Das Versailler Schloss
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CHATEAU de VERSAILLES
Da stehst du, stolzer Bau, mit dem das Königthum die Nemesis herausforderte und ihren Zorn auf sich lud! Da stehst du, Hieroglyphe einer Zeit, welche als die ruhmvollste Epoche der Geschichte der Menschheit begann und die der Stolz, der Segen, das Glück des Geschlechts geworden wäre, hätte man sie in ihrer Entwickelung nicht gestört. Aber tausend Teufel warfen Unkraut hinein in die reine Saat der Begeisterung und Aufopferung, damit sie ersticke; gestaut ward die Strömung, bis sie ihre Ufer überstieg und sich verheerend über das Land ergoß. Nicht Schranken noch Maaß waren dann mehr zu finden. Im wilden Fanatismus warf die franz. Revolution Jahrhunderte und Geschlechter durch einander, und ihres Schwerpunkts beraubt, kann sie das Gleichgewicht nicht finden bis auf den heutigen Tag. Ist aber das die Schuld Derer, die sie angefangen haben und die es redlich meinten mit der großen Sache der Menschheit? die furchtlos den schützenden Schild über sie erhoben und sich ihr hingaben mit ganzer Seele? Oder ist es nicht vielmehr die Schuld Jener, welche unablässig bemüht waren, sie zu vernichten, und Alles wieder in’s alte Geleise zurückzuführen? – So viel aber auch untergegangen ist in den Stürmen, welche ihren Ursprung haben in diesem Hause des Verbrechens und des Schicksals, und so hoch auch der Preis war für das Errungene: der Gewinn für die Nation ist doch ein unendlich größerer gewesen. Ja, wäre auch nichts gewonnen und wäre durch die Revolution weiter nichts gerettet worden aus dem verschlingenden Rachen des Despotismus, als das Völkerrecht der Selbstregierung, so wäre das schon des Preises werth: denn gerettet wäre damit das kostbarste Kleinod und die Bürgschaft der bessern Zukunft.
[147] Und dies soll auch uns trösten und beruhigen, wenn das Gewitter der Revolution zerstörend über blühende Saaten zieht und Felder verwüstet. Wir haben lange um Regen gebetet in dieser Dürre. Nun ist schwarz der deutsche Himmel, die festgeballten Wolken stehen am Horizont, die Blitze zucken herauf, der Donner rollt über Thal und Berg und in den Tiefen des Volks brausen die wilden Ströme. Aber seyd nicht bange! Der Athem des gütigen Weltgeistes weht auch in den heftigsten Stürmen, und vergessen sollen wir nie, daß die unermeßlich hoch aufgethürmte Schuld sein Zürnen, Rächen und Richten gebieterisch fordert. Wenn das Gewitter vorüber gezogen ist mit seinen Verwüstungen und seinen Schrecken, dann kommt tausendfacher Segen nach. Die Verlierenden sind doch nur die kleinere Zahl, und das Ganze gewinnt sicher. Freilich werden manche Pfeiler stürzen, Vieler Glück wird gebrochen werden unter den Donnerkeilen, und verfluthet und verschlemmt werden wird manche Wiese mit Millionen Blumen: aber knickt auch der Hagel tausend und aber tausend schwere Halme, stöhnst du auch mit wundem Herzen auf der Asche deiner Lebensgüter dein Gebet zum ewigen, unendlichen Geist der Welten: rechte nicht mit dem Blitze, der dich getroffen; denn du würdest mit Gott rechten, der das Wetter zuließ. Die Revolution ist eine Nothwendigkeit für Deutschland geworden, wie sie für Frankreich eine war und noch ist. Sie stürzt den Boden der Gegenwart um, ohne lange darnach zu fragen, was darauf steht, und wirft die Saat des Besserwerdens für künftige Jahrhunderte und Jahrtausende hinein. Wenn sie schonungslos verfährt mit dem Bestehenden: kann sie anders? Das Jetzt ist ihr nichts; die Zukunft ist ihr Alles! Und das Jetzt, das uns so zittern macht und zagend, was ist es? Ein Tropfen im Ozean. Und unser Leben? Ein verhallender Laut. Und unser irdischer Besitz? Ein flüchtiger Traum. Und wenn nun das Rad der Revolution über dein Glück zermalmend hinrollt, wenn es in Stücken geht in der großen gewaltigen Fluth der unvermeidlichen Umwälzung: so ertrage es mit christlicher Demuth. Hast du aber Alles verloren auf Erden, so suche Trost im Blick zum Himmel. Dort steht ja dein Stern der Ewigkeit.
