West-Point
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WEST-POINT
(HUDSON)
Außer Rußland und China hat kein anderer Staat der Erde ein so großes und massenhaft zusammenhängendes Gebiet wie der große nordamerikanische Bund. Ein Flächenraum von etwa 150,000 deutschen Quadratmeilen, breit hingelagert zwischen beiden Weltmeeren und gegliedert wie ein Athlet, bildet den Schauplatz des wunderbar regen Lebens und Treibens, in das wir schon zu verschiedenen Malen den Leser einzuführen Gelegenheit hatten.
Die Republik zählt heute reichlich 30 Millionen Seelen und hat sich im Laufe eines halben Jahrhunderts zur sechsten Großmacht in der Welt, zur ersten auf der westlichen Erdhälfte emporgeschwungen. So mannigfache Erklärungen zu diesem Wunder staatlichen Wachsens und Blühens wir in diesen Blättern auch schon gegeben haben – unser Bild führt uns einen neuen Faktor vor Augen, der nicht den kleinsten Antheil an der Wohlfahrt jener mächtigen Nation hat und um so sichtbarer an uns herantritt, als er einen schreienden Gegensatz zu einer Institution diesseits bildet, in welcher wir mit Recht die Wurzel unserer politischen Krankheit, den Grund zu unserer schreckhaft überhand nehmenden nationalen Entkräftung erkennen. Es ist das Heerwesen.
Während in Europa, das eine nur wenig größere räumliche Ausdehnung einnimmt, als Nordamerika, an zwei Millionen Soldaten unter den Waffen gehalten werden, und diese Bewaffnung nicht nur zu Friedenszeiten das Staatsvermögen verschlingt, sondern auch die produktive Arbeitskraft decimirt und jährlich hunderttausende der tüchtigsten Männerarme brach legt, unterhält jene Bundesrepublik eine stehende Armee von nur sechzehntausend Mann, und selbst diese Wenigen entzieht sie nicht dem Ackerbau, den Gewerben und dem Handel, wie das europäische Heerwesen es hundertfältig thut. Das verdient wohl in Anschlag gebracht zu werden, wenn man das rasche wirthschaftliche Aufblühen in Nordamerika sich erklären will.
[146] Freilich befindet jener Staatenbund sich in einer andern natürlichen wie politischen Stellung, als die europäischen Monarchien. Diese überwachen einander mit scheuer Eifersucht; gegenseitiges Durchkreuzen ihrer Pläne, Verbergen ihrer Hintergedanken, einander belügen und betrügen gilt den meisten als das A und Z ihrer Staatskunst, und mehr als eine Regierung kann sich nur durch Bayonette aufrecht erhalten. Keine traut der andern, keine fühlt vor Krieg sich sicher und jede stellt die größtmögliche Steigerung ihrer Heereskraft allen andern Regierungspflichten voran, weil sie in dem mächtigern Nachbar vor ihrer Thür stets einen Feind erblickt. Diesen stillen Krieg Aller gegen Alle, diesen bewaffneten Frieden kennt Nordamerika nicht. Im Bewußtsein seiner Kraft und Stärke hat es keinen Nachbar zu fürchten, und ohnehin wäre das ganze übrige Amerika zusammengenommen den Vereinigten Staaten nicht gewachsen. Ihre nächsten Nachbarn sind Canada mit den übrigen britischen Kolonien, welche zusammen nicht viel über 3 Millionen Einwohner zählen, und das durch und durch zerrüttete Mexiko. Von beiden droht keine Gefahr und an der Küste sind die wichtigsten Punkte mit Festungswerken versehen. Wohl würde ein Feind, der über eine mächtige Dampferflotte verfügt, ohne Mühe an manchen unbeschützten Stellen eine Truppenmacht an’s Land setzen, aber deshalb doch nicht auf dauernden Erfolg rechnen oder gar tief in’s Innere dringen können, denn im Rücken bleibt den Nordamerikanern eine für alle Fälle gesicherte Operationsbasis, und das großartigste, nach wahrhaft national-rationellen Grundsätzen konstruirte Eisenbahnnetz setzt sie in Stand, ihre gesammten Streitkräfte binnen wenigen Tagen an jedem bedrohten Punkte zusammen zu ziehen. Eine noch größere Sicherheit vor den Angriffen und Interventionen fremder Staaten aber liegt in der Unfruchtbarkeit eines solchen Kriegs. Interessen hat keine fremde Macht dort zu vertheidigen und wo weiter nichts zu gewinnen ist, als bloße Waffenehre, behilft sich die heutige Diplomatie lieber mit fulminanten Noten und geharnischten Protesten – aus Papier.
