RE:Marius 42

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Gratidianus, M. Praetor 85 und 84 v. Chr.
Band XIV,2 (1930) S. 18251827
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42) M. Marius Gratidianus war der leibliche Sohn des M. Gratidius aus Arpinum (Cie. leg. III 86; Brut. 168; o. Bd. VII S. 1840 Nr. 2) und der Maria, Schwester des berühmten C. Marius (Schol. Bem. Lucan. II 173 p. 61 üsener), und wurde von einem andern Bruder seiner Mutter, M. Marius Nr. 22, adoptiert, so daß er seitdem mit vollem Namen M. Marius Gratidianus hieß (Cie. de or. I 178; Brut. 168; off. III 67. Ascon. tog. cand. 75. 80 K.-S. = 65. 69 Stangl. Schol. Lucan. Marius Gratidianus PI in. n. h. IIXIII 132. XXXIV 27. Adnot Lucan. p. 51 Endt. Gro-tidianus Cic. de or. II 262), meistens nur M. Marius genannt wurde. Ungenau bezeichnet ihn Flor. II9,26 als Marius ducis ipsius (des jüngern C. Marius Nr. 15) frater statt frater patruelis; mißverständlich ist die Bezeichnung als minor Marius Firm. Matern. IS (Maurenbrecher Sall. hist. praef. XVI); Verwechslung mit dem jüngern C. Marius Nr. 15 liegt beim Chronogr. zum J. 672 = 82 vor: GratiUiano (vgl. CIL I* p. 85). Eine Schwester des leiblichen Vaters des M., eine Gratidia, war mit M. TuUius Cicero in Arpinum verheiratet und wurde die Großmutter des gleichnamigen Redners; deswegen nennt dieser den M. off. III 67 propinquus itoster (vgl. 80: noster. Ascon. 75 = 65: arta necessitudine Cice-roni coniunctus), ebenso wie Brut 168 seinen Vater Gratidius. Aber unter den verschwägerten arpinatischen Familien fehlte es nicht an Zwistig-keiten; denn nach Cic. leg. III 36 haben sich jene beiden Schwäger Gratidius und Cicero der Großvater in Gemeindeangelegenheiten befehdet, und nach Cic. de or, II 262 hat Gratidianus, der Sohn des ersteren, einen Prozeß gegen C. Vi-sellius Aculeo geführt, der als Gatte einer Tante (matertera) des Redners Cicero wiederum mit dessen Familie verwandt war (ebd. II 2 u. a.). Der Rechtsstreit wurde von dem 662 = 92 zum Consulat gelangten M. Perperna als Richter entschieden, also einige Jahre vor diesem Termin; der Anwalt des M. war ein L. Aelius Lamia (Bd. I 8. 522 Nr. 74), der des Aculeo der ihm weit überlegene L. Crassus (Bd. XIII S. 265, 24ff.). Derselbe Crassus übernahm dann nicht lange vor 663 = 91 in einem andern Prozesse des M. die Vertretung der Gegenpartei, des L. Sergius Orata, während M. diesmal den M. Antonius als Rechtsbeistand hatte; der Streit ging

RE:Marius 42

Pauly-Wtaeowa-Kroll XIV [1826] Marius (Gratidianus) 1820

um Baulichkeiten, vielleicht Fischzuchtanlagen, von offenbar beträchtlichem Wert (Cic. or. 1178; off. III 67; o. Bd. XIII S. 264f.; u. Bd. II A S. 17I3L); es ist schwerlich ein Zufall, daß später an dem Untergange des M. gerade ein Geschlechtsgenosse seines damaligen Prozeßgegners, L. Sergius Catilina, besondern Anteil hatte, zumal wenn dieser gleichzeitig als Gatte einer Gratidia sein Schwager war (Schol. Bern. Lucan.

10 s. Bd. II A S. 1695, 12ff.). M. gehörte in jenen Jahren vor dem Bundesgenossenkriege wohl zu den Geschäftsleuten aus dem Ritterstande, die mit seinem berühmten Oheim C. Marius in beständiger und enger Verbindung standen (s. darüber Ed. Meyer Kl. Schr. P 415, 1), und wandte sich erst in der Folgezeit der politischen Tätigkeit zu (senatoni ordinis vir Liv. ep. LXXXVIII). 667 = 87 war er Volkstribun und entschiedener Parteigänger des Consuls L. Cinna.

20 Nach Liv. ep. LXXIX wurde dieser mit sechs VoJkstribunen aus Rom vertrieben; nach Appian. bell. civ. I 295 gesellten sich zu ihm nach seiner Vertreibung ἀπὸ τῆς βουλῆς οἱ τὰ αὐτὰ Ὑγράνουν, Γάιός te Μάώνιος καὶ Κόιντος Σερτώριος καὶ Γάιος Μάριος Ἴχιρος, Der letztere kann kaum ein anderer sein als M. Marius Gratidianus (Dru-m a n G. R * II 392, 4), und daß er einer von jenen sechs Volkstribunen gewesen sei, ist nicht nur an sich wahrscheinlich, sondern wird aus-

30 drücklich bezeugt durch die zweite Fassung von Schol. Bern. Lucan. II 173 p. 62 Usener (sonst übereinstimmend mit der ersten ebd. p. 61 und mit Adnot. Lucan. p. 51f. Endt) Über das Schicksal des Q. Catulus nach der Rückkehr des Cinna und des C. Marius am Ende des Jahres: cum illi a Mario Gratidiano tribuno plebi Cin* nano dies dicta esset, ui eum cruci tigeret, votuntaria morte obiit (s. Bd. XIII S. 2079, 15ff. Ohne Nennung des M. Diod. XXXVIII 4, 2:

