Warkworth-Castle in Northumberland (England)

DCV. Valence im Rhonethale (Frankreich) Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DCVI. Warkworth-Castle in Northumberland (England)
DCVII. Das Versailler Schloss
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WARKWORTH-CASTLE, NORTHUMBERLAND.

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DCVI. Warkworth-Castle in Northumberland (England).




Schon wieder ein Bild aus dem Lande, wo ich des Lebens schönste Jahre verlebte! Haltet mir’s zu gut, daß ich mich jeglichen Merkmals freue aus jenen Tagen, wo die Schwingen des Geistes noch Pläne und Vorsätze über die Erde hin und zu den Sternen trugen und wo der junge Mann im Vollgefühl seiner Kraft lachend in die wilden Wogen und Stürze des Lebensstroms hinabschaute und eine Lust darin suchte, die feindseligen Elemente zum Kampfe herauszufordern und ihrem Dräuen zu spotten. Wie erhaben war damals das jugendliche Herz über die Leidenschaften, welche das spätere Leben in seiner untersten Tiefe bewegten, und wie hoch schwebten in jener Zeit · meine Gedanken über die Zufälligkeiten des Glücks oder Unglücks, wenn ich, entronnen dem Gewühl der Geschäfte und den Wochentagen der Arbeit, Sonntags in’s Gebirge floh, oder mich im Nachen schaukelte auf dem Busen des Stroms, oder den Strand aufsuchte und im Brausen der kommenden Springfluth dem Liede horchte zum Preise des Ewigen, oder dem Donner der Brandung lauschte in mondheller Nacht, oder den Hügel mit dem grauen Gemäuer hinanstieg und mich setzte unter das Burgthor und anschaute den funkelnden Sternenhimmel und an Gott dachte und an Unsterblichkeit und an Heimath und an geliebte ferne Menschen: – da wußte die Seele noch nichts von den heißen, heimlichen Thränen namenlosen Kummers, noch nichts von dem Wermuth bitterer Täuschungen und betrogener Hoffnungen und von den Tücken der Menschen und des Schicksals. Da war mir noch die Welt zu klein für den Haß und mein Herz noch zu groß für Wünsche nach gewonnenem Gut, und nur die unendliche Liebe zu Gott und den Menschen erwärmte es und füllte es mit Vorsätzen aus! Glückliche vergangene, fernliegende Tage, deren Abglanz noch zuweilen einen schwachen Schimmer in die finstere Gegenwart wirft: ein Aufhellen für Augenblicke wie von fernem Wetterleuchten! Ach, es weiß Keiner, welche Gefühle an meiner Seele nagen, wenn mein Auge voll düstern Ernstes auf die verhagelten Felder meines Säens und Schaffens sieht und auf die Gegensätze von Streben und Erfolg in fast allen Kreisen meines Wirkens. Und dann der Blick auf’s Allergrößte, – des Vaterlandes Freiheit und Größe, zu dessen Bau ich Steine getragen seit drei Dezennien mit schwachen Händen und glühendem Herzen! Ist’s möglich, daß das Herrlichste untergehe so schmählich und die glorreiche Erhebung meines Volks in einem Sturz ihr Ende finde, entehrender als alle, welche die Weltgeschichte mit ihrem Griffel aufgezeichnet hat zur Warnung und zur Schande? Sollen die Deutschen [145] auf den Namen und Rang eines freien, großen Volks verzichten? Welch ein Gedanke! Nein! mein Glaube straft eine solche Möglichkeit Lügen.


Dieses Warkworth-Castle war ein Hauptsitz des Feudalismus. Er ist zwar ausgezogen aus den verfallenen Burgen der britischen Barone, aber er lebt noch fort, sein Geist geht um nur in anderen Formen. Er ist’s, der die britische Freiheit zu einer Falschmünze stempelte und an der phrygischen Mütze eine Krone als Narrenschelle hing: – er ist’s, der auf den Rand der Magna Charta Fratzen zeichnete und über die Pforte des grünen Eilands die Aufschrift eingrub:

Der Himmel reicht weit,
Doch weiter unser Leid;
Der Retter in der Noth
Ist der Hungertod.

Dieser finstere Geist ist’s, der seinen Pferdefuß nicht verhehlen kann, obschon der Herrschermantel, den er trägt, die halbe Erde deckt.

Warkworth-Castle gehört jetzt zu den unermeßlichen Feudalbesitzungen des Herzogs von Northumberland. Es war die Stammburg der Bertram’s, nach deren Aussterben das Lehn an die mächtigen Percy’s kam. Das Schloß liegt auf einem Fels, an dessen Fuß der fischreiche Coquet hinrauscht. Unfern der Ruine ist die in den Berg gehauene Kapelle und Klause eines Einsiedlers – eines Ritters Bertram, der seine untreue Geliebte und seinen Rivalen, seinen einzigen Bruder, erschlug, hierauf das Ritterschwert mit dem Pilgerstabe vertauschte und nach einer Wallfahrt zu des Erlösers Grab als Klausner Vergebung seiner Sünden in Gebet und Wohlthun 30 Jahre lang vom Himmel erflehte. Aus dem Braut- und Brudermörder machte das Volk einen Heiligen, und bis zur Reformation war die Klause ein vielbesuchter Wallfahrtsort. Ein Brudermörder ein Heiliger! Warum nicht? Der Ehrenmann, den kein Verbrechen brandmarkt – wie oft ist er nichts als ein Schuft, der sich mit der Welt abfindet durch erheuchelte Jugend, während ihm der zermalmende Donner des heimlichen Gerichts, dem Keiner entgeht, in’s Gewissen fährt: – und Der, über den der öffentliche Richter den Stab gebrochen hat, ist er nicht zuweilen ein edler Mensch, dessen Brust große Gefühle erweitern und dessen [146] Seele hohe Gedanken und wahre Gottesfurcht erheben? Ein Gefallener kann sich wieder empor richten, auch selbst der Mörder; nur der heuchlerische Schurke versinkt unter der Last der eigenen Verdammung ohne Rettung und ohne Hoffnung.