Am linken Seineufer, 4 Stunden von Paris, in einer freundlichen Hügellandschaft, liegt Versailles, – „des Königthums verzogene Tochter,“ jetzt eine arme verlassene Waise. Erst seitdem die Eisenbahn die Stadt mit Paris verbindet, fand ihr Verfall eine Grenze. Versailles ist jetzt gleichsam nur eine Vorstadt der Metropole; denn die Fahrt dauert nur 20 Minuten. Darum kann es nicht in Erstaunen setzen, daß die Bahn jährlich 3-4 Millionen Reisende befördert; an manchem schönen Sonntag allein 40–50,000. Der Versailler Bahnhof liegt hoch und gewährt einen großen Anblick. Man übersieht die mit uralten Hainbuchen bepflanzten Avenuen [148] zum Schlosse, und zwischen ihnen streckt sich die Stadt aus mit breiten, schönen, schnurgeraden Straßen, in welchen hie und da sich ein Palast oder eine Kirche im Rococostyl bemerklich macht. Aber die Stadt ist wie ausgestorben, Gras überzieht das Pflaster, manche Häuser sind geschlossen und ohne Bewohner. Die Bevölkerung, die in den Tagen des Glanzes 110,000 war, ist auf ein Fünftel gesunken.
Das Schloß, „an dem sich Frankreich arm gebaut hat,“ liegt isolirt auf einer Landhöhe. Der erste Anblick rechtfertigt die Vorstellungen nicht, die man gewöhnlich mitbringt; man denkt sich einen Palast von ungeheuerer Dimension, und findet eine Menge Paläste, die, einzeln betrachtet, weder durch Bauart, noch durch Größe imponiren. Erst wenn man die Gesammtheit als kolossale Einheit auffaßt, bekommt man einen Maßstab der Größe, die nicht zum zweiten Male in der Welt vorkommt, und erst durch die Reflektion wird der Eindruck gewaltig. Wie verloren irrt das Auge von Gebäude zu Gebäude der unermeßlichen Gruppe, die nach dem Park zu eine Fronte von fast 2000 Fuß einnimmt. Der reiche Schmuck der Attike mit Vasen, Statuen und Trophäen verleiht dem Ganzen die Weihe und die Heiterkeit der Kunst und stempelt jedes Gebäude zu einem Prachtbau, in dem der denkende Beschauer den treuen Ausdruckt in der Geschichte, Literatur und Kunst des glänzendsten Zeitalters Frankreichs wiederfindet. Versailles mit seinem Schloß und Park ist der wahre Spiegel der Zeit und der Welt Ludwig’s XIV., jener verrufenen Perückenzeit, in welcher die Menschen Unnatürlichkeit und Lüge auf denselben Altar stellten, von dem sie die Wahrheit gestürzt hatten, und die jene Teufeleien zur Weltgeltung brachten, welche noch jetzt als Vornehmheit, Repräsentationsmanier, Würde, Anstand und Etikette in der Gesellschaft Kurs haben und den Schein und die Heuchelei zu geselligen Tugenden erheben.
