Ueber Riga nach Petersburg und Kronstadt
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KRONSTADT, in der Ferne PETERSBURG
Die Männer an der Newa, an der Themse, an der Seine, an der Donau und an der Spree, sie haben mit dem kranken Mann vom Bosporus im neuen Babylon getagt und der Welt versichern sie, daß sie die Lösung der orientalischen Frage in der Auflösung der Fundamente des orientalischen Lebens gefunden. Ihre Reclame ist gut stylisirt und der eisernen Stirn der Diplomatie macht sie alle Ehre. Wir haben die orientalische Frage immer für ein Stück der socialen angesehen, und der verhängnißvolle Austrag der ersteren unter den Anspielen des Beherrschers der Franzosen wird gewiß das Gute haben, daß er das Zerhauen des gordischen Knotens der letzteren beschleunigt, wenn auch in anderem Sinne, als die hohen Assecuradeurs des Großtürken es sich gedacht haben.
Integrität der Macht der hohen Pforte! Wo nur die Herren des neuen Lloyds hindachten! Und hätten sie neunzig Prozent Prämie für das Risiko bei dieser Versicherung genommen, so wäre doch noch kein Verstand in ihrer Spekulation zu finden. Glauben die christlichen Mächte, die den Sultan im „Koncert der europäischen Familie“ an- und aufgenommen haben, wirklich an eine Reorganisation des Türkenreichs durch jenen Hat, welcher Koran und Bibel gleichberechtigt und Christus und Mohammeds Gläubige nach 1200jährigem Haß durch einen Federstrich in Bruderliebe vereinigen soll? glauben sie, daß die französische Civilisation, welche am Bosporus die Straßen pflastert und die Häuser numerirt, daß die Sitten und Gebräuche des Abendlandes und abendländische Institutionen und Ideen den im Koran begründeten Gegensatz zwischen Muselmann und Ghiaur aufheben, und Frack und runder Hut die wilden Naturen der Pascha’s, Beys und Efendi’s, ihre tausendjährigen Gewohnheiten der Erpressung, des Raubs, der Unterschlagung, der Ungerechtigkeit und Tyrannei ändern und wegthun werden? daß der elektrische Draht, der aus dem Serail in die Königspaläste der Christenheit führt und die geheimsten Gedanken abendländischer Herrscher an das Ohr des Sultans tragen mag, daß die Eisenwege, auf denen das Dampfroß die Menschen und Güter des Westens nach Byzanz und Skutari, nach Brussa und Damaskus führen soll, und daß der Kanal im durchstochenen Isthmus von Suez, auf dem die abendländischen Flotten nach Indien ziehen werden, das doppelte Zauberwerk der Restauration und zugleich der Umwandlung des Orients vollbringen können? Werden Telegraphen und Schienenwege, Orden und [106] Waffenrock die Lebensgeister des Hauses Osman aus dem Todesschlafe wecken, und aus einem Land und Leute verschlingenden, nach Blut und Beute dürstenden Volk eine gewerbfleißige, von gesetzlichem Sinn durchdrungene, wohlgeordnete und wohlverwaltete Nation bilden? Nimmermehr! Was die Friedensmacher an der Seine im Namen ihrer Herren als die Absicht derselben der Welt kund gegeben haben, die Restauration des Türkenreichs durch die westliche Civilisation, das könnte Gott selbst nicht zu Wege bringen. Der Fanatismus Mohammeds allein war der Spiritus des türkischen Lebens; – er ist verflogen, das letzte Auflodern desselben hat der Krieg gelöscht. Nur das Phlegma ist geblieben. Was Europa dem Türken, dem nun guten Bruder der christlichen Könige, geben kann, Eisenbahnen für westindische Güter und Heere, Kanäle für westindische Flotten, die Doktrinen einer raffinirten Finanz und Polizei, die Recepte für die Erforschung der verborgensten „Steuerkräfte“ des Landes bis hinunter zu der verhungernden, armen, alten Spinnerin, das Privilegium, mehr auszugeben als einzunehmen und unter solidarischer Haft der Unterthanen Schulden zu machen, – diese rettenden Geister des Abendlandes werden die Integrität des Orients nicht retten. Doch darauf ist’s wohl auch nicht abgesehen. Der Adler und der Leopard, der Hahn und der Bär wären wohl nicht einig geworden, hätten sie sich nicht vorher in’s Geheim zur Schlachtschüssel eingeladen. Die Kuratelschaft ist nur für Diejenigen eine Mystifikation, welche zwar nicht mitspeisen, aber doch zuschauen und sich den Mund wischen sollen.
Inzwischen wollen wir uns das Herz nicht schwer machen mit bösen Träumen von der Zukunft. Wir wollen uns freuen Dessen, was uns gleichsam im Schlafe in den Schooß fiel. Ohne Schwertstreich sieht Deutschland seine Donau offen, offen den Pontus und Kleinasien, offen die große Tartarei. Die Berliner können ihre Shawls und die Cottbuser ihre Tücher, die Erzgebirger ihre Spitzen und Geigen auf der neueröffneten alten Kameelstraße sicher bis in die Mongolei und in’s Reich der Mitte schicken und die Hamburger den Kaviar direkt vom Caspisee beziehen, unsere Börsenfürsten können ihre Pioniere, ihre Agenten und Faiseurs nach Bukarest und Stambul, Teheran und Kabul schicken, um die goldenen Vließe unserer Zeit – die Koncessionen zu Kredit-Banken und Eisenbahnen – zu holen, die chinesischen Missionen an der Fulda und an der Spree sehen florirenden Zuständen entgegen und unsere Staatslenker freuen sich der Juwelen und Schätze, welche für die Kunst, Völker zu beglücken, im nun aufgeschlossenen Orient noch verborgen liegen: kurz, der Friede wird Vielen Vortheil und Freude bringen, am meisten aber den beschnittenen und unbeschnittenen Fürsten des Geldes, den Eisenbahnkönigen, den Bankdirektoren und jenen Fanatikern der Ruhe, welche sich zu Tische setzen und essen und trinken und begraben werden und fröhliche Erben hinterlassen. Selbst das Proletariat kann damit zufrieden seyn; denn für dasselbe wird die Gefahr, an Diätfehlern zu sterben, nicht größer werden, als früher, und die Luft wird auch noch unbesteuert bleiben. Wenn aber dem hellen Sonnenschein Gewitter folgen und den Friedensfesttagen die Bußtage, und dem Fortschreiten auf dem Wege aufwärts [107] die Umkehr abwärts – wie es ein Aphelium gibt für die Pfade der Gestirne und wie die Erde Zeiten hat der Sonnennähe und der Sonnenferne: – so mögen wir uns trösten wie Hiob sich getröstet hat bei dem Zusammensturz seines Hauses, und sagen: Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen! und der ist ein gebenedeiter Mann, der hinzusetzen kann: „der Name des Herrn sey gepriesen!“ denn die Tugend der Resignation wird dann der Tugenden beneidenswertheste seyn.
