 579. V 389); dabit fabrieare = fabricabit V 205; se eitere IV 534; manere, ire, venire anstatt esse IV 369. V 471« IV 382; Plusqupf. pro perf. I 188; ad mollia (–ad moUitiem) V 153; toti anstatt omnes IV 233. 738; cuncta = omnia reliqua II 294; modo = postmodo I 871; et am Anfang der Apodosis III 240; gentes – homines I 37. II 86; guerela und queri anstatt pugna und pugnare III 624. 628; nunc anstatt nunc... nunc I 656; post hinc III 102; einige Archaismen elepsisset I 27; itiner (wenn richtig überliefert) I 88; diu = tempore IV 823; die eigentümliche, sonst ungebräuch liehe Verwendung gewisser Wörter, wie census [1130] (van Wageningen Comm. 337), corda und pectora, um mit homines abzuwechseln (ebd. 337; 343), colere puppim (= navem regere et curare) IV 569; ora = quae loquimur II 57; efferre Athenas I 885; fletus irarum V 221; reus = noxius IV 537. V 411; Wortspiele, die öfters etwas Gesuchtes haben: caedes caedis V 669; rü mittit vires II 377; ipsa fides operi faeiet... fidem II 130; «c ignibus ignés IV 67; fumes sinefuneve V 549; similis simili non redditur III 312 (IV 169. 803), die aber der Rhetorschule nicht fremd sind.
Der Versbau ist, wo der Text unverdorben vorliegt, regelmäßig und mit Sorgfalt behandelt, vgl. A. Cramer 7–21. van Wageningen Textausg. 183–185. Birt Hist. hex. lat. 52. L. Müller Philol. XV 481. 492; De re metr. 52. 329. 333.
6. Fortleben des M. Einen weiten Leserkreis hat der Dichter selbst nicht erwartet; sagt er doch: nee in turba nee turbae carmina con-dam (II 137). In der Tat wird sein Werk von keinem alten Schriftsteller (s. o.) erwähnt, und klein ist die Zahl römischer Dichter, die ihn nachgeahmt haben (Boll Stud. ü. CI. Ptol. 219, 3). Einmal wird ein Vers aus den Astronomien (IV 16) in einer Grabschrift zitiert (CIL H 4426. Buecheler CE II 1489: aspice quam subito marcet, quod fioruit ante, aspice quam subito, 10 quod stetit ante, cadit. naseentes morimur, finis-que ab origine pendet; das zweite Beispiel CIL XI 3273[1] scheint verdächtig). Der erste Dichter, der die Astronomica gekannt, vielleicht schon vor der Veröffentlichung gelesen hat (s. o.), ist Germaniens, der Aratea 184f. die griechischen Verse des Arat 179ff. also übersetzt: lasides etiam caelum cum coniuge Cepheus ascendit to· taque domo. Die tota domus kann sich nur auf die einzige Tochter Andromeda beziehen, da die 40 Frau des Kepheus, Kassiope, schon durch die Worte cum coniuge angedeutet ist. Das ist sonderbar und läßt sich nur erklären, wenn wir mit Möller (38) annehmen, Gennanicus habe den Versschluß cum coniuge Cepheus von Man. V 23 übernommen. Über die weiteren Parallelstellen vgl. van Wageningen Man. Textausg. 113–15. 272. 301. 355–356. 386. 401. 433. 694. II 212. III 181. 4 72. IV 162. 548. Nach Germaniens hat Luc an, der auch die Schriften des Astro-50 logen Nigidius Figulus benutzt hat (b. c, I 639ff.), den M. fleißig gelesen. Die stärkste Übereinstimmung ist wohl zwischen Man. V 667 und Luc. III 577, wie Ganzenmüller Jahrb. f. Philol. Suppl. XX 568. 650 nachgewiesen hat, die übrigen Stellen sind von Hosius Rh. Mus. XLVI1I 393ff. behandelt worden, vgl. Man. I 66. 84. 168. 187. 635. 787. 881. 910. 918. 919 II 26. 96. 648. 681. 807. III 13. 308. 433. IV 47. 55. 59. 82. 148. 185. 