Bugia: – die Republik

DCIII. Toulouse in Frankreich Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band (1848) von Joseph Meyer
DCIV. Bugia: – die Republik
DCV. Valence im Rhonethale (Frankreich)
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BUGIA und der ATLAS
(Algerien)

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DCIV. Bugia: – die Republik.




„Gott steh uns bei! da haben wir die Republik!“ – Beruhigt euch. Bugia liegt in Afrika. Nicht in Sanssouci, sondern über dem Deypalast in Algier, der Despotie klassischem Boden, weht die republikanische Trikolore, und nicht in Potsdam, sondern auf dem Markte von Bugia steht die Bildsäule der Freiheit. – Landsleute! Doch nein; ich will euch nicht ärgern und mich auch nicht! Afrikaner haben zwar die Republik; aber ihr habt mehr. Ihr habt 50 Akademien, 500 Gymnasien, 5000 Professoren, 50,000 Räthe und 34 Souveräne, ihr habt den Ruf, das gebildetste, gemüthlichste, geduldigste Volk der ganzen Erde zu seyn; ihr schreitet zwar in der Politik nicht voran mit Meilenstiefeln; ihr arbeitet aber unablässig an der Theorie des passiven Widerstandes, an der tiefsinnigen Untersuchung des fürstlichen Oktroyirungsrechts, an der vergleichenden Anatomie der Reichsverfassung eurer Vertreter und eurer Könige; ihr näht fleißig an den Kinderschuhen der Freiheit, noch in diesem Jahrhundert werden sie fertig seyn, im darauffolgenden werdet ihr die Füße hineinstecken, im nächsten werdet ihr zu gehen wagen – und fortschreitend in solcher Weise wird Deutschland am Ende eines Milleniums dahin kommen, den leichten, weichen, bequemen Bürgerhut auf dem Haupte zu tragen, statt der 34 schweren, harten, Schwielen machenden Kronen. Der Deutsche will bei allem Wissen, also auch in dem politischen, regelmäßig geschult, examinirt und konfirmirt seyn, und was ohne ein gutes Maturitätszeugniß bei Revolutionen herauskommt, das ist ihm handgreiflich. Also in tausend Jahren!