Zwei Wege führen den West-Europäer nach Sankt Petersburg. Er nimmt entweder den Wasserweg auf den stettiner oder lübecker Dampfern, die ihn binnen drei Tagen zur wohlverwahrten Pforte der Czarenstadt, nach Kronstadt, bringen, oder er wählt den Landweg, sey es durch das Königreich Polen über Warschau, oder durch die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands über Riga. Diese letztgenannten Routen gehen meist durch öde und einförmige Landstriche und entsprechen nur allzusehr dem Bilde, welches die deutsche Phantasie sich überhaupt von Rußland zu machen pflegt.
Bis Riga ist in Sprache, Sitten und Gebräuchen, in den Trachten und Zügen des Volks vorzugsweise deutsches Gepräge. Sobald man jedoch die Hauptstadt der deutsch-herrlichen Eroberung und Kolonisation hinter sich hat, verschwinden die althanseatischen nadelförmigen Thurmspitzen zwischen dürren Dünen und traurigem Kiefernwald. Mit ihnen vergeht jede Andeutung, daß wir soeben die zweite unter den russischen Handelsstädten am baltischen Meere verließen, denn Riga’s Verbindungen nach dem Innern des Landes ziehen sich im Sommer fast ausschließlich stromaufwärts auf der Düna in das Reich hinein, wie ihm denn auch auf diesem Wege seine Zuflüsse kommen. Nur im Winter schlüpfen zahllose Schlittenkarawanen mit rasch trabenden kleinen Pferden und eifrig treibenden Letten über die weite Schneefläche aus der Stadt in das Land, aus dem Lande in die Stadt.
Die weiteren Umgebungen der riga-petersburger Straße gleichen der warschau-petersburger auf ein Haar. Aus dem Wald in den Wald, aus der Einsamkeit in die Einsamkeit rennen in klapperndem Galopp die Rosse, und nur selten klingelt an uns ein ähnliches Geschirr in vollem Lauf vorüber, als flüchte Jedes aus dieser Einsamkeit. Häufiger als im baltischen Lande tauchen wohl in Polen Dörfer empor aus der öden Langeweile der Umgebung. Aber schwer ist zu entscheiden, welche einen trostloseren Anblick gewähren: ob die, gleich faulen Bettlern, am Wege hingelagerten Hütten der Esthen und Letten, oder die in Schlammfluthen halb versunkenen Wohnsitze des Landvolks der altpolnischen Provinzen.
Dies dauert auf beiden Routen nahe an drei Tage fort. Auf der baltischen Heerstraße sind indessen die Vorposten der Residenz weiter vorgeschoben, als auf dem polnischen Wege. Dorpat war dort die letzte ächt baltische [108] Stadt, welche wir passirten; Narwa erscheint dagegen bereits wie ein petersburger Anfang. Die Pracht der mit gigantischen Adlern gezierten Narwa-Brücke, die Kuppeln der griechischen Tempel, welche sich meistens über den Unterbau unverkennbar abendländischer Kirchen emporwölben, die überwiegende Russenbevölkerung, die städtischen Neubauten, die überall aufgestellten Soldaten und Polizeiwachen – Alles erscheint wie ein Vorspiel der Residenz des mächtigsten Autokraten der Welt. Auch die Chaussee, welche, glatt wie eine Eisenbahn und breit wie ein Marktplatz, von Narwa anhebt, um an Petersburgs Thoren zu enden, nachdem die bisherige Heerstraße sehr oft bezweifeln ließ, ob wir uns denn wirklich auf einer Straße befänden, vervollständigt den Eindruck. Dieser Eindruck ist ein ächt russischer: Einförmigkeit.
An die Stelle der bisher hölzernen Werstpfähle sind nun steinerne Pyramiden getreten, alle, bis auf die Farbe des Steins, einander so gleich, als wären sie aus einer Form gegossen, wie dies eben nur unter russischen Verhältnissen möglich erscheint. Gleichförmig im Aeußern wie im Innern, bis auf den schwarzledernen Ueberzug des Sopha’s und die Stellung jedes Stuhls sind die Posthaltereien auf den Stationen. Die Natur selbst hat mit gearbeitet an dieser furchtbaren Monotonie. Mannshohes Buschwerk auf spärlichem Haidegrund, welches genau in zehn Fuß Entfernung vom Straßengraben zu beiden Seiten beginnt, dahinter halbwüchsiger Föhrenwald mit seinen graurothen Stämmen, dies bleibt das unabänderliche Einzige, was das Auge auf einer Strecke von mehr als 10 Meilen vor- und rückwärts zu sehen bekommt. Es ist eine wahre Wohlthat, daß, nachdem man noch die Kasernenstadt Jamburg im letzten Abendschein durchfahren, die immer mehr verödende Landschaft in Nacht versinkt und die Sonne erst wieder aufsteigt, da die letzte Station vor Petersburg erreicht wird.
Welche Ueberraschung ist hier dem Reisenden bereitet! Anstatt vor einem ärmlichen Posthause, hält der Wagen vor einem eleganten Gebäude, und prächtige Pferde von edler Zucht werden angeschirrt, während ein langbebarteter Rosselenker im russischen Kaftan mit hellglänzenden Knöpfen und rothem zweizipfeligem Gürtel den Kutschersitz besteigt, auf dem bisher zerlumpte Bursche saßen. Und vorwärts fliegt die Quadriga auf prachtvoll geweiteter, von Bäumen beschatteter Fahrbahn.
Links her leuchtet durch die Büsche das schmucke fensterreiche Strelna, einst Alexanders Lieblingsaufenthalt, und jetzt noch, wenngleich nicht mehr in kaiserlicher Gunst, doch ein wohlkonservirtes Lustschloß. Dann zeigen sich zuerst einzeln, nachher häufiger hinter Birken, Fichten und Tannen, die Landhäuser der petersburger Großen. „Datschen“ (Geschenke) nennt sie der Russe in Bezug auf die Gnadenspenden der Alleinherrscher an ihre Lieblinge. Diese Spenden sind indessen meistens älteren Datums – aus der Zeit der Kaiserinnen Katharina und Elisabeth. Das Schenken ist jetzt seltener geworden.