221. 228. 398. 435. 720. 753. V 60 10. 50. 436. 462. 610. 714 (Schwemmler De Lucano Manilii imitatore, Gießen 1916). Schon zur Zeit Iuvenals war der Vers des Man. IV 14: faia regunt orbem. certa stant omnia lege zu einem geflügelten Worte geworden, wie Iuv. IX 32 zeigt. Übrigens sind bei M. die folgenden Stellen zu vergleichen: I 776. IV 44ff. Nur wenige Spuren der Nachahmung finden sich bei Nemesianus (Man. I 761. IV 233) und Dracontins [1131] (Man. I 802), mehrere bei Claudianus (Birt Praef. CCII), vgl. Man. I 62. 73. 797. II 4. 63. 382. III 55. 655. IV 15. 35. 149. 227. 288. 754. V 567. Endlich hat Iulias Firmicus Maternus im 4. Jhdt. in seinem VIII. Buch der Mathesis das V. Buch des M. streckenweise in seine Prosa umgesetzt, ohne den Namen seiner Quelle zu nennen (s. o.), und wo er beim Dichter nur die Aufgänge der παρανατέλλοντα vorfand, selbst die Niedergänge in ganz mangelhafter Weise dazu erfunden (s. o.). Bisweilen hat er sein Vorbild nicht recht verstanden (Man. V 246. 295), aber es gibt auch Stellen in der Mathesis (Man. V 355), wo wir durch Firmicus den Text des M. verbessern können. Vielleicht hat im 4. Jhdt. Arnobius (wie Brakman Mnem. L 82 glaubt, der Arn. II 25 mit Man. IV 893–895 vergleicht) und im 5. Jhdt. Martianus Capella (VIII 812) noch den M. gelesen, wie Woltjer (16) auf Grund •einer Vergleichung mit Man. IV 915ff. vermutet, abei nach ihm und im Mittelalter war M. jedenfalls verschollen, bis Poggio im J. 1417 die Astronomica wieder ans Licht gezogen hat.
7. Handschriften. Der Codex, den Poggio nach Italien brachte, ist selbst verlorengegangen, aber wir besitzen im Matritensis 31 (der fol. 1–59 die Astronomica, fol. 60–115 Statii Silvae enthält) eine Abschrift, die Poggio durch einen Abschreiber, den er ignorantissimus omnium viventium nennt, hat verfertigen lassen (Thielί scher Philol. N. F. XX 85–134. van Wageningen Textausg. praef. I–IX). Diese Hs. ist voll Fehler, aber nirgendwo interpoliert. Vom I. Buch fehlen die Verse 1 – 82 durch den Verlust des ersten Folios. Dafür bieten die codd. Urbinates 667 und 668, die vor dem Ausfallen des Blattes aus dem Matritensis abgeschrieben worden sind, Ersatz. Eine zweite Abschrift des Archetypus ist der Lipsiensis 1465 (s. XI, vielleicht älter), der viele Fehler mit dem Matritensis gemein hat, 4 aber von einem vernünftigeren Abschreiber geschrieben und nachher wieder mit dem Archetypus verglichen worden ist, so daß er an mancher Stelle die richtige Lesart bewahrt hat. Über den Gemblacensis oder Bruxellensis 10012 (saec. XI, gewiß jünger als der Lipsiensis) gehen die Ansichten der M.-Forscher auseinander, doch angesichts des Fehlers Man. IV 422, wo G die Worte gratis Christi aus L übernommen hat, bevor dieser von zweiter Hand L² korrigiert war (vgl. 5 v. Wageningen Textausg. VI; Photographie der beiden codd. 197), muß man doch wohl zugeben, G sei ein Apographon von L. Indessen hat G einige gute Lesarten, die aber leicht aus Konjektur zu erklären sind (V 393). Wo die übrigen Hss. C = Cusanus s. Bruxellensis 106999, eine Abschrift von L, F = Florentinas Laurentianns plut. 30, 15 (s. XV), Mon Monacensis 15743 (s. XV) V2 = Vossianus 390 (J. 1470) von ML abweichen, sind diese Lesarten nur als Konjektur 6( zu betrachten.
