Tempeltrümmer am Ida auf Candia

DCCLXXXIII. Ueber Riga nach Petersburg und Kronstadt Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXXXIV. Tempeltrümmer am Ida auf Candia
DCCLXXXV. Der Sankt Peters-Kirchhof und die Maximus-Kapelle in Salzburg
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GRIECHISCHE BAUTRÜMMER
auf Candia.

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DCCLXXXIV. Tempeltrümmer am Ida auf Candia.




An diesen verlassenen Ueberresten hellenischer Größe sind Jahrtausende vorbei gegangen; die Götter sind entflohen, die Gesänge der Priester sind verstummt, und ein anderes Geschlecht und ein anderer Glaube ehrt an anderer Stätte den alleinigen Schöpfer des Weltalls; aber der Zauber, der an diesen Trümmern hängt, wird bleiben, so lange es Menschen gibt, welche Gefühl für das Schöne und Erhabene im Herzen tragen.

Um die Ruinen am Berge Ida zu sehen, welche eine Meile von der Stätte des alten Cnossus aus wucherndem Pflanzenwuchs so unbeschreiblich malerisch hervorragen, hat man, von der Hauptstadt Candia’s aus, eine beschwerliche Wanderung seitab durch öde und kahle Bergdistrikte zu machen. Schwarze Cypressen, riesengroße Pinien, da und dort eine schlanke Palme, oder die hochaufragende Blumenkrone der Aloe geben der Landschaft eine ernste Physiognomie, welche zu den Bildern harmonirt, mit welchen die Phantasie und die Erinnerung an Mythe und Geschichte des Alterthums die Seele erfüllen. Dann und wann trifft man auf ein üppiges Gefild mit reichen Getreidefeldern und traubenbelasteten Reben, die sich in Guirlanden von Oelbaum zu Oelbaum schwingen; je näher aber am Ida, je mehr schwinden allmählig die Spuren der Kultur; höher erheben die Berge ihre Häupter, die Straße verengert sich zum Pfade, Einsamkeit und Oede wachsen von Viertelstunde zu Viertelstunde und näher treten aus der grauen Vergangenheit die Gestalten von Sage und Mythe. Immer aber bleibt das Haupt des Ida im Angesicht, einst der Lieblingsaufenthalt der Götter, und von jeder Höhe gewahrt das rückwärts schauende Auge den blauen Spiegel des Meers, über den die Weißen Segel wie Möven dahinziehen.

Der Anblick der Trümmer selbst gibt den vollen Eindruck klassischer Ruinen. Um die aufrechtstehenden Reste eines Tempels ist der Boden mit kleineren Trümmern bedeckt, unter den Sträuchen schauen Säulenstücke, Kapitäler, Triglyphen hervor, und zwischen Gras und Blumen liegen die Fragmente von Gebilden der edelsten griechischen Kunst. Chaos ist Alles: und doch weht im Wuste der Zerstörung der Geist der Harmonie: Trümmer sind es – aber doch so hehr und herrlich, daß sie das Land ringsum beherrschen.

Es gehören diese Trümmer der perikleischen Zeit des griechischen Kunstlebens an, jener Periode, welche der monumentalen Architektur den günstigsten Boden bereitete. Hellas hatte die Tyrannis abgestreift, die Selbstständigkeit [121] des freien Gemeinwesens blühte in voller Pracht, der griechischen Kraft unterlagen die unermeßlichen Perserheere bei Marathon, Salamis, Artemisium und Platäa, – das Volk hatte sich zum stolzesten Selbstbewußtseyn aufgeschwungen und was es that, that es in diesem Geiste. Die Städte in Attika, im Peloponnes, auf den Inseln wetteiferten in der Errichtung monumentaler Werke; überall stiegen prächtige Tempe und öffentliche Bauten empor. Die Bedeutung der Kunst für das Leben war zur höchsten und allgemeinsten Geltung gekommen. Phidias und eine Schaar von Meistern des höchsten Rangs führten aus, was der griechische Geist entwarf und dachte; Alles war in dieser Zeit vereinigt, um die hellenische Kunst auf den Gipfel der Entwickelung zu führen und zu der Vollendung zu bringen, welche wir in ihren Ueberresten bewundern und die wir nachahmen als unerreichbare Vorbilder und Muster. Die erste Hälfte des fünften Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung umfaßt diese Periode, in deren Kunstschöpfungen sich der göttliche Ernst, die erhabene Würde und die menschliche Anmuth vollkommen vereinigten.

Keine Blüthe hat, so wenig in der Kunst, wie in der Natur, eine lange Dauer; die prächtigste geht am schnellsten vorüber. Auch die hellenische stieg von ihrem Gipfel bald herab. Schon zur Zeit Alexanders des Großen (um 330 vor Chr.) wurde in der griechischen Architektur bald der Verfall sichtbar und nach dem Tode dieses großen Königs, als dessen Weltreich sich in einzelne Staaten aufgelöst hatte und als deren Beherrscher, griechischen Stamms, doch von persischem Stolz und persischer Prachtsucht angesteckt, eine Menge neuer Städte mit monumentalen Gebäuden errichteten zur Verherrlichung ihrer Geschlechter, – in den zwei Jahrhunderten, welche dem Anfang unserer Zeitrechnung unmittelbar vorangingen, – brach das Verderben rasch herein. Die Zwecke fürstlicher Prachtliebe verlangten vorzugsweise imponirende Effekte und diese Richtung bildete sich als die herrschende aus, als die griechische Kunst zur unterthänigen Magd Roms herabsank. Alle Monumente jener Zeit sind dem Geiste des Ebenmaßes, der Klarheit und der Naivität fremd, in welchem der Zauber der hellenischen Kunst aus der Periode ihrer höchsten Entwickelung verborgen liegt. Jene Richtung ging, ganz wie in unserer Zeit, vorzugsweise auf den Ausdruck der Leidenschaft, auf die Darstellung sinnlichen Verlangens und sinnlichen Reizes hinaus, im Gegensatz zur Stille der Seele, zur ernsten Würde, zur erhabenen Einfachheit und unbewußten Anmuth. Sie blendete das sinnliche Auge, das Gefühl aber ließ sie kalt, und ein Vergleich der stupenden antiken Bauwerke Roms mit den edelsten Resten griechischer Architektur wird die unendlichen Vorzüge der letzteren niemals verkennen lassen.