[109] Ausgestattet hat die aristokratische Welt diese Landsitze mit üppiger Phantasie. Was alle Baustyle an Leichtigkeit, Freiheit und Koketterie besitzen, mischte sie so unentwirrbar zusammen, daß aus dem Chaos endlich wieder eine eigene, zwar regellose, aber doch nicht reizlose Architektur entstand. Allerdings ist nur von Holz, was anderwärts solides Steingefüge ist, aber damit ist eben die Möglichkeit und Leichtigkeit zierlicher Ausführung gegeben. Alle die verschiedenen Baustyle durchwehen asiatische Erinnerungen, welche sich an den massenhaft angebrachten Säulen und Säulchen, Pfeilern und Gitterwerken, an den Kiosks und lauschigen Verstecken hervordrängen. Weitfaltige Draperien in grellen Färbungen, bunte Teppiche, goldschimmernde Quasten, Fransen, Leisten und Hohlkehlen heben sich aus den Farbenmassen des Anstriches hervor. Dazu der Blumenschmuck der Gärten in größter Fülle. Unvorbereitet in der schönsten Jahreszeit hierher versetzt, würden Viele eher an Lissabon, Neapel oder Konstantinopel denken, als an das schlammige Newadelta unter dem 59. Grad der Breite. Selbst in den minder luxuriösen Umgebungen der Gebäude sind die wenigen Baumarten mit der den Russen eigenen Kunst in immer neuen Gruppen zu fortwährend wechselnden Schattirungen zusammengestellt. Dazu bewahrt der sammtglatte Rasen auf dem feuchten Morastgrund das herrlichste Grün und – seltsam genug – gerade die sibirische Fichte gleicht von fern einer recht üppigen Cypresse zum Verwechseln.
Von Neuem ändert sich die Scene. Dorfhütten im schwäbischen Styl treten an die Stelle der aristokratischen Sommerpaläste. Obstbäume umstehen sie, über ihren Thüren prangen deutsche Namen. Wir befinden uns in der Hauptstraße einer jener deutschen Kolonien, welche, von Katharina angesiedelt und gepflegt, sich ganz wohl befindet, wenn schon sie das deutsche Wesen ziemlich abgestreift hat. Schnell durchrasselt der Wagen das Schwabendorf. Vor dem letzten Hause öffnet sich der volle Blick auf die prächtige Residenz des Czaren. Es ist ein wahrhaft großer. Ueber eine weite, von zerstreuten Häusern und Baumgruppen geschmückte Aue strahlt die Newamündung im Morgensonnengold, ein Heer weißer Segel darauf, und hier und da die schwarzen Rauchflaggen der Dampfschiffe; jenseits aber ruht das unermeßliche Petersburg auf vielen Inseln, aus dessen Mittelpunkt, wie zwei glänzende Nadeln, die metallenen Spitzdächer des Admiralitäts- und des Festungsthurms emporschießen. Tiefer im Rauche der Kaiserstadt glitzern die Kuppeln der Isaakskirche wie Hügel von purem Golde.
Plötzlich macht die Straße eine Wendung und die ganze Fata Morgana ist verschwunden. Breite Flächen des traurigsten Sumpflandes drängen bis an die mühsam daraus emporgewölbte Straße heran. So eng grenzen üppige Pracht an trostlose Wüste zusammen. Alle Uebergänge fehlen hier eben so in der Naturerscheinung, wie im Menschenleben. Den einzigen Zusammenhang der Gegensätze bildet die kaiserliche Heerstraße – ein aufgemauerter Ukas.
Nicht eher sieht man von Petersburg etwas wieder, als bis man hineinfährt durch die Triumphpforte, [110] welche dem Kaiser Alexander errichtet ward, als er zurückkehrte aus jenem Kriege, von welchem die Hofhistoriker behaupten, er sey geführt worden „für Deutschlands Befreiung und die Erschaffung des heutigen europäischen Staatensystems“. Als ob dies gleichbedeutende Dinge wären!
Endlich sind wir in Petersburg. Wir fahren durch schnurgerade Straßen, besetzt mit den kolossalen Häusern und breit wie Märkte. Nichts mahnt in denselben an etwas Ursprüngliches und Nationales, denn sie sind noch menschenleer. Erst tief in die Stadt hinein muß der Wagen rollen, um von Menschenfluthen umwogt zu werden. Aber diese unterscheiden sich dadurch wesentlich von denen anderer Weltstädte, daß sie beinahe unhörbar vorüberströmen. Freilich rasseln die Räder der Fuhrwerke, freilich klappern die Hufe der Rosse, allerdings dröhnt der Taktschritt marschirender Soldaten und hört man dann und wann die Rufe der Verkäufer. Aber der eigentliche Lärm der Lebensunbefangenheit fehlt; es ist, als habe Jeder zu befahren, zornige Mächte aus bedrohlichem Halbschlummer zu wecken. Man vermag sich eines Gefühls der Unbehaglichkeit nicht zu erwehren, und dieser Eindruck wird im Hotel, vor dessen Pforte uns die schwarzbefrackten Diener der fahrenden Ritterschaft mit tiefen Bücklingen empfangen, nicht verwischt. Nur nimmt er eine andere Form an.
Höflich macht der Wirth seinem Gaste zur ersten Beschäftigung, seine mit Legitimationspapieren wohl ausgerüstete Person jener Behörde vorzustellen, welche den officiellen Titel führt: „Dritte Abtheilung der eigenen Kanzlei Sr. Majestät des Kaisers“. Das Publikum nennt sie kurzweg die Gensd’armerie; in Wahrheit ist es die Geheimpolizei. Daß dieses Geschäft abermals nicht geeignet ist, einen angenehmen Eindruck zu machen, versteht sich von selbst, obschon die Russen behaupten, ihre Regierung zeige sich darin ehrlicher als andere, daß sie offen das Vorhandenseyn dieses Instituts anerkenne, während die Regierungen des Abendlandes dasselbe fortwährend verleugnen und doch nicht darauf verzichten mögen. „Räuber oder Diebe – es kommt auf Eines heraus“, meint Yorik. Verzeihlich ist es dem Fremden gewiß, wenn er mit eigenthümlichen Empfindungen die kleine russische Kirche betrachtet, welche dicht vor dem Gebäude der Geheimpolizei steht. Ihr Friedhof ist nämlich durch aufwärts gerichtete Kanonenläufe umzäunt, welche mit einander durch schwere Ketten verbunden werden. Es ist als solle man daran das eherne Zusammenwirken der soldatischen und kirchlichen Herrschaftselemente zu engster Umzäunung aller menschlichen Freiheit und Selbstständigkeit erkennen – ein Sinnbild, welches anderwärts auch am Orte wäre, aber doch gewöhnlich nicht öffentlich ausgestellt wird.
