Aus Brasilien. Neu-Freiburg und der Urwald

DCCLXXX. Die Innenansicht den Walhalla Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXXXI. und DCCLXXXII. Aus Brasilien. Neu-Freiburg und der Urwald
DCCLXXXIII. Ueber Riga nach Petersburg und Kronstadt
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

URWALD-SCENERIE
in Brasilien

[Ξ]

NEU FREIBURG
(Brasilien)

[101]
DCCLXXXI. und DCCLXXXII. Aus Brasilien.
Neu-Freiburg und der Urwald.




Wir schlagen zwei Blätter auf aus dem Prachtbuch unserer Schöpfung; zwei Bilder aus Südamerika’s Wunderwelt, wo die Natur noch im Krönungsschmuck unter funkelnden Juwelen schimmert, aus dem Land der strömenden Meere und der rauschenden Palmenwälder, aus der buntfarbigen Ebene, welche die Dome der Kordilleren trägt und auf der die Menschen wie verirrte Gäste umher wandeln, von aller Herren Land, allerlei Farbe und allerhand Zungen, anstaunend, anbetend, genießend und müßiggehend – und wo der Gesittung, der Freiheit und des Menschenglücks Tempel stehen könnte, wären jene Menschen ein Volk.

Brasilien ist aber, obgleich an Größe das dritte Reich der Erde, nur an Gestalt ein Riese, an Kraft bloß ein Kind. Kein Land, wie vielerlei Nationalitäten in ihm auch zusammengeworfen waren, hat so spröde, so viele sich abstoßende Elemente vereinigt, wie Brasilien. Die siebenthalb Millionen, welche es bewohnen, bewahren nicht nur nach ihrer Raçenabkunft, als Portugiesen, Creolen, Mulatten, Mestizen, Neger und Indianer, und nach ihrer nationalen Abstammung, als Briten, Franzosen, Schweizer und Deutsche, unvereinbare Eigenthümlichkeiten, sondern sie spalten diese Splitter noch einmal durch die klaffenden Unterschiede der Bildung, der Religion, des Standes und Vermögens, und das Zerwürfniß in den politischen Faktionen und die unversöhnlichen Principien der Sklaverei und Freiheit vollenden das Chaos dieser in wilder Unordnung durcheinander gestreuten Bevölkerungs-Fragmente. Brasilien ist das einzige Land auf der westlichen Halbkugel, das einen Monarchen und Kaiserthron trägt. Doch steht dieser auf schwachen Säulen und gar schwankendem Grund! Es fehlt ihm die Hauptstütze aller Monarchien, die Tradition, welche Fürsten und Völker viele Menschenalter hindurch eng zusammen knüpft und ihnen eine Erinnerung der großen Momente des Glücks oder Unglücks als gemeinsames Erbe verleiht. Brasiliens Kaisergeschichte zählt kaum 30 Jahre und keilte einzige große gemeinschaftliche That ehrt und einigt Nation und Dynastie.

Brasiliens Selbstständigkeit ist desselben Ursprungs, der so viele deutsche Königreiche in’s Leben rief. Ein Dekret Napoleons des Großen, welches verkündete, daß die Herrschaft des Hauses Braganza in Europa aufgehört habe, [102] trieb das letztere von Portugal nach Brasilien, damals noch eine Kolonie. König Johann VI. hielt mühsam den großen Landkomplex gegen die republikanischen Unabhängigkeits-Bestrebungen zusammen, und als er, nach der Restauration, wieder in Portugal einzog (1821), hinterließ er seinem Sohn Don Pedro die Mahnung: „Du weißt, das Streben nach Unabhängigkeit ist nicht mehr zu bewältigen; stell’ Dich an die Spitze der Bewegung, thue, was die Umstände gebieten“. Don Pedro war nicht der Mann, die Bewegung zu zügeln; er ließ sich von ihr erfassen und beherrschen. Ein Volksaufstand setzte ihn als Don Pedro I., konstitutionellen Kaiser und immerwährenden Vertheidiger Brasiliens, auf den Thron und erklärte das Reich als unabhängig vom Mutterlande. Kurz nach dieser Improvisation des Kaiserthums begannen die Republikaner den Kampf dagegen und Föderalisten, Unitarier und Farbige, alle Parteielemente, die durch die Auflösung einer kräftigen Regierung und Zersetzung des gemeinsamen Koloniegeistes entfesselt wurden, halfen Feuer auf den Herd der Unzufriedenheit und Empörung schüren. Ein Aufstand in Rio Janeiro am 6. April 1830 machte der Schein-Majestät ohne Widerstand ein Ende und Don Pedro’s letzte That war seine Abdankung zu Gunsten seines Sohnes, der, ein siebenjähriges Knäblein, als Pedro II., den kaiserlichen Thron bestieg.