Die Schloßgebäude sind auf 3 Seiten von dem unermeßlichen Park eingeschlossen, in dem die rococofreundliche Jetztwelt das Meisterwerk des berühmten Le Notre bewundern kann. Es ist in seiner Weise allerdings ein großes Kunstwerk. Die richtige Berechnung starker Effekte durch die schöne Vertheilung großer Massen und die strenge Regelmäßigkeit des Styls in der Anordnung bringen die Anlage mit dem Palast und dessen Verzierungen im vortrefflichsten Einklang. Die feierliche Grabesstille, welche an gewöhnlichen Tagen in dem dann menschenleeren Park herrscht, erhöht nicht wenig die Größe des Eindrucks. Reich und geschmackvoll vertheilte Gruppen dunkler Bronzestatuen, welche wie entseelte Wächter einer fremden Welt an grauen, steinernen, wasserleeren Bassins ruhen und die Schaaren von Marmorstatuen, welche sich in blendender Weise aus dem dunkeln Waldesdickicht hervorheben, geben dem Ganzen ein geisterhaftes Ansehen. Man denkt an den Aufenthalt einer Fey oder verwünschten Prinzessin. Alle jene Werke sind aus den Händen der größten Künstler der Periode hervorgegangen (Desjardin, Conston, Girardon etc.); die Bronzegüsse fertigten die berühmten Brüder Keller. Sie stehen nun seit länger als anderthalb Jahrhunderten im Freien da, und nicht die geringste Beschädigung von frevelnder [149] Hand hat ein einziges dieser Kunstwerke geschändet. Ihre Zahl ist Legion und deren Betrachtung könnte Tagelang unterhalten, wenn die Unnatur, die in diesem Park auf jedem Schritte Auge und Sinn verletzt, diese beschnittenen, himmelan ragenden Alleen von hundertjährigen Linden und Buchen, diese in die absurdesten Gestalten gezogenen Taxushecken mit den schnurgeraden, sich durchkreuzenden Wegen und steifen Blumenparterres, diese unzähligen Wassergötter und Fischgestalten, die mit weit aufgesperrten Rachen und Nüstern auf dem Trocknen sitzen und zu verlechzen scheinen, diese Verlassenheit und Oede, die allwärts hervortritt, nicht bald allen Genuß benähmen. Ein unbewußtes Verlangen nach der lebensfrischen Natur erfaßt den Besucher schnell und ein unheimliches Gefühl treibt ihn gewaltsam von dem Schauplatz einer abgestorbenen Zeit. Wer von der traurigen Eintönigkeit der absoluten Monarchie eines Ludwig XIV., zugleich aber auch von der Vergänglichkeit und Nichtigkeit der menschlichen Dinge einen unauslöschlichen Eindruck empfangen will, der komme an einem stillen, trüben Tage in den Park von Versailles. – In ganz veränderter Gestalt erscheint aber derselbe an hohen Feiertagen, wenn die Pariser Welt herzuströmt und die großen Wasserkünste spielen. Das sind Volksfeste, und ein Volk versammelt sich dann wirklich in diesen sonst so menschenleeren Gärten. An einem solchen Tage führen bloß die Eisenbahnen an 100,000 Besucher her, und die ganze, 4 Stunden lange Straße von Paris ist mit Fuhrwerken aller Art bedeckt; nicht zehnhundert sind’s, nein! zehntausend! Dazu kommen die Fußgänger – ein Kontingent von 50–60,000, – und so beleben sich Schloß und Park von Versailles plötzlich mit ¼ Million frohen Parisern. Der wogende Menschenstrom zieht Alles mit sich