Uebrigens hat man es auf dem Geheimbureau keineswegs mit uniformirten Gensd’armen zu thun. Diese besetzen nur die Höfe des Gebäudes und nehmen uns am Eingang des Expeditionszimmers dienstbeflissen den Mantel ab, während wir von äußerst gewandten Leuten mit den artigsten Gesellschaftsformen begrüßt werden: eine Erscheinung, die dem Fremden aus dem heimischen Polizeibureau gerade nicht sehr geläufig ist. Bei der rasch und [111] lebhaft eingeleiteten Unterhaltung über Anlaß und Zweck der Reise etc. durchfliegen sie unsern russischen Paß, der bereits beim Eintritt in das Reich gegen die heimathlichen Originalpapiere eingetauscht wurde, erkundigen sich beiläufig nach unsern Bekanntschaften und Empfehlungen u. s. w. und überreichen uns endlich den Erlaubnißschein zur Einlösung einer Aufenthaltskarte. Wer nicht genau Acht gibt, bemerkt es kaum, daß während dieses Gesprächs einige schmiegsame Personen durch das Zimmer gingen, andere aus den offenen Seitenthüren uns vom Kopf bis zur Zehe musterten, dem Tonfall unserer Stimme lauschten und die Antworten auf die vorgelegten Fragen genau in ihre Notizbücher bemerkten. Dies sind die Schutzgeister, deren zwar unsichtbarer, doch desto aufmerksamerer Obhut jeder Fremde während seines ganzen Verweilens in Petersburg anvertraut ist.
Nachdem endlich die theure Aufenthaltskarte gelöst worden, sind wir im Uebrigen von allen auffälligen und sichtbaren Polizeibelästigungen unbehelligt. Wir können jenes gewöhnliche Geschäft des Besuchers großer Städte, das beschauliche Umherschlendern, ganz ungestört betreiben. Nur müssen wir uns von vornherein an den Gedanken gewöhnen, daß damit nicht die Vortheile des Kennenlernens der Ortsverhältnisse wie anderswo zu erlangen sind. Es gibt kein öffentliches Leben in Petersburg, folglich scheitert auch jeder Versuch, sich darüber zu informiren. Es bedarf für den unabhängigen Fremden vieler Wochen und genauer Bekanntschaft, ehe er nur ein wenig in die Coulissen der petersburger Verhältnisse zu blicken vermag, um am Ende – doch nicht viel Anderes als neue Coulissen zu sehen. –
Touristenhaft läßt sich Petersburg nur ganz äußerlich abthun. Jede offene und unbefangene Frage muß sich stets darauf gefaßt machen, eine parteiische oder absichtlich verhehlende oder täuschende Antwort zu erhalten. Auch diese Parteilichkeit, Absichtlichkeit, Verhehlung oder Ostentation ist anders geartet, als man sonstwo findet. Sie gilt nicht nur dem eigenen Interesse, sie gilt auch dem Frager. Dem Franzosen gibt man ein anderes Bild als dem Deutschen, dem Vornehmen ein anderes als dem Mindervornehmen, dem Geschäftsmann ein anderes als dem Vergnügungsreisenden. Nur eines bleibt konstant: das Lob der eigenen, die Geringschätzung der ausländischen Verhältnisse. Wir kommen erst spät zu der Beobachtung, daß solche Urtheile vorzüglich da erklingen, wo es gilt, mit einem Nebelflecken ausländischer Zustände die faulen Stellen der eigenen Verhältnisse zuzudecken. Dies nicht nur petersburger, sondern allgemein russische Verfahren ist die reifeste Frucht eines langen bis zur Selbstvergötterung gestiegenen Despotismus. Auch die Byzantiner priesen einst ihre Zustände unter den gottgekrönten „Imperatoren“, und nannten die Nivellirung des menschlichen Geistes zur vollkommenen Passivität und Hingebung an den kaiserlichen Willen die Krone menschlicher Glückseligkeit.
Sind wir durch dieses Verhältniß zunächst darauf beschränkt, die steinerne Stadtpracht zu bewundern, so bieten doch die Straßen der Beobachtung noch anderen Stoff. Vor Allem macht sich überall der Eindruck der unbedingten [112] Alleingeltung von Dem, was kaiserlich ist, bemerklich und die völlige Bedeutungslosigkeit Dessen wird sichtbar, worüber kein doppelköpfiger Adler schwebt. Alles geht vom Czarenthron aus und kehrt zu ihm zurück. Diese prinzipielle Unterdrückung jeder menschlichen Selbstständigkeit tritt in Fleisch, Blut, Häuser- und Kirchenglanz, Sitte, Lebensbewegunq, kurz, im Seelenleben alles Vorhandenen stets vor das Auge und prägt sich dem Begriff mit unvergeßlichen Zeichen ein.
Der Winterpalast mit den drohenden Geschützen der Peter-Pauls-Citadelle ist das Hirn, die Newa ist das Herz dieses Lebens, und die ungeheure Newskyperspektive, eine zwei Stunden lange Straße, kommt Einem vor, wie die Hauptpulsader eines Körpers, aus der sich die Aeste nach allen Gliedern abzweigen.
Aus der Newskyperspektive wird das petersburger Straßenleben am Anschaulichsten. Am Admiralitätsthurm beginnt die wirbelnde Bewegung und so weit das goldene Schiff, die Windfahne jenes Thurms, hinausblickt, treibt sie ihre Wogen. In der Mitte der unendlich breiten Straße drängen sich die prächtigsten Viergespanne, die Feldjägerwagen, schwerbeladene Troiken, elegante Reiter neben donischen Kosaken, der wildschöne Tscherkesse neben der zum Schießstand rollenden Batterie in dichten Massen durcheinander und dennoch so geräuschlos auf den glatten Holzbahnen, daß man fortwährend den gellen Warnungsruf der Kutscher für die Fußgänger heraus hört. Auf den breiten Trottoirs dagegen bewegt sich zu Fuß die elegante Welt und die Schaar der Geschäftigen. Doch auch hier nur ein stummes Eilen, oder ein halblautes Flüstern. Das Klirren der Säbel ist das einzige kräftige Geräusch in einer Menschenmenge, welche eben nur bestimmt scheint, den Glanz der Hofsäle auf der Gasse wiederzuspiegeln. Außer zu bestimmten Tageszeiten sieht man hier keine Leute aus dem Volke. Vor dem blitzenden Schmuck der Uniformen, vor dem Glanze der Waffen und Orden, vor der Menge grüner Beamtenkleidungen mit goldenen Knöpfen tritt der bürgerliche Rock in jene Unscheinbarkeit und Bedeutungslosigkeit zurück, die auf dem gesammten bürgerlichen Leben in ganz Rußland lastet.