„Im Meere der Ewigkeit ist ein Jahrtausend
Ja nur ein Tropfen!“ –

Wie man Völker erzieht, das weiß Niemand besser, als unsere Professoren, und wenn sie uns sagen, daß wir Sextaner sind in der republikanischen Vorschule, so müssen wir es glauben. Dem Sextaner, der auf die Universität gehen will, gebührt aber eine Ohrfeige, oder man setzt ihn auf die Eselsbank. Demnach soll sich Niemand wundern, wenn es Leute die Menge gibt, welche die Meinung haben, daß, bevor von Republik in Deutschland die Rede seyn könne, die Nation erst noch einmal einen gründlichen Kursus der Alleinherrschaft durchmachen und lernen müsse, was die Tyrannei im Superlativ bedeute. Die trockne Antwort: „die höchste Despotie ist die höchste Spitzbüberei“ [138] kann nicht befriedigen. Der Michel soll den Superlativ erfahrungsweise inne werden; er soll den Korporalstock der monarchischen Disziplin kennen lernen, die Beweiskraft der Knute fühlen, Vaterlandsliebe als blinden Gehorsam üben, Richter im Soldatenkittel sehen, welche die Feder zu den standrechtlichen Urtheilen auf Kommando spitzen, und verehren lernen soll er Landesväter, welche mit Haftbefehlen, Ordonnanzen, oktroyirten Gesetzen und Dekreten der Willkür auf das Volk losschmettern, wie auf ihr Geheiß die Kanonen mit Kartätschen und Shrapnels. Das Alles muß er können und wissen; aber damit ist der neue Kursus noch nicht zu Ende. – Erst nachdem er gesehen hat, wie jedes Amt zur Wachstube wird, jeder Soldat ein Volksschlächter, jeder Diener in seinem Hause ein Spion, jeder Bekannte ein Denunziant, jedes Ministerium eine Kelter, um den Volksbeutel auszudrücken und Bürgerherzen zu pressen, jede Schule eine Verdummungsanstalt und jeder Priester Gottes ein feiler, feiger Knecht des Despotismus; – erst nachdem er die Alleinherrschaft in seiner ganzen Glorie geschaut hat, den Genius des Absolutismus in seiner imposantesten Gestalt und die Künste, welche Alles verknechten von der Hütte bis zum Palast, vom Bettler bis zum Standesherrn, vom Arbeiter bis zum Besitzer von Millionen; – erst nachdem die Deutschen unter den Geißelhieben so weit gebracht worden sind, daß man von ihnen zu fordern sich getraute sie sollen die Häupter ihrer Tyrannen höher stellen, denn Gott selber, wie es der Russe thut mit seinem Czar: erst dann wird man ihnen die Berechtigung zugestehen, sich aufzuraffen aus dem tiefen Schmutz der Verknechtung, verlangend hinzuschauen in’s Kinderparadies der Menschheit, und die Faust zu ballen und das Schwert zu ziehen, um die Peiniger los zu werden. Nicht früher. Erst soll der Deutsche mit langem Dienst der Sklaverei, mit ihrer Schande und ihrer Kettenlast, den Preis der Republik vorausbezahlen, ehe er nach ihr verlangen dürfe. So sagen seine Professoren, und Millionen reden ihnen gedankenlos nach! – Der Geist der Revolution aber spricht anders. Vergebens – sagt er – will der Dünkel der Schulweisheit der Nation das Recht der Selbstregierung nach freier Selbstbestimmung verkümmern oder verkürzen und ihr vermessen die Schranken ziehen und zurufen: „Bis hieher und nicht weiter!“ Der deutschen Nation Recht kennt keine Grenze als die, welche sie sich selbst setzt in ihrer Machtvollkommenheit. Die gänzliche Abschüttelung ihrer Fesseln, die sie zum Schaden ihres Glücks und ihrer Ehre viel zu lange schon getragen hat, ist eine heilige Pflicht, der sie sich, ohne ein Verbrechen zu begehen gegen ihre eigene Zukunft, nicht mehr entziehen kann. Mit blutigen Fingern haben die Dränger dem Volke den Freibrief an die Himmelsdecke geschrieben, und mit Bürgerblut frischen sie jetzt täglich die mahnende Riesenschrift auf. Sie, die schnöde von sich warfen den Rath der Mäßigung, sie, die mit Fußtritten die Barmherzigkeit großmüthiger Völker vergolten und mit Verfolgung und Haß jede warnende Stimme der Wahrheit gelohnt; – sie, „die Verlassenen von Gott und von den Menschen“, sie, die Unglücklichen, die keinen andern Stimmen [139] glauben und folgen, als Denen, welche sie in den Abgrund locken; sie, sie selbst haben alle Brücken der Verständigung abgebrochen und sich dem vergeltenden Schicksal überliefert. Befangen in unbegränzter Thorheit, haben sie den großen Zusammenhang der europäischen Gesellschaft und ihrer geistigen Bewegung aus dem Auge verloren; sie haben kein Steuer mehr und keinen Kompaß im Sturme. Die Thatsache, daß die europäischen Völker sich als eine Familie fühlen, die sich wie die Glieder eines Körpers zu einander verhalten, und daß, eben so wie die europäischen Dynastien sich als „eine Vetterschaft“ betrachten, auch die Nationen „eine Brüderschaft“ bilden, die das Gefühl der Freundschaft und das gemeinschaftliche Leid und Weh fest zusammenknüpfen und treu verbinden; – diese Thatsache müßte sie, so sollte man glauben, zur Vernunft bringen und veranlassen, den eingeschlagenen Weg des Verderbens zu verlassen: aber die Wirkung war gerade die entgegengesetzte. Sie hat sie rasend gemacht. Sie sind sich bewußt, daß jede Unbill, die einem Gliede der europäischen Völkerfamilie angethan wird von der Koalition ihrer Dränger, von Allen auf dem Konto der Vergeltung notirt wird; sie wissen, daß der entlegenste Angriff auf das Lebensprinzip der verbrüderten Nationen, auf ihre Freiheit und Selbstherrlichkeit, alsbald reagirt auf die gegenseitigen Verhältnisse von Volk und Fürst bis in die größten Fernen; sie empfinden, wie sie alle mit einander auf wankendem hohlen Boden wandeln und mit jeder Stunde ihres Daseyns auch die Dauer ihres Bestandes zweifelhafter wird; sie können sich dem entsetzlichen Gefühl nicht entwinden, daß mit jeder gesteigerten Anstrengung die Summe ihrer Mittel und Kräfte sich vermindert: – und doch fahren sie fort in ihrem unsinnigen Beginnen, den unabweisbaren Forderungen der Zeit entgegen zu streben und durch die grausamsten Maßregeln der Unterdrückung die Nationen zu schrecken. Als wenn nicht jeder Knabe wüßte, daß die heftigsten Paroxismen die tödtlichsten Krankheiten verrathen, und daß der Fieberkranke, welcher seine Wärter überwältigt, bald ruhig auf der Bahre liegt. Was ist also von dem Toben der rothen Monarchie zu halten, die, erdrückt von der Größe ihrer Schuld und im Glauben und Vertrauen der Völker gänzlich entwurzelt, keine einzige Stütze mehr hat, als – die unzuverlässige Treue ihrer Bedienten und die wankenden Spitzen ihrer Bajonette? – Mit dem Augenblicke, in welchem der Soldat das Netz zerreißt, das ihn gefangen hält; mit dem Moment, wo der Schleier von seinen Augen fällt, der ihn hindert, sich als den Sohn des Landes, – als den Angehörigen des Volks zu fühlen; mit dem Moment, wo er die Bürgerpflicht höher stellt, als den Eid für den Absolutismus: ist auch diese letzte Stütze gebrochen, und dann zerplatzt die stolze Alleinherrschaft wie eine Seifenblase und vergeht wie ein böser Traum! Und diese rothe Monarchie, für deren Grundsätze und Systeme nur noch die dressirten Heere einstehen, diese will es noch für möglich halten, sich auf dem jetzt betretenen Wege wieder zu befestigen? Die glaubt wirklich mit oktroyirten Verfassungslügen noch die Völker zu täuschen und Nationen zu betrügen mit dem Scheinkonstitutionalismus, welchen die Staatsgewalt mit dem Volke theilt, wie der [140] Löwe, indem er alle Knochen auf die eine Seite hinlegt und alles Fleisch auf die andere? Die überläßt sich noch dem Wahne, mit Fürstenkongressen u. dgl. die entrüsteten Nationen zu beschwichtigen, die ihres endlichen Sieges so gewiß sind, als ihres Daseyns? Welcher Täuschung gibt sie sich Preis! Nein! Die Nemesis winkt, der Gerichtssaal ist geöffnet, der Jehovah ist da, der leibhaftig das Urtheil spricht ohne Gnade, nachdem sein Warnen und Dräuen so lange verlacht worden ist als leeres Schreckbild. Der Sturm ist los, gezogen ist das Schwert, und das Schwert allein wird entscheiden. Wir werden sehen, bei wem die Macht ist: ob bei dem Recht oder dem Unrecht, ob bei den Völkern oder ihren Drängern. Aber so viel wissen wir Alle: der gerechte Gott kann nur mit dem Rechte seyn, und Gott ist stärker, denn alle Teufel. – – –