40 ὑπὸ τίνος δημάρχου κατηγορίας Μγχανεν b τῷ δήμω ὑανάτου). Dagegen ist ein ohne Pränomen genannter M., der vorher als Unterfeldherr Cin-nas einen Servilius bei Ariminum geschlagen hatte (Licinian. 27 Bonn. = 20 Flemisch) kaum Gratidianus, sondern eher der jüngere C. Marius Nr. 15. Unter der Herrschaft der Volkspartei fand M. als demagogischer Redner neben Cn. Papirius Carbo viel Anklang (Cic. Brut. 223; s. auch leg. III 36) und erwarb sich als Praetor

50 (Cic. off. III 80f. Val. Max. IX 2, 1. Firm. Mat I 3 [s. o.]) solche Volkstümlichkeit, daß ihm das Amt zum zweiten Male übertragen wurde (summe popularis homo, qui ob id bis praetor fuit Ascon. tog. cand. 75 K.-S. = 65 St); wahrscheinlich bekleidete er es in den J. 669 = 85 und 670 = 84, in denen ebenso die Consuln Cinna und Carbo das Consulat einfach weiter-führten. Seit dem Volkstribunat des M. Livius Drusus 663 = 91 hatte die Münzverschlechterung

60 zu einer fortschreitenden Geldentwertung und völligen Unsicherheit im Geschäftsverkehr geführt (s. Bd. XIII S. 870, 59ff.); jetzt beschlossen die Praetoren und Volkstribunen durch ein gemeinsames Edikt der Wirtschaftskrisis Einhalt zu gebieten, und zwar mit Einrichtung öffentlicher Münzprüfungsstellen und Einziehung der minderwertigen Silberstücke; indem M. die Verordnung von sich aus unverzüglich bekannt [1827] 1827

Marius (Iulianus)

machte, nahm er das ganze Verdienst für sich allein in Anspruch (Cic. off. III 80f. Plin. n. h. XXXIII 132. Zur Sache Mommsen R.G. II 399; Münaw. 388. G r u e b e r Coins of the rom. rep. I, XLII, Herzog Tesserae nummulariae 11f., der mit der ersten Praetur des M. bis 668 = 86 hinaufgeht). Die Dankbarkeit des Volkes äußerte sich, abgesehen von der Wiederwahl zur Praetur, in geradezu heroischen Ehren für M.: In allen Quartieren (rin) der Stadt wurden ihm Standbilder errichtet (Cic. off. III 80. Sen. de ira III 18, 1. Plin. n. h. XXXIII 132. XXXIV 27. Gegenstücke dazu Mommsen Histor. Schr. II 401, 2) und vor ihnen Rauch- und Trankopfer dargebracht (Cic. Sen.); die allgemeine Beliebtheit (maxime popularis Cic. tog. cand. bei Ascon. 78 K. S. = 68 St., danach Ascon. 75 = 65 [s, o.J, carissimus populo Romano Q. Cic. pet cons. 10. qui iudido omnium bene meritus de re publica videbatur Firm. Matern. I 3 [s. o.]) stellte ihm schon das Consulat in Aussicht (Cic. off. III 81). Um so erschütternder erschien sein Ende, als nach dem Siege Sullas im November 672 = 82 seine Statuen umgestürzt wurden (Plin. n. h. XXXIV 27), und er selbst aus einem Versteck in einem Ziegenstall hervorgezogen (Oros. V 21, 7) und dem Sohne des Catulus zur Rache für den Vater ausgeliefert wurde (Schob Bern. Lucan. II 174). Er wurde gefesselt (Oros.) unter Stockschlägen durch die ganze Stadt getrieben (Q. Cie. pet. cons. 10) und jenseits des Tiber am Grabmal des Catulus unter entsetzlichen Mar-Tern buchstäblich als Opfer hingeschlachtet, was die Berichte bis in die grauenhaftesten Einzelheiten hinein schildern (Cic. tog cand. bei Ascon. und mit dessen Anm. 75. 78. 80 K.-S. = 65. 68. 69 St. Q. Cic. pet. cons. 10. Sall. hist. I 44. 55, 14 Maur. Liv. ep. LXXXVIII. Val. Max. IX 2, 1. Sen. de ira III 18, 1f. Lucan. II 173ff. mit Schol. Bern, und Adnot. Flor. II 9, 26. Oros. V 21, 7.* Firm. Matern. I 3. Plut. Sulla 32, 2). Besonders beteiligte sich daran L. Sergius Catilina; er schlug ihm den Kopf ab und überbrachte diesen dem Sulla (Cic. Ascon. Plut.), der ihn dann zur Einschüchterung des C. Marius Nr. 15 nach Präneste schickte (Oros. V 21, 8). Zur Zeit seines Todes heißt M. bei Liv. ep, LXXXVIII senatorii ordinis vir und bei dem von Sallust abhängigen Firm. Matern. I 3 praeiorius vir; daher ist seine Bezeichnung als Praetor bei Val. * Mai. IX 2, 1 ungenau und nicht für die Bekleidung der zweiten Praetur im J. 672 = 82 zu verwerten (so z. B. D r u m a n · G r o e b e G. R? V 224, 12). S. auch Nr. 2. [MünzerJ

[Stein. ]