Uniformirt ist nämlich Jeder, der nur irgendwie in einer Beziehung zur Staatsgewalt steht: der Straßenlaternenputzer eben so gut wie der Großwürdenträger des Reichs, die Elementarschüler und der Student nicht minder als der wirkliche Soldat. Ja sogar eine Uniform der Gesichter besteht, indem die Militärs Backen-, Schnurrbart und Haupthaar nach genau vorgeschriebenen Maßen und Formen erziehen und beschneiden, alle Civilbeamten dagegen jeglichen Bart wegrasiren müssen. In Petersburg gehören aber 200,000 zu den Uniformirten.
Umsonst blickt man, der Livreen müde, die Straßen und Häuser an: auch sie tragen ihre Uniform. Keine Straße wagt es, sich zu krümmen, kein Haus tritt vor oder zurück, jedes ist stets bereit, sich auf Appell als anwesend durch den Namen seines Besitzers über der Hausthür zu melden; an jeder Unterbrechung durch eine einmündende Nebenstraße erscheint die unvermeidliche Polizeiwachbude und vor dieser die grauröckigen [113] Budeschnick mit einer Hellebarde; stets ragt eine Kirchenkuppel oder ein sonstiger Hochbau am Ende einer Straße empor, gleich einem Hauptmann am Flügel seiner Fronte. Diese Uniformität, der man nicht entfliehen kann, reicht vom Brennpunkt der Stadt bis an deren äußerste Grenzen. An der Stelle wirklicher Ringmauern zieht sich dort ein Kreis von Kasernen um dieselbe, gleichsam wie einzelne, nach innen gerichtete Vorwerke der Citadelle an der Newa. Einen zweiten inneren Kreis bilden die Lazarethe und Armenhäuser. Dann folgen die Stadtkreise der Arbeiter und Dürftigen. Je weiter man aber vorrückt nach dem Winterpalaste, desto vornehmer werden wieder die Quartiere.
Es war vor 150 Jahren, als auf einer wüsten Sumpfinsel am Ausflusse der Newa Peter der Große durch hunderttausend zusammengetriebene Leibeigene eine Festung erbauen ließ. Die nicht erstickten im Moraste, die nicht erstarrten im Winter, die nicht verkamen in den Wildnissen, aus denen sie die Baustämme herbei schleppten, mußten sich Hütten im Bereiche der Kanonen jener Festung zimmern. Dies war der Anfang von St. Petersburg.
Die Stadt hatte kaum 10,000 Einwohner, als Elisabeth den Winterpalast als kaiserliche Residenz aufführen ließ. Ihr üppiger Hof lockte die Vornehmen aus dem Innern Moskowiens, Abenteuerer und Staatsmänner, zurückgesetzte Söhne edler Geschlechter, Glücksritter und Künstler, Schwindler und Kaufleute aus Deutschland, aus den Alpen, aus den Pyrenäen, aus dem Westen und Süden herbei, um sich im Sonnenglanze kaiserlicher Gnade Glück und Ehren zu erjagen. Schnell wuchs Petersburg und wurde groß.
Das ist Petersburgs ganze Geschichte. Der Winterpalast ist das Herz der Stadt, des Reichs. Um ihn, diesseits des Flusses, wohnt die hohe Aristokratie. Jenseits der Newa wird hauptsächlich der Bedarf des Militärstaats befriedigt; da sind die kriegerischen Werkstätten, die soldatischen Erziehungsanstalten; da wohnen die meisten Beamten. Auf den Inseln der Newamündungen endlich arbeitet der größte Theil der Künstler und Handwerker für das Bedürfniß der Residenz.
Man sollte meinen, die Zerrüttung der Zustände in Westeuropa, die in der beständig wachsenden Verarmung der unteren Klassen so kenntlich geworden ist, sey eine unbekannte Erscheinung in Rußland. In Wahrheit jedoch erblicken wir die Zeichen derselben in Petersburg so grell, wie kaum in einer anderen Weltstadt. Mit Erstaunen sieht man an den Kayen der Newa um Mittag auf den untersten Stufen der prächtigen Granittreppen Schaaren halbnackter Männer sitzen, in der einen Hand ein Stück schwarzes Brod, in der anderen einen hölzernen Löffel, womit sie das Wasser zum Brod aus dem Flusse als Mittagsmahl schöpfen. Das sind jene nationalrussischen Einwanderer, welche, von ihren Leibherren gegen eine Abgabe auf bestimmte Zeit entlassen, verlockt von den goldenen Kuppeln der Czarenresidenz, hereinkommen, um mit ihrem Beil im Gürtel sich die dürftigsten Mittel zur Fristung des Lebens zu erarbeiten.
[114] Folgen wir ihnen am Feierabend vom Meerufer nach dem Stadttheil, wo sie am dichtesten beisammen wohnen! Er ist nicht fern von der Pracht der Newskyperspektive und der Weg führt am Findelhaus vorüber. An 10,000 Menschen bewohnen dieses ungeheuere Viereck; davon sind etwa 4000 wirkliche Findelkinder, während gleichzeitig über 20,000 außerhalb der Stadt in den Filialen untergebracht sind. Ein jährlicher Zuwachs von mehr als 9000 Findlingen ist das Resultat der Sittlichkeits- und Armuthsverhältnisse einer Stadt von höchstens 500,000 Einwohnern!
Bald hinter dem Findelhause schrumpfen die Gebäude mehr und mehr zusammen und endlich gelangen wir auf einen weiten Platz von schmutzigem Aussehen. Das ist der „Heumarkt“, der Mittelpunkt der Petersburger Proletarierwelt. Als vor etwa 25 Jahren zum ersten Male der Würgengel Cholera nach Europa kam, geschah es, daß das sieche, hungernde, obdachlose Volk der „schwarzen Männer“ die Leichen seiner Brüder in der Raserei unermeßlichen Jammers auf dem Markte aufschichtete und aus den Händen der Aerzte, die man Mörder nannte, die sterbenden Kranken auf die Gasse zerrte. Es stürzte die zu Tode gemarterten Aerzte aus den Fenstern auf das Steinpflaster und tanzte mit Kannibalenlust um die geschändeten Leichen. Hier war es, wo im kritischen Augenblicke des Beginns einer furchtbaren Proletarierrevolution der Kaiser erschien. „Auf die Knie!“ gebot er – und das Volk sank auf die Knie. Er schritt in die Kirche, um von Gott das Ende der Seuche zu erbitten – und das Volk betete mit. Unterdessen hatten draußen die Soldatenmassen alle Zugänge des Heumarkts besetzt. Ohne Wahl griffen die Schergen des Czaren aus der Masse einige Hunderte heraus und an Ketten geschmiedet wurden die Armen nach Sibirien geschleppt: – Ruhe und Ordnung herrschte in Petersburg wie in Warschau. Aber noch heute, wie damals, lagern „die schwarzen Männer“, haufenweise zusammengeschichtet, die Nacht über auf den Treppen der Kays und auf den Steinplatten vor den Häusern, oder in düstern Winkeln und Kellern, Höhlen des Schmutzes und pestartiger Seuchen, auf halbfaulem Stroh, verdorbene Luft vergiftet ihre Lungen, der Branntwein zerwühlt ihre Eingeweide, und viele Tausende gehen jährlich in unaussprechlichem Elend hülflos unter.