Während der kritische Tag über Alt-Europa blutigroth aufgeht, während das Schicksal die Urne schüttelt, welche die Loose birgt über Leben und Tod des alten Staats, ist über Nordafrika die Sonne heraufgestiegen, welche lange umnachtet gewesenen Völkern neues Leben und Bewegung einhaucht. Unter den Schlägen des erobernden Frankreichs ist dort der Absolutismus in Trümmer gegangen, und die Bürgerfreiheit dringt, befruchtend wie eine Nilfluth, immer tiefer in die sonnverbrannten Völker. Wer wollte in diesem wunderbaren Geschicke nicht auch jene verschleierte Hand erkennen, die dann und wann den Sterblichen sichtbar aus den Wolken herausfährt, um die Dinge an ein Ziel zu bringen, das dem gerade entgegengesetzt ist, welches die berechnenden Menschen im Auge haben? Das königliche Frankreich mußte Nordafrika erobern, um den absolutistischen Plänen einer treulosen Dynastie einen festen Hebelpunkt und, im Nothfall, ein Asyl zu verschaffen; und – als die Eroberung fertig war, siehe! da war sie – für die Republik geschehen. Also hat jene schuldbedeckte Sünderin, die den Mächten des Unterreichs verfehmte Politik der Orleans, wider ihren Willen in Afrika der Freiheit eine feste Burg erbaut, von der aus ihr Genius in der Jahrhunderte Lauf den Welttheil segnend und befruchtend durchschreiten wird. Eine neue Zeit ist dort aufgegangen, eine Zeit der Wandlung und Umgestaltung für die ganze afrikanische Menschheit.

