Die Akademie der schönen Künste in Paris
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ECOLE NATIONALE DES BEAUX ARTS
(Paris)
Der Gipfel aller Civilisation ist die Humanität und Literatur und Kunst sind ihre Formen. Diese Formen sind nicht allenthalben dieselben. Jedes gesittete Volk bildet sich aus nach dem Einflusse des Klima’s, der Natur seines Bodens und dem angebornen Charakter seines Stamms: und seine Sprache, seine Literatur und Kunst erhalten dadurch nothwendig einen eigenthümlichen, nationalen Ausdruck. Einem Volke, dessen Kunst und Wissenschaft der Nationalität entbehrt, geht das innerste Leben ab. Es erkennt gleichsam einem andern das Münz- und Stempelrecht zu, und prägt sich statt das eigene Bild ein anderes auf. Was hob die Griechen so hoch über alle Nationen der Erde auf die Staffel der Gesittung? Was gab ihnen jenes stolze Selbstgefühl, daß sie mehr werth seyen, als alle andern, jenes Gefühl, das sie fähig machte, das Größte zu unternehmen und zu vollbringen? das Gefühl, welches Helden schuf und Menschen in Halbgötter verwandelte? eben der Umstand, daß das
[24] größte aller Völker niemals zur Nachahmung sich herablies. Alles war bei den Griechen ihr eigen und ging aus der freiesten Selbstentwickelung hervor: Religion, Kunst, Wissenschaft, Staat und Gesellschaft, das Leben selbst und der Zweck des Lebens. Alle Kräfte, Fähigkeiten und Empfänglichkeiten der Seele, alle Glieder, Sinne und Organe des Körpers, alle sinnlichen und geistigen Begehren und Wunsche: – sie alle strebten nur nach dem Einen: Edle Menschenbildung.
Damit ist nicht gemeint, daß jedes Volk von vorn anfangen und sich auf Das beschränken müsse, was es selbst erforscht und erfunden. Wäre das, so wäre es mit Kultur und Fortschritt übel bestellt. Selbst die Griechen begangen ihren Lauf auf der Bahn der Gesittung von dem Punkte, den die Aegyptier schon erreicht hatten, und wenn nachher die Römer und alle spätern Nationen bei den Griechen in die Schule gingen, so ist dies kein Nachtheil für die Fortbildung des Geschlechts gewesen. Jeder Kulturzuwachs, den ein Volk erwirbt, soll ein Gemeingut seyn für die ganze menschliche Gesellschaft, und das Gut vermehrt sich in dem Verhältnisse, als die Zahl Derer großer wird, welche es gebrauchen. Die Gesittung soll keinem Volke, keinem Lande und keinem Stande ausschließlich leuchten, und Jeder, der Anspruch machen will auf das Prädikat human: – soll bestrebt seyn, das Licht weiter zu tragen und das heilige Feuer in immer größern Kreisen zu verbreiten. Es ist eine Mode der Zeit, von der „innern Mission“ zu reden. Die wahre ist die, welche ich meine. Sie trägt kein Priestergewand und ihre Kerzen haben die kirchliche Weihe nicht. Jeder aber kann Priester seyn und Jeder ein Missionair; er kann es seyn in seinem Hause, bei seinen Freunden, in jedem Dorfe, in jeder Stadt, in jedem Lande; nah und fern, überall, wo Menschen wohnen. Diese „innere Mission“ ward geübt zu allen Zeiten, und jede Stunde ist für sie die rechte. Sie hat auch Oberpriester gehabt von Anbeginn und wird sie haben in aller Zukunft. Wer sie waren? Die Edelsten und Besten: – Moses, Confuz, Homer, Solon, Lykurg, Sokrates, Plato, Epaminondas, Numa, Pythagoras, Paulus, Bonifaz, Baco, Raphael, Huß, Luther, Keppler, Newton, Shakespeare, Montesquieu, Rousseau, Franklin, Washington, Schiller und viele Andere ihres Gleichen. Der größte aber heißt – Christus. Und diese Genossenschaft ist nicht eine ausschließliche oder geschlossene; sie öffnet ihren Kreis allen Menschen; sie fordert keine Gelübde von ihnen, sie verlangt kein Glaubensbekenntniß: sie will blos das Eine – die Bruderliebe! und für die Theilnahme an ihrem unbescholtenen Wirken lohnt sie mit den reinsten Freuden.
Alle Anstalten in einem Staate, welche auf Verbreitung und Fortbildung von Kunst und Wissenschaft hinzielen, sind so viel äußere Merkmale seiner Gesittung. Zu den hervorragendsten gehören namentlich diejenigen Staatseinrichtungen, welche die Pflege der schönen Künste zum speziellen Zweck haben. Wo man ihnen Aufmerksamkeit [25] widmet, wo man Kunst und Künstler mit Eifer hegt, wo man sie anwendet zur monumentalen Verherrlichung und zum Ehrenschmuck einer Nation für Begebenheiten, Dinge und Menschen: – da ist es immer ein Zeichen, daß der Staat entweder eine hohe Stufe der Civilisation wirklich einnimmt, oder doch so angesehen seyn will. Denn auch da ist nicht immer Wahrheit. Petersburg und Moskau haben Akademien so gut, wie Paris und London; aber die Russen sind dadurch um kein Haar civilisirter geworden, und jene zarten Blüthen der Gesittung sind dort ein falscher Schmuck, der Niemanden täuscht. Wahre Bedeutung und den höchsten Werth haben sie erst da, wo sie in der Gesittung des Volkes selbst Früchte hervortreiben und – wie bei den Griechen und Römern auf die Verschönerung und Veredelung aller Lebensformen wirken.
Die Akademie der schönen Künste (Academie des beaux arts) in Paris ist eine Abtheilung jenes Instituts von Frankreich, auf welches die französische Nation mit Stolz hinweist, wenn sie sich unter den Repräsentanten der europäischen Civilisation zu alleroberst stellt. Kein Volk der Erde hat in der That Etwas aufzuweisen, was sich dieser grandiosen Centralisation des Ruhms und des Glanzes von Genie, Wissenschaft und Kunst an die Seite stellen könnte. Napoleon selbst rechnete es sich stets zur höchsten Ehre an, „Mitglied des Instituts“ zu heißen, und als seinem Schwerte der halbe Welttheil gehorchte, gefiel er sich in der Versammlung der Fürsten des Geistes und der Kunst auf dem einfachen Sessel so gut, wie auf dem Throne der Weltherrschaft. –
Die Pariser Kunstakademie ward unter Ludwig XIV. gegründet, und Kardinal Mazarin erbaute den Palast, den sie gegenwärtig einnimmt. Sie zerfällt in zwei Hauptabtheilungen: Architektur und Malerei und Skulptur. Die Theorie der Kunst lehren 12 Professoren, und in der Praxis geben die größten Meister Anleitung, während die reichen Sammlungen aller Art das Studium und die Ausbildung der jungen Künstler anregen und befördern. In den Hörsälen der Ecole des beaux arts (der Kunstschule) haben über 1000 Eleven Raum. Jeden Monat finden feierliche Preisvertheilungen Statt und öffentliche Ausstellungen der Arbeiten jedes Quartal. Künstler-Preisgerichte erkennen den Besten in jedem Fache den Ehrenkranz zu. Der Sieger ist berechtigt, ein Jahrlang das classische Land der Kunst, Italien, zu bereisen und in Rom seine Studien drei Jahre lang fortzusetzen: – beides auf Kosten des Staats.