Siebenzehnter Jahresbericht des deutschen Lehrerinnenheims zu Paris 1901-1902


[a]
Siebenzehnter Jahresbericht
des
deutschen Lehrerinnenheims zu Paris,
21, rue Brochant.




Unter dem Protektorate Ihrer Majestät der Kaiserin.



Paris
1901/1902.
[1]
Siebenzehnter Jahresbericht
des
deutschen Lehrerinnenheims zu Paris,
21, rue Brochant,
über die Zeit vom 1. April 1901 bis 31. März 1902.




Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ziemt sich in unserem heutigen Berichte vor allen Dingen, jenes schmerzlichen Ereignisses zu gedenken, dessen Kunde im August vorigen Jahres die deutschen Gaue durcheilte und überall Trauer und Teilnahme weckte. Der Heimgang Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich hat unser Heim seiner hohen Protektorin beraubt, die nicht nur die Gründung und Ausgestaltung desselben einst mit stetem Interesse verfolgte, sondern es auch selbst im Februar 1891 eingehend besichtigte.

Daß unserem Heime sich so rasch und dauernd Sympathie und Vertrauen weiter Kreise zuwandten, ist sicherlich mit dem Umstande zuzuschreiben, daß die Hohe Kaiserliche Frau sich mit ihrem Namen zu ihm bekannte. So soll denn auch der ersten Protektorin unseres Werkes ein Ehrendenkmal errichtet bleiben in unserem Gedächtniß.

Gott sei Dank ist die Pflege praktischer Nächstenliebe eine feste Tradition im Zollernhause. So haben auch wir die hohe Freude, daß Ihre Majestät, unsere in Ehrfurcht geliebte Kaiserin Augusta Viktoria durch Schreiben vom 21. Februar 1902 huldvollst geruht hat, ferner das Protektorat über unser Heim zu übernehmen. Möchte durch solche Auszeichnung unser Heim allerzeit [2] kräftige Förderung erfahren und wir darin einen steten Ansporn finden, unser Werk in den bewährten Bahnen vorwärts zu führen.

Daß es bewährte Bahnen sind, auf denen wir uns bewegen, hat auch die Geschichte des Hauses im vorigen Jahre bewiesen. Mit großen Bedenken und nach vielem Überlegen hatte die Generalversammlung im Frühjahre 1901 beschlossen, die Stellenvermittlung für die Lehrerinnen im Hause selbst zu betreiben und die dadurch notwendig werdenden Umbauten trotz großer Kosten vorzunehmen. Heute dürfen wir wohl sagen, daß unsere Pläne die Probe, so weit Menschen sehen, bestanden haben. Die neue Anordnung und Einrichtung der Räumlichkeiten ist schön und zweckentsprechend, die Verbesserung eine wesentliche. Es ist vor allen Herr Tillmanns, dessen nie ermüdendem Eifer und fester Thatkraft wir das zu danken haben. Er sei deshalb auch hier unseres aufrichtigen Dankes versichert.

Von 133 Anfragen konnten 53 befriedigt werden. Es hat also nicht viel weniger als die Hälfte der Lehrerinnen im Heim durch uns Stellung gefunden. Außerdem stand es ihnen natürlich frei, auch auf anderem Wege Beschäftigung zu suchen, was auch den meisten glückte.

Auch die Frequenz unseres Heimes hat im Vergleich mit dem letzten Jahre vor der Ausstellung nicht abgenommen und wenn man im Vorjahre die Ausstellungsbesucher abrechnet, sich beträchtlich gehoben.

Es wohnten im Heim 142 Damen in 2875 Nächten.

Davon waren dem Beruf nach:

132 Lehrerinnen,
1 Masseuse,
5 Malerinnen,
4 ohne bestimmten Beruf.

Der Nationalität nach zählten wir:

130 Deutsche,
3 Amerikanerinnen,
3 Oesterreicherinnen,
2 Schwedinnen,
2 Engländerinnen,
1 Französin,
1 Russin,

[3] Nach den verschiedenen Ländern geordnet, kamen zugereist:

77 aus Frankreich,
10 aus Oesterreich,
39 aus Deutschland,
6 aus der Schweiz,
9 aus England,
1 aus Amerika.

Es wohnten im Heim über 3 Monate: 3 Damen,
"er 2 Mo"nate 3 "
"er 1 Mo"nate 1 "
noch kürzere Zeit: 115 "

Der evangelischen Kirche gehörten 119, der katholischen 20 an, 3 waren Israelitinnen.

So erfreulich diese Zahlen sind, so wenig ist es doch das eigentliche Ziel unseres Strebens, sie in möglichster Höhe aufweisen zu können. Solange wir den vielen einsamen oder unerfahrenen, stellensuchenden oder ermüdeten Lehrerinnen ein Heim bieten können, wo sie in harmonischem Kreise sich wohl fühlen und für Leib und Seele wohl gesorgt ist, wo sie in ihrem beruflichen Streben Rat und Förderung finden, solange ist unser Zweck erfüllt und unsere Mühe belohnt. Auch in dieser Hinsicht ist das vergangene Jahr reich an Erfolg. Wir verdanken ihn vor allen Dingen dem vereinten Streben von Schwester Adele v. Verschuer und ihrer Gehülfin, Fräulein Vaupel, die dem Hauswesen mit Aufbietung all ihrer Kräfte treulich dienten.

