Zarskoe in Rußland

Pont du Gard bei Nismes Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band (1857) von Friedrich Hofmann
Zarskoe in Rußland
Chagres in Mittel-Amerika
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ZARSKOE

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Zarskoe in Rußland.




Wir könnten uns versucht fühlen, von dem Gegenstand unseres Bildes uns zur Aufstellung einer Parallele mit dem ersten Artikel dieses Heftes (Kansas) verlocken zu lassen: dort gesetzwidrige und gewaltsame Umtriebe des demokratischen Präsidenten der größten Republik der Erde für Ausbreitung und Befestigung der Sklaverei, und hier das freie, auf die Bahn des Rechts und der Billigkeit geleitete Streben des aristokratischen Regenten der größten absoluten Monarchie der Erde für Aufhebung der Leibeigenschaft; – es möchte jedoch des Gerassels der Fesselung und Entfesselung für die Ohren unserer Leser zu viel auf einmal werden. Wir kommen im nächsten Hefte nach [86] Rußland zurück und wollen dann den neuesten Fortschritt, der dort bis jetzt noch im guten Willen des Kaisers liegt, in Betrachtung ziehen. Freuen wir uns, daß, wie der Frühling der Natur, auch der Völkerfrühling allezeit, wenn auch noch so sprungweise, über die Erde wandelt, und in dieser Freude betreten wir die inneren Räume und die freien Laubhallen, deren Aeußeres das Bild uns zeigt.

Zarskoe, der kaiserliche Sommersitz, ungefähr drei deutsche Meilen südlich von Petersburg, ist ein wunderliches Aneinander bunter und glitzernder Bauherrlichkeiten in einem dem widerstrebenden Klima aufgezwungenen Paradiese von Gärten, Wäldchen, Blumen, Seen und anderen Ueberraschungen. Sein Anfang war bescheiden. Peter der Große und seine Gemahlin mußten auf einer Reise im Jahre 1710 das Gütchen Sari berühren. Deshalb hatte man daselbst zwei kleine hölzerne Häuser errichtet, das eine für das Herrscherpaar, das andere für das Gefolge. Bei jenem legte man eine Orangerie für Obstbäume an, denen das nordische Klima zu rauh war, und unweit davon in der waldreichen Gegend der duderhofschen Berge einen Thiergarten. Aus der Nähe wurden Bauernfamilien beigezogen, um Leben in die Landschaft zu bringen, Geistliche und Kirchendiener folgten diesen nach, 1716 weihte man die erste hölzerne Kirche ein, eine Kronschule für die Kinder der Eingepfarrten wurde nöthig, und so konnte bald nachher der so entstandene Ort seinen ursprünglichen Namen Sarskoje vertauschen mit Zarskoje Selo, d. i. Kaiserdorf. Katharina I. ließ dann das erste steinerne Haus bauen, an dessen Stelle Kaiserin Elisabeth 1744 ein prächtiges Schloß setzte. Alle späteren Regenten sorgten gleicherweise für die Erweiterung und Ausschmückung der neuen Anlage. Ein im Jahr 1822 abgebrannter Theil des Schlosses wurde sogleich wieder hergestellt, und so ist Zarskoe noch gegenwärtig in Rußland ein Gegenstand des Staunens der Fremden und das Entzücken aller Einheimischen.

Dieses Lustschloß hat bei drei Stockwerken Höhe eine Länge von 780 Fuß. Aus der Ferne sucht der Bau durch Größe und majestätische Haltung zu imponiren, je näher man ihm kommt, desto barocker und überzierter erscheint er, wenn auch die Vergoldung, welche ehedem die ganze Front bedeckte, längst dem dauerhafteren Oelanstrich hat weichen müssen. Die flitterstolze Ueberladung hat auch die inneren Räume möglichst verschnörkelt, und das erhält, troß des ungeheuren pekuniären Werths vieler Einzelnheiten, den Beschauer stets in heiterer Stimmung, er mag nun in Zimmern stehen, deren Wände und Decken von Jaspis, Achat, Marmor, Lapislazuli und Mosaik strotzen, oder die vollständig mit dem herrlichsten Bernstein oder ganz mit dem kostbarsten Perlmutter getäfelt sind. Die kaiserliche Kapelle besitzt mehre gute Bilder; von außen prangt sie mit fünf stark vergoldeten Kuppeln.

Neben dem Schlosse steht die Marmor-Gallerie des Architekten Cameron, ein kühner, aber ruhiger und gehaltvoller Bau, dessen lichte Kolonnade einen langen Saal umschließt, welcher leider nur die Bestimmung hat, [87] bei schlechtem Wetter dem Hofe das Spazierengehen möglich zu machen. Wozu dann die herrlichen der Antike nachgeformten Bronzebüsten von Griechenlands und Roms größten Regenten und Helden, Denkern, Dichtern und Rednern? Selbst Fox, der britischen Freiheit Wortführer, steht hier, und zwar zwischen Demosthenes und Cicero. Alle Drei beobachten das tiefste Schweigen, denn sie wissen, nur dazu sind sie hier aufgestellt worden; den Lebenden hätte man wohl weitläuftigere Räumlichkeiten angewiesen. – Von der Spitze dieses Heroen-Pantheons aus, der Hauptzierde unseres Bildes, blickt man weit über die Seespiegel und Blumenauen, Wiesengründe und Waldgruppen des Parks, zu dem wir, an hängenden Gärten vorüber, nun gelangen.

Der Park gleicht einer ungeheueren Raritätensammlung im Freien, in welcher auch ernste und herrliche Werke vom höchsten Kunstwerth Raum gefunden haben. Der ansehnlichste Bau ist das Sommer-Palais, des Kaisers Alexander I. Lieblingssitz, das einen Schatz trefflicher italienischer und sicilianischer Landschaften von Hackert und Anderen bewahrt. In der Kapelle der künstlichen Ruinen eines alten Schlosses steht Danneckers berühmtes marmornes Christus-Standbild, auf einem Granitblock im Waldschatten ruht die schöne Najade, in der Meierei Marienthal sind Kaiserzimmer mit Gemälden von Wouvermann, Kuyp und Potter, und in den Ställen und auf den fetten Triften Stammheerden aus England und Holland, der Schweiz und der Ukraine. Ein Arsenal bietet wieder ganz besondere Sehenswürdigkeiten an Waffen und Rüstungen, Weiberröckenund Tabaksdosen, Kindertrommeln und Taschenmessern, Alles von berühmten und hohen Personen. Und zwischen all’ den chinesischen Dörfern und türkischen Kiosks, den Treibhäusern und Tempeln, Felsen und Brücken, Wasserfällen und Inseln, Götterbildern und Baumriesen ist auch dem Verdienste seine Krone geworden: Denkmäler ragen hier auf für Romanzow und Tschesmenskoi, wie für die im Befreiungskampf gegen Napoleon gefallenen Krieger. Eine Granitpyramide erinnert sogar an die drei Lieblingshunde der Kaiserin Katharina II. und zugleich daran, daß selbst die gewaltigsten Charaktere zu ihren großen Liebhabereien der kleinen nicht völlig entrathen können.

Aus dem Kaiserdorfe ist gegenwärtig ein Städtchen geworden, welches viele vornehme Familien zum Sommeraufenthalt wählen und das ein Lyceum, ein Kadettencorps und etwa 1000 Einwohner hat. Auf einer nahen Anhöhe wurde eine gute Sternwarte errichtet. Zarskoje-Selo war endlich im Besitz der ersten russischen Eisenbahn, nach Pawlowsk, und ist gegenwärtig auch mit Peterhof und Petersburg durch Schienenwege verbunden.