Die einzigen Feinde, gegen welche die Bundesregierung ihre Staatsangehörigen zu schützen hat, muß sie im Innern des eigenen Landes bekämpfen. Sie hat sich der Indianer zu erwehren. Auf der östlichen Seite sind die alten Eigenthümer des Bodens im Fortgange der Zeit allmälig mit den Waffen ausgerottet worden, oder, bis auf kleine ungefährliche Ueberreste, verkommen, oder in Masse über den Mississippi hinüber in die westlichen Gebiete geschafft worden. Aber weiter gen Abend, auf den weiten Wiesensteppen, in den Gebirgsthälern, in der Hochwüste von Utah, in Oregon und Kalifornien, sind auch heute noch etwa 300,000 rothe Menschen vorhanden, unter denen je der fünfte Kopf ein Krieger ist. Je weiter und unaufhaltsamer die Weißen sich ausdehnen und vordringen, um so mehr fühlen die Indianer sich eingeengt und beeinträchtigt, um so mehr müssen sie zurückweichen. Manche Stämme sind binnen einem Menschenalter bis auf den letzten Mann verschwunden; der übrigen scheint sich eine dumpfe, anderer eine wilde Verzweiflung bemächtigt zu haben, und in dieser stürmen sie dem Untergang entgegen, welchen das Geschick ihnen bereitet. Nie ist Ruhe auf den Prairien oder in und an den [147] Felsengebirgen; glaubt man einen Stamm begütigt oder gezüchtigt, beginnt ein anderer in weiter Entfernung den Kampf und schwingt die vor Kurzem begrabene Streitaxt auf’s Neue. Bald sind die Kamantsches in Texas in Bewegung und dringen bis in die Niederlassungen der Weißen, um zu morden und zu plündern; bald stürmen die Navajos nach Neu-Mexiko hinein, verheeren und rauben; dann schwärmen Krähenindianer oder Schwarzfüße weit umher und bedrohen die Auswanderer, welche über Land nach den Staaten am großen Weltmeer ziehen, oder Schlangenindianer halten Gebirgspässe besetzt und überfallen die Karawanen. In Oregon ist deshalb in den Jahren 1859 und 1860 ein wahrer Vernichtungskrieg gegen die rothen Stämme geführt worden, welcher der Bundeskasse mehr als fünf Millionen Dollars gekostet hat; aus Kalifornien kommt fast in jeder Woche die Nachricht, daß so und so viele Indianer wie das Wild gejagt und getödtet worden seien!
Diese Kämpfe sind fürchterlich und müssen unsern Abscheu erregen, denn es unterliegt keinem Zweifel, und wird von keiner Seite her in Abrede gestellt, daß alle Schuld auf die Habsucht, die Gewissenlosigkeit und die Rohheit der vielen weißen Abenteurer fällt, welche sich zu tausenden, in größeren oder kleineren Gruppen, im weiten Westen umhertreiben. Dieser Auswurf, der die älteren Staaten meiden muß, sieht in jedem Indianer nur „Ungeziefer“, einen rechtlosen Menschen, gegen welchen man sich Alles erlauben dürfe, den man niederschießen müsse wie einen Prairiewolf oder einen grauen Bären. Der rothe Mann übt dann seinerseits Rache in furchtbarer Art; nach seinen überkommenen Begriffen ist jeder Stamm solidarisch für die Handlungen seiner Angehörigen verpflichtet, und so macht er keinen Unterschied zwischen den Weißen, sondern übt Vergeltung an dem ersten Besten, der ihm in den Weg kommt. Seit vielen Jahren verging kein Tag ohne Metzeleien. Das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten ist vom atlantischen Meere bis zum Stillen Ocean blutiger Grund, und wird es bleiben, bis mit dem letzten rothen Mann der letzte Tomahawk in die Erde gelegt sein wird. Schon vor einem halben Jahrhundert rief der große Staatsmann Jefferson aus schmerzgepreßter Seele die Worte: „Mich schaudert, wenn ich denke, daß einst an unsern Enkeln die Greuelthaten vergolten werden könnten, welche unser Volk an den Indianern verübt!“ Und seitdem haben jene blutigen Greuel sich noch unberechenbar vermehrt, und nehmen ununterbrochen ihren Fortgang.