Die stiftungsmäßigen wöchentlichen Bibelstunden wurden auch in diesem Jahre abwechselnd von den beiden deutschen Pastoren gehalten.

Mißgünstigen Ausstreuungen über unser Werk wirksam entgegen zu treten, hielten wir es für geboten, die Kenntniß von seinen Einrichtungen und seinem Betrieb möglichst bekannt zu machen. In vielen Tageszeitungen, Wochen- und Fachschriften erschienen teils durch dankbare Lehrerinnen ohne unser Zuthun, teils auf unsere Bitte hin Artikel, die geeignet waren, alle Vorurteile zu zerstören. Auch hier sei nochmals darauf hingewiesen, daß das Heim für Lehrerinnen von dem für Mädchen in seinem Betrieb völlig getrennt ist und daß wir in dem ersteren die gleichen Aufnahmebedingungen haben wie die großen Lehrerinnenvereine Deutschlands.

[4] Von einer Beeinträchtigung der Würde dieses Standes durch unsere Einrichtungen kann also in keiner Weise die Rede sein. Wir wiederholen es vielmehr nachdrücklich, daß wir uns in dem Eifer für das Wohl der Lehrerinnen zu sorgen, von Niemandem überbieten, aber auch von Niemandem verdächtigen lassen wollen.

Bei dem Blick auf unsere Kasse gedenken wir heute vor allem unseres treuen, langjährigen Schatzmeisters, Herrn Klattenhoff, der es ermöglichte, trotz langwieriger Erkrankung, sein Amt in altbewährter Weise fortzuführen und uns dadurch zu besonderem Danke verpflichtet hat. Wir freuen uns von Herzen der andauernden Besserung seiner Gesundheit und wünschen ihm recht baldige völlige Genesung. –

Nachdem wir oben schon den großen Umbau erwähnten, wird es nicht Wunder nehmen, daß der Stand der Kasse unserer beiden Heime in diesem Jahre ein sehr ungünstiger ist. War es uns in den letzten Jahren möglich, unseren Fehlbetrag allmählich bis auf 650 Frs. zu vermindern, so ist er durch den Bau und andere damit zusammenhängende Neueinrichtungen wieder auf 8737,55 Frs. angewachsen. Aber selbst wenn wir davon absehen, so wäre es uns infolge der Steuererhöhung, die durch einen Druckfehler im letzten Bericht auf 100 statt auf 1000 Frs. angegeben war, nicht möglich gewesen, Ausgabe und Einnahme aus eigener Kraft in Einklang zu bringen. Wohl ist es sehr erfreulich, daß durch die in den beiden Büreaux neu angebrachten Gabenkasten die Spenden der engagierenden Damen wiederum um ein Bedeutendes gewachsen sind, aber diese Steigerung kann den Ausfall in den Einnahmen des Mädchenheims, durch das an sich erfreuliche, rasche Stellenfinden der Einzelnen, nicht ersetzen. So ist es uns denn auch in diesem Jahre allein durch die Hülfe unserer Wohlthäter möglich gewesen, in dem laufenden Betrieb zu genügenden Resultaten zu gelangen, und wir sprechen deshalb dem Hohen Magistrate der Haupt- und Residenzstadt Berlin, wie auch den Gustav-Adolf-Vereinen unseren herzlichsten Dank aus für die freundlichst gewährten Unterstützungen, verbunden mit der innigen Bitte, uns auch fernerhin zur Seite stehen zu wollen.

[5] In unserem Vorstande haben wir einen großen Verlust zu verzeichnen. Nachdem Frau Barop schon im vorigen Jahre aus Gesundheitsrücksichten ihren Posten im Verwaltungsrat niederlegen mußte, ist sie am 6. Juli 1901 unerwartet rasch aus diesem Leben abgerufen worden. Sie hat vom ersten Beginn unseres Werkes an mit ihrem warmen Herzen und ihrer aufopfernden Hingabe mit an der Spitze desselben gestanden und viel zu seinem Gelingen beigetragen. Ihr Andenken soll unter und stets in Ehren bleiben.

In Herrn Arthur Geißler hat unser Vorstand wertvollen Zuwachs erhalten und wir sind der Zuversicht, daß er gerne Schulter an Schulter mit uns arbeiten wird am Wohl unserer Pflegebefohlenen.

Herrn Vignerot danken wir auch in diesem Jahre für die freundliche, entgegenkommende Behandlung unserer Gott sei Dank nur kleinen Zahl leicht erkrankter Heimbewohnerinnen.

Zum Schlusse aber heben wir unsere Augen auf zu dem treuen, gnädigen Gotte, von dem alle gute Gabe kommt und bitten Ihn, daß er auch ferner über unserem Heim und über alle, die dorten ein- und ausgehen, walten wolle mit Seinem Segen.

Paris, im Mai 1902.

