Schloß Eisgrub

West-Point Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band (1860) von Friedrich Hofmann
Schloß Eisgrub
Tulln
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SCHLOSS EISGRUB
IN MAEHREN.

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Schloß Eisgrub.




Die schmalste Portion bei der Austheilung der deutschen Souveränetäten aus der großen wiener Schlacht-Schüssel im Jahr 1815, das winzigste Stückchen Kolorit auf der buntscheckigen Fläche der deutschen Karte, den niedrigsten Sessel am grünen Tisch in der eschenheimer Gasse, den kleinsten Raum im gothaer genealogischen Kalender[1] erhielt der Fürst von Lichtenstein. Doch ist ihm mancher Trost für diese Auszeichnung geblieben: sein Geschlecht ist eines der ältesten, ruhm- und verdienstvollsten der österreichischen Monarchie, ein stolzer Wappen-Adler schwebt über seinem Zaunkönignest; sein Privatbesitz, einer der ausgedehntesten und reichsten, ist über 100 Quadratmeilen groß mit einem Einkommen von über 2,000,000 Gulden, und sein Schloß in Mähren, Eisgrub, der schönste Fürstensitz Deutschlands. Ein so vornehmer und reicher Herr darf wohl eine solche absonderliche Liebhaberei treiben und auf einem Thrönchen von Gottes Gnaden es sich wohl sein lassen. Möge er das Steckenpferdchen noch recht lange reiten, zur Freude seiner konstitutionellen Unterthanen und zur Erhaltung des europäischen Gleichgewichts!

Eisgrub, eine Fideikommißherrschaft der Fürsten von Lichtenstein, liegt im Kreis Brünn, an der mährischen Eisenbahn. Das neue Schloß ward vom reichen Besitzer auf den Grundmauern des alten errichtet, mit allem Aufwand an Geschmack, welchen Reichthum nur gewähren kann. Die wüste und sumpfige Umgegend verwandelte sich in den herrlichsten Park, der je ein Fürstenschloß umgab. Es ist der zeitweilige Sommeraufenthalt des regierenden Fürsten, der seine Residenz in Wien hat. –

[155] Es ließe sich noch Vieles sagen über die wahrhaft seltenen Schätze der Pracht und Kunst, welche diese Mauern in sich bergen, namentlich über eine Gallerie der kostbarsten Werke alter italienischer Meister, den höchst geschmackvoll ausgestatteten Waffensaal voll historischer Merkwürdigkeiten, über die 34 in vollem Turnierschmuck strahlenden Rüstungen mährischer und böhmischer Könige, über den Reichthum an Trophäen, welche die alten Lichtensteine aus den Türkenkriegen erbeuteten, über Sammlungen von Alterthümern des Landes, von kostbarem Schmuck und Kleinoden, von seltenem Hausrath, deren diese Fürstenwohnung voll ist, auch über den Luxus der Ställe, die Pracht der Pferde und Geschirre, über die feenhafte Einrichtung der Gewächshäuser mit ihren Palmen- und Orangenhainen, über das kunstvolle Raffinement der Parkanlagen, das seltene Wild der Gehege und über tausend andere Dinge, die des Besuchers Blick fesseln und Entzücken erregen, wenn dem Leser mit dem Lesen solcher Herrlichkeiten etwas gedient sein würde. Die Hunderte von Fürstenschlössern, mit denen Deutschlands schönste Gauen gesegnet sind, haben das Eine oder Andere in der Ausstattung mit dem Gegenstand unseres Bildes gemein – nur nicht das Wohlthuende, daß in Eisgrub nicht der Schweiß und das Blut bis zur drückenden Entbehrung ausgesogener Unterthanen aufgehäuft werden – denn die Einkünfte des Fürstenthums würden schwerlich die Fütterungskosten der Jagdhunde decken – sondern daß alle diese Herrlichkeit nur dem erbeigenen Reichthum und der unschädlichen Munificenz eines pracht- und kunstliebenden Herrn ihr Dasein verdankt.




  1. Wörtlich: Vorstand der Hofkanzlei: Zipfl. Landesverweser: Menzinger. Flächengehalt 29/10 Quadratmeilen. Bevölkerung: 7150 Seelen. Gesammt-Einnahme und Ausgabe: 55,000 Gulden. Bundeskontingent: 55 Mann.