fort, was sich ihm naht; und wer ihm entrinnen will, lagert sich zu den Tausenden auf den Grasplätzen und um die Bassins, – zu der Menge, die mit Ungeduld des Augenblicks harrt, wo sich der unsichtbare Athem von Göttern und Halbgöttern, von gähnenden Thieren und grinsenden Ungeheuern in sichtbare Wasserströme verwandeln soll. Ein Kanonenschuß ertönt; auf einmal beleben sich die Gruppen wie durch Zauber, die Wasser fangen an zu strahlen, zu rauschen und zu plätschern, mit jedem Moment wird die Szene lebendiger, und die hundert und aber hundert Gestalten erhalten auf einmal Sinn und Bedeutung. Dort streiten Tritonen mit Nereiden; hier ist Götterkampf und Thierhetze; dort siehst du die Bewohner des hohen Olymps von Wasserkünsten gebadet, hier die reizenden Nymphen der Diana von Wasserglorien umstrahlt; Aesops ganze Schöpfung, von den Ungeheuern des Waldes, den Thieren des Feldes, den Vögeln in der Luft an, bis zu den Fröschen und Mäusen, ist in Wasserkünste verwandelt, selbst die ernsten Götter der Unterwelt necken und spritzen sich, und Gladiatoren halten Zweikampf. Dazwischen steigen aus dem Boden empor und schießen von den Gipfeln der Bäume herab aus vielen hundert Röhren unzählige Wasserstrahlen, Wasserdampf sprüht einher und fällt als Regen auf die Menge nieder, die bald dahin, bald dorthin flüchtet in unbeschreiblicher Hast und Verwirrung. Denke dir dazu das tausendfarbige Zauberspiel des Sonnenlichts in dem weißen und schäumenden [150] den Gewässer und das Tosen und Brausen aus der Ferne von Wasserfällen und Kaskaden: denn wo du nur hinschaust, in jeder Durchsicht, in jeder Allee, auf jedem Platz, allenthalben sprudelnde, stürzende, steigende Wassergebilde! und dazu das jubelnde, frohe, schäkernde Getümmel der Hunderttausende! Es ist eine Szene, die man in der Welt nur noch einmal antrifft: – in St. Cloud.
Trotz der großen Summe von fast einer halben Million Franken, welche die Republik auf Erhaltung der Wasserkünste zum Amüsement des Volks von Paris verwendet, gehen sie ihrem unvermeidlichen Untergange entgegen. Viele Fontainen versagen schon den Dienst, bei manchen bleibt das Wasser ganz aus, bei anderen quillt es nur stoßweise hervor, Röhren sind gesprungen und setzen ganze Distrikte des Gartens plötzlich unter Wasser, zum Schrecken der fliehenden Menge, während hier ein Wallfisch, dort ein Bär, da eine Schildkröte, hier ein zartes Nymphchen auf dem Trocknen sitzen und vergebens nach Erfrischung und Nässe sich sehnen. Die Erhaltung ist jetzt nur auf’s Nothdürftigste beschränkt, und die ganze Herrlichkeit würde vielleicht schon dem Schicksal aller irdischen Dinge verfallen seyn, wenn die Regierung nicht wußte, daß die „grandes eaux“ auch eine Lebensfrage sind für die Bürger von Versailles, denen das Schauspiel jährlich 4–5 Millionen Franks aus der Hauptstadt zuführt. Kaum haben nämlich die Drachenungeheuer am großen Bassin des Neptun ihr letztes kaltes Herzblut ausgeächzt, so erhebt sich alles Volk, und fort wälzt sich der Menschenstrom nach der Stadt, wo den Hungernden und Durstenden alle Thüren sich öffnen.