In der That ist der Umschwung, der vom republikanischen Algerien ausgehen wird, gar nicht abzusehen. Man denke: die jugendliche Republik mitten im erstarrten Despotismus; die Volksfreiheit, auferstehend aus den vergessenen Gräbern der alten republikanischen Herrlichkeit, welche in Afrika vor Jahrtausenden blühete und unterm Schutt Jahrtausende schlummerte! Dort ist der Boden, von welchem aus die alten freien Völker Land [141] und Meer beherrschten; dort ist das Land der Republik Karthago, der europäischen Kultur älteste Mutter! Es kann nicht fehlen, daß Nordafrika die große Mission hat, an der Hand der Freiheit, mit Schwert und Steuer, mit Pflug und Buch für den Bürgerstaat zu ringen und zu werben im ganzen Welttheil.

Und dann wird auch die Stadt, zu welcher uns unser Stahlstich führt, wieder zu Glanz und Ehren kommen, wie in alten Tagen. Bugia (25 Meilen östlich von Algier und auf zwei stufenförmigen Abhängen eines hohen, nackten, steilen Felsens gelegen), von Karthaginensern gegründet, später Hauptstadt des Vandalenreichs, war zur Zeit der französischen Eroberung nicht viel mehr, als ein Schutthaufen, aus welchem die Trümmer von fünf übereinander liegenden Städten emporragten. Jetzt richtet es sich unter dem dreifarbigen Panier kräftig zur neuen Blüthe auf. In Bugia ist der Mittelpunkt der Verwaltung für das Land am Atlas und die Propaganda für die Verbreitung des Einflusses der Republik unter den afrikanischen Völkern. – Wegen seiner natürlichen Festigkeit war es von jeher der Zankapfel streitender Völker. Araber und Marokkaner führten hier schwere Kämpfe. Im 12. Jahrhundert wurde es der ganzen Christenheit furchtbar. Doch beugte es sich im Jahre 1510 vor einer christlichen Macht: der tapfere Feldherr Ferdinands des Katholischen von Aragonien, Peter von Navarra, eroberte die Stadt und setzte sich in ihr fest. Glücklich widerstand sie 1512 und 1514 den Angriffen der Mauren unter Haireddin Barbarossa. Die Unglücksfälle der Flotte Karls V. im Jahre 1541 erhoben jedoch den Muth der Besiegten; 1555 sah sich der spanische Gouverneur, Alonzo de Perealta, zum Abzuge genöthigt, und er büßte in Madrid dafür mit dem Kopfe. Von dieser Zeit an blieben die Barbaresken im ungestörten Besitz der Stadt und hielten sich hier nach der Eroberung von Algier durch die Franzosen noch mehre Jahre. Erst am 29. September 1833 nahm General Trezel Bugia für Frankreich in Besitz. Wie wichtig und theuer den Mauren diese Stadt, sowohl als strategisch bedeutender Küstenpunkt wie als günstiger Handelsplatz, war, zeigten die unaufhörlichen Kämpfe, welche nun entbrannten und unter denen der berühmte Angriff der Kabylen in der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 1834 sagenhafte Heldenthaten hervorrief. Die Erhaltung dieses Platzes kostete Frankreich noch manches Opfer. Gegenwärtig aber sind Mauren und Franzosen innig verbrüdert. Seit der Aufrichtung der Republik und seit freie Institutionen alle Eifersucht der Nationalitäten verwischt haben, entfaltet die Stadt schnell ihre Keime des Gedeihens. Die Republik unternahm große öffentliche Werke; sie wendete allein 3 Millionen auf den Straßenbau. Ihr Feldweg über den hohen Gourayah wird der Mont-Cenis-Straße zur Seite gestellt. Er führt durch die Gebirgswelt des Atlas im Hintergrund unseres Bildes. Die Atlaskette nähert sich hier dem Meere so, daß Bugia mitten im Gebirge zu liegen scheint und volle sechs Monate von den schneebedeckten Spitzen desselben umkränzt wird. Die Thäler jedoch bieten die trefflichsten Weiden und prangen in ewigem Grün, und im dunkeln Leib der Berge stecken überschwengliche Schätze, die nur der fleißigen Hände [142] harren, um an’s Tageslicht gefördert zu werden, und die Segnungen des Reichthums in weite Kreise zu verbreiten. Die Natur hat diese Gegenden sehr verschwenderisch begabt und der menschlichen Thätigkeit den Stoff reichlich geboten: möge nur die rechte Zeit kommen und vor Allem die rechten Menschen, welche es verstehen, jene Gaben zu nützen.

Bugia hat 5000 Einwohner. Fast die Hälfte sind Franzosen.