8. Ausgaben. Von den ältesten Ausgaben sind hier zu erwähnen: die Regiomontana ex offieina Johannis de Regiomonte (Johann Müller von Königsberg) habitantis in Nuremberga oppido Germaniae celebratissiino (1474? vgl. Garrod Man. II Introd. LXXV), und die des Bonincon-ticus (1484). Grundlegend für die Textgestalt [1132] und die Erklärung war Scaligers Ausgabe Parishs 1579 (oj Heideibergische Ausgabe 1590; accedunt variae letiones Francisci Iunii), Lug-duni 1600, Argentorati 1655 (accedunt Bullialdi et Reinesii notae). Nützlich wegen der lateinischen Paraphrase und des vollständigen Wortindexes (denn ein Lexicon Manilianum fehlt noch) ist die Ausgabe von Mich. Fayus (Dufay) in usum Delphini, Parish 1679 (insunt P. D. Huetii 10 animadversiones). Hervorragend der Scharfsinn nigen Anmerkungen und Konjekturen wegen ist Bentleys Ausgabe (London 1739). Pin gré gab Paris 1786 eine Ausgabe mit guter, aber sehr freier französischer Übersetzung und wenigen Fußnoten. F. Jacob, Berlin 1846, mit reichhaltigem grammatikalem Index, aber veraltetem Text, Bechert, London 1913, zuverlässige Textausgabe im Fase. III des CPL ed. Postgate S. 6–46). Housman, London, Grant Richards, 1.1 20 1903. II 1912. III 1916. IV 1920 (kritisch-exegetische Ausgabe mit lateinischen Anmerkungen, in der Interpretation, besonders des astrologischen Teiles, mustergültig, aber in der Herstellung des Textes gewaltsam). Breiter I. Text, II. Kommentar, 1907–1908 (rez. von Moeller Berl. phil. Woch. 1910, 493ff.). Garrod 1. II 1911 (Sonderausgabe, Oxf.), mit englischen Anmerkungen u. Einleitung (tüchtige Ausgabe), van Wageningen Textausgabe (Teubner) mit Einleitung, Indices, loci similes poetarum qui ante M. fuerunt, 1915 (rez. von A. Krämer Berl. phil. Woch. 1916, 132ff.); Commentarius in M. Manilii Astronomica (Verh. Kon. Acad. v. W., Amsterdam 1921).
Übersetzungen: Sherburn, London 1675. Th. Creech, London 1697. Merkel Des M. Man. Himmelskugel, metrische Übersetzung des I. B., Aschaffenburg 1844. Riconarti Les cinq livres des Astr. de M. Man., traduction en vers, Paris 1883. Covini L. I tradotto e illustrato, 0 Turin 1895. Rossetti L. I versione italiana, Rom 1907. v. Wageningen Astr. in het Nederlandsch vertaald (met Ankingen en sterrenkaart), Leid. 1914.
Erläuterungsschriften; M. Bechert De M. Man. emendandi ratione, Leipzig 1878; De M, Man. poeta, Leipzig 1891. Bitterauf Observa-tiones Manilianae, Erlangen 1899. A. Cramer De Manilii qui dicitur elocutione, Straßburg 1882 (sehr gehaltreich). R. Ellis Noctes Manilianae, Oxford 1891. B. Freier De Man. Astronomicon Oaetate, Göttingen 1880. Kleingünther Quae-stiones ad Astr. libros pertinentes, Jena 1905; Textkrit. und exeg. Beiträge, 1907 (mit Appendix über Ausgaben und Abhandlungen). A. Kraemer De ManiiS qui fertur Astronomicis, Marburg 1890; Ort und Zeit der Abfassung der Astr. des M., Progr, Frankfurt a. M. 1904. Lan son De Ma-nilio poeta, Paris 1887. Ioan. Möller Studia Maniliana, Diss. Halle 1901. Ed. Müller De Posidonio Manilii auctore, Diss. Leipzig 1901;) Zur Charakteristik des Man., Philol. LXII 64ff. Postgate Silva Maniliana, Cambridge 1877. K. Prinz Die zeitlichen Indizien in den Astronomica des Manilius, Z. f. d. öst. G. 1912, VIDE u. IX 673–693. H. Bösch Manilius und Lucrez, Diss. Kiel 1911 (ausgezeichnete Arbeit). P. Thomas Lucubrationes Manilianae (inest cod. Gemblacensis collatio), Gent 1888. Woltjer De Manilio poeta, Progr. Groningen 1881/2. Malchin De auctoribus [1133] quibusdam, qui Posidonii libros meteorol. adhibuerunt, Dies. Rostock 1893. Boll Studien über Claudius Ptolemaeus, Leipzig 1894 (Jahrb. L Philol. Suppl. XXI); Sphaera, Leipzig 1903 (musterhafte Arbeit); Astronom. Beobachtungen im Altertum, N. Jahrb. XXXIX 17–34; Antike Beobachtung farbiger Sterne, München 1918. TeuffeH RLG II § 253. Schanz RLG II 2 § 3Ö4. 364 a.