Fragen wir aber, was hat diese armselige Spielerei gekostet und auf welche Veranlassung und für welchen Zweck ward sie geschaffen? so lautet die Antwort: sie kosteten zu bauen und zu unterhalten während des Königthums 1200 Millionen Franks, und ein Despot schuf sie, um die üppige Phantasie seiner Hure zu befriedigen. Dies ist der schmutzige Ursprung dieser strahlenden Gewässer, und dies der Zauberstab, der all’ diese Herrlichkeiten, Schloß, Park und Stadt aus dem Nichts in’s Daseyn rief! Als Ludwig XVI. zur Regierung kam, fand er eine Schuldenlast von fünftehalb Milliarden; der Staat stand rettungslos am Bankerott und rann unaufhaltsam dem Verderben zu. Man hat berechnet, daß auf Versailles, das 800 Millionen zu bauen gekostet hat und jährlich 10–20 Millionen zur Unterhaltung und Verschönerung fraß, eine größere Summe aufgewendet wurde, wie die ganze Schuld betrug, die den Staat in den Abgrund stürzte. Und doch gibt es noch heute Menschen genug, die solche Ausgaben der Fürsten vertheidigen oder entschuldigen, und die es in der Ordnung finden, wenn ein König Millionen der Steuern verschwendet, um seiner Baulust zu fröhnen, seine Residenz zu schmücken, seine Eitelkeit oder seine Prunksucht zu befriedigen, während der arme Häusler die Kartoffeln ohne Salz essen muß.
Ludwig XIV. hatte 1000 Pferde in seinem Marstall zu Versailles und 200 Hofwägen in den Remisen; 1200 Diener, 40 Kammerherren, 80 Pagen warteten seiner Person und 5000 Schweizer bewachten sie. Jedes [151] Pferd kostete 8000 Livres jährlich, die Tafel täglich 4000, der Keller jährlich 1 Million Livres. Die Livréen für seine Bedienten zehrten 500,000 Livres auf. Die besoldeten Tagediebe von Rang (die adeligen Hofchargen) erhielten 2 Millionen; Wachslichter verbrauchte er für ½ Million, Seife und Parfümerien für 200,000 Livres. Die königliche Apothekerrechnung betrug im Durchschnitt 180,000 Livres; der König hatte 12 Leibärzte, und zu besonderen Gratifikationen für ärztlichen Rath gingen überdies noch 90,000 Livres auf. Er verschoß für 280,000 Livres Pulver auf seinen Jagden! – Und doch – furchtbare Wahrheit! – kostete dieser verschwenderische Hof Frankreich nicht so viel, als die Monarchie meinem armen Vaterlande. Ludwigs XIV. Hof war der Abgrund, der während einer langen Regierung die jährliche Durchschnittssumme von 38 Millionen Livres verschlang; aber die 34 deutschen Fürstenhöfe und Zivillisten kosten täglich fast hunderttausend Gulden, also fast das Doppelte! Athme Einer leicht auf bei dieser Rechnung; ich kann’s nicht. Ich kann’s nicht, wenn jährlich 100,000 Deutsche an den duftenden Hofküchen vorüber wandern, um in einem fremden Welttheil den Hunger zu stillen; ich kann’s nicht, wenn ich lese, daß ein deutscher König in dem letzten kalten Winter „die Gnade“ hatte, den erfrierenden Armen in seinem warmen Marstalle neben den Pferden ein Nachtlager zu gestatten; ich kann’s nicht, wenn man erzählt, daß an einem deutschen Hofe die Hühner mit Reis und die Pferde mit Waizenbrod gefüttert wurden, während in Schlesien die armen Weber vor Hunger starben; ich kann’s nicht, wenn gesagt wird, daß eine Lola Montez in einem Jahre mehr erhielt von einem ehebrecherischen König, als die gesammten Armen seines Königreiche; ich kann’s nicht, wenn die Tochter einer andern Fürstenhure mit Millionen ausgestattet werden, die man dem ärmsten deutschen Lande auspreßt; ich kann’s nicht, wenn regierende Herren Herrschaften kaufen in fremden Ländern von dem Gelde, das sie dem eigenen Lande entziehen, und Millionen in Sicherheit bringen in den Banken des Auslandes, während die Finanzen ihrer Länder dem Bankrott nahe stehen und ihre Bürger über den unsinnigen Staatsaufwand an den Bettelstab gerathen. Wenn ich von Hofsängerinnen höre, die mit ihren Flötenliedern Landesväter in den Schlaf lullen, dann denke ich an das Weinen verlassener Waisen und darbender Wittwen; und wenn über neue Paläste und unnütze Prachtbauten schmeichelnde Gauner und Schranzen ihre Bewunderung aussprechen und alberne Menschen diese Purpurlappen auf des Volkes Bettlermantel mit Wohlgefallen angaffen, dann steigt mir die Röthe des Zorns in’s Antlitz. Mag diese Sprache Vielen nicht gefallen, mag das Feuer meines Gefühls und meiner Rede den Haß von tausend Köpfen gegen mich entzünden; wenn es tausend Herzen erwärmt, sie erglühen macht und aufstachelt zum Haß gegen die Geister der Herrschsucht, Habsucht, Lüge und Gleißnerei, welche das Unglück der Völker verschulden, so soll mich’s nicht kümmern. Mein Wort ist wohl nur ein Wort, kein Schwert; aber Donnerkeile hat das Volk, und es wird sie schleudern zu rechter Stunde. –
[152] Die unermeßlichen Anlagen von Versailles – Schloß, Park und Stadt – sind ganz das Werk Ludwigs XIV., des eitlen Tyrannen.
