Valence im Rhonethale (Frankreich)

DCIV. Bugia: – die Republik Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DCV. Valence im Rhonethale (Frankreich)
DCVI. Warkworth-Castle in Northumberland (England)
  Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[Ξ]

VALENCE in FRANKREICH

[142]
DCV. Valence im Rhonethale (Frankreich).




Das Rhonethal von Grenoble bis Valence ist ein prangender Garten. Dieses Eden Frankreichs, seine üppige und schöne Natur reizte sehr frühzeitig zur Niederlassung, und schon in den ältesten Zeiten schlugen gallische Hirtenstämme hier ihre bleibenden Wohnsitze auf. Später wurde das Rhonethal ein Zankapfel, um den sich viele Völkerschaften stritten, und die Anziehungskraft der Fruchtbarkeit und der Schönheit veranlaßte häufig fremden Einfall und Eroberung. Die Römer setzten sich zur Zeit Cäsars in demselben fest und legten Kolonien und Städte an. Diese sind größtentheils untergegangen in späteren Kriegsstürmen und bei den Verheerungen, welche der Eroberung Galliens durch die Barbaren auf dem Fuße folgten; zu den wenigen, welche sich erhalten haben, gehört auch Valence, das unter den römischen Kaisern ein Munizipalort war. Jetzt ist’s die freundliche Hauptstadt des Departements du Drome. Sie zählt in 1000 Häusern etwa 10,000 Einwohner. Die Lage von Valence ist reizend. In der Fronte hat es das Thal mit dem prächtigen Strom vor sich, der hier schon größere Segelschiffe trägt; im Rücken aber erheben sich die Berge, die verlorenen Posten der Alpen, deren lange Mauern mit ihren Hörnern und Zacken in weiter Ferne am Horizonte sich fortziehen. Alle Höhen, die das weite Rhonethal einfassen, sind mit Reben und Obstbaumpflanzungen bedeckt, und die laute Fröhlichkeit munterer, kräftiger, wohlhabender Menschen läßt erkennen, daß die Gottesgaben hier nicht ein Privilegium Weniger sind, [143] sondern sich die Masse ihrer erfreut und kein Stand von ihrem Genusse ausgeschlossen ist. Dier kann man sehen, was für Früchte dem Volke am Baume der Bürgerfreiheit erwachsen. Einem russischen Sklaven hilft auch ein Paradies nichts; es macht ihm seiner Ketten Last nur um so drückender; und was helfen die reichsten Aerndten dem Leibeignen, wenn er sie nur für Andere einspeichern muß und diese ihm nichts lassen, als – die Arbeit!

Gepriesen sind die Rebgelände des Rhonethals um Valence und weiter abwärts, und der Wein, der hier wächst, gehört zu dem besten Frankreiche. Die Krone ist die „Eremitage“, berühmt erst, seitdem nicht mehr fromme Hände Kelter und Keller warten. Unter den andächtigen Mönchen reiften die Trauben in bescheidener Eingezogenheit, und ihr Saft verging in der stillen Zelle und dem kühlen Refektorium so umbemerkt, wie vordem der berühmteste unseres Rheingaus. Die Geistlichkeit war überall und zu allen Zeiten dieselbe, und Priester und Pfaffen haben immer darauf gehalten, daß es ihnen an einem guten Glas Wein so wenig fehle, wie den Völkern an Gnadenbildern, Reliquien, Prozessionen und Vergebung der Sünden. – Aber weniger über die Priester, als über das dumme Volk soll man sich ärgern, wenn es Götzen als Gottheiten auf seinen Altären duldet.

Wie der Einzelne sein Schicksal selber schmiedet, so thun’s auch die Völker. Ein Volk aber, das sich Christus erhabene Lehren von Priestern fälschen läßt, hat kein Recht, Besseres zu erwarten, so wenig wie eine Nation, welche so tief gesunken ist, daß sie das Recht nach der Macht bemißt und in jedem Erfolge ein Gottesurtheil sieht, über die Sklavenketten klagen darf, welche sie blutrünstig drücken. Ich kenne eine Nation, welche die Wortführer ihres Rechts und ihrer Freiheit mit Gleichgültigkeit in die Verbannung ziehen sieht, vorübergeht an ihren Kerkern, ohne ihrer nur zu gedenken, in den Tagen der Prüfung und der Leiden ihren Gefeierten den Rücken kehrt, ihre Besten verleugnet, ihre Kämpfer verläßt; eine Nation, die sich heute an den Siegeswagen der Freiheit spannt und morgen den Triumph der Unterdrückung verherrlicht; ein Volk, das heute einen verhaßten Fürsten als Strohmann an tausend Orten auf dem Scheiterhaufen verbrennt, oder mit dem Stein am Halse in’s Wasser stürzt und ihn am nächsten Tage zum Herrn sich auserwählt: – und wer diese Nation ist, das wißt ihr Alle und schämt euch ihres Namens! O mein Vaterland! das ist das hohe Kreuz, das auf dem Grabe der Hoffnungen deiner edelsten Geister steht, und jeder Tag hängt an dieses Kreuz einen frischen Dornenkranz. –