Gegen solche Feinde bedarf die Bundesregierung ihres Heeres; drei Viertheile desselben hat man im Innern und im Stillen Ocean vertheilt, der Rest steht als Besatzung in den verschiedenen Festungswerken an der atlantischen Küste oder an der canadischen Grenze. Es gibt solcher Posten, Forts und „Barracks“ oder Kasernen, jetzt gerade einhundert, die in sieben verschiedene Departements vertheilt sind. Zum östlichen gehören 44, längs der ganzen atlantischen Küste und der des mexikanischen Meerbusens bis nach Louisiana; zum westlichen 12, zumeist in Minesota, Kansas und Nebraska, während das von Texas allein 14 Forts hat, um die [148] Kamantsches abzuhalten, und das vierte, jenes von Neu-Mexiko, 12; auf das von Utah kommen 2, von Oregon 7 und auf das kalifornische 10.
Das stehende Heer reicht gerade nothdürftig aus, um die Festungswerke schwach zu besetzen und so viel als möglich die Indianer einigermaßen im Zaume zu halten. Auch hat es keinen weiteren Zweck zu erfüllen; zur Aufrechterhaltung der Staatsgewalt, die anderswo sich auf die Bayonette zu stützen sucht, hat die Republik wirksamere moralische Mittel: das Votum, die öffentliche Meinung, die Freiheit der Presse, der Rede, der Versammlung, kurz Alles, was dem nationalen Willen Ausdruck gibt. Wie die Staatsgewalt und Gesetzgebung lediglich aus dem Willen der Nation hervorgehen, haben sie ihr Bestehen auch nur diesem zu verdanken. Damit aber das mögliche Gelüste, sich dieser alleinigen Souveränetät zum Trotz zu behaupten, nicht ein gefährliches und gefügiges materielles Mittel zur Hand habe, deshalb duldet das Volk kein zahlreiches stehendes Heer. Dazu sieht der amerikanische Bürger es nur als sein alleiniges Recht an, Waffen zu tragen, und ist eifersüchtig darauf, denn die Waffe in des Freien Hand, wie zu Schutz und Wehr seiner Rechte, so zum Symbol seiner Würde, ist eine unter den gesitteten Nationen gar seltene Zier. Und weil er politisch im Soldaten nur ein nothwendiges Uebel, eine Art Polizeischergen für die äußere Sicherheit, aber auch, als was ihn ein berühmter Geschichtschreiber bezeichnet, einen „natürlichen Feind der Freiheit“ erkennt, deshalb verachtet er ihn und läßt ihn nicht das Recht mit ihm theilen, außer im aktiven Dienste, Waffen zu tragen. Unserem, an den stolzirenden Säbelschlepper und klirrenden Sporenträger gewöhnten Auge kommt’s daher wunderlich vor, die ohnedies seltenen Uniformen der Armee, welchen wir außerhalb ihrer Cantonnements, namentlich in den Straßen der großen Städte begegnen, höchstens mit Regenschirm oder zierlichem Rohr bewehrt zu sehen. Der Verkehr mit der Gesellschaft gestattet überhaupt nicht einmal eine Uniform; selbst Offiziere höchster Grade sind nur in civiler Kleidung, ohne alle Auszeichnung, zugelassen. – Der Nordamerikaner hat aber auch Grund, den Soldaten bürgerlich zu verachten. Das Militär wird gegen Handgeld angeworben und besteht zum größern Theile aus Ausländern, Söldnern, denen das harte Kriegshandwerk als letztes Mittel erscheint, nachdem sie in anderen Berufskreisen gescheitert waren. Nur eine kleine Anzahl geht unter diese Soldaten aus Hang zu einem abenteuerlichen Leben, mit welchem viele Wechselfälle und Aufregungen verbunden sind, die große Mehrzahl aber läßt sich einreihen, weil ihr kein anderer Erwerbsweg übrig scheint. Deshalb ist der Soldat als solcher nicht geachtet; auch bleibt er stets was er einmal ist, hat keine