Pastor H. Anthes,
Vorsitzender. 



[6] Das Gesamtkomitee des deutschen Heimes besteht aus folgenden Persönlichkeiten:

Ihre Durchlaucht Fürstin von Radolin, Ehrenpräsidentin;

den Herren: Kirchenrat Frisius, London, Ehrenmitglied; Pastor H. Anthes, Vorsitzender; A. Klattenhoff, Schatzmeister; H. Andréc, Schriftführer; L. Grub und H. Lüdert, Kassenrevisoren; A. Blattmann, A. Geißler, Konsul v. Jecklin, Pastor Klattenhoff, J. Tillmanns;

den Damen: Frau Pastor Anthes, Blattmann, Eckhardt, Grub, Fräulein Luise Grünert, Fräulein Clara Helbig, Frau Joest, Gräfin Keßler, Fürstin zu Lynar, Frau Klattenhoff, Frau Pastor Klattenhoff, Fräulein Julie Oetting, Frau Tillmanns.

Diese alle sind gern bereit, Gaben für unser Werk entgegen zu nehmen.

Der Verwaltungsrat besteht aus folgenden Mitgliedern:

den Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Eckhardt, Frau Grub, Fräulein Helbig, Frau Tillmanns;

den Herren: Andréc, Klattenhoff, Tillmanns, Pastor Anthes.



[7]
Generalbilanz
vom 31. März 1902.



[8]
General-Bilanz vom 31. März 1902.
Einnahmen. Ausgaben.
  Fr. Cts.   Fr. Cts.
1. Eingegangene Gaben im verflossenen Jahre vom 1. April 1901 bis 31. März 1902 1 383 65 1. Saldo, Fehlbetrag am 1. April 1901 650 20
2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere und Reservefonds 527 40 2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere – dort noch stehend 527 40
3. Einnahmen in der Kasse des Heims vom 1. April 1901 bis 31. März 1902:   3. Haushaltungskonto:  
     A. Pension der Lehrerinnen Fr. 9 327 05        Neue Anschaffung an Mobiliar und Hausgeräten und Erneuerung der Betten Fr. 1 732 50  
     B. Pen"ion d"0 Mädchen "0 9 654 15        Anschaffung von Wein, Kaffee und Thee "0 349 05  
     C. Mahlzeiten ohne Pension "0 0675 65        Fleischerrechnung "0 4 746 60  
     D. Wein "0 0292 95 19 949 80      Krämer "0 931 25  
4. Gaben bei Nachweis von Stellen für Mädchen Fr. 1 877 –        Bäckerrechnung "0 1 207 65  
4. Desgleichen für Lehrerinnen "0 594 40 2 471 40      Milch "0 747 80  
5. Bäder 8 20      Sonstige Nahrungsmittel "0 3 140 –  
6. Diverse 135 55      Wäsche "0 700 25  
7. Saldo, Fehlbetrag am 31. März 1902 8 737 55      Heizung, Licht und Wasser "0 1 485 25  
         Diverse "0 352 35 15 392 70
    4. Gehälter, Löhne und Reisevergütung Fr. 3 704 45  
    5. Steuern, Assekuranz und Enregistrement "0 1 748 25  
    6. Bücher, Drucksachen, Porti und Diverse "0 932 50  
    7. Kosten für Unterhaltung der Gebäude "0 2 914 85  
    8. Besondere Kosten für Umbau und Neueinrichtungen "0 7 343 20 16 643 25
  33 213 55   33 213 55
Nachgesehen und richtig befunden:
Aug. Klattenhoff, Louis Grub,  H. Lüdert, 
Schatzmeister. Kassenrevisoren. 

[9] Tabelle auf den Seiten 8 und 9 in Anlehnung an WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.

[10]
Eingegangene Gaben.
  Fr. C.
Beitrag der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin  
ℳ 1000 1 230 –
Von Frauenverein der Gustav-Adolf-Stiftung Gießen ℳ 60 –  
Desgleichen Zwingenberg. ;;"; 40 –  
  ℳ 100 – 122 85
Durch das Stuttgarter evang. Sonntagsblatt "00 25 – 30 80
1 383 65

Als Reservefonds bei der Mitteldeutschen Creditbank in Frankfurt stiftungsgemäß angelegt:

ℳ 3 800 – 3½ % Meininger Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 92 ℳ 3 496 –
";; 2 000 – 4 % Frankfurter Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 99.50 ";; 1 990 –
";; 2 500 – 3½ % Frankfurter Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 93 ";; 2 325 –
";; 0500 – 3 % Karlsruher Stadtanleihe
zum ungef. Kurse von ℳ 89 ";; 0445 –
";; 2 500 – 4 % Frankfurter Hyp.-Cred.
Ver. Pf. ℳ 98.20 ";; 2 455 –
ℳ 10 711 –
à 122.– = Fr. 13 067 40

Bemerkung: Nach einer Verfügung des Stifters muß der Reservefonds immer wieder auf die Höhe von 15.000 Frs. gebracht werden.



Straßburger Druckerei u. Verlagsanstalt, vorm. R. Schultz u. Co. – 4352.