Die Statistik Petersburgs läßt furchtbare Verhältnisse zwischen den Zahlen lesen. 300,000 der 500,000 Einwohner sind unmittelbar auf das tägliche Verdienst angewiesen, welches ihnen das Bedürfniß der 200,000 gewährt, die, bis auf eine kleine Fraktion, aus Staatsbeamten und Militärs bestehen. Nahezu 180,000 jener 300,000 aber fallen der Unterstützung anheim, die ihnen der Staat oder die Privatwohlthätigkeit zukommen läßt. Das Furchtbarste ist, daß unter den Nationalrussen die überwiegend größte Zahl Derer, welche sich von der bittersten Armuth emporarbeitet, dem Proletariate doch nicht entfliehen kann, wenn nicht die Gnade ihrer Leibherren sie davon erlöst. Der leibeigene Millionär bleibt immer leibeigen; die Laune des Leibherrn kann ihn in’s tiefste Elend zurückstürzen; die Kinder des leibeigenen Millionärs bleiben ebenfalls leibeigen, ja selbst durch das Gesetz des Staates ausgeschlossen von der Möglichkeit, höhere Bildung zu erringen, ausgeschlossen von der [115] Berechtigung, als Beamter in eine äußerliche Stellung zu treten, welche ihren materiellen Mitteln entspreche. Proletarier sind sie trotz alles Reichthums: Proletarier des Bewußtseyns der persönlichen Freiheit und Selbstständigkeit. Dieses Proletariat ist es, welches dereinst nothwendig die engste Allianz mit dem Proletariate des Besitzes zum Umsturz des Bestehenden schließen wird. Die sociale Revolution ist in Rußland so wenig ein Hirngespinst, als in Westeuropa. Sie steht viel näher, als man gewöhnlich wähnt; sie steht in erster Reihe; die politische wird ihr nachfolgen.
Dennoch gibt es ein Ministerium mit dem ostensibeln Zweck, die Befreiung des Volks aus den Fesseln der Leibeigenschaft anzubahnen, und ein Ministerium der Volksaufklärung. Dennoch gibt es in Petersburg mehr als 60 Anstalten für den öffentlichen Unterricht, und zwar mit einer Pracht der Einrichtung, mit einer Opulenz des Unterrichtsapparats, wie ihn schwerlich eine zweite Stadt Europa’s nachzuweisen hat. Nur das Eine fehlt diesen Anstalten: die innere Wahrheit. Es ist alles Schein. An der Möglichkeit, bei dem jetzigen Regime ihren Zöglingen eine freie geistige Entwickelung zu geben, scheitert jede Aenderung. Wer irgend unbefangen über diese Verhältnisse aus längerer Erfahrung urtheilt, erkennt, wie alle russische Erziehung nur auf eine wohlgefällige Form äußeren Benehmens hinausgeht und fast niemals den inneren moralischen Kern des Menschen in edler Weise entwickelt. Die Regierung begünstigt principiell vorzugsweise diejenigen Kandidaten, welche aus den kaiserlichen Erziehungsanstalten hervorgegangen sind. In diesen Anstalten ist, nach Ertödtung des freien Willens und Denkens, die Adoration des Czarenthums Prinzip. Der Czar steht an Gottes Stelle, der Russen Leben, Wirken und Streben nach seiner Gunst und nach dem Wohlgefallen seiner unmittelbaren Diener ist Tugend und religiöse Pflicht zugleich.
Doch wir wollen unsere Wanderung fortsetzen. Auf einer Insel der Newamündung liegt der Stadttheil „Wassily-Ostrow“. Es ist das deutsche Viertel und man freut sich, wenn man die deutschen Namen über den Hausthoren, die deutschen Aushängeschilder liest, die deutsche Sprache hört, und alles Dies als eben so viel Zeichen eines Sieges des deutschen Elements interpretirt. Aber prüfen wir genauer. Einen deutsch redenden Stadttheil haben die Einwanderer aus Wassily-Ostrow zwar gemacht, aber ein Stück Deutschland auf russischem Boden haben sie nicht erobert. Denn auch hier haben sie nicht verstanden, sich in Einheit zusammenzuschließen. Je öfter man Wassily-Ostrow durchwandert, je öfter man die Werkstätten der Deutschen besucht, je öfter man hinaufsteigt in die Wohnungen der deutschen Kaufleute, je häufiger man die Säle der deutschen Staatsmänner und Gelehrten betritt – desto klarer sieht man ein, daß hier nirgends ein Element deutscher Entwickelung vorhanden ist.
Es gab allerdings eine Zeit, da eine geistige Hegemonie im russischen Reich von Deutschen geübt wurde. Leider aber haben die damaligen Lehrer und Bildner des Volks, die ehemaligen Mitlenker an der Reichsmaschine, versäumt, die Herrschaft dieses Elements zu sichern. Jetzt ist es zu spät, den Gründen nachzufragen, warum es nicht [116] geschah; vielleicht lag es in einem allzu großen Vertrauen auf die Unerschütterlichkeit ihrer Macht. Damals war der traditionelle Glaube, Petersburg gewähre dem deutschen Handwerker, Künstler, Kaufmann, Gelehrten jenes Glück und jenen Wirkungskreis in vollem Maße, welche ihnen von der Heimath versagt würden. Aber der Deutschen große Zeit ist längst dahin. Viele geben jetzt das mühsam errungene materielle Glück freiwillig preis, und wandern zurück, um nur ihre geistige Freiheit wieder zu erringen. Andere versinken im materiellen Wohlseyn und opfern die Seele dem Leibe. Dreißigtausend Deutsche gehören zur jetzigen Bevölkerung von Petersburg. Das ist der Rest vieler Hunderttausende; denn man hat nachgerechnet, daß die Hauptstadt des russischen Reichs in den anderthalbhundert Jahren ihres Bestehens mehr als 2½ Millionen unserer Stammbrüder verbraucht hat! Das zerstörende Klima, Typhus und die veränderte Lebensweise haben sie aufgerieben und mit Recht hat man Petersburg den Gottesacker der Deutschen genannt.
