Rousseau’s Clause in Montmorency
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DIE EREMITAGE v. J. J. ROSSEAU
in Montmorency.
Der kleine Badeort Montmorency liegt 3 Stunden von Paris. Die Heldensage des Mittelalters weht um seinen Namen, und unwillkürlich denkt man an Turniere und Königshof, an Ritter in schimmernden Stahl auf reichgeschmückten Rossen und an schöne Frauen in Gold und Sammt und Seide; an den Adelsglanz des Mittelalters und an seinen Begleiter: bleiches Volk in Lumpen; an die Pracht und den Uebermuth, an die Laster und die List, an den Reichthum und die Raubsucht Oben – und an die Rohheit, die Unwissenheit, die Armuth und die Rechtlosigkeit Unten. Das ist nun anders. Das Schloß der Montmorency ist von dem Boden verschwunden, welchem es den Namen gab, mit sammt dem Geschlecht, und wo nie ein Bürgerlicher hingekommen, denn als Knecht oder Bettler: – da wandelt jetzt das muntere Arbeitervolk mit dem ersparten Frank der Woche in der Tasche, und schaut stolz und spottend auf die alten Wappen der Herzöge, und denkt: wir sind besser, als ihr! – Die finstern Geister des Schwertrechts sind geflohen, eingezogen sind die Genien des Scherzes, und nur Tanz, Gesang, Spiel und Lust flattern um das liebliche Montmorency mit seinen entzückenden Parkanlagen, seinen Hotels und Restaurationen, seitdem es zu einem Ziele der Sonntagsausflüge der Pariser geworden ist. Diese suchen hier nichts als das Vergnügen, und nirgends wird es ihnen in reichlicherem Maße geboten. An so einem lichten Sommer-Sonntage ist das ganze Thal aufgeputzt wie zu einem Feste des Saturns; überall ist Glanz, Freude, Ueberfluß; Musik an hundert Orten, Tanz unter Zelten und im Freien, dampfende Tafeln in jedem Saale, und klirrende Gläser und Jubel überall. Weder Rang noch Vermögen, noch Stand, noch Bildung scheiden die frohen Menschen. Gleichheit ist das Gesetz für Alle, und Alle folgen nur einer Herrin: der Freude. Sie thun wohl daran! Hat das karge Leben der großen Mehrzahl des Volks doch kaum eine andere Freude, als diese Sonntagsträume, welche eine Erde voller Arbeit auf ein paar Stunden zum Eden macht! An den seligen Minuten, die sie spenden, muß die Erinnerung manchmal ein Leben lang nagen und die paar Tropfen müssen ein ganzes Wermuths-Daseyn versüßen. – –
Aber nicht die Rittergespenster der Vorzeit und die Sylphiden des Vergnügens allein machen Montmorency interessant und fashionabel, – eine tiefere Theilnahme ist ihm gegeben durch einen Namen, in welchem der Geist der Liebe durch die ganze Menschheit weht. Was ist der verblichene Glanz des Herzogsgeschlechts gegen den Sternenkranz, der in der Tiefe des Himmels den Namen „Rousseau“ umstrahlt? Was ist das Wirken [27] jenes ganzen Stammes gegen das Wirken dieses einzigen Denkers? Die Erde ist voll seiner Thaten. Die Saat, die er ausgeworfen hat, trugen die Stürme der Zeit über Meere, Berge und Wälder, und sie ist aufgegangen in allen Zonen. ''Rousseau wußte von keinem Gute der Welt und war doch ein Krösus an unvergänglichen Schätzen. Kein Prachtdenkmal drückt seine Asche, wie die jener Herzöge; aber wo endigt sein Wirken, wo hört sein Leben auf? Wie viel Erzieher, Gesetzgeber, Staatsleute sind in diesem einzigen Manne geboren, und wie viele werden noch geboren werden!
Vor drei Vierteljahrhunderten war das Thal von Montmorency unberührt von der Pariser Welt. Das Reh rauschte noch in dem Laub des Waldes, und auf der ganzen Besitzung waren wenige Wohnungen. Rousseau kam auf seinen einsamen Wanderungen zufällig dahin und gewann das friedliche Stückchen Erde so lieb, daß er sich ein Häuschen miethete und lange Jahre wie ein Klausner lebte. – Seit der Zeit ist’s als Eremitage Rousseau’s bekannt und es wird mit Sorgfalt erhalten.
„Rousseau, Rousseau!“ ruft mein heimgegangener edler Freund Börne aus: – „Rousseau! Seht die Kastanienbäume dort! sie haben Rousseau gekannt und mit Schatten bewirthet seine glühende Seele. Im Häuschen da wohnte er; ich sehe in die Fenster; es ist Rousseau’s Stübchen; aber er ist nicht daheim. Dort steht der kleine Tisch, an dem er die Heloise gedichtet; da steht das Bett, in dem er ausgeruht von seinem Wachen. O heiliges Thal von Montmorency! Kein Pfad, den er nicht gegangen; kein Hügel, den er nicht hinaufgestiegen; kein Gebüsch, das er nicht durchträumte! Der helle See, der dunkle Wald, die blauen Berge, die Felder, die Dörfchen, die Mühlen – sie sind ihm alle begegnet und er hat sie alle gegrüßt und geliebt! –“
Ja geliebt. Das ist der rechte Ausdruck. Rousseau’s Macht floß aus derselben Quelle, aus der des Erlösers Macht geflossen: – die Liebe. Wenn der Starke herrscht, so hat er den Stärkern zu fürchten; was der kluge Geist in seiner Brust beschließt, durchstreicht das tückische Geschick; nur was die Liebe thut, ist ewig, denn die Liebe ist das Stärkste, und auch die Götter sind ihr unterthan. Wie viel Tyrannen haben gelebt seit Rousseau sein Contract social geschrieben? Wie viel Völker haben gezittert vor ihrem Arm und wie viel gebebt vor ihrem Schwerte? wie viel Unthat, Schande, Elend und Sklaverei haben sie gethan und verschuldet? Und wo sind sie hin, diese Menschen, die sich wie Herrn der Welt gebärdeten? Ihre Werke sind vergangen, und von ihnen selbst blieb nichts übrig als der Fluch ihres Namens und eine Hand voll Staub, während Rousseau auf den Lehrstühlen sitzt von Jahrhundert zu Jahrhundert und sein Wirken die Ewigkeit umklaftert.
Darum erwache, meine zagende Seele! und fasse Trost. Laß die schwarzen Nebel das Firmament verfinstern; die Sternbilder stehen dennoch rein und klar am Himmel. –