Im Jahre 1660 begann der Bau. Er ward fortgesetzt bis 1685 und blieb unvollendet; denn der wahnsinnigen Verschwendung, welche alle Jahre tollere Pläne zur Erweiterung der Anlagen entwarf, versagten endlich die Mittel zur Ausführung. Nach des Gründers Tode wurde Versailles der Schauplatz jener viehischen Laster, die Alles besudelten, was mit dem Hofe des Regenten und Ludwig XV. in Berührung kam; Ludwig XVI. aber fand den Staat schon in Fäulniß, und durch die Noth zu Einschränkungen gezwungen, begann bald nachher der Verfall jener Schöpfungen, welche, als das glänzendste Monument der Monarchie, nothwendig auch alle Schicksale derselben theilen mußte. Versailles ist mit ihr gestiegen und mit ihr gefallen, und es soll sie nur überleben, um Frankreich ein bleibendes Erinnerungsmal der fluchwürdigsten Dynastenherrschaft zu lassen und der Nation ein Warnungsmal für kommende Zeiten.
Während der Revolution wurden die Kunstschätze des Schlosses nach Paris in’s Nationalmuseum gebracht, vieles Kostbare verschleppt, das Mobiliar versteigert, und die stolze Wohnung der Könige zur Invalidenkaserne gemacht; der Park aber wurde vom Konvent in 3000 Loose getheilt und den Armen geschenkt. Endlich sah man jedoch ein, daß Versailles einer bessern Bestimmung werth sey, als in Ruinen zu fallen, und Männer wie Gregoire setzten es durch, daß man die Invaliden entfernte und die Gebäude vor fernerer Verwüstung schützte. Es wurden zwanzig Säle zu einem „Museum für die französische Malerei“ hergerichtet und die „Zentralschule für die schönen Künste“ ward in’s Schloß verlegt. Damit war die Verwandlung des Hauses der Despotie zu einem Tempel der Kunst angebahnt. – Napoleon verwendete 3 Millionen jährlich auf die Ausbesserung der Gebäude und Anlagen; die Restauration aber setzte das Werk der Wiederherstellung der Königsburg auf’s Eifrigste fort. – Da warfen auf einmal die Pflastersteine des Juli die älteren Bourbons von dem Throne! Louis Philipp, ihr schlechter Erbe, gab auf die Frage: was soll mit dem verhaßten Versailles werden? die kluge Antwort: ein Tempel des Ruhms für die Nation. Das ist er geworden. In mehr als 100 Sälen und Zimmern hat die Kunst – durch Pinsel und Meisel – die Geschichte Frankreichs geschrieben, eine Geschichte in Hieroglyphen, – in Gemälden und plastischen Werken, – großartiger, als die in den Königsgräbern und Tempeln von Theben.