Was hat das deutsche Volk für die gebrachten Riesenopfer eingetauscht? Mit scheelem Auge ist noch heute, und heute entschiedener als jemals, Alles betrachtet, was der Deutsche unternimmt und erstrebt. Das politische System des Staats stößt ihn, mißtrauischer als jemals, zurück. Graf Nesselrode selbst, der 45 Jahre am Steuer des Weltreichs saß, hat erfahren, was es heißt, sich auf die Czaren-Dankbarkeit und die Treue des Glücks zu verlassen. Der Sturz des deutschen Elements ist alle Tage in den Entsetzungs-Dekreten des Imperators zu lesen. Wer noch aus früherer Zeit in staatsmächtiger Stellung verblieb, wird nur noch als ein lästiges Uebel betrachtet. Auf allen Seiten tritt seinem Wirken die Verdächtigung des russischen Elements entgegen. Wer sich halten will, muß sich selbst russificiren.
Noch einen Blick in die Stadt! Die prächtigste Häuserfronte der Welt schaut vom jenseitigen Newa-Ufer herüber. Aus den Gebäudereihen erhebt sich wie ein Fürst unter Dienern der kaiserliche Winterpalast. Das Viereck daneben ist die Admiralität; Peters des Großen berühmte Kolossalstatue verbindet dieses Gebäude mit dem Senatspalast; an diesen reiht sich die englische Kai. Rechtshin wirft der Winterpalast eine Brücke zu den beiden Eremitagen mit ihren unermeßlichen Kunstschätzen. An diese schließen sich die Wohnsitze der höchsten Würdenträger des Weltreichs, bis das Marmorpalais am Marsfeld mit dem Sommergarten diese exklusive Hofstadt abschließt.
Der Tag erwacht hier gar spät. Erst um Mittag beginnt das charakteristische Leben dieses Stadttheils. Auf den Straßen gewahrt man jedoch nichts weiter davon als das Rollen der Staatsequipagen, das Stampfen der Rosse von arabischer Zucht, die gravitätische Erscheinung grellbunter Thürsteher, das Schultern und Präsentiren der Schildwachen, die Geschäftigkeit reich galonnirter Diener, das faule Umherlungern leibeigener Knechte.
Am Abend, wenn sich die dunklen Schiffskolosse als gigantische Schattengebilde darstellen, wenn nur noch selten die Laterne eines Bootes über die Wassermassen hinwegschlüpft, wenn drüben auf den Inseln allmählig alles Leben schweigt – dann brechen breite Lichtgarben durch die schwerstoffigen Vorhänge aus den gold- und farbenglänzenden [117] Sälen hervor, wie verwundert, daß die Welt da draußen nur schlafen mag, da doch eben erst die Zeit begonnen hat, welche hier allein des Wachens werth erscheint.
Mit der Nacht erwacht auch ein Machtgenosse, der bisher von seiner granitenen Mauer in Lethargie gefesselt schien – die Newa. In der Nacht hört man ihre Wellen rauschen, die am Tage vor dem Wogen des Menschenlebens verstummt schienen. Sie wacht auch dann noch, wenn die Lichter jener hohen Säle erloschen sind, wenn die ganze Stadt schweigend ruht, nur von Viertelstunde zu Viertelstunde aufstöhnend im monotonen, elegischen Rufe der überall ausgestellten Wachtposten. Dann ertönt das Brausen ihrer Fluthen in schaurigen Akkorden, drohend, gewaltig, alleinherrschend.
Und wenn sie dann dem Rufe ihres Bruders, des Sturmes, antwortet, wenn dann, wie ferner Donner, das Grollen ihrer Schwester, des Meerbusens, aus der Brandung hörbar wird – in solchen unheimlichen Nächten geschieht es wohl, daß urplötzlich das Meer hereindringt vom kronstadter Bollwerk her, dem Strome der Newa entgegen. Dann erhebt sich an den Mündungen ihrer vielen Arme der wilde Wogenkampf und überdeckt im Nu die unbebaut gebliebenen Vorposten des petersburger Delta’s mit seinem Schaume. Bald bäumen sich im Bereiche der Stadt die Fluthen an ihren granitenen Ufermauern empor, springen mit Blitzesschnelle über die Stufen der prächtigen Freitreppe herauf und auf ihren Postamenten erzittern die kolossalen Sphynxe, Löwen Greife, Obelisken vor dem losgelassenen Element. Fliegen endlich die ersten Morgenlichter des Ostens zur Kaiserstadt, so donnert Schuß auf Schuß aus der Citadelle die Städter empor und der Schrecken schüttelt alles Lebendige vor der der Menschenkraft spottenden Drohniß. In rasender Eile fahren die stolzen Karossen vor die Häuser der Aristokratie, todtbleich steigt sie heraus, und Schaaren von Dienern rennen aus den verlassenen Palästen hinter den flüchtigen Herren landeinwärts. Während noch die Masse sich durch die Newskyperspektive hinwälzt, haben die Wogen bereits die Kaytreppen erstürmt, im leichten Spiel die schweren Granitquadern ihrer Einfassung verschlungen, die Straßen überströmt. Gleichzeitig brechen aller Orten, auf der großen Seite wie jenseits auf den Inseln, die Newawellen aus den Kanälen hervor; aus den Abzugsschleusen schießen die Springfluthen auf, bald schäumt, tost, brüllt das rasende Element durch die ganze weite Stadt, deren höchste Punkte sich nur 15 Fuß über dem Meeresspiegel erheben.
Dies sind die furchtbaren Mahnrufe, mit denen die Elementargewalt der gewaltigen Czarenschöpfung entgegentritt. Der ununterbrochen dröhnende Kanonendonner der Festung hallt wie ein ohnmächtiger Schrei nach Hülfe und Erbarmen. Die Czarenmacht ergibt sich in die Newamacht auf Gnade und Ungnade.
Aber einen stärkeren Schild als gegen das Element hat der große Czar seinem Petersburg gegen die Gewalt der Könige und Völker gegeben. Peters Scharfblick erkannte, daß die Eroberungsgefahr für die neue Hauptstadt des Reiches nicht vom Lande her sey; von der Seeseite her sah er sie kommen; er sah sie in den Konflikten [118] mit den europäischen Großstaaten, – in den Konflikten, die Rußlands Bestimmung und Politik unvermeidlich machte; er sah sie in den Flotten der Seemächte England, Frankreich und Schweden.
Sweaborg und Reval, 40 geographische Meilen von der Mündung der Newa entfernt, liegen an der Einfahrt in den finnischen Meerbusen einander gegenüber. Peter und seine Nachfolger machten aus diesen Plätzen Gibraltare des Nordens. Da aber, wo, nahe an Petersburg, sich der Golf bis auf drei Meilen verengert, besäet mit kleinen felsigen Eilanden, Untiefen, Klippen und Sandbänken, zwischen denen sich ein enges Fahrwasser für größere Schiffe hindurch windet, hier, auf der einzigen größeren Insel – Kotlina – die, etwa anderthalb geographische Meilen lang und von spitzig-dreieckiger Form, ihre breite Basis der Hauptstadt zuwendet, – erbaute Peter der Große sein Kronstadt, den eigentlichen Panzer von Petersburg. Die scharfe Nordwestspitze wird durch einen befestigten Leuchtthurm und durch unnahbare Verschanzungen und Batterien geschützt. Ein zweites, an der Nordküste der Insel nach Petersburg führendes, für Schiffe von geringerem Tiefgang praktikables Fahrwasser ist für die Schifffahrt untauglich gemacht worden. Diese Passage ist gesperrt, indem man eine dreifache Reihe von eichenen Pfählen in den Kanal getrieben und Felsblöcke dazwischen und darauf gewälzt hat, so daß selbst die kleinsten Kriegsschiffe nicht mehr fortkommen können. Man ließ nur eine, die Südpassage, offen, ein enger Kanal, welcher zuerst 5 Faden tief ist, aber später die Tiefe von 7 Faden gewinnt. Will nun eine feindliche Flotte durch diese Straße nach Kronstadt vordringen, so muß sie zuerst zwischen zwei Außen-Forts hindurch passiren, ein Wagniß, das keine bestehen kann, ohne die äußerste Gefahr, in den Grund gebohrt zu werden. Achthundert Schritte weiter liegt Fort Alexander. Dieses Werk hat eine elliptische Form und besteht aus einer Fronte mit vier über einander gereiheten bombenfesten Gewölben mit Geschützen des schwersten Kalibers, zwei Flanken mit Batterien in drei Stockwerken und einem Schutzwall mit Kanonen en barbette. Es ist aus Granitblöcken auf einen Rost von Pfählen, die 18 Fuß tief in den Meergrund getrieben wurden, gebaut. Fort Alexander ist eine furchtbare Veste. Nicht weniger als 116 Geschütze mit ihren acht- und zehnzölligen Rachen stecken ihre Köpfe aus den Kasematten. – Achthundert Schritte davon droht die zweite Citadelle, Fort Risbank. Dieses steht ebenfalls auf einem Pfahlrost und Granitblöcken, ganz so, wie das Fort Alexander. Es wurde erst vor einigen Jahren armirt und hat drei Reihen Kanonen in Kasematten, eine dem Wasserspiegel gleich, die andern darüber, im Ganzen 60 Kanonen vom schwersten Kaliber. Weiter fahrend, befinden wir uns unter den Kanonen der Mittel-Bastion des Forts Peter. Dasselbe hat drei Thürme oder Bastionen, die durch zwei Courtinen verbunden sind. Der erste verhindert die Annäherung an den Wall von Fort Alexander, der zweite und dritte beherrscht und fegt den Hauptkanal. Diese Bastionen enthalten 28 Kanonen in Kasematten und 28 darüber en barbette. Die Courtinen haben keine Kasematten, sondern 20 Kanonen größten Kalibers, ebenfalls en barbette. Die Gesammtzahl [119] der Kanonen beträgt 76, ohne 30 kleineren auf dem hinteren Wall. Zur Rechten liegt das Fort Kronslot, Peters des Großen unverändertes Werk, das gegen die prahlenden neueren bescheiden absticht, aber demungeachtet von großer Tüchtigkeit und Kraft ist. Es bietet nach der Seeseite niedrige Reihen von aus starken Eichenstämmen gebauten Kasematten mit einer Batterie von 40 Kanonen, die, im Niveau mit dem Wasserspiegel ausgestellt, auf jede Hälfte der beiden Bastionen vertheilt sind. Eine Courtine verbindet sie.
Kronslot ist das letzte der detachirten Werke, welches die Passage von der großen Straße nach Kronstadt und Petersburg und den engen Ankerplatz unterhalb Kronstadt vertheidigt. Nun kommen aber die Strand- und Hafen-Batterien, die stärksten Bollwerke von Kronstadt selbst.
Die erste ist die große Batterie des Hafendammes, welche die seewärts gekehrte Flanke der Handelsrhede bildet, tausend Schritte in gerader Richtung fortläuft und sich an die Landbefestigungen anschließt, welche hier die Breite der Insel durchschneiden. Die drei Docks, welche die Handelsschiffe aufnehmen, sind großartige kühne Werke. Die Umfassungsmauern sind fast sämmtlich von Granit, und so breit, daß sie Platz für schwere Geschütze darbieten. Es sind dort 70 Geschütze nebst 10 oder 12 Mörsern en barbette aufgestellt.
Durch alle diese Vertheidigungswerke, zu denen sich am Hafen selbst noch das furchtbare Fort Menzikoff, eine Menge Küstenbatterien und feste Thürme auf der Insel und die unmittelbaren Befestigungen von Kronstadt, dessen Wälle und Batterien 600 Geschütze tragen, gesellen, ist Kronstadt nicht nur uneinnehmbar, sondern selbst unangreifbar gemacht worden, und bevor diese Festung gefallen ist, ist, selbstverständlich, an einen Angriff von Petersburg nicht zu denken. Kronstadt ist das Arsenal für die russische Seemacht auf der Ostsee. Es enthält alle die unermeßlichen Anstalten, die seit Peter dem Großen aufgerichtet worden sind, um mit dem Aufwande von mehr als 600 Millionen Rubel der nordischen Weltmacht Kraft zu geben, die Herrschaft auf dem baltischen Meere dauernd zu erobern, die Ausführung der Pläne für die Unterjochung Westeuropa’s vorzubereiten und ihnen eine feste Basis zu geben.
Daß in den letzten 2 Jahren die größten Flotten, welche jemals das baltische Meer getragen hat, Flotten, befehligt von den kühnsten Admiralen, welche England und Frankreich besitzen, es nicht einmal wagten, einen ernsten Angriff auf Reval und Sweaborg zu versuchen, und daß alle Befehlshaber die einstimmige Meinung abgaben, der Gedanke einer Einnahme von Kronstadt, oder an die Gewältigung der Passage nach Petersburg habe nicht die kleinste Chance eines Gelingens, – diese Thatsache hat der Welt die ganze Wucht der russischen Position geoffenbart und ihr das Geheimniß der Machtlosigkeit des übrigen Europa’s verrathen, ihm diese Position zu schmälern oder mit Erfolg zu bestreiten. Dieses Faktum aber hat für Rußland mehr Gewicht, als viele auf dem Schlachtfeld errungene Siege.