Um den kindischen Kronenträger gruppirten sich die Faktionen, die sich zerfleischten. Die Republikaner verlangten eine Verfassung nach dem Muster der Vereinigten Staaten, die Monarchisten erklärten das Volk für unreif zur Selbstregierung, die Unionisten erstrebten eine centralisirte Monarchie im europäischen Sinn, die Föderalisten einen Verband der Provinzen als unabhängige Staaten unter einer gemeinsamen Spitze; dabei ermangelte die nach Raçen und gesellschaftlicher Stellung so weit getrennte und über das ganze Reich dünn zerstreute Bevölkerung aller selbstständigen Einsicht, sie überließ sich der Leitung einzelner Ehrgeizigen. Bürgerkrieg und Mordscenen überzogen ein ganzes Jahrzehnt hindurch das Reich mit Schrecken. Dem armen Lande gebrach es an den Tugenden der Entsagung und dem Patriotismus jener großen Angelsachsen, welche im Norden Amerika’s das Beispiel eines großen Staatenbundes gaben; nicht einen einzigen reinen Charakter, wie Washington oder Franklin, hat die ganze romanische Welt Amerika’s aufzuweisen. Trotz alledem hat Brasilien während der Regierung Pedro’s II. größere Fortschritte nach Außen gemacht, als andere Staaten des südlichen Amerika und hat namentlich durch seine mehrmalige Intervention in dem blutigen Streit der Nachbar-Republik Montevideo mit der argentinischen Konföderation und zum Sturz des Diktators Rosas eine Art Hegemonie erlangt, die auch auf die nördlichen Länder, wie Venezuela, Neugranada und selbst Mittelamerika auszudehnen ihm jetzt gelüstet. Sein Ehrgeiz verfolgt eine gefährliche Richtung, die es in Konflikte mit mächtigeren Staaten, namentlich Nordamerika, bringen und seine Kräfte, welche der inneren Entwickelung so nothwendig wären, erschöpfen muß. Taub für seine wichtigsten Interessen verschließt es noch immer aus engherziger Eifersucht den fremden seefahrenden Nationen seine inneren Wasserstraßen und sein unermeßliches [103] Binnenland. Brasilien hält noch, wie Japan und China, starrsinnig an der Ansicht fest, das Recht zur Befahrung seiner Flüsse nur den Uferstaaten zuzugestehen. England und Frankreich haben sich dieserhalb in fruchtlose Unterhandlungen eingelassen. Jetzt aber hat Nord-Amerika den Knoten kühn zerhauen und mit seinen Expeditionen auf dem oberen Paraguai die von Brasilien gezogene Grenzlinie gewaltsam überschritten. Bald werden die Dampfer des Yankees, größer als die des Mississippi, auf dem Amazonenstrom fahren und blühende Städte an seinen Ufern wachsen; und dann wird Brasilien die Segnungen politischer Freiheit begreifen und die leichten Lumpen des Kaisermantels, die es um seine Schultern geworfen hat, werden beim ersten Sturm von ihm fallen, wie das leblose Laub in seinem Urwald. –

Seit den Brasilianern von den englischen Kreuzern das einträgliche Geschäft des Sklavenhandels gelegt und durch die Legislatur dasselbe streng verpönt worden ist, hat man durch allerlei Manipulationen versucht, Brasilien zum Ziel der deutschen Auswanderung zu machen. Von den großen Zügen, die seit dreißig Jahren dahin gelockt wurden, und fast ohne Ausnahme der Sklavenarbeit verfielen, sind nur wenige Spuren übrig. Die Wortbrüchigkeit der Regierung und die Perfidie der lockenden Versprechungen der Gutsbesitzer haben die frühesten Ansiedelungen in Elend vergehen lassen; die späteren theilweise gelungenen Versuche, dem Menschenhandel neuen Aufschwung zu geben, hatten nicht bessere Folgen; die paar tausend unglücklicher Opfer, denen freie Fahrt, freier Landbesitz und die Subsidien der Ansiedelung verheißen worden waren, fielen theilweise in die Hände der Plantagenbesitzer, theils wurden sie wie Gefangene in den Städten und Anstalten der Regierung zu den härtesten Arbeiten angehalten und erlagen der Entbehrung und Krankheit. Trotz solcher abschreckenden Erfahrung und trotz der nachdrücklichsten Warnungen sehen wir doch seit mehren Jahren die Emissäre jener fluchwürdigen Spekulation auf Menschenfleisch nicht bloß an allen Seeplätzen, sondern auch im deutschen Binnenlande schamlos ihre Werbebureaus aufschlagen und jährlich Tausende unwissender, argloser Opfer dem Verderben in den Rachen führen, unter den Augen von Regierungen, die zwar nicht blind für die Gefahren sind, aber kein Herz und keine Theilnahme mehr fühlen für das Schicksal Solcher, die sich ihrer Fürsorge entziehen, die taub sind für alle Mahnungen, die an ihr Ohr schlagen, oder wohl gar es gern sehen, auf solchem Wege Elemente los zu werden, von denen sie Beunruhigung ihrer eigenen Sicherheit fürchten, oder doch wenigstens nichts mehr für ihre Finanzkassen zu erwarten haben. Untergang der deutschen Einwanderer in Brasilien in Elend und faktischer Sklaverei ist die Regel; der Ausnahmen sind wenige.