Aussicht auf Beförderung und zwischen ihm und den Offizieren ist eine weite Kluft, die nie übersprungen werden kann. Daraus erklärt sich, weshalb die Zucht furchtbar streng und die Bestrafungsweise geradezu unmenschlich und barbarisch ist. Die Peitsche spielt eine Hauptrolle: man bindet den Soldaten an einen Pfahl und schlägt ihn, bis keine Haut mehr auf dem Rücken haftet. Wir haben in dieser Beziehung schauderhafte, [149] vollkommen beglaubigte Berichte in Menge zur Hand; die russische Knutenstrafe wird vom Prügelsystem im republikanischen Nordamerika noch überboten. Nicht minder empörend ist die Barbarei auf der Flotte. Als Beispiel diene nur, daß, wie erst im Oktober dieses Jahres aus Pensacola in Florida gemeldet wurde, der Marinelieutenant Stark ein Marterwerk errichtet hat, an welches die Leute wegen eines Vergehens mit Stricken der Länge nach festgebunden werden und so stundenlang gekreuzigt stehen müssen. Und wie dieses unmenschliche Verfahren als unerläßlich zur Aufrechterhaltung der Disciplin erscheint, beweist die Thatsache, daß im vorigen Jahr, als der Kongreß die Abschaffung der „neungeschwänzten Katze“ beantragte, die Offiziere mit ihrem Austritt aus dem Kriegsdienst drohten, da sie bei einer weniger grausamen Züchtigungsmethode nicht mehr für die Mannszucht einstehen könnten. – Auch die Unteroffiziere sind von den Offizieren streng geschieden, und ist zwischen beiden gar kein gesellschaftlicher Verkehr statthaft; überhaupt hat das nordamerikanische Heerwesen alle schlechten Seiten des englischen, ohne die wenigen guten, welche man dem letzteren etwa zugestehen könnte.
So ist das stehende Heer nur eine gewissermaßen neben den Staat und neben die bürgerliche Gesellschaft hinausgesetzte Söldnertruppe, befehligt von Oberen, die mit ihr keinen moralischen oder volksthümlichen Zusammenhang haben. Man nützt die Leute ohne Schonung durch Dienst und Strapazen ab, weil man gegen ein Handgeld immer wieder Ersatz findet, der dann freilich nie von besserer Beschaffenheit ausfällt.
Ueber schlechte Kriegsverwaltung ist stete Klage, denn der Kriegssekretär ist allemal ein Mann, welcher keine militärische Laufbahn gemacht hat, und vom Dienste und dessen Bedürfnissen weder Kunde noch Einsicht hat. Die Geldverschleuderungen in diesem Verwaltungszweige haben in manchen Jahren einen so großen Maßstab angenommen, und es herrscht in denselben eine solche Gewissenlosigkeit, wie sie in keinem andern Lande, nicht einmal im frühern Rußland, ihres Gleichen hat. Im Kongresse sind darüber haarsträubende Thatsachen und Ziffern beigebracht worden, die Zeitungen haben bis in alle Einzelnheiten handgreifliche Belege genug veröffentlicht, aber die Dinge sind bis auf diesen Tag beim Alten geblieben, weil jedem politischen Stimmführer dort die Anwartschaft vorliegt, selbst noch einmal in dieser Trübe fischen zu können.
Im Finanzjahre 1857 kostete das Landheer 12,380,684 Dollars; 1858 erforderte dasselbe 17,455,976 Dollars. Mit Zurechnung des Bedarfs für Festungswerke, Zeughäuser, Munition und der Ausgaben für Miliz stellte sich das Budget der Kriegsverwaltung auf 23,243,822 Dollars, mit der Flotte aber, welche allein 14,712,610 Dollars kostete, auf beinahe 38 Millionen Dollars. Darnach berechnet sich der Unterhalt jedes einzelnen gemeinen Soldaten in jedem Jahre nahezu fünfzehnhundert Thaler, mehr denn achtmal so viel als in jedem andern Heere.