Wir wollen die Stadt Neu-Freiburg unter diese Ausnahmen zählen. Im Jahre 1820 durch Kolonisten aus der Schweiz, größtentheils aus französisch redenden Kantonen, zu denen sich später Deutsche aus den Rheingegenden gesellten, gegründet, hat der Ort gegenwärtig etwa 120 Häuser und 1000 Einwohner. Die Gegend umher ist anmuthig, doch nicht fruchtbar, dicht bewaldet und so uneben, daß sich wenig Land zur Anlegung von Kulturen [104] darbot; weshalb die Existenz der Ansiedler lange Zeit dürftig war, auch gegenwärtig noch Mancher mit Noth zu kämpfen hat. Im Ganzen aber ist doch die Periode harter Prüfungen überstanden. Das Klima ist mild und gesund. Neu-Freiburg ist der Sitz mehrer Staatsbehörden des Distrikts und eine Besatzung von berittenen Polizeisoldaten stützt die Autorität derselben.

Der Urwald bei Neu-Freiburg gehört der oberen Waldregion Brasiliens an. Sie beginnt bei 2000 Fuß Höhe und macht sich durch Riesengräser, baumartige Farren und Kohlpalmen kenntlich. Herrlich blühende und mannigfaltige Parasiten sind aber der Hauptschmuck des brasilianischen Waldes. Sie bedecken die Aeste der Baumkronen in unbegreiflicher Menge und Ueppigkeit. In den oberen Zweigen haben die vielartigen Orchideen ihren Standort, oft Pflanze an Pflanze, gleichsam ein in der Luft schwebendes Blumenbeet vorstellend; zwischen ihnen wachsen die zierlichen Farrenkräuter, deren zarte Wedel gegen die dicken, lederartigen, von flaschenförmigen Wasserschläuchen an der Wurzel umgebenen Blattgebilde der Orchideen wundersam kontrastiren. Einzelne größere Bäume tragen zahllose Bündel des Baumbartes. An die höchsten Zweige der Krone klettert er hinauf und hängt in 2–3 Fuß langen Büscheln aus den Lücken des Laubes herunter. Unter diesen behaarten Kronen schwankt auf dünnem Stiel die schlanke Kohlpalme mit ihrem zierlichen Blattkranz und daran reihen sich in allen Größen, vom Strauch bis zur Höhe der Palmen hinauf, die herrlichen violetten Blüthengruppen der Rhexien, deren opponente, steifbehaarte, saftige Blätter natürliche Feilen und Kratzen darstellen, und so steif wie ein Reibeisen sich anfühlen lassen.

Außer der Kohlpalme fehlt jede andere Palmenform im Urwalde dieser Gegenden; erst tiefer in den Thälern des Parahyba und seiner Nebenflüsse trifft man mehrere Palmenarten neben einander an.

Geselliger treten die Schlingpflanzen auf. Sie hängen frei von den Zweigen der größeren Bäume herunter, und umflechten sich unter einander. Ihr Ansehn ist traurig, weil man fast nie Blätter an ihnen bemerkt; ein Strang, obgleich nicht dicker als ein Rohr oder ein Finger, wickelt sich um den andern, verläßt ihn wieder, wendet sich zum dritten, kehrt zurück zum ersten, treibt über diesen hinweg zu einem vierten auf der andern Seite, und so geht es fort bis zur Krone hinauf, wo die Schlingpflanzen ihre Blätter dem Lichte zuwenden. Denn die Krone des Baumes ist ein eben solches Gemisch vielfach verschiedener Blattformen, wie das Gezweige unter ihr ein Wirrsal der verschiedensten Bäume; wohin der eine Träger sich begibt, dahin drängen sich alle seine Anhängsel nach, wo er seine Krone ausbreitet, da wollen auch sie ihre Blätter zeigen und mit ihm um die Wirkungen des Lichtes sich streiten, wie sie um die Stelle im Boden mit ihm gerungen haben.