[150] So unverhältnißmäßig hoch im Einzelnen dieser Aufwand erscheint, so schrumpft er doch zu völliger Bedeutungslosigkeit zusammen, wenn man die Milliarde dagegen hält, welche der europäische Kontinent in seinen Friedens-Budgets jährlich verschlingt (800 Millionen die stehenden Heere und 200 Millionen die Flotten). Das Erschreckende dieses Mißverhältnisses begreift man erst, wenn man bedenkt, daß jene Summe die Hälfte des gesammten Staatenhaushalts beträgt, der ohnedies in unseren Monarchien, mit ihrem Zubehör von Civillisten, Apanagegeldern, Pensionslisten und einem komplicirten Regierungsapparat die Kosten einer rationellen Bewirthschaftung, wie die schweizer und nordamerikanischen Republiken sie üben, um das Zweifache übersteigt. Was gibt es da noch zu verwundern, wenn trotz der raffinirtesten Anspannung der Steuerkraft, trotz der künstlichsten Steigerung des National-Wohlstandes, trotz der erdenklichsten Aufblähung und Ausnutzung des öffentlichen Kredits, sämmtliche Staaten jahraus jahrein ihre Bilancen mit Millionen von Defiziten abschließen und so unvermeidlich dem Bankerott entgegeneilen, wie ein leckes Fahrzeug, dessen Pumpen das Wasser nicht halten, trotz allen Geschicks der Steuerleute und aller Anstrengung der Mannschaft am Grund des Meeres anlangen muß. –
Man unterschätze deshalb nicht die Wehrkraft der Vereinigten Staaten; sie liegt, wie oben gesagt, in der Miliz, in welcher, dem Buchstaben des Gesetzes zufolge, jeder Mann vom 18. bis zum 45. Jahre dienen soll. Sie darf in gewöhnlichen Fällen nur innerhalb des besondern Staats verwandt werden, welchem sie angehört, steht unter dem Oberbefehl des Gouverneurs und in Kriegszeiten hat jeder Einzelstaat einen angemessenen Beitrag zur Bundeslandwehr zu stellen. Diese Miliz, die in jedem Jahre 14 Tage lang dienstliche Uebungen abhält, würde in Kriegszeiten eine unerschöpfliche Reserve bilden, welche allen Abgang, den die Feldtruppen etwa erleiden, in jedem Augenblick reichlich ersetzen könnte. Man läßt ihr im Frieden weiten und freien Spielraum, und dringt nur darauf, daß die Männer sich in den Waffen üben. Was diesen Leuten im Anbeginn eines Kampfes fehle, würden sie ohne Zweifel durch Muth und Patriotismus ersetzen. Die Soldatenspielerei der Milizkompagnien, namentlich in den großen Städten, hat ohne Zweifel ihre humoristische Seite, aber von dieser darf man nicht auf die Sache selbst schließen. Unter ihrer Oberfläche ist eine ungeheure Kraft und ein gewaltiger Ernst verborgen. Die Zahl der waffentragenden, in den Listen der Landwehr verzeichneten dienstpflichtigen Männer betrug im Jahre 1859 nicht weniger als 2,827,486 Köpfe. Von diesen sind mindestens drei- bis viermalhunderttausend Mann, namentlich im Westen, geübte Büchsenschützen, aus denen sich binnen wenigen Wochen vortreffliche Kerntruppen bilden lassen, die vor keinem noch so taktisch gebildeten Heere zurückweichen. Sobald ein Feind erschiene, würden sie in ungezählten Schaaren ihm entgegeneilen, und ein Aufruf des Präsidenten reichte hin, um hunderttausend Freiwillige für das stehende Heer zu gewinnen. Während des Krieges gegen Mexiko strömten sie in solcher Menge herbei, daß man sie nur zum kleinern Theil verwenden konnte. Die Nordamerikaner sind kein soldatisches Volk, das seinen Ruhm in kriegerischen [151] Thaten sucht, aber sie besitzen Muth und Zähigkeit, und der kriegerische Geist würde bald die gesammte Jugend ergreifen, wenn das Vaterland bedroht wäre. Ohnehin leben Millionen Deutsche in den Vereinigten Staaten, und schon durch sie wäre an und für sich eine Bürgschaft für kriegerische Tüchtigkeit gegeben.
Warum sollte dieses System, wenn doch einmal die Völker sich nicht in das Gefühl der Sicherheit hüllen, sondern im Anschlag einander gegenüber stehen sollen, nicht auch auf Europa anwendbar sein? Beweist doch die Schweiz zur Genüge, daß selbst ein kleines Volk in Waffen mehr Achtung einflößt und seine Selbstständigkeit energischer zu wahren weiß, als es das kostspieligste und bestorganisirte stehende Heer vermöchte.
Aber wozu Eulen nach Athen tragen? Das sind so oft bewiesene, so feststehende, so allbekannte Sachen, daß nichts mehr zu ihrer Bestätigung hinzuzufügen ist, – gerade so feststehend, als die Thatsache, daß die stehenden Heere wohl den Völkern, nicht aber den Fürsten entbehrlich sind, – und so lange der Grundsatz in Europa Geltung hat, daß die Völker der Fürsten wegen da sind, nicht die Fürsten der Völker wegen, so lange werden auch die stehenden Heere eine Nothwendigkeit unseres Regierungssystems bleiben, und so lange wird dieses wie ein Vampyr das Volkswohl umklammert halten – bis es mit ihm in den selbst gewühlten Abgrund des Verderbens stürzt.
Betrachten wir nun West-Point und die dortige, im Jahr 1802 gegründete Militärakademie, in welcher alle Offiziere und Ingenieure für die Armee der Vereinigten Staaten gebildet werden. Der Ort liegt etwa 53 englische Meilen stromaufwärts von Newyork, am rechten, westlichen Ufer des Hudson, in welchen eine hohe Landspitze weit vorspringt: daher der Name. Die Gegend ist prächtig und erinnert wieder, wie so manche früheren Bilder, an die schönsten Landschaften unseres Rheins. Auf einer ein paar hundert Morgen großen, 157 Fuß hoch liegenden Fläche, erheben sich die verschiedenen Gebäude: die Halle der Akademie, die Kapellen, Krankenhaus und Bibliothek, Speisehaus, die Kaserne für die Kadetten, die Wohnungen für Lehrer und Offiziere. Unterhalb des Hügels nach Nordwesten hin liegt Campton mit einer Kaserne und verschiedenen andern Gebäuden. Grade gegenüber sind die Ueberreste des aus der Revolution herrührenden Fort Putnam; unten in der Ebene sieht man noch Erdhügel vom ehemaligen Fort Clinton. West-Point gegenüber, am östlichen Ufer, ist Konstitution-Island; dort hatte man während des Unabhängigkeitskrieges Ketten über den Fluß gezogen.
Die Einrichtungen in dieser Militärakademie sind in mancher Beziehung eigenthümlich, weshalb wir etwas näher auf dieselben eingehen wollen. Jeder Bezirk, der einen Abgeordneten in den Kongreß wählt, [152] hat das Recht, durch diesen Abgeordneten einen Kadetten zur Aufnahme vorzuschlagen, sobald eine Stelle erledigt ist. Im Durchschnitt beträgt die Zahl der Akademiezöglinge nahe an dreihundert, der Präsident kann seinerseits außerdem alljährlich zwölf Kadetten ernennen, die aber erst eintreten, wenn sie die vorschriftsmäßigen Prüfungen bestanden haben. Während des mexikanischen Krieges meldeten sich in einem einzigen Jahr mehr als zehntausend Bewerber zur Aufnahme, und das scheint uns bezeichnend für den Geist, welcher in der amerikanischen Jugend lebt. Von den Angenommenen tritt in der Regel ein Dritttheil bis zur Hälfte wieder zurück, weil sie nicht körperkräftig genug sind oder in den Prüfungen nicht genügend befunden werden.
Die verschiedenen Lehrgänge nehmen vier volle Jahre in Anspruch. Früher war in West-Point ein widersinniges Pennalwesen herrschend; der Ankömmling wurde arg gehänselt und verspottet, man bezeichnete ihn nur als ein „Ding“, als einen „Plebe“; doch hat dieser Unfug in neueren Zeiten sich mehr und mehr verloren. Wer die erste Prüfung bestanden hat, also zur Aufnahme befähigt ist, erhält die schlichte Kadettentracht, grau, mit glockenförmigen Knöpfen und schwarzem Vorstoß. Das gesammte Corps bildet ein Bataillon von vier Kompagnien, und sämmtliche Offiziersstellen werden von Kadetten bekleidet. Ueber alle steht der Kadettenkapitän mit vier Lieutenants, welche aus der Armee nach West-Point als Rittmeister befehligt worden sind. Die erste Kadettenklasse liefert die erforderlichen Kadettenhauptleute und Lieutenants, die zweite alle Sergeanten, die dritte alle Korporäle; alle übrigen dienen als Gemeine. Das Kadettenexercitium leitet der Korporal, jenes der Kompagnie ein Lieutenant von der Armee. Die jungen Leute werden in angestrengter Thätigkeit erhalten, und gegen Ende des Juni beziehen alle ein Lager bei West-Point, das sie selber aufschlagen müssen. Sie haben genau denselben Felddienst wie die Soldaten im stehenden Heere und lernen denselben gründlich kennen. Das Lager besteht aus acht Zeltreihen mit vorgeschobenen Wachtzelten. Tag und Nacht sind acht Posten ausgestellt, und binnen 24 Stunden finden vier Ablösungen Statt. Täglich wird zweimal Musterung gehalten, vier Stunden lang wird exercirt; hier wird geschossen, dort geritten oder gefochten, überall ist reges Leben. Der Kadett steht unter den Kriegsartikeln, tritt als Unterlieutenant ins Heer, nachdem er seine letzte Prüfung bestanden hat und muß sich verpflichten, zunächst binnen vier Jahren seinen Abschied nicht zu fordern.
Das Lager wird zu Ende des Augustmonats aufgebracht. Vor dem Wiedereinzug in die Kaserne wird ein Feuerwerk veranstaltet und, nach dem Takte der Trommel, ein großer Fackeltanz aufgeführt. Ehemals mußten die Kadetten angestrengte Marschübungen bis in weite Fernen machen, aber dieser Brauch ist abgestellt worden, weil dabei die jungen Männer sich nicht an strenge Zucht banden.
[153] Der Lehrgang ist gründlich, namentlich in den mathematischen Wissenschaften. Die Kadetten erhalten Censuren. Wer jährlich 200 Fehler im Betragen hat, wird entlassen; über Fleiß und Aufführung berichtet man monatlich an den Vater oder Vormund jedes Einzelnen. Die Disciplin ist streng. In der zweiten Klasse wird vorzugsweise Physik getrieben; dann folgen Ingenieurwissenschaften, Chemie, topographische Uebungen und Zeichnen; es versteht sich von selbst, daß jeder Einzelne auch den Kursus seiner Specialwaffe durchmacht. Von fremden Sprachen ist seither nur die französische gelehrt worden, doch hat sich in neuerer Zeit das Bedürfniß, auch Spanisch zu lernen, geltend gemacht. Die Jahreskosten der Akademie betragen kaum so viel wie der Unterhalt einer Fregatte, zwischen 160 bis 180,000 Dollars. Sie hat viele ausgezeichnet tüchtige Offiziere geliefert, und die Arbeiten der Ingenieur-Topographen, welche seit einem Jahrzehnt die verschiedenen Strecken zur Anlage einer Eisenbahn nach dem Westen untersucht, vermessen und beschrieben haben, geben allein schon ein tüchtiges Zeugniß.
Im demokratischen Amerika ist oft der Vorwurf erhoben worden, daß West-Point eine Pflanzschule für aristokratische Standesüberhebung sei, aber diese geht doch nicht weiter, als daß die Offiziere, welche aus der Akademie hervorgegangen sind, einen gewissen Corpsgeist zeigen, der bei Soldaten von Beruf überall sich zeigt. Eine abgeschlossene Kaste bilden sie nicht; von Privilegien im Staat oder in der Gesellschaft ist für sie keine Rede, und wegen der Zulässigkeit zu ihren Reihen versteht sich in einer demokratischen Republik die Gleichberechtigung aller Bürgerssöhne von selbst.
In Europa betrachten manche verarmte Familien von „Rang und Stand“ die Armeen als Anstalten, in welchen ihre Söhne ein „standesmäßiges“ Unterkommen finden, und eine gewisse „Stellung im gesellschaftlichen Leben“ erhalten; in Nordamerika bietet jeder andere Beruf an Lohn und Ehren reichlich so viel wie der des Offiziers. Am Schluß des vorigen Jahres zählte das stehende Heer Alles in Allem 1084 Offiziere aller Grade; an Musikern, Unteroffizieren, Handwerkern und Gemeinen 11,859 Mann, im Ganzen 12,943. Ein Dragoneroberst bezieht monatlich im Ganzen 235 Dollars, ein Artillerie- und Infanterieoberst 218 Dollars, ein Major 175, ein Hauptmann 118, ein Oberlieutenant 108, ein Unterlieutenant 103 Dollars. Die europäische Art der Pensionirungen kennt Amerika nicht. Innerer Drang und Interesse für den Stand müssen das Beste dazu thun, für diesen entbehrungsvollen Beruf zu werben, denn wer sich als Offizier dem Heerdienste zuwendet, opfert dafür jedenfalls eine mehr versprechende Laufbahn und hat die gewisse Aussicht, mehr als die halbe Lebenszeit in wilden Gegenden, fern von aller civilisirten